©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Wer sich auf die Suche nach der eigenen Identität begibt, wird nicht umhinkommen, sich mit seinen Ahnen zu befassen. Doch wie weit lassen sich die familiären Wurzeln zurückverfolgen? Fabian von Berlepsch gehört zu einem Adelsgeschlecht, welches das Schloss Berlepsch seit 20 Generationen bewirtschaftet. faktor traf den Baron und sprach mit ihm über die Renaissance mittelalterlicher Tugenden wie Treue und Wahrhaftigkeit und darüber, was ein Adelstitel mit Coca-Cola und dem Weihnachtsmann zu tun hat.

Kopfsteinpflaster und dicke Burgmauern. Der Weg den Hügel hinauf zum Schloss Berlepsch, dem Stammsitz der Adelsfamilie von Berlepsch, macht es dem Besucher des 21.  Jahrhunderts leicht, sich in jene Zeit zurückzuversetzen, in welcher noch echte Ritter zu Fuß oder hoch zu Ross diesen Anstieg hinaufkamen. Allerdings standen damals sehr wahrscheinlich leibhaftige Burgwächter am Eingang, um dem Besucher Einlass zu gewähren – diesen Part übernimmt heute ein elektronisches Drehkreuz. Seit nunmehr über 650 Jahren leben hier – umgeben von denselben Mauern – die von Berlepschs. Hier stieg Generation um Generation die Steinstufen zum 26 Meter hohen Aussichtsturm hinauf. Stufen, die über die Jahrhunderte zwar ausgetretener wurden, aber immer noch dieselben sind. So soll es sein: Denn diese mittelalterliche Burgfeste ist ein Ort, an dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen einen Platz gefunden haben.

Fabian von Berlepsch kommt uns auf dem kleinen Innenhof der Burg entgegen – ‚mit offenen Armen‘ ließe sich diese Begrüßung am treffendsten beschreiben. Später im Gespräch und bei der Führung durch die öffentlichen Räume wird er über den Habitus der Adelsgesellschaft sprechen. Es wird das Wort ‚Herzlichkeit‘ fallen, ein Wort, das Außenstehende vermutlich nicht als Erstes mit der Adelsgesellschaft in Verbindung bringen würden. Doch gerade auf den Baron Fabian von Berlepsch trifft es mehr als zu. Er, als der älteste der vier Söhne aus der ersten Ehe des Schlossherrn Sittich Graf von Berlepsch, ist seit 2010 für die touristischen Angebote auf dem Schloss verantwortlich. Wobei er diese Aussage wahrscheinlich nicht unkommentiert stehen lassen würde, sondern stattdessen auf sein Team und die Angestellten verweisen würde, ohne die der gesamte gastronomische Betrieb nicht möglich wäre. „Als wir hier vor zehn Jahren begonnen haben, die Gastronomie wiederzubeleben – Sie glauben nicht, was ich unseren Angestellten da abverlangt habe“, sagt der Baron, der seinerzeit mit vielen Ideen im Kopf ein echtes mittelalterliches Erleben auf dem Schloss erschaffen wollte. „Unsere ersten Hochzeiten sollten absolut authentisch sein: Daher gab es an Speisen und Getränken ausschließlich, was es zu jener Zeit gegeben hätte“, erzählt er offen und lacht auf. „Wir lernten schnell, dass das nicht funktioniert. Heutzutage gehören zu einer Feier eben auch Cola und Jack Daniels.“

Seit jenen Anfangstagen hat sich einiges getan. Das Restaurant, das mit einer guten, leicht gehobenen Speisekarte aufwartet – traditionell mit modernen Einflüssen und vielen regionalen Zutaten –, ist inzwischen nur eines von vielen Angeboten. „An ausgewählten Wochenenden und auf Veranstaltungen gibt es bei uns auch immer noch die gute, ehrliche Bratwurst“, sagt der Baron und verweist auf die zwei großen Ritterturniere, die jeweils im Frühjahr und Herbst stattfinden und von bis zu 7.000 Menschen an einem Wochenende besucht werden. „Die Ritter, die entweder zu Pferde tjosten, also Lanzen stechen, oder zu Fuß im historischen Vollkontakt gegeneinander antreten, schenken sich dabei nichts.“ Es ist ihm sichtlich anzumerken, wie viel Spaß er selbst bei der Umsetzung des Events hat und dass es ihm eine Herzensangelegenheit ist. In seinem Arbeitszimmer im Schloss stehen Eisenschwert und Holzschild von den Ritterspielen in greifbarer Nähe des Schreibtisches. Trotz moderner Technik fühlt man sich in diesem Büro ein wenig in die Vergangenheit versetzt: holzgetäfelte Wände, alte Bücher, ausgestopfte Vögel und drei massive Holzschreibtische – denn er teilt sich sein Büro mit der Eventmanagerin Maria Kahlmeier und mit seiner Frau Daniela Freifrau von Berlepsch (Betriebswirtin).

Doch während sich die tapferen Ritter bei den Turnieren auf die behelmten Schädel schlagen, herrscht drumherum auf dem Schlossgelände bis hin zum angrenzenden Wald ein reges Markttreiben: mit entsprechend
anmutenden Speisen und allerlei Accessoires für Mittelalterfans. Weniger ‚grausam‘, aber dennoch mittelalterlich, geht es auch auf dem Märchenfest für die Kleineren zu. Die Erwachsenen scheinen diese Spektakel ebenso wie die Kinder magisch zu finden. „Alles, was selten ist, ist wertvoll“, sagt der dreifache Familienvater, auch mit Blick auf seinen Adelstitel. „Aber wie kann man diesen Wert heben, damit er auch zum Wohle dieses Ortes genutzt werden kann?“

Fabian von Berlepsch erzählt nicht ohne Bewunderung von der Entschlossenheit, mit der die neuzeitlichen Ritter für Ehre und Sieg alles gegeben. „Es hat durchaus etwas Ehrenhaftes zu akzeptieren, dass man im Kampf verloren hat“, sagt er anerkennend. Auch ‚Wahrhaftigkeit‘ oder ‚Treue‘ sind mittelalterliche Tugenden, die in der heutigen Zeit durchaus ihre Berechtigung haben dürfen, weil sie uns Werte vermitteln, die im täglichen Miteinander zu einem ehrlicheren Umgang führen. Und vielleicht helfen Events dieser Art auf eine besondere Weise, Werte wie diese nicht ins Vergessen absinken zu lassen.

Das zumindest ist eine Hoffnung, die von Berlepsch unter anderem antreibt. „Wenn Berlepsch ein Stück weit dazu beiträgt, die Werte der vergangenen Zeit zu verkörpern, dann haben wir viel erreicht“, sagt er. Aber ist es wirklich der Ort oder nicht vielmehr der Baron selbst, der diese Werte aufrechterhält? Ist es vielleicht der Nimbus des Besonderen, obwohl er ein Mensch ist wie andere auch? Doch da ist noch etwas anderes, von dem er selbst sagt, dass es einen Unterschied mache – wenn Familien über Jahrhunderte gut gelebt haben, Kultur genossen oder geschaffen haben und sich nie Sorgen machen mussten, wie sie morgen über die Runden kommen. „Ich habe keine falsche Bescheidenheit. Ich trage meinen Titel mit Stolz“, sagt er und lächelt. Attitüden scheinen ihm fremd zu sein. „Coca-Cola hat seinen Weihnachtsmann. Wir haben den Titel. – Jeder nimmt, was er hat.“

Für faktor gibt er sogar höchstpersönlich eine kleine Schlossführung, was er sonst nur noch selten macht. Nur, wenn Not am Mann ist, weil es andere viel besser können als er. Ein Blick in den einstigen Empfangs saal macht deutlich, was es für einen Menschen bedeuten kann, die 20. Generation eines Adelsgeschlechts zu sein. Die Wände zieren Gemälde der Ahnen, ein Stammbaum zeigt über Jahrhunderte die Verzweigungen auf, und historische Möbelstücke lassen das Leben innerhalb dieser Mauer greifbar werden. „Die Tatsache, dass ich über eine so lange Zeit auf diesen Ort und dessen Geschichte zurückblicken kann“, sagt von Berlepsch und blickt beinahe andächtig durch den Raum, „schafft einen Lebensinhalt, den man wahrnehmen kann, aber nicht muss.“

Vieles ist innerhalb der Schlossmauern erhalten geblieben – auch wenn durch Plünderungen und Zerstörungen zum Beispiel während des Dreißigjährigen Krieges große Schätze unwiederbringlich verloren gingen. Aber was über die Jahrhunderte gerettet werden konnte, wurde gerettet. Im Trau-Saal des Schlosses, in dem jedes Jahr über 70 Paare den Bund fürs Leben schließen, zeugen Gemälde von der langen Ahnenreihe. Im Februar 2020 bekam die Familie mit dem kleinen Freiherren Adrian von Berlepsch den jüngsten Zuwachs. Auch Fabian und Daniela von Berlepsch, die überglücklichen Eltern, gaben sich auf Schloss Berlepsch 2014 das Jawort.

Als die Burg 1369 erbaut wurde, diente sie dem Schutz der Familie. „Heute – und bereits seit einigen Generationen – schützt hingegen die Familie die Burg“, sagt von Berlepsch. Es liegt eine große Verantwortung darin, einen solchen Ort vor dem Verfall zu bewahren: eine große Herausforderung für den Vater Sittich Graf von Berlepsch, der nach wie vor Schlossherr und für die Ländereien und den Forst verantwortlich ist. „Es ist eine wohlwollende Verpflichtung, ein ehrliches Bedürfnis, meinen Beitrag zu leisten“, sagt Fabian von Berlepsch ernst. „Warum? Rational ist das schwer zu erklären. Es ist vielmehr die Frage: Will ich nach 19 Generationen der Erste sein, der sich nicht um den Erhalt der Burg bemüht? Nein. Warum auch immer die anderen es getan haben, ich trage auch dazu bei.“

Es war eine bewusste Entscheidung des Erstgeboren der vier Brüder, an den Ort seiner Kindheit zurückzukehren. Nachdem er viele Jahre in Frankreich gelebt und gearbeitet hatte, sagte ihm seine innere Stimme: ‚Es ist an der Zeit, etwas Neues zu beginnen.‘ Es könnte sich dabei leicht die Vermutung aufdrängen, dass es aus reinem Pflichtgefühl geschah. Aber es stand ihm, Fabian, wie auch seinen drei Brüdern Thimon, einem heute international bekannten Magier und Hypnotiseur, Gabriel, der als Schauspieler am Deutschen Theater in Göttingen ein Engagement hat, und Lucius, einem anerkannten Hotelmanager, völlig frei, ob sie dieses Erbe antreten oder anderswo ihr Glück suchen wollten. Sie alle wuchsen als Adelssprösslinge in der Burg auf und genossen gleichzeitig durch die Freizügigkeit der Eltern jegliche Freiheiten: „Es war wie im Paradies für uns“, erinnert sich der 43-Jährige Baron. „Wir waren den ganzen Tag draußen, bauten Bretterbuden, machten Feuer, spielten Räuber und Gendarm und rasten mit unseren BMX- Rädern durch die Wälder. Eine Kindheit, die man sich nicht besser vorstellen kann.“

Inzwischen sind wir einer breiten Steintreppe und ein paar frei schwebenden Stufen folgend bei unserer Führung auf dem Aussichtsturm angekommen. Von hier schaut man weit ins Land hinein: auf die Wälder der Kindheit sowie eine kleine Schlosskapelle, die einst von einem englischen Landschaftsgarten umgeben war, den Emilie von Berlepsch im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts anlegen ließ. Johann Wolfgang von Goethe und Christoph Martin Wieland, mit denen sie eine Freundschaft verband, inspirierten sie dazu. Ein paar Hundert Meter weiter rechts auf den angrenzenden Äckern stehen fünf Windräder, die irgendwann ein Teil der Schlossgeschichte sein werden. Dank ihnen fließen Einnahmen in die Kassen, die maßgeblich zum Erhalt der Burgmauern beitragen. Auch wenn Schloss Berlepsch im Jahr 2011 zum schönsten Schloss Hessens gewählt wurde, so müssen die Betreiber stets einfallsreich sein, um Besucher an diesen ruhigen, etwas abgelegen Ort zu locken.

Wobei: An Ideen mangelt es dem lebensfrohen und offenherzigen Baron nicht. Besonders Gespräche beim Spazierengehen mit Freunden können ihn in eine euphorische Stimmung heben und Neues hervorbringen. Ähnliches schaffen bei ihm sonst nur Konzertbesuche beim Göttinger Symphonie Orchester. Doch um auf die Ideen zurückzukommen: „Mein derzeit größter Wunsch ist ein richtiger Mittelalter-Erlebnispark rund um das Schloss“, verrät er beim abschließenden Rundgang um die Burgmauern, während er uns zum Ausgang begleitet. Dabei fällt ihm noch eine Begebenheit ein, die seine Urgroßeltern ihm gern erzählten: Als zum Ende des Zweiten Weltkrieges die Amerikaner das Schloss besetzen wollten, kam ihnen die Urgroßmutter Marita von Berlepsch am Burgtor entgegen und sagte: ‚Hier gibt es nichts zu vereinnahmen. Aber Sie sind gern unsere Gäste. Ich erwarte Sie um 18 Uhr in feinem Aufzug zum Dinner.‘ So zumindest wurde es überliefert. „Mich rührt diese Geschichte immer fast zu Tränen“, sagt Fabian von Berlepsch und lacht. „Weil sie zeigt, wie man mit Würde besetzt werden kann.“ Die Amerikaner jedenfalls blieben einige Monate auf dem Schloss – und es entstand eine langjährige Freundschaft daraus. Man mag es wohl glauben.