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Text von: Sven Grünewald

Der Wirtschaftsstandort Northeim und das unmittelbare Umfeld der Stadt profitieren vor allem von der Lage an den Verkehrsadern A7 und der ICE-Trasse sowie den hohen Immobilienpreisen in den Zentren. Städtische Baustellen gibt es dennoch.

Dieser Tage wirkt Northeim – wenn man sich von der A7 her nähert – wie eine große Baustelle. Der dreispurige Ausbau lässt grüßen. Die Baumaßnahmen an Straßen und die damit verbundenen Einschränkungen sind allerdings in den vergangenen Jahren auch im Stadtgebiet ein Dauerthema. Was die Geduld strapaziert, kann man auch symbolisch betrachten: Northeim wächst und kratzt bei der Einwohnerzahl stark an der 30.000er-Marke. Man merkt einen deutlichen Zuzug aus anderen Teilen der Region und darüber hinaus – südlich der Kernstadt Northeims sowie in den Ortschaften werden neue Wohngebiete erschlossen, die infrastrukturell gut angebunden sind. „Die Nachfrage ist da, auch gerade von jungen Familien“, erklärt Bürgermeister Simon Hartmann.

Die Stadt erlebt einen Aufwärtstrend: Der städtische Haushalt ist ausgeglichen, es werden Jahresüberschüsse erwirtschaftet, die Gewerbesteuern sind stabil. Altlasten, die es abzuarbeiten gilt, gibt es allerdings genügend, der Investitionsstau hat auch vor Northeim nicht haltgemacht – vor allem im Bereich der Straßen und öffentlichen Gebäude. Die Infrastruktur in Northeim kennt einige Sorgenkinder: den Ausbau der Kita- und Krippenplätze, die Förderung des Radverkehrs, die Umsetzung des Klimaschutzplans der Stadt und vor allem ein Konzept, wie die Innenstadt wiederbelebt werden kann. „Ein wichtiges Thema ist für uns ganz klar die Kinderbetreuung“, sagt Nina Peilert, Geschäftsführerin des Northeimer Agrarunternehmens Tribodyn. „Bei uns arbeiten viele Mütter mit kleinen Kindern, ich selbst bin alleinerziehend und wohne auf dem Dorf. Da sind die Kinderbetreuungsmöglichkeiten miserabel – hätte ich meine Mutter nicht oder die Möglichkeit, dass ich gelegentlich vom Homeoffice aus arbeite, ginge das nicht.“ Verbesserungen in der Kinderbetreuung mahnt auch Andreas Wolf, einer der beiden Geschäftsführer des Modeunternehmens Wilvorst an – da der Northeimer Traditionsbetrieb einen hohen Frauenanteil hat. „Gerade, wenn Frauen nach dem Mutterschutz wieder anfangen wollen zu arbeiten, brauchen sie diese Infrastruktur. Wir versuchen natürlich, das mit flexiblen Arbeitszeitangeboten zu unterstützen, aber die Stadt ist hier auch ganz klar gefordert.“ Insbesondere fehlten Betreuungsangebote, die über 14 Uhr hinausgehen, so Peilert. „Dass es hier an Angeboten mangelt, ist zum einen nicht arbeitnehmerfreundlich, zum anderen erschwert es uns zusätzlich, gute Leute in die Region zu bekommen.“

Bei der Zahl der Kita- und Krippenplätze sei die Stadt zwar gut gerüstet, sagt Bürgermeister Hartmann, einen Nachholbedarf sehe er aber auch, vor allem bei der Erweiterung der Betreuungszeiten – wohl wissend, dass auch der Markt für Erzieherinnen nahezu leergefegt ist. Und nicht nur der.

„Grundsätzlich ist der Standort nicht dafür prädestiniert, junge, trendige ITler anzuziehen“, erklärt Mark Berke, Geschäftsführer des Büro- und IT-Dienstleisters bueroboss.de/Kassebeer. „Die haben teils ganz andere Lebensvorstellungen und sind relativ flexibel. Auf zehn Jahre kann man nicht mehr planen.“ Entsprechend intensiviert bueroboss.de/Kassebeer seine Ausbildungsbemühungen, doch auch da wird es schwieriger, den Bedarf lokal zu decken. „Wir bekommen das noch hin, aber sehen auch den Rückgang der Bewerberzahlen.“ Noch schwieriger ist es im Vertrieb. „Qualifizierte Vertriebler, vor allem im IT-Bereich, in die Region zu bekommen, wird immer schwerer und teilweise haben wir auch schon Vakanzen“, so Berke.

Den allgemeinen Trend zu der Schwierigkeit, Ausbildungsplätze zu besetzen, sieht auch Bernd Wiese, Geschäftsführer der Henke-Sass, Wolf Mikrooptik GmbH in der Area 3 in Nörten-Hardenberg, in unmittelbarer Nähe zur Stadt Northeim. Gleichzeitig hat die Firma inzwischen auch mit der Arbeitgeberkonkurrenz zu Göttingen zu kämpfen. „In den letzten zwei, drei Jahren gab es einzelne Abwerbungen im Bereich der Feinoptiker, weil der Fachkräftemangel an sich zunimmt“, sagt Wiese.

Doch im Wesentlichen, da sind sich Politik und Wirtschaft einig, ist die Nähe zu Göttingen eher eine Chance und ein Standortvorteil, den man beim Werben um Fachkräfte und auch generell um Einwohner ins Feld führen kann. Mit rund 20 Minuten Fahrzeit ist Göttingen mit seinen ganzen kulturellen und Bildungsangeboten quasi direkt nebenan, während es sich in Northeim selbst günstig leben lässt.

Und dank des schnellen Autobahnzugangs verfügt Northeim auch über dieselben infrastrukturellen Voraussetzungen wie der große Nachbar – und damit ein riesiges Standortplus. Bueroboss.de/Kassebeer hat etwa die Zentrallogistik für das bundesweite ,bueroboss.de- Netzwerk‘ in Northeim mit aufgebaut – für Wilvorst ist die Lage mitten in Deutschland und an der Autobahn „unheimlich wichtig“, wie Andreas Wolf betont, um den schnellen Zugriff auf die Ware in den Produktionsstandorten in Osteuropa zu haben – angesichts extrem enger Lieferzeiten ein Muss.

Henke-Sass, Wolf Mikrooptik schätzt die Infra struktur – wenn auch die Mobilfunkabdeckung in der Area 3 zu wünschen übrig lässt – ebenfalls, aber auch die Flexibilität des öffentlichen Personennah verkehrs. In Absprache mit dem Unternehmen wurde direkt vor der Eingangstür eine Bushaltestelle eingerichtet, und die Verbindung wird von den Mitarbeitern auch gut genutzt. Auch einer der ganz großen in Northeim, die ContiTech AG, bewertet die „geografische Lage des Continental-Standortes aufgrund seiner Nähe zu relevanten Verkehrsadern und -knotenpunkten zu Land, Luft und Wasser als sehr positiv“, sagt Pressesprecher Jochen Vennemann. Bei Conti hat man Vertrauen in den Standort und investiert kontinuierlich in die Modernisierung und den Ausbau des Standortes.

Der logistische Lebensnerv A7 ist für die HKS Sicherheitsservice GmbH aus Hardegsen im Landkreis Northeim ebenfalls ein großes Standortplus – das Unternehmen ist aufgrund von Verbandsvorgaben darauf angewiesen, bestimmte Kunden innerhalb von 20 Minuten erreichen zu können. „Das können wir durch unsere Stützpunkte in Göttingen und Hardegsen sicherstellen“, erzählt Heiko Keilholz, Geschäftsführer von HKS. „Von Hardegsen sind Sie in wenigen Minuten in Einbeck, Northeim oder Göttingen, ebenso in Uslar. Selbst in Duderstadt sind Sie unter optimalen Bedingungen in 25 Minuten. Von daher liegen wir hier hervorragend.“ Für HKS ist diese regionale Orientierung auch ein starker Wachstumsgrund, allein durch die Kreisfusion und das regionale Bemühen, die Wirtschaft stärker zusammenzubringen, habe man etwa gute Kontakte nach Osterode entwickelt. Daher befindet sich derzeit auch ein zweiter Stützpunkt in Göttingen im Aufbau.

Kurzum: Grund zur Klage über die Rahmenbedingungen am Standort Northeim wird wenig gesehen. Und auch der Kontakt zur und die Abstimmung mit der Politik wird in Wirtschaftskreisen als sehr gut wahrgenommen.

In Northeim steht derweil die städtische Wirtschaftsförderung vor einer Reorganisation. „Wir hatten hierfür eine Stelle ausgeschrieben“, so der Bürgermeister. „Diese wird im Herbst besetzt sein, sodass der ganze Bereich professionalisiert und strategisch neu ausgerichtet werden kann.“ Zu den Schwerpunkten der Wirtschaftsförderung soll neben dem klassischen Aufbau von Netzwerken das Thema Fördermittelakquise und -management stärker in den Vordergrund rücken. „Ich stelle mir eine zentrale Stelle vor, die die Abteilungen bei uns im Haus, aber auch in den Unternehmen berät, in welchen Projekten Fördermittel von Bund, EU und anderen Gebern denkbar sind“, sagt Hartmann. „Das haben wir in dieser Form noch nicht.“ Auch sollen unter dem Aspekt der Fachkräftesicherung zielgruppenorientierte Veranstaltungen angeboten werden, wozu auch zählt, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie die familienfreundliche Stadt unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaftsförderung zu betrachten.

Den größten Handlungsbedarf sieht der Bürgermeister allerdings in der Innenstadtverschönerung und -aufwertung, um letztlich die Attraktivität der Stadt und des Lebensortes zu erhöhen. Denn die Innenstadt leidet nicht nur unter dem weit verbreiteten Problem des Frequenzrückgangs und Leerstands, mit dem CityCenter Northeim gibt es auch ein großes Einkaufszentrum in der Innenstadt, das noch einmal zusätzlichen Druck entfaltet. „Wir sind 2017 in das Programm ,Aktive Stadt- und Ortsteilzentren‘ aufgenommen worden“, erklärt das Stadtoberhaupt. Damit verbinde sich eine große Chance für die Innenstadtsanierung. Die Stadt selbst hat inzwischen ein Leerstandsmanagement beauftragt und arbeitet eng mit der Standortgemeinschaft in der Innenstadt zusammen – also mit den Eigentümern von Innenstadt immobilien, mit denen zusammen beispielsweise eine Struktur- und Potenzialanalyse der Innenstadt finanziert wurde. Stärken werden vor allem im Bereich der Mode gesehen sowie ein großes Potenzial im Dienstleistungsbereich. Auch gastronomische Ansiedlungen sollen vor allem rund um den Münsterplatz, den zentralen Veranstaltungsort in der Innenstadt, gefördert werden.

„Wir wollen zur Neugestaltung des Platzes einen Wettbewerb auf den Weg bringen und damit eine Zukunftsvision entwickeln“, sagt Hartmann. Auch geplant: ein Verkehrskonzept für die Innenstadt, verbunden mit der Frage, ob die Fußgängerzone nicht auf einen Kernbereich konzentriert werden könnte. „Die Bereitschaft seitens der Standortgemeinschaft, in die Innenstadt zu investieren, ist auf jeden Fall da“, so der Bürgermeister, der die Entwicklung als sehr positiv einschätzt. „Es gibt ein ganz großes Interesse an der Entwicklung der Innenstadt, und ich bin sehr optimistisch, dass Konzepte und Ideen nicht in der Schublade verschwinden werden – einfach, weil es das gute Zusammenspiel gibt, das den Handlungsdruck für Politik und Verwaltung aufrechterhalten kann.“