©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Ein Getränk erobert die Welt – und jede Region, die etwas auf sich hält, kann heute ihren eigenen Gin ausschenken. Mit Von Hallers Gin kommt jetzt auch in Südniedersachsen der Trend ins Glas.

Samstagabend. Ein warmer Wind treibt die Hitze des Tages aus den Straßen und lockt die Menschen aus ihren Häusern. Göttingens Kneipen und Bars erwachen zum Leben. Auf der Dachterrasse des Hotel FREIgeist drängen sich bereits die Partygäste und genießen die Aussicht. Vier Stockwerke tiefer in der Herbarium Bar werden Cocktails gemixt, und es wird zu aufgelegter Club-Music des DJs getanzt. Es ist Sommer. Zeit für eisgekühlte Drinks und einen Sommer-Gin-Tonic.

Früher ging man abends in die Kneipe an der Ecke. Man durfte noch überall rauchen, an der Theke bestellte man ein ‚Männergedeck‘ – Bier und Korn. Diese Kneipen gibt es vereinzelt noch immer, doch der Trend einer neuen, gelebten Barkultur prägt nicht mehr nur das Stadtbild der Großstädte. Durchgestylte Bars mit dem Flair vergangener Epochen, gepaart mit Designelementen schaffen eine Atmosphäre, die mit einem modernen Lebensgefühl korrespondiert. Lifestyle und das Leben genießen: Menschen, die an Orten wie diesen zusammenkommen, genießen gern, sind weltoffen und lieben Gin. Denn Gin passt zu ihnen.

Gin war schon immer ein kreatives Getränk, das seine Hersteller zum Experimentieren mit Kräutern und Gewürzen anregte, da außer bei der Zugabe des Wacholders der Kreativität keine Grenzen gesetzt sind. Wobei, wenn man die Geschichte des Gins bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgt, zeigt sich, dass gerade auch diese Kreativität ungeahnte negative Folgen hatte: Nachdem der holländische Arzt Franciscus Sylvius de la Boe den Genever (Wacholderschnaps niederländischer Herkunft) als Medizin zur Bekämpfung von Fieber entwickelte, erfreute er sich schon recht bald allgemeiner Beliebtheit. Englische Soldaten brachten im 17. Jahrhundert den Genever mit nach England, wo er einfach zu ‚Gin‘ abgekürzt wurde. Seine kostengünstige und relativ einfache Herstellung machten ihn zu einem erschwinglichen alkoholischen Getränk vor allem der armen Bevölkerung. In Folge des ständigen Konsums und des Rausches arbeiteten sie allerdings nicht mehr, sondern waren stattdessen permanent betrunken, erblindeten zum Teil an selbst gebranntem Fusel und wurden somit zu einem gesellschaftlichen Problem. Erst ein Erlass im Jahr 1751 brachte eine spürbare Verbesserung der Lage, da von nun an die Qualität des Gins reguliert wurde und eine steigende Qualität folglich zu erhöhten Preisen führte.

„Wir haben derzeit 57 Gin-Sorten zusammengetragen, von fruchtig bis zitronig, leichte und auch stärkere Sorten“, erzählt der Barchef Yannick Bertram, der zu den besten Barkeepern Deutschlands zählt, während er lässig am Tresen der Herbarium Bar lehnt. Im vorigen Jahr schaffte er es mit einer seiner Eigenkreationen ins Halbfinale der World Class Bartender Competition. Und gerade erst im April dieses Jahres holte er bei der Westdeutschen Cocktailmeisterschaft der Deutschen Barkeeper Union für Niedersachsen den Sieg. Sein Siegercocktail ,Don’t call it Ceviche‘ wurde vom Ceviche, einem Gericht aus rohem Fisch inspiriert. „Für mich spielt Kreativität eine entscheidende Rolle“, sagt Bertram. „Wenn ich einen neuen Cocktail kreiere, ist das eine Mischung aus Knowhow und Spontanität – dabei habe ich immer eine Geschichte im Kopf.“ So wie an dem Abend, als die Gin- Hersteller von G&J bei ihm an der Theke saßen und nach einem besonderen Cocktail fragten. „Auf dem Weg in den Keller, um Zutaten zu holen, kam ich an der Küche vorbei und sah die Tagesempfehlung: Ceviche“, erzählt der Barkeeper. „Da macht es klick, und ich ließ mich von diesem Gericht inspirieren, holte Limetten, Chili, Babykorinander und grüne Tomaten aus dem Keller, nahm ein Eiweiß und Gin und entwickelte spontan ein neues Rezept.“

Eigentlich gäbe es für jeden Menschen den passenden Gin, so Bertram, der sich schon mal zu skeptischen Gästen an den Tisch setzt und eine kleine Gin-Verkostung durchführt, um dann die Leute immer wieder in Erstaunen zu versetzen. Allein in Deutschland schätzt der Blogbetreiber Christian Kopp von GINspiration die Zahl auf über 1.000 Gins. „Das macht den Gin auch so besonders, und wenn man ihn dann mit den unterschiedlichen Tonic-Sorten, die inzwischen auf dem Markt sind, kombiniert, entstehen wieder neue Geschmackserlebnisse“, sagt Bertram – und erzählt auch, dass die fruchtigen und zitronigen Aromen ganz besonders gut in den Sommer passen. Und wie steht es um die regionale Kreation, den Von Hallers Gin? „Mit Von Hallers Gin haben wir einen klassischen Gin ohne viel Schnickschnack, der mir zu jeder Jahreszeit schmeckt. Es ist nicht allein das geschmackliche Erlebnis, sondern auch die gute Balance zwischen den Botanicals und den wunderbaren Zitrusnoten in der Nase.“

Doch auch ein ehrlicher Gin – ohne viel Schnickschnack, erfrischend, leicht, ein wenig ölig und mit einer leichten Schärfe – braucht eine gute Story, um sich von der Vielfalt auf dem Markt abzuheben. Und Von Hallers Gin kann mit einer solchen aufwarten. Um der Frage nachzugehen, ob es denn tatsächlich stimme, dass ‚hand picked botanicals‘ verwendet werden, wie es auf der Flasche steht, führt der Weg zu Michael Schwerdtfeger. „Es sind sogar ,from curators hand picked botanicals‘“, erzählt der Leiter des Alten Botanischen Gartens in Göttingen lachend. „Eine Besonderheit ist auf alle Fälle die Halleria lucidia, die ursprünglich aus Südafrika stammt. 1737 erhielt sie Albert von Haller zu Ehren ihren botanischen Namen“, so der Kurator, der, während er durch den Garten geht, immer wieder stehen bleibt und an Blüten riecht und die Natur genießt.

Seit inzwischen 25 Jahren arbeitet Schwerdtfeger im Botanischen Garten, seit er sein Studium in Göttingen begann. Er kennt nicht nur jede der 10.000 Arten hier, sondern weiß auch Geschichten zu erzählen über den Entdeckergeist der Menschen zu der Zeit, als Albrecht von Haller 1736 den Botanischen Garten zunächst mit Kräuterbeeten zu medizinischen Zwecken anlegte. Eine aufregende Zeit, als auf Segelbooten von überall auf der Welt spannende Dinge nach Europa gelangten. „Die Seeleute brachten alle möglichen Besonderheiten mit, von Schrumpfköpfen bis hin zu exotischen Pflanzen, die allerdings meist die langen Seereisen gar nicht überstanden. Aber ein paar Samen reichten manchmal schon aus“, erzählt der Botaniker. Und so wuchs in über 250 Jahren der Garten und musste mehrfach erweitert werden.

Für den Von Hallers Gin werden einmal pro Jahr drei Pflanzen von hier verwendet – Halleria lucidia,
Zitronenverbene und Kalmus, auch deutscher Ingwer genannt, obwohl seine Ursprünge in Asien liegen – und von Carl Graf von Hardenberg jr., dem Initiator und Director International Business Development der Hardenberg-Wilthen AG, die unter anderem Von Hallers Gin produziert und vertreibt, persönlich abgeholt. „Die Halleria ist eine Rarität und wird nur hier bei uns für den Gin geerntet“, sagt Schwerdtfeger. Es ist im Vergleich zur Zitronenverbene und dem Kalmus zwar die Pflanze mit dem geringsten Aroma, aber dafür die mit der stärksten Story.

„Gin kann im Grunde jeder brennen. Die Kunst besteht darin, die Kräuter zu vermählen“, sagt Graf von Hardenberg jr. Nicht alle Kräuter harmonieren miteinander, und manchmal reagieren sie sogar aufeinander, sodass sich nicht klar vorhersagen lässt, welches Geschmackserlebnis – positiv oder negativ – auf einen wartet. „Bei unserem Von Hallers Gin hatten wir eine recht genaue Vorstellung, wie er schmecken sollte, und doch brauchte es circa 30 Versuche, bis wir mit dem Ergebnis zufrieden waren“, so der Graf, der seit 2016 Director Business Development sowie Director der Hardenberg Distillery der Hardenberg-Wilthen AG mit Sitz in Nörten- Hardenberg ist. Nach seinem dreijährigen Studium in England ging er für anderthalb Jahre nach Irland und baute in Drumshanbo als Projektmanager die The Shed Distillery mit auf, eine kleine Brennerei im irischen Hinterland, die überwiegend Whisky herstellt.

Zu jener Zeit wurde die Idee eines deutsch-irischen Gins geboren, der ursprünglich als kleine, exklusive Marke nur für die FREIgeist-Hotels geplant war. „Der zunehmende Gin-Trend, aber auch das gezielte Marketing haben Von Hallers Gin langsam, aber stetig am Markt wachsen lassen. Obwohl auch ein Teil des Erfolgs dem Zufall geschuldet ist, so wie die Idee mit den Kräutern aus dem Alten Botanischen Garten“, sagt der Von- Hallers- Gin-Initiator. Als Verantwortlicher für das operative Geschäft von Hardenberg-Wilthen führte er den Gin in der blauen Flasche zu einem globalen Erfolg. Die Absätze liegen mittlerweile im mittleren fünfstelligen Bereich. Hauptabsatzland ist weiterhin Deutschland, aber er ist längst weit über die Grenzen Südniedersachsens hinaus bekannt und wird bis nach Irland, England, Namibia, Malaysia, Australien, Neuseeland und China exportiert.

Ob der Zenit des Gin-Booms bereits erreicht ist oder ob Barkeeper Yannick Bertram recht hat, wenn er sagt: „Gin hat auf dem Markt ein so konstantes Niveau erreicht, dass man eigentlich nicht mehr von einem Hype sprechen kann. Er hat sich als fester Bestandteil in der Barkultur etabliert.“ Für Bertam gehört donnerstagabends zur After Work Party auf der Dachterrasse des Hotels ein Gin unbedingt dazu. Fest steht außerdem: Dank des Revivals des Gins werden auch Cocktail-Klassiker neu belebt. Als Wodka-Klassiker ,Cosmo‘ bekannt, hat sich eine Gin- Variante aus dem Buch ‚Traveling Mixologist on Gin‘ aus dem Jahr 1934 als ‚Cosmopolitain 1934‘ den Weg in die Szenebars verschafft – im FREIgeist ist der 1934er sogar die Standard-Rezeptur.

Es lohnt sich, sich der Vielfalt und Kreativität der Brennmeister zu öffnen und in eine faszinierende Welt der Kräuter und Aromen einzutauchen. Es gibt für Gin-Liebhaber und die, die es in diesem Sommer noch werden wollen, noch viel zu entdecken.