Der Lebenskünstler

Er ist jung, sportlich und ein freier Geist – und vermutlich kurz davor, mit seinen Werken durch die Decke zu gehen. faktor traf Sebastian Merk in seiner Studentenwohnung und sprach mit ihm über die neue ‚Art‘ – Kunst in Zeiten von Social Media.

Wer glaubt, sich mit dem Kopf gen Himmel gerichtet durch die Welt zu bewegen, sei die einzige Möglichkeit vorwärtszukommen, der irrt. „Seit ich Parkour mache, gehe ich mit einem ganz anderen Blick durch die Straßen meiner Stadt“, erzählt Sebastian Merk. Bereits vor über zehn Jahren hat der Göttinger diese kreative Sportart für sich entdeckt, bei der er Hindernisse sucht, anstatt sie zu umgehen. Seitdem bewegt er sich am liebsten mit Sprüngen, Salti und gekonnten Drehungen fort – so scheint es. „Plötzlich sah ich einen Fahrradständer nicht mehr als Fahrradständer, sondern überlegte, wie ich mich an und mit dem Objekt bewegen kann“, sagt der 25-Jährige mit einem zaghaften Lächeln, aber mit strahlenden Augen.

Doch zum Interview mit ihm sind wir nicht verabredet, um über Parkour zu sprechen, sondern aus einem ganz anderen Grund: Sebastian Merk ist ein junger, aufstrebender Künstler, der in seinem ,eigentlichen‘ Leben kurz vor dem Masterabschluss seines Studiums der Geowissenschaften an der Uni Göttingen steht. Er hat uns zu sich nach Hause eingeladen. Denn noch ist seine Studentenwohnung gleichzeitig sein Atelier. Bereits beim Eintreten ins kleine lichtdurchflutete Wohnzimmer wird klar, welch kreativer Geist uns hier empfängt. Bilder, Bilder und noch mehr Bilder – an den Wänden aufgehängt, auf dem Boden stehend und liegend verteilt. Gleich nebenan geht es in ein kleines Hinterzimmer mit Staffelei – auch hier Farbtuben, wohin man sieht. Bemalte Leinwände stehen dicht gedrängt in allen Größen und Formen. An das klassische Studentenleben hingegen erinnert wenig. „Als ich mit dem Studium begann, tat ich dies noch mit einer klaren Überzeugung“, erzählt Merk und lacht. „Um einmal als Geologe oder Geochemiker in Festanstellung in einem Labor zu arbeiten und ein geregeltes Leben zu führen – wie man so schön sagt.“ Inzwischen hat ihm sein Leben jedoch gezeigt, dass es andere Pläne mit ihm hat.

Denn heute, nicht einmal vier Jahre, nachdem er sich mit seinem ersten Bild auf Leinwand versuchte, finanziert Merk durch den Verkauf seiner Werke nicht mehr nur allein sein Studentendasein. „Die Kunst hat mein Leben in so kurzer Zeit total verändert – ein wenig hat es mich sogar überrollt, denn ich bin eher überraschend zur Kunst gekommen“, erzählt der junge Maler, der seine Bilder mittlerweile weltweit verkauft: Europa, Amerika, Hongkong, Dubai – rund um den Globus hängen echte ,Merks‘ in den Wohnzimmern und Lofts seiner Kunstsammler. Und nicht nur dort. Seine Werke waren in den vergangenen drei Jahren bereits auf verschiedenen Ausstellungen zu sehen, unter anderem in Hamburger Galerien sowie auf der Arte Wiesbaden 2020. Und vor wenigen Monaten folgte eine weitere große Adelung seiner Arbeit, als die Londoner Galerie NoonPowell Fine Art anrief und bestätigte, dass sie

vier seiner Werke für ein Jahr in die englische Kunstmetropole holt und im Juli auf der Affordable Art Fair London präsentiert.

Doch wie konnte gerade ihm das passieren? Auf dem Gymnasium in seiner Heimatstadt Oberursel hatte Merk das Fach Kunst sogar abgewählt. An der Malerei hatte er damals überhaupt kei

n Interesse. Vor vier Jahren jedoch fand der damals 21-Jährige eines Abends zufällig die Malsachen seines Vaters wieder. In Rumänien geboren, wurde dieser in seiner Jugend – nachdem er seinen Abschluss auf dem Kunstgymnasium erhielt – an der Kunsthochschule abgelehnt. Als Sebastian Merks Vater dann Jahre später zusammen mit seiner Ehefrau nach Deutschland kam, hatte er seinen Traum als Künstler bereits aufgegeben, seine Werke vernichtet. Stattdessen arbeitete er nach seinem Studium der Chemie in einem Labor: Letztlich hatte er einem Leben in Deutschland und einem geregelten Einkommen für seine kleine Familie den Vorrang gegeben.

Seinem Sohn, jung, frei und in Deutschland geboren und aufgewachsen stehen nun, vier Jahrzehnte später, alle Möglichkeiten offen. Und so holte Sebastian eines Tages die alten Farbpinsel und -tuben aus der Vergangenheit hervor und machte zaghaft und unsicher erste künstlerische Gehversuche in der Landschaftsmalerei. „Mir gefiel aber nicht, dass ich dabei so viel planen musste, die Perspektive, die Schatten, den Bildaufbau … – dabei fehlte mir der intuitive, expressive Prozess“, erzählt Merk heute rückblickend. Die Freiheit, in einem Bild einer Emotion oder Intuition zu folgen, ist hingegen das, was seiner Natur entspricht. Im Leben. Im Sport. In der Kunst – hier kann er ganz bei sich sein. Er probierte vieles aus, versuchte neue Techniken, bei denen das Gegenständliche immer mehr dem Abstrakten wich. Nun fühlte er, dass er mehr und mehr in der Kunst ein neues Zuhause finden würde. Er wurde ein Künstler. Seine ersten Bilder zeigte er im Freundeskreis herum und bekam prompt mehr Anerkennung als erwartet – und so verkaufte er sein erstes Werk für 40 Euro.

„Wenn ich heute vor meinen Leinwänden stehe, dann fliegen mir unzählige Gedanken durch den Kopf. Mein Leben bekam durch die Malerei regelrecht eine neue Bedeutung und Tiefe“, erzählt Merk und ­berichtet davon, wie er plötzlich anfing, sich zu hinterfragen und sich selbst durch seine Kunst zu betrachten: „Denn was sagt diese über mich eigentlich aus? Seitdem ich male, denke ich so viel über mich nach und darüber, was mir wirklich wichtig ist. Das war früher nicht so – die ­Malerei war ein richtiger Wendepunkt in meinem Leben.“

Eine persönliche Entwicklung, die sich auch entlang seiner Bilder abzeichnet. So ist sein Instagram-­Account @sebastian.merk.art wie eine kleine Zeitreise bis zurück ins Jahr 2018. Eindrucksvoll zeigt sie, wie sich seine Technik über die Jahre verfeinert hat, die Farben gezielter eine Komposition bildeten und sich mehr und mehr der Merk-Style festigt: bunt und dynamisch. ­Seinen Stil prägen Farbverläufe und seine spezielle Technik, Acrylfarben, Acryl-Tinten und Schwarzlicht-UV-­reaktive Farben, die er mit Spachtel, Pinsel und sogar mit seinen Händen aufträgt. Im Wechsel zwischen sicht­barem und UV-Licht enthüllt er unsichtbare Welten jenseits der alltäglichen Wahrnehmung.

Sebastian Merk verbindet in seinen Bildern das Interesse der Impressionisten für das Licht, die Faszination der Surrealisten für Traumwelten und die Erforschung der Emotionen der Expressionisten. Wie ein Musiker oder Komponist geht es ihm vor allem um den Ausdruck intensiver Emotionen. „Meine dynamischen und abstrak­ten Leinwände komponieren einen explosiven Einsatz von Farben und sind sowohl Kontemplation über die Idee der Freiheit als auch eine leidenschaftliche Reaktion auf die Geschichten und Erfahrungen meines Lebens“, sagt der Künstler und versucht damit, sein impulsives Schaffen in Worte zu fassen.

Seinen Werken gibt er, wenn er sie für vollendet erachtet, einen Namen. Doch wie findet man Namen für Abstraktes? „Die Namen kommen zu den Bildern“, erklärt Merk. „Ich lasse sie manchmal wochenlang stehen. Schaue sie mir immer wieder an, und dann weiß ich es.“ Er verweist beispielhaft auf ein Bild an seiner Wand mit dem Titel ‚Better World‘ – und während er darüber spricht, zeigen sich auch uns viele kleine Details, eigene Welten, in die man eintauchen kann – Orte, an die man in seiner Fantasie geht.

Es ist ein vergnüglicher und kurzweiliger Nachmittag an dem wir uns auf die Reise durch die Welt seiner Bilder begeben. „Emotionen und Gedanken begleiten uns im Alltag, egal, wohin wir auch gehen. Oft werden sie als Kontrast verstanden und dargestellt, dabei sind sie ­untrennbar miteinander verwoben“, sagt Merk. Seine ­abstrakten Werke fangen eben dieses Zusammenspiel visueller und kognitiver Prozesse menschlichen Erfahrens ein. Abwechslungsreich und immer farbenfroh in der Farbwahl ziehen die Bilder das Auge des Betrachters in die kontrastreichen Kompositionen aus gestischen Pinselstrichen, flächendeckenden Farbverläufen und dynamischen Spuren. Dabei entsteht eine Mischwelt energiereicher Charakteristik, welcher die Fähigkeit innewohnt, neben exzentrischem Chaos endlose Introversion zu transportieren.

„Aufgrund dieser lebhaften Dynamik wird der Blick fokussiert und gleichzeitig ein meditativer Zustand induziert“, erklärt der Experte. Der Blick wandert umher, sucht und findet etwas. Gedanken, Gefühle, Inspiration. Neues wird entdeckt. Unvorhergesehenes – wie die Geschichte eines jungen Mannes, zu dem ganz unverhofft die Kunst kam. Und damit schließt sich der Kreis. Plötzlich wird deutlich, wie selbst die dynamischen Bewegungen des Parkour sich in der Dynamik von Merks Bildern widerspiegeln. „Man erkennt den freiheitlichen Geist meiner Sportart in meinen Bildern wieder – Linien, Farb­verläufe und Spuren, zwischen denen der Blick hin und herspringt.“

So entstand Bild für Bild. Und der Erfolg kam mit dem Tun. Der Künstler nutzte wie selbstverständlich das Internet, um seinen Prozess zu dokumentieren. Und das aus gutem Grund. Kunst in Zeiten von Social Media funktioniert anders. „Wo früher vor allem Galerien für die Bekanntheit eines Künstlers sorgten, stehen heute viele digitale Formate“, erklärt Merk. Online-Galerien und digitale Auktionen, die es vor allem noch unbekannten Künstlern leichter machen, sogar weltweit Erfolg zu haben. Merk ist ein da gutes Beispiel. Von Anfang an nahm er seine Kunst-Community mit auf seine Reise, teilte seine Gedanken und Ideen. Auf Instagram wurde seine Kunst groß. Über 32.000 Follower weltweit und fast tägliche Posts haben zu einer Fangemeinde geführt, die nicht nur Fotos von seinen Werken liked.

Zu der Arbeit als Künstler gehört schon längst nicht mehr nur der kreative Part. Seine Kunst zu vermarkten, ist nichts, was nebenbei geschieht. Gut zwei Drittel seiner Zeit widmet Sebastian Merk dem Marketing. Er plant und perfektioniert. Instagram ist dabei nur ein Zweig in seinem Marketing-Mix. Gezielt schreibt er Galerien und Veranstalter an, macht sich in der Kunst­szene bekannt und inszeniert sich und sein Schaffen in Fotos und Videos. Er weiß, was er will, und geht seinen Weg. Ein Start-up arbeitet aktuell mit ihm zusammen, um eine Auktionsplattform für junge Kunst zu erschaffen. Dabei werden seine Werke in Zusammenarbeit mit einem renommierten Auktionshaus in München an ­junge Käufer versteigert. Und das wird noch lange nicht das Ende sein. Sein größter Traum? „Ich glaub, das ist der Traum aller Künstler: irgendwann einmal in einem Museum hängen.“ Man darf gespannt sein.

„Es ist schon verrückt, wenn ich heute in meinem kleinen Wohnzimmer sitze und mir auf einmal bewusst wird, was ich da gerade mache: etwa eine Holzkiste zimmere, in der ich mein Bild nach Hongkong oder anderswohin in die Welt schicke“, sagt Merk. Er wirkt in sich gekehrt, wenn er dies erzählt, und gleichzeitig ist ihm eine Stärke anzumerken, die aus seinem Schaffen erwächst. Lange her scheinen die Zeiten zu sein, als er 40 Euro für ein Bild nahm. Lernprozesse. Man muss wissen, was die eigene Arbeit wert ist – auch und vor allem in der Kunst. Vielleicht können sich heutige Käufer glücklich schätzen, einen ,echten Merk‘ für aktuell noch 4.000 Euro erstanden zu haben?

Ausstellungen

2021Affordable Art Fair Battersea, NoonPowell Fine Art Gallery, London
2021Affordable Online Art Fair London, NoonPowell Fine Art Gallery, London
2021Online Ausstellung ,The Era of Change‘, Visionary Projects, New York
2020Kunstmesse, Arte Wiesbaden, Wiesbaden
2019Gruppenausstellung ,Lass Ma Cornern‘, Heliumcowboy Artspace Hamburg
2019Gruppenausstellung ,Timeless Impact‘, Grace Denker Gallery, Hamburg
2019Kunstmarkt, Frankfurt am Main
2019Gruppenausstellung ,Frühlingserwachen‘, Kun:st Quartier, Leonberg
2018Einzelausstellung Moxy Hotel, Frankfurt am Main, Eschborn
Fotos: Alciro Theodoro da Silva

Zum Künstler

Emotionen und Gedanken begleiten uns im Alltag und sind untrennbar mitein­ander verwoben. Sebastian Merks abstrakte Werke fangen eben dieses Zusammenspiel zwischen verschiedenen Aspekten visueller und kognitiver Prozesse ­menschlichen Erfahrens ein. Seine dynamischen, abstrakten Unikate entstehen mit einem explosiven Einsatz von Farben und wurden bereits in London, Hamburg, Frankfurt und weiteren Metropolen ausgestellt und sind weltweit in privaten Sammlungen, etwa in Hongkong, Dubai, New York und anderen inter­nationalen Städten, zu finden. Merk wurde 1996 in Bad Homburg geboren und lebt, studiert und arbeitet derzeit in Göttingen.

Instagram: @sebastian.merk.art
www.sebastianmerkart.de

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