©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Ob unter der Dusche oder im Supermarkt – tagtäglich helfen uns ihre Produkte die Dinge des Alltags zu erkennen. Anke Hoefer produziert mit Top-Label in Alfeld Etiketten für Kosmetika, Lebensmittel & Co. Auch ihre Heimatregion prägt die Unternehmerin in zahlreichen Initiativen.

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Gewöhnlich kommen nicht viele Besucher auf das Betriebsgelände von Top-Label in Alfeld. Doch wenn, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie zunächst nicht von der Geschäftsführerin Anke Hoefer, sondern von einem der vier Büro-Hunde begrüßt werden. „Wir sind nicht nur ein familienfreundliches, sondern – wie man sieht und hört – vor allem auch ein tierfreundliches Unternehmen mit klaren Prioritäten“, sagt Hoefer augenzwinkernd und stellt sogleich sich und ihren jungen, noch wilden Sennenhund Cosmo vor. Man könnte sagen, beide gehören zur Führungsspitze von Top-Label, einem Unternehmen, das in Alfeld seit über 20 Jahren Etiketten produziert. Doch dass Hoefer – so wird sich zeigen – hier die Geschäfte leitet, ist nur die Spitze des Eisberges. Denn diese Powerfrau ist einiges mehr als nur Firmengründerin. Sie ist eine Frau voller Energie und ­Engagement für ihre Region und die Zukunft junger Menschen.

Aber der Reihe nach: Top-Label wurde 1997 gegründet und produziert seitdem Etiketten für PET- und Glasflaschen, Reinigungsmittel, Verpackungen, Kosmetik, Pflegeprodukte und für frische Lebensmittel wie Obst und Gemüse. „Jeder hat jeden Tag Etiketten in der Hand und merkt es unter Umständen gar nicht, da sie Bestandteil der Verpackung sind“, sagt Hoefer, während sie entspannt in ihrem Konferenzraum im Alfelder Industriegebiet sitzt. Etiketten sind unverzichtbare Unsichtbare des Alltags. Man stelle sich einen Tag vor, an dem man bereits morgens unter der Dusche nicht weiß, ob dies nun das Shampoo oder die Haarspülung ist oder vielleicht sogar das Duschgel. Und wie sieht es mit dem falschen Scheuermittel oder den Inhaltsstoffen von Lebensmitteln aus? So geht es Stunde um Stunde weiter. Etikettendruckereien sind existenzieller Bestandteil unseres Alltags und unserer Wirtschaft.

Wie wichtig sie sind, zeigt sich daran, dass Top-Label mit seinen 30 Angestellten im vergangenen Jahr als system­relevant eingestuft wurde, da zu seinen Kunden viele Lebensmittelproduzenten gehören. Damit blieb der mittelständische Familienbetrieb mit rund drei Millionen Euro Jahresumsatz und den rund 130 Millionen Etiketten, die jährlich vom Band laufen, auch während des Lockdowns auf Wachstumskurs. Dabei ist es nicht nur die Lebensmittelbranche, sondern gerade die Vielfalt der Kunden, die das Unternehmen ein Stück weit durch die angespannte wirtschaftliche Lage trägt. „Hauptsächlich beliefern wir Kunden in Deutschland, die allerdings aus Wettbewerbsgründen nicht genannt werden dürfen“, erzählt Hoefer, die ansonsten jedoch nie lang um den heißen Brei herum­redet. Beim Interview ist die Geschäftsführerin sofort beim Thema. Erzählt, nicht ohne Stolz, von ihrem Unternehmen und wie sie gerade in Zeiten wie diesen in die Zukunft investiert. „Wir haben im letzten Jahr drei Auszubildende eingestellt, so viele wie noch nie zuvor.“ Sie lacht herzlich und gesteht: „Ich konnte mich einfach nicht entscheiden, weil alle drei so toll sind. Da haben wir sie einfach alle behalten.“ Auch mit Start-ups arbeitet Hoefer gern zusammen – wie mit den Gronauer Garnelenzüchtern ‚Neue Meere‘, über die faktor jüngst in der Winter-Ausgabe berichtete und die nun ebenfalls ihre Etiketten in Alfeld drucken lassen. „Mich begeistern innovative Ideen und Gründer, mit ­denen wir gemeinsam an Aufgaben wachsen“, erzählt die 56-Jährige, die aus eigener Erfahrung weiß, dass es kleine Betriebe anfangs oft schwer haben.

Menschen eine Chance zu geben, das scheint Hoefer im Leben ein echtes Anliegen zu sein. Dabei macht sie aber nicht an den Grenzen ihres Unternehmens halt. Ganz im Gegenteil – ihr geht es um mehr, um Netzwerken, um gemeinsame Verantwortung und gegenseitige Unterstützung. Aus eben dieser Haltung heraus hat sie in den vergangenen 20 Jahren auch vieles mitgestaltet und in ihrer Heimat vorangetrieben.

So gibt es Weihnachten keine Geschenke für die Kunden, sondern Geschenke für die Region und an die Welt: Spenden an den Naturschutzbund Deutschland oder die freiwillige Feuerwehr vor Ort. Oder wie im vergangenen Jahr, als Top-Label ,Célines Traum‘ unterstützte. Céline ist eine junge 18-jährige Frau aus der Region Alfeld, die nichts lieber wollte, als Goldschmiedin werden. Aber sie ist schwerbehindert – das bedeutet, dass sowohl eine Ausbildungswerkstatt behindertengerecht umgebaut werden muss als auch, dass sie eine Schul- und Arbeits­assistenz benötigt. All dies ist mit zusätzlichen Kosten verbunden. Doch Célines Traum wurde Wirklichkeit. Im ­August 2021 wird sie ihre Ausbildung beginnen – bei Top-Label. „Wenn eine junge Frau einen so starken Willen hat, muss man das unterstützen“, erklärt Hoefer bestimmt. „Das hat mich wirklich beeindruckt.“

Ihr erstes Amt außerhalb von Top-Label nahm die Netzwerkerin beim VskE, dem Verband der Hersteller selbstklebender Etiketten, an. Als sie 1989 als erste Frau an einem der Vorträge des Verbandes teilnahm, war das noch ein No-Go. „Es war ein reiner Männerverein, bei dem die Frauen zu den Abendveranstaltungen mitdurften – aber doch bitte nicht zu geschäftlichen Treffen“, erzählt die umtriebige Geschäftsfrau und erinnert sich daran, dass der Ton damals ein ganz anderer war als heute. Doch Hoefer hat sich durchgesetzt. „Ich bin auf einem Bauernhof zur Welt gekommen und kann sehr gut auf rustikale Töne antworten. Vermutlich ist es mein Stallgeruch, der mich so durchsetzungsfähig gemacht hat“, sagt sie selbstironisch. Was Hoefer meint, ist, dass sie sich von Konventionen nicht einschüchtern lässt. Mit Erfolg. Sechs Jahre später wurde sie als Schatzmeisterin in den Vorstand des VskE gewählt. Seit 1998 ist sie stellvertretende Vorsitzende des Verbandes. Als Vorzeige­frau für Emanzipation sieht sie sich dennoch nicht. „Für mich stand nie die Frage im Raum, ob ich etwas als Frau tun darf oder nicht. Mir ging und geht es immer nur um die Sache“, sagt Hoefer, ohne dabei hart zu klingen. Sie ist natürlich, weiblich, freundlich – und bestimmt.

Zunächst scheint ihre Vita etwas unübersichtlich – bei dem ganzen Engagement, das Hoefer in verschiedenen Vereinen zeigt: So ist sie unter anderem seit 2014 Vorsitzende des Industrievereins Alfeld, sie engagiert sich im VerpackungsCluster Südniedersachsen und im Regions­verein Pro Leinebergland. Doch schaut man genauer hin, so steht hinter allem ein großes funktionierendes Netzwerk, das in beide Richtungen funktioniert. Zum einen leistet Top-Label als Arbeitgeber einen Beitrag dazu, die ­Re­gion zukunftsorientierter zu machen, zum anderen wird für junge Menschen ein größerer Anreiz geschaffen, zu bleiben und nicht in Großstädte abzuwandern. Mit Aktionen wie ,Date your Job‘ und ,Job Dating Days‘ schuf der Industrieverein Alfeld ein jährliches Format, bei dem Schülerinnen und Schüler Einblicke in die Unternehmen der Region bekommen und Spannendes entdecken ­können. „Wir wollten, dass junge Menschen nicht mit Flyern abgespeist werden, sondern anhand von Experimenten und direktem Kontakt ein Gespür für die Jobs bekommen und vor allem Lust auf diese“, erklärt die Vorsitzende.

Doch damit nicht genug. „Auf einer Messe im Jahr 2016 entstand mit einer Kollegin aus einer prosecco­geschwängerten Idee heraus ,Skoop‘“, erzählt Hoefer, die so auch noch zur Initiatorin einer Einkaufsgenossenschaft mittelständischer Etikettenhersteller wurde. Die permanenten Preiserhöhungen der Papierlieferanten bei kleinen mittelständischen Druckereien veranlassten sie und mehr als 30 weitere Unternehmen, ein Statement zu setzen und sich zusammenzuschließen. „2018 ging Skoop an den Start – und seitdem hatten wir keine Preis­erhöhungen mehr“, sagt Hoefer zufrieden. „Und neben einem besseren Service sparen wir uns nun auch die Zeit für die mühseligen Preisverhandlungen mit diversen Lieferanten.“

Aber auch in den eigenen vier Wänden des Unternehmens wird es nie langweilig – permanent stehen neue Herausforderungen vor der Tür. Seit gut zwei Jahren wird in der Etikettenindustrie das Thema Nachhaltigkeit immer präsenter. Auf Veränderungen in der Verpackungsindustrie müssen auch Unternehmen wie Top-Label reagieren. „Etikett ist nicht gleich Etikett“, sagt Hoefer und steigt sogleich in eine leidenschaftliche Präsentation von Steinfolie bis zu Graspapier und anderen nachhaltigen Materialen ein. „Doch egal, für welches Material sich der Kunde entscheidet, es muss jeweils fein auf das zu etikettierende Produkt abgestimmt sein.“ Wer hätte gedacht, dass es für die Wahl des Etiketts von enormer Wichtigkeit ist, ob es auf heiße oder gefrorene Produkte geklebt wird? Ob der Inhalt einer Flasche ölhaltig ist oder ob sie letztlich in der Küche oder im Bad gelagert wird? Und wenn in Zukunft immer mehr nachwachsende und recycelte Materialen als Verpackung auf den Markt kommen, werden sich auch hier die Etiketten anpassen müssen, damit sie so lange lesbar sind, bis das Produkt aufgebraucht ist.

Bei all dem Engagement und der Leidenschaft für scheinbar unzählige Projekte – bleibt da überhaupt noch Zeit für ein Privatleben? Anke Hoefer lacht auf, krault Cosmo, der treu neben ihr wacht, liebevoll den Nacken. „Sie meinen neben meinem Lebensgefährten, Freundeskreis, Hunde- und Reitverein?“, erwidert sie herzlich mit einer Gegenfrage. „Ja, ich achte darauf, eine gewisse ­Balance zu halten – was nicht immer leicht ist. Aber darum habe ich auch privat kein weiteres Ehrenamt auf mich genommen.“ Hoefer liebt ihre Region, in der sie geboren wurde, die sie für einige Jahre verließ, um wiederzukommen und schließlich für immer anzukommen. „Ich habe sieben Jahre in Hamburg gelebt – mitten in der Stadt. Wenn, dann richtig, habe ich mir damals gedacht. Doch ich wollte zurück in meine Heimat. Und hier bin ich nun.“

Ein Strahlen geht über ihr Gesicht. Es gäbe noch einiges für sie zu tun. Hier in ihrer Heimat, in der Politik, in der Wirtschaft. „Zum Beispiel, dabei mitzuwirken, dass von Alfeld bis Hildesheim eine lebendige Kultur- und Gesellschaftsregion entsteht. Ich finde es super, dass junge Familien alte Gasthäuser übernehmen und modernisieren. Solche Ausflugslokale darf es gern noch mehr geben“, sagt die naturbegeisterte Unternehmerin. Doch damit wären wir wieder bei einem neuen großen Thema, das Hoefer bewegt. Aber das nicht mehr heute. Es ist spät geworden. Cosmo möchte mit Frauchen noch einmal um die Häuser ziehen – und diese hat sich nicht nur heute ihren Feierabend redlich verdient.