Ora et labora

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Er ist ein unsichtbarer Helfer und ein Menschenfreund.  faktor sprach mit dem Laborarzt und Gründer der ,amedes group‘ über Gott und darüber,  warum man gerade als ‚alter‘ Marxist ein guter Unternehmer ist.

Gott ist bei Managern und Geschäftsführern wieder ‚in‘. Christliche Werte bahnen sich ihren Weg in die Büros der Chefetagen modernster Unternehmen. Und: Inzwischen gehören selbst praktizierende Mönche zu gefragten Keynote­ Speakern. Glaube ist wieder salonfähig. Einer, der nicht auf diesen Hype setzen muss, ist Helmut Wagner. „Ich war schon immer ein sehr gläubiger Mensch und bin es bis heute“, sagt der Unternehmer und Gründer der ,amedes group‘. Sein erfolgreicher Weg begann vor über 30 Jahren in Göttingen, als er entgegen vieler Widerstände eine Laborarztpraxis aufbaute, die es in der Form vorher nicht gab.

Wagner trägt seinen Glauben in sich – spätestens seitdem er als junger Schüler auf ein humanistisch geprägtes ehemaliges Jesuitengymnasium in Koblenz ging. Dort gab es noch zwei ‚echte‘ Patres, die unterrichteten. „Ich habe viel, vor allem für mein späteres Leben, von den Mönchen gelernt“, so Wagner. Ein Drittel der damaligen Schüler seines Jahrgangs wurden später tatsächlich Theologen. Aber Wagner hatte andere Vorstellungen, wie man den Menschen am besten helfen könne. „Ich wollte nicht bloß reden. Ich wollte was Konkretes machen.“ In Tübingen studierte er Biochemie und Molekularbiologie, worin er auch promovierte und wissenschaftlich im Max-­Planck-­Institut arbeitete, während er ‚nebenbei‘ Medizin studierte.

amedes group? Unbewusst nimmt man im Göttinger Stadtverkehr vielleicht die kleinen weißen Autos mit den grünen und blauen Quadraten und der Firmen aufschrift wahr – aber wirklich kennen? „Ich bin ein Dienstleister im zweiten Glied“, sagt Wagner lachend. Denn das ist innerhalb der Gesundheitsversorgung von Patienten genau die Position, die er gesucht und gefunden hat.

Das Unternehmen hat seinen Ursprung in dem interdisziplinären diagnostischen Kompetenznetz wagnerstibbe + Partner. Im Jahr 2000 entstand die Partnerschaftsgesellschaft – eine Innovation von Helmut Wagner. Er selbst bezeichnet sich als sehr beschlagen, was das Arztrecht betrifft. „Ich sah mich gezwungen, auch meine Rechte zu studieren, da man gerade in meinen Anfangsjahren immer wieder versuchte, mir die Butter – oder besser die Margarine – vom Brot zu nehmen.“ Niemand vor ihm beschäftigte sich damit, was eigentlich eine ,überörtliche Berufsausübungsgemeinschaft‘ für neue Möglichkeiten bot. Helmut Wagner und Werner Stibbe schlossen sich unter ,wagnerstibbe‘ zu einem neuen Erfolgsmodell zusammen, um – Synergien nutzend – effizienter und kostengünstiger arbeiten zu können. Heute zählt das Netzwerk mehr als 60 Standorte in ganz Deutschland und Belgien.

Es handelt sich um ein Labornetzwerk, das nicht nur eingeschickte Blutproben analysiert, indem bestimmte Parameter angesetzt werden. Mit diesem neuen Modell konnten auch Spezialisierungen gezielt an Standorte gebunden werden, um beispielsweise teure Geräte und Diagnoseverfahren nicht überall vorrätig haben zu müssen. Und ebenso wichtig ist die anschließende diagnostische Beurteilung der Laborwerte durch einen Facharzt für Laboratoriumsmedizin, um in enger Abstimmung mit dem Hausarzt die richtigen Therapieentscheidungen treffen zu können.

Wie hat man sich demnach ein modernes Labor vorzustellen, das täglich 15.000 Proben allein in Göttingen untersucht und auswertet? Bundesweit kommt die amedes group auf rund 150.000 Proben täglich, doch von Blutproben und anderen Substanzen ist im Labor in der Werner­-von-­Siemens­-Straße nicht viel zu sehen. Stattdessen fällt der Blick auf zahlreiche komplexe Hightech-­Geräte, die jedoch keinen Einblick in ihr Inneres gewähren, und auf Bildschirme, die Analyseergebnisse aufzeigen. Trotzdem gibt es erstaunlich viele Angestellte. „Diese Geräte haben alle auch ihre Grenzen und Macken, wenn sie nicht unter ständiger fachkundiger Kontrolle stehen – und ab diesem Moment können nur sehr gut ausgebildete Mitarbeiter und entsprechende Fachärzte die richtigen Entscheidungen treffen“, erklärt Wagner.

Um richtige Entscheidungen ging es immer wieder im Leben des heute 70-­Jährigen. Hager ist er. Seine grauen Haare nach hinten gekämmt, weißer Kittel und eine buntgemixte Krawatte. Er wirkt agil und voll im Berufsleben stehend – nicht wie jemand, der seit fünf Jahren in Rente sein könnte. „Ich denke seit vielen Jahren über eine Nachfolgeregelung des Unternehmens nach“, sagt Wagner, der noch täglich im Labor ist und bis spät in die Nacht E-­Mails beantwortet. Bereits vor 14 Jahren unternahm er erste Versuche, die jedoch scheiterten. Einen Nachfolger im eigenen Unternehmen zu finden und ‚großzuziehen‘, dauerte ihm zu lange. „Die Anforderungen ans Gesundheitswesen steigen beständig und die daraus resultierenden Entwicklungen vollziehen sich so rasant, da brauchte ich eine andere Lösung, eine schnellere.“ Und die hat er mit der Gründung einer Holding im Jahr 2008 gefunden.

Helmut Wagner ist kein typischer Unternehmer, wenn man ihn so reden hört: „Die besten Managementgrundsätze findet man in der Bibel. Wussten Sie das?“, fragt er und schaut interessiert auf die Reaktion seines Gegenübers. Wagner spielt auf die berühmte Rede des Paulus an die Korinther an: ‚Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei.‘ Daran hält er sich geschäftlich wie im Privaten. Damit habe er zwar nicht immer nur gute Erfahrungen gemacht, sondern wurde auch enttäuscht. „Aber das hat mich nie von meinem Glauben an das Gute abgebracht. Denn da ist immer auch die Hoffnung auf eine positive Resonanz und da ist die Liebe, die Zuwendung zu den Menschen“, sagt Wagner. „Und die Gesamt­-Lebensbilanz meiner Erfahrungen damit ist absolut positiv!“

In seinem Betrieb findet sich aus diesen Maximen erwachsend eine Unternehmenskultur, die Widersprüchliches in sich vereint: die christliche Nächstenliebe und der Glaube an das Leistungsprinzip. „Ich möchte nicht wie ein Kolonialherr herrschen“, betont er, aber Leistung erwartet er dennoch: „Wer für acht Stunden bezahlt wird, der sollte in dieser Zeit die vereinbarte Gegenleistung auch wirklich bringen, sich zumindest ehrlich darum bemühen und arbeiten und nicht die Hälfte der Zeit nur rumhängen.“ Jener Mensch, bei dem Wagner jedoch ein Entwicklungspotenzial entdeckt, wird seine Chance bekommen. So hat er es immer gehandhabt.

Aus einem Studenten, der Proben bei den Ärzten abholte, wurde später sein kaufmännischer Leiter. „Das sind die humanistischen Grundsätze aus meiner Jugend, wie Ehrlichkeit, Transparenz und Zuverlässigkeit, die dazu geführt haben, dass deutlich mehr als nur eine Handvoll bei mir Karriere gemacht haben. Vor allem auch Menschen, die laut Bewerbungsunterlagen nicht unbedingt die erste Wahl waren.“

Der amedes­-Gründer agierte bereits lange, bevor ein wirklicher Handlungsbedarf durch den Fachkräftemangel zu erkennen war. „Ich habe oft antizyklisch gehandelt. Man muss es auch einfach mal machen“, sagt der Unternehmer. Man müsse der Gesellschaft Vertrauen entgegenbringen. Auch, wenn es die anderen nicht tun. „Einer muss damit anfangen. Wir sind doch zunehmend eine Misstrauensgesellschaft geworden. Wie soll sonst das Vertrauen unter die Menschen kommen, wenn keiner damit anfängt?“ ‚

‚Alte Gräben zuschütten‘ nennt Wagner das auch. Und dann geht er in seiner Erinnerung zurück zu den Anfängen. 33 Jahre alt war er, als er 1980 von Tübingen nach Göttingen kam, um an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) eine Stelle als geschäftsführender Oberarzt anzunehmen. Er folgte dem renommierten Dietrich Seidel, der einen Ruf als Professor erhielt und von Heidelberg nach Göttingen gewechselt hatte. Wagner, mit seiner ersten Frau und zwei Kindern, hatte die Wahl: entweder Deutschlands damals wohl größtes Uni­-Labor in München, von dem er bereits die Zusage in der Tasche hatte, oder das im Gegensatz dazu kleine, verschlafene Göttingen. „Ich dachte in erster Linie an meine Kinder. Die sollten nicht im ‚Moloch‘ München aufwachsen, mit Drogen und Prostitution.“

Seine Habilitation in Medizin brach er ein Jahr vor Vollendung ab und verzichtete auf eine Universitätskarriere. Eine Liebe kam ihm dazwischen, die später die zweite seiner drei Ehefrauen wurde. Womit sich auch die Frage erübrigt, ob er neben all der Arbeit denn überhaupt Zeit für ein Privatleben hatte. Wagner ist ein großer Familienmensch: drei Ehen und sieben Kinder. Noch heute, so betont er, leben alle harmonisch miteinander. Es gab keinen Rosenkrieg und Kampf um die Kinder. Als ‚alter‘ Achtundsechziger lebt Wagner auch hier seine humanistischen Werte.

1987 schließlich gründet er mit 39 Jahren unter sehr aktiver unternehmerischer und technischer Beteiligung seiner Frau Jutta seine eigene Laborarztpraxis. Die Wände wurden ihm in den universitären Strukturen zu eng – auch in den Köpfen. Hier konnte er nicht die Veränderungen erreichen, die ihm vorschwebten: „Mir geht es in erster Linie darum, etwas Gutes und Vernünftiges für die Patienten zu machen. Da muss man auch mal über Hürden springen“, sagt er heute.

Im Fall einer Laborlandschaft heißt das: Synergien zu bilden, sodass zum Beispiel stationäre und ambulante Dienste nicht parallel verlaufen, sondern in ein neues, gemeinsames System integriert werden. Qualitativ hochwertig und bezahlbar müssen Laborleistungen sein.

Das heißt: Kosten runter – Leistung rauf. Das war schon immer sein Motto. „Aber zu meiner Zeit an der UMG war ich mit diesen Ideen 30 Jahre zu früh. Heute wäre das anders“, so der Visionär. Da jedoch die kassenärztlichen Vergütungen von Jahr zu Jahr sinken, bedeutet das, dass die bestehenden Strukturen weiterentwickelt und damit kosten­- und leistungseffizienter gemacht werden müssen. Dass es dabei nicht nur primär um Kostensenkungen geht, zeigt eine weitere Innovation, die Wagner in der Pränataldiagnostik vorangetrieben hat. Für ihn war es nicht tragbar, mit ansehen zu müssen, dass aufgrund des veralteten Triple­-Testverfahrens jährlich zahlreiche Kinder während der Schwangerschaft geschädigt wurden und damit nicht das Licht der Welt erblickten.

Die Lösung lag für Wagner auf der Hand: Es ging nicht nur darum, modernere Analyseverfahren zu entwickeln, sondern auch die Gynäkologen, Humangenetiker und Laborärzte entsprechend zu schulen und durch Zertifizierung die Qualitätskontrolle dauerhaft zu sichern. Gemeinsam mit Kollegen verfolgte er zäh dieses Ziel und gründete einen gemeinnützigen Qualitätssicherungs-­Verein: die Fetal Medicine Foundation Deutschland (FMF­D). Der Verein hat das ‚Erst-­Trimester­ oder Nackenfalten-­Screening’ eingeführt und prüft, ob die damit verbundenen hohen Untersuchungsstandards eingehalten werden. „Bereits ein Jahr nach Einführung des neuen Verfahrens konnte die Anzahl der Fehlgeburten um 50 Prozent reduziert werden“, erzählt Wagner. „Das spart Geld und rettet vor allem Leben.“

Viele hielten ihn für verrückt, als Wagner genau zu dem Zeitpunkt aus der UMG ausschied, als im einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) die Kostenübernahme 1987 drastisch weiter gesenkt wurde. Antizyklisch! Einfach machen! – so seine Devise. „Ich bin ein leidenschaftlicher Integrator“, sagt der 70-­Jährige. Er nippt kurz an seiner Kaffeetasse, bevor er weitererzählt. Vieles gibt es, was in seinem Leben passiert ist und was es wert ist, aufgeschrieben zu werden. Da kommt ihm dann zwischendurch auch der Gedanke, ob es nicht an der Zeit wäre, ein Buch zu verfassen. „Um den nachfolgenden Generationen etwas mitzugeben. Eine Botschaft …“, überlegt er. Seine Ideale aus der Studentenzeit haben schließlich seine gesamte Unternehmensstruktur geprägt. Das Marxistische hat er sich nicht auf die Fahnen geschrieben, weil es damals schick war: „Ich habe ‚Das Kapital‘ von Marx wirklich gelesen, war im SDS, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, und habe ein, zwei Jahre länger studiert, damit ich mich engagieren konnte“, erzählt er, und es schwingt viel Überzeugung mit.

Aber Marxist und gleichzeitig Christ? Trotz dieses Widerspruchs führt Wagner als gläubiger Christ ein Unternehmen, welches auf sein Bestreben hin einen paritätisch besetzten Aufsichtsrat stellt, in dem von zwölf Aufsichtsratsmitgliedern insgesamt sechs Mitarbeiter sitzen. Darauf ist er stolz. Und auch darauf, nie eine betriebsbedingte Kündigung aus gesprochen zu haben. „Zudem bin ich wahrscheinlich der einzige Unternehmer, der zugleich selbst Mitglied in einer Gewerkschaft ist “, sagt Wagner. In seinem familienfreundlichen Betrieb wurde ein eigener Haus-­Tarifvertrag entwickelt und es wird ein Familienservice angeboten, der eine Fülle an Veranstaltungen, Ausflügen und Ferienbetreuungen für Kinder der Angestellten ermöglicht.

Und zum Abschluss erzählt der Integrator noch, warum sein Unternehmen expandieren musste. „Ich wollte immer der Beste sein. Nicht der Größte. Der Beste. Qualität eben. Weil es relevant ist für die Gesundheit und das Leben“. Er lehnt sich zurück. Das hat er geschafft. Seine Idee war und ist bis heute: zentral managen und dezentral agieren. Göttingen bleibt die zentrale Verwaltung, auch wenn die amedes group inzwischen über Standorte weit über die Landesgrenze hinaus verfügt.

„Mein eigentliches Hobby ist mein Beruf“, sagt Wagner und bringt damit die Frage nach Hobbys wie Golfspielen oder durch die Welt reisen auf den Punkt. Oldtimer wären noch interessant für den einstigen ‚Schrauber‘, aber dafür fehlt momentan noch die Zeit. Denn der umtriebige Unternehmer habe bereits ein neues Projekt in Planung. Derzeit hat er mit Kollegen und Professoren der UMG in ihrem gemeinsamen Start­up ,Liquid Biopsy Center GmbH‘ ein höchst bedeutsames neues Verfahren im Fokus. „Damit können wir nicht nur ärztlichen, sondern auch gesundheitsökonomischen Nutzen spenden“, sagt Wagner. Es geht ihm um die Schonung der finanziellen Ressourcen der Krankenkassen, in dem erfolglose, aber x­-fach höhere Therapiekosten bei Transplantierten und Krebspatienten vermieden werden.

Ein vielversprechender Ansatz – und es ist beruhigend und inspirierend zu wissen, dass sich der christliche Marxist auch weiter gegen Oldtimer und damit für seine Position als Dienstleister im zweiten Glied entschieden hat. Auch, wenn Helmut Wagner in seinem Labor nie erfahren wird, wie vielen Menschen er in seinem Leben geholfen hat.

Zur Person

Der gebürtige Bayer Dr. Dr. Helmut Wagner, Jahrgang 1947, ist Facharzt für Laboratoriumsmedizin und Klinischer Chemiker. Er stammt aus einem humanistischen Elternhaus, das vor allem sein Vater prägte – ein Schweizer Journalist, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland kam. Helmut Wagner besuchte als junger Mann eine alte, ehemalige Jesuitenschule, das einzige humanistische Gymnasium in Koblenz. Diese frühe Prägung begleitet ihn sein gesamtes Leben. Bis heute lebt der siebenfache Vater nach dem Grundsatz des Vertrauensvorschusses, um Menschen die Chance zu geben, ihre Potenziale zu entfalten.

Zum Unternehmen

Die amedes group erlebte in den vergangenen zehn Jahren ein besonders rasantes Wachstum. Von zehn Standorten im Jahr 2007 wuchs die Anzahl bis heute auf über 60 medizinische Labore und Praxen in Deutschland und Belgien sowie mehr als 40 Kliniklabore an. Das Unternehmen zählt inzwischen 3.500 Mitarbeiter. Neben medizinischen Assistenten arbeiten ca. 350 Fachärzte interdisziplinär in der Diagnostik. Bei amedes werden täglich rund 150.000 Proben ausgewertet. Außerdem unterstützt das Unternehmen regelmäßig niedergelassene Ärzte durch Weiterbildungen und intensiven konsiliarischen Dialog. www.amedes-group.com