©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Er ist ein engagierter und streitbarer Bürger der Stadt Holzminden: Ralf Schwager. Der Hotelier und Inhaber von mehreren Kaufhäusern bestimmt wie kein Zweiter die Geschicke seiner Heimat – und der 78-Jährige denkt noch lange nicht an Ruhestand. faktor sprach mit ihm über sein rastloses Leben und sein Erfolgsrezept, die großen Pläne für die Zukunft immer sonntags nach dem Tee zu schmieden.

Holzminden. Eine Kleinstadt an der Weser. Ein wenig verschlafen, ein wenig wenig los. Wie so oft auch andernorts stehen viele Geschäfte in der Innenstadt leer. Touristen kommen zwar – aber vor allem wegen des bekannten Weser-Radwegs und der traumhaften Umgebung. Und in eben diesem beschaulichen Städtchen agiert schon seit Jahren ein Mann, dem nichts mehr am Herzen zu liegen scheint, als Holzminden zu einem wahren Erlebnisort zu machen: Ralf Schwager. Mit seinem jahrzehntelangen Engagement hat sich der 78-Jährige im Laufe seines Lebens allerdings nicht nur Freunde gemacht. Weil er nicht nur gibt, sondern auch fordert: von der Politik, von der Wirtschaft und von der Bevölkerung. Ein Kampf gegen Windmühlen?

Heute sitzt der Unternehmer gelassen im Besprechungszimmer im dritten Stock seines ,Erlebnishauses Schwager‘ in Holzminden und erzählt von den Reaktionen einiger Bürger der Stadt, die auf den jüngst erschienenen Zeitungsartikel des Täglichen Anzeiger Holzminden (TAH) reagierten. „Ich habe heute deswegen schon einige böse Mails bekommen“, erzählt Schwager unbeeindruckt und trinkt genussvoll einen Schluck Kaffee. „Meine Frau erlaubt mir sonst nur Tee“, sagt er, liebevoll von ihr als „meine gute Seele“ sprechend. Eine ganze Seite hat man ihm und seinen Plänen für den Erhalt der Innenstadt gewidmet. Denn der Leerstand der Geschäfte und die Abwanderung der Bevölkerung aus dem Zentrum werde die Stadt Holzminden irgendwann zu einer ‚toten Innenstadt‘ werden lassen, so sein Fazit. Ein altbekanntes und schwerwiegendes Problem vieler Kleinstädte. Die Lösung hingegen sei einfach: „Nicht lange diskutieren, sondern ausprobieren“ so sein Lebensmotto.

Allein während des Interviews zu besagtem Artikel seien ihm 20 realistische und schnell umsetzbare Ideen gekommen. Aber es brauche eben auch die ‚Macher‘, die es tatsächlich angehen. „Ich habe schon immer den Finger in die Wunde gelegt – manche mögen das und andere eben nicht“, kommentiert Schwager lakonisch. Er ist es gewohnt, Gegenwind zu bekommen, damit kann er inzwischen umgehen. Hingegen nichts zu tun und nichts zu sagen – sprich die berühmten Affen zu mimen – das kann und will er nicht.

„Wenn ich etwas mache, stehe ich nicht in der letzten Reihe, sondern versuche in die erste Reihe zu kommen“, so der Unternehmer. Mit seinen acht Häusern in fünf Städten leitet er bereits in der dritten Generation ein inhabergeführtes Familienunternehmen. Bei ,Schwager‘ bekommt man alles zu kaufen – von Mode über Lederwaren bis hin zu Haushaltswaren und Heimtextilien. „Am liebsten bin ich aber im Untergeschoss bei den Spielwaren“, sagt der Unternehmer lachend. Seine Augen blitzen dabei, als wäre er noch der fünfjährige Junge, der sich nichts sehnlicher wünscht, als selbst noch einmal die Rutsche vom Erdgeschoss hinuntersausen zu dürfen.

Dabei ist der lokale Einzelhandel in Zeiten von Zalando und Amazon alles andere als ein Kinderspiel. Man muss Ideen haben und Innovationen, um die Leute vor  Ort zu begeistern“ sagt Schwager. Er wird es nicht mit den Riesen des Online-Handels aufnehmen, seine Pläne sehen anders aus. Zunächst möchte er nicht darüber sprechen, verrät nur, dass er sich die nächsten zehn Jahre noch selbst um die Geschäfte kümmern wird. Aber dann platzt es doch aus ihm heraus, zu stolz ist er wohl auf diese Idee: „Ich werde vier Rikschas in Hongkong kaufen, mit Elektromotor ausstatten und damit einen eigenen ,Online-Handel‘ im Umkreis von 20 Kilometern aufbauen – und eine Rikscha ohne Motor werde ich selbst fahren.“ Er hat sichtlich Spaß bei dem Gedanken.
„Das bringt natürlich kein Geld, ist aber gutes Marketing.“

Ideen und Kontakte hat der gebürtige Eisenacher mehr, als er benötigt. Bevor er in Neuhaus, einem Ort ganz in der Nähe von Holzminden, mit seiner Frau sesshaft wurde, zog es ihn erst einmal hinaus in die Welt. „Ich wollte nie Einzelhändler werden“, erzählt er rückblickend. Da habe es nach dem Abitur und der Bundeswehrzeit heftige Diskussionen mit seinem Vater gegeben, der sich letztlich aber durchsetzte und eine Lehrstelle für ‚den Jungen‘ aussuchte. „So war das damals. Da hatten die Eltern noch mehr zu sagen als heute“, sagt Schwager.

Er fügte sich und begann im Alsterhaus in Hamburg bei Hertie seine Ausbildung. Bereits mit Mitte Zwanzig wurde er für ein Jahr nach Hongkong geschickt und weitere fünf Jahre nach Japan, um von dort aus den Import aus dem Fernen Osten zu organisieren. Insgesamt war er neun Jahre bei Hertie für den Import zuständig – von Spanien und Portugal bis hin nach Brasilien und Marokko. Erst Mitte der 1970er-Jahre kam er zurück nach Holzminden und stieg pflichtbewusst bei seinem Vater ein. „Ich verlangte allerdings von Beginn an einen ordentlichen Arbeitsvertrag, damit ich ihm nicht nur die Papiere hinterhertrage“, erklärt er. Noch aus jener Zeit im Ausland und auch aus den Jahren danach in Deutschland hat Schwager sich ein weites Netzwerk an Kontakten aufgebaut. Immer noch ist er 30 Mal im Jahr gemeinsam mit seinen Mitarbeitern auf Messen und entscheidet und verhandelt mit. „In irgendwas mische ich mich jeden Tag ein“, gesteht er.

Jeden Samstagabend sitzt Ralf Schwager bei sich zu Hause, der Fernseher läuft leise, maximal als Nebengeräuschkulisse: „Was da heute so läuft, da braucht es wirklich wenig Ton.“ Ein gutes Glas Rotwein auf dem Tisch, und dann kontrolliert er sämtliche Ausgaben und Kostenrechnungen der Woche. „Einfach alles, was ausgegeben wird, überprüfe ich auf Heller und Pfennig: ob es passt, ob Skonto gezogen wurde, ob es Rabatte gab und ob die Preise stimmen“, so der Unternehmer.

Arbeit am Wochenende? Keine Frage für den positiven Workaholic, wie er sich selbst bezeichnet. Und man mag es ihm glauben. „Burnout – der Begriff sagt mir nichts!“, erklärt er voller Elan und Lebensfreude. Er ist ein Macher, ein Umsetzer und ein Kümmerer – auch wenn es um seine Mitarbeiter geht. Er kann im Team arbeiten, aber nur, wenn es schnell geht. Von Montag bis Samstag sind seine Tage von morgens bis abends beinahe minutiös durchstrukturiert. Nach Feierabend steht zweimal ein kurzer Joggingausflug durch den schönen Solling auf dem Programm. Und am heiligen Sonntag? Da gibt es nachmittags „ausnahmsweise und zur Belohnung“ pünktlich um 17 Uhr Tee und Kuchen zusammen mit seiner Frau Roswitha. Und davor erneut eine halbe Stunde Joggen – das hält jung. Einen Arzt hat der Endsiebziger im Übrigen seit 20 Jahren nur noch wegen Verletzungen beim Joggen und Skifahren aufgesucht.

Der Sonntag unterscheidet sich zudem darin, dass Schwager an diesem Tag keine tagesaktuellen Dinge erledigt – Sonntag ist Strategietag, denn irgendetwas gibt es immer zu planen. So entstand an einem dieser Nachmittage auch die Idee, die alte Holzmindener Jugendherberge aus den 1950er-Jahren direkt an der Weser zu einem 3-Sterne-Superior-Hotel umzubauen. Zwischen dem Gedanken und dem Tag der finalen Eröffnung im Juli 2014 lagen lediglich 18 Monate – ein typisches Schwager-Tempo.

Dafür, dass bei Ralf Schwager einfach alles gut durchgetaktet und schnell gehen muss, nimmt er sich viel Zeit für das Gespräch und sein Gegenüber. Nach einer kurzen Hausführung inklusive Plausch mit einigen Mitarbeitern – der Chef will schließlich wissen, ob alles läuft – fahren wir hinüber ins Weserhotel und werden von der Hotelleiterin freundlich empfangen. Eine gute Gelegenheit nachzufragen, was Ralf Schwagers größte Schwäche ist. „Er kann nicht loben“, verrät uns Heike Sander-Nisius, während ihr Chef lächelnd neben ihr steht. Man weiß sich nach so vielen Jahren der Zusammenarbeit anscheinend zu nehmen und zu schätzen – und wie die Mitarbeiter ihn um den Finger wickeln können, das wissen sie auch, bleibt aber ihr Geheimnis.

„Ich habe die Jugendherberge gekauft, obwohl ich nicht einmal wusste, wie Hotel geschrieben wird“, sagt Schwager. „Ich habe Hotel mit Doppel-T und Doppel-L geschrieben.“ Er lacht. Zusammen mit acht Mitarbeitern bildete er ein Team, das für die Gestaltung des Hotels verantwortlich war – ein Architekt und eine Farbberaterin halfen, der Rest war selfmade. „Einfach machen und ausprobieren“, so auch hier sein stets wiederkehrendes Lebensmotto. Heute ist das Hotel so gut ausgebucht, dass Schwager bereits Pläne für weitere 30 Wohlfühlzimmer mit Blick zum Hafen sowie einen Medien- und Konferenzraum für 120 Gäste plant. Der Eröffnungstermin stehe selbstverständlich auch schon fest: April 2021.

Hat er bei so viel Schaffensdrang nicht irgendwann alles erreicht? Es macht fast schwindelig, dabei zuzuhören, was ein Mensch allein alles bewegen kann. Bescheiden – und nur auf direkte Nachfrage hin – berichtet er von den Auszeichnungen, die er im Laufe seines Lebens erhielt, wie zum Beispiel den HAWK-Preis. Die höchste Ehrenauszeichnung der Hochschule wird an Personen verliehen, die durch herausragende Initiativen oder durch besonderen Einsatz die Ziele der HAWK unterstützt und sich dadurch in besonderer Weise verdient gemacht haben. Ralf Schwager wurde diese Ehre vor zwei Jahren zuteil, da er sich in hohem Maße für den Standort in Holzminden eingesetzt hat. 2008 erhielt der gebürtige Eisenacher bereits das  Bundesverdienstkreuz für sein Engagement zum einen in seiner Geburtsstadt nach der Grenzöffnung und zum anderen in Holzminden. Im Jahr 2011 erhielt er die Haarmannplakette der Stadt Holzminden und wurde 2014 zum Senator im Senat der Wirtschaft berufen.

Zehn Jahre war Schwager Manager des Stadtmarketings. Er hat sich dafür stark gemacht, dass der Weihnachtsmarkt nicht nur ein Weihnachtsmarkt ist, sondern eine Attraktion mit einer 500 Quadratmeter großen Eisbahn. Er hat das Kino für die Stadt mitinitiiert, und nun hofft er, für die jungen Menschen in seiner Stadt auch noch jemanden zu finden, der eine Diskothek eröffnet.

All dies ist nur eine Auswahl des bislang Erreichten – und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Dafür ist der Antrieb in Schwagers Lebens einfach zu stark. „Ich habe nur drei wahre Leidenschaften: meine Familie, meinen Beruf und Holzminden“, sagt er, und auch hier fällt es leicht, ihm Glauben zu schenken.

Für sich persönlich hat er natürlich auch noch das eine oder andere vor. In zwei Jahren, wenn er 80 Jahre alt ist, will er sich wieder unter die Langläufer mischen und Wettkämpfe über zehn Kilometer bestreiten. Der seit seiner Jugend sportbegeisterte Schwager lief bereits einige der berühmten Marathon-Strecken: New York, Berlin und Rotterdam. Und auch die Nachfolge bleibt  für die kinderlose Familie Schwager noch zu klären. „Da habe ich tatsächlich einen Klopapier-Zettel“, erzählt der Einzelhändler und Hotelier fröhlich, „auf dem stehen sechs Namen, die für die Nachfolge infrage kommen.“ Ein Beirat wird im Fall des Falles diese Entscheidung treffen. „Aber bis dahin wird noch viel Wasser die Weser herunterlaufen. Wenn ich jetzt schon jemanden bestimme, läuft er nur mit dem Aktenkoffer hinter mir her. Das kann ich niemandem zumuten.“ Das passt zu einem Mann, der auch abgeben kann – aber nur, wenn es ihm zu langweilig wird. Seinen Mitarbeitern bringt Schwager jedenfalls große Wertschätzung entgegen, da er weiß, dass ein Chef nur so gut ist wie sein Personal. Und dass viele seiner Angestellten in Holzminden bereits seit 20 Jahren bei ihm arbeiten, spricht für ihn als Mensch. Auf die Frage, ob er für seine Mitarbeiter denn fast wie ein Vater wäre, der sich sorgt und sie nach der Ausbildung erst einmal hinaus schickt in die Welt, um dann gestärkt zurückkommen, antwortet Schwager: „Das ,fast‘ können Sie streichen.“

Was jedoch der wahre Schlüssel seines Erfolgs ist, verrät er bei einer letzten Tasse Tee im Hotel. Mit Blick auf den Hafen der Weser und über das hügelige Land dahinter kommt er ein wenig ins Schwärmen. „Ich bin jetzt 78 Jahre alt und habe in meinem Leben fast nichts falsch gemacht. Ich hatte viel Glück. Das größte Glück aber ist, dass ich die richtige Frau an meiner Seite habe, mit der ich seit 42 Jahren verheiratet bin.“ Doch dann ist es Zeit, aufzubrechen. Der rastlose Schwager posiert noch schnell auf der Weserbrücke für ein letztes Foto. Dann eilt er zum nächsten Termin – wo er sich erneut in die Geschehnisse in seinem Holzminden einmischt. Pünktlichkeit muss sein.