275 Jahre Porzellanmanufaktur Schloss Fürstenberg

Seit 275 Jahren thront im Schloss Fürstenberg die zweitälteste Porzellanmanufaktur Deutschlands. Zum Jubiläum besucht faktor die Porzelliner, die sich mit Hand und Herz dem wertvollen Material verschrieben haben, und erfährt, wie hoch über der Weser bis in die Gegenwart Krisen gemeistert werden.

Öffnungszeiten des Museums

Dienstag bis Sonntag sowie an Feiertagen von 10 – 17 Uhr 19.12. – 26.12. / 31.12.21 – 06.01.23 geschlossen. Die Besucherwerkstatt ist Dienstag bis Sonntag von 10.30 bis 12 Uhr und 12.45 bis 16.30 Uhr besetzt. Im Februar, November und Dezember ist sie nur an Wochenenden und Feiertagen geöffnet. Meinbrexener Straße 2, 37699 Fürstenberg.

Der Wind hat längst das gelblich-braune Laub von den knorrigen Platanen gefegt. Nun liegen die Blätter auf dem alten Natursteinpflaster im Innenhof der Porzellanmanufaktur Fürstenberg. Das Jubiläumsjahr neigt sich dem Ende zu. Der Blick fällt rundherum auf eine Reihe historischer Gebäude mit weißgetünchten blaubemalte Fassaden, dunklem Fachwerk und verwitterten Sandsteindächern. Sie umrahmen das Schloss mit seinen Verzierungen, wo einst die Jagdgesellschaften der Braunschweiger Herzöge feierten, in das Mitte des 18. Jahrhunderts die Manufaktur einzog und das heute das Museum beherbergt.

Ein Ort mit Geschichte. Und Geschichten des Porzellans – einem eigenwilligen, geheimnisvollen Material. Im Gegensatz zu anderen Keramiken lässt es Licht durchscheinen, ist härter und strahlt in hellem Weiß. Das machte es einst so anziehend, dass Menschen in ganz Europa in Porzellanbegeisterung verfielen. Adlige und reiche Bürger gaben ein Vermögen für chinesisches Porzellan aus und träumten davon, das Geheimnis der Herstellung zu lüften. Einer von ihnen war Herzog Carl I. von Braunschweig. Seit diesem Jubiläumsjahr führt ein Weg zu dem Ort, wo es gelang, das Rätsel zu lösen.

Oberhalb der Manufaktur, die Neue Straße hinauf, liegt das Haus mit dem ältesten noch erhaltenen Porzellan-Brennofen in Europa. In der efeubewachsenennenförmige Mühle nebenan tüftelte ab 1747 der Porzellanmaler Johann Christoph Glaser vergebens. Sechs Jahre später brachte Johann Kilian Benckgraff aus Höchst das richtige Rezept mit.

Besonderes Porzellan zur Jubiläumsausstellung

Bald sind die schwierigen Anfänge überwunden. Eine Vitrine im Erdgeschoss des Museums zeigt Produkte der ersten Jahrzehnte: darunter eine Tasse mit purpurfarbener Malerei mit zwei Männern, die um ein Feuer sitzen, eine blaubemalte Apotherkerdose mit Holzdeckel oder eine birnenförmige Kaffeekanne mit einer Stadtansicht. Sie alle gehören zur Jubiläumsausstellung ,In Herz und Hand‘. „In wenigen Tagen werden die seltenen Porzellanstücke wieder sicher verpackt zu ihren Eigentümern zurückkehren. Sie gehören Sammlerinnen und Sammlern, die sie dem Museum zum Jubiläum zur Verfügung gestellt haben“, erklärt dessen Leiter Christian Lechelt.

Der Kunsthistoriker ist sich sicher: Manche der Stücke werden so schnell nicht wieder öffentlich zu sehen sein. Er verweist auf einen großen Tafelaufsatz von 1765 gegenüber der Vitrine. „Wir kennen nur noch eine weitere Ausführung im Hannoveraner Museum August Kestner.“ Zierliche Putten tragen an allen vier Ecken Schälchen für Pfeffer und Salz. Der lüsterne Waldgeist Satyr hält mittig einen zweistöckigen Korb, der für Zitronen bestimmt war. „Dieses sensationelle Objekt führt direkt zurück in die opulente Tafelkultur des Rokokos“, sagt der 45-Jährige.

Manches Teil, wie eine Spülkumme, wirft Fragen auf. „Damals gab es weder Kaffee- noch Teefilter“, erläutert der Museumsleiter. Daher blieben nach dem Trinken in den Gefäßen oft etwas Kaffeemehl oder Stücke der Teeblätter zurück. „Die Tasse wurde dann in der Spülkumme am Tisch gereinigt.“

Nicht nur der Tafelaufsatz und die Spülkumme verweisen auf eine andere Tischkultur. Wer über das historische Treppenhaus mit seinen niedrigen, von endlosen Schritten geformten Holzstufen hinauf ins Obergeschoss geht, den erwartet Spektakuläres: eine Tafel mit 185 Teilen – Tellern, Terrinen und Körbchen. Das Service verkaufte die Fürstenberg Verkaufsniederlassung in Den Haag 1774 an einen holländischen Kunden. Sieben Maler hatten über ein Jahr lang die detailreichen Landschaften und Blumen-Arrangements auf das Porzellan gebannt, kein Motiv wiederholt sich.

Museumswerkstatt gibt Einblick in Prozellanproduktion

Der Geruch von Porzellanmalfarben zieht von der angrenzenden Museumswerkstatt herüber. Der Raum erinnert mit seinem Parkett und seinen Maßen mehr an einen Tanzsaal als an eine Werkstatt. Was in der Produktion besonders wichtig ist, lässt sich hier erleben – das Formgeben und das Dekor des Porzellans. Mittig auf einem weißen Podest arbeiten zwei Porzelliner. Einer von ihnen gießt gerade Schlicker, flüssige Porzellanmasse, mit einem Messbecher in handliche Gipsformen. Mit der freien Hand dreht er eine der Formen auf einer Scheibe. So verteilt sich die Masse gleichmäßig an den Außenwänden, bilden sich keine Blasen, die später beim Brand zerplatzen. Überschüssige Masse gießt er zurück. Der Gips entzieht der Porzellanmasse Feuchtigkeit. Der Mitarbeiter öffnet behutsam die Form, nimmt eine wenige Zentimeter große gräuliche Maus heraus. Mit einem Pinsel glättet er die Kante, die dort entsteht, wo die Hälften der Form zusammentreffen. Dann muss das Mäuschen trocknen bis zum ersten Brand.

Nebenan zeigt Malerin Dagmar Laske, wo die Manufaktur beim Dekor den Unterschied macht. Gerade hat sie mit geübtem Schwung einen Siebdruck mit kleinsten Punkten um eine Teekanne gelegt. Farbe werde zudem per Pistole aufgesprüht oder per Hand mit dem Pinsel aufgetragen. Bei manchem Teil folgen alle Techniken aufeinander, jede Schicht werde einzeln gebrannt. Viel Aufwand selbst für kleinste Teile.

Laske weist auf eine Espresso-Tasse, deren Henkel per Hand vergoldet wurde. Ihre Leidenschaft ist jedoch die Porzellanmalerei. Zum Jubiläum habe sie eine besondere Vase bemalt, verrät die 55-Jährige. Ein Geschoss tiefer thront diese inmitten eines gedeckten Tisches. Bemalt in gedämpften Sepia-Tönen zeigt sie das alte Brennhaus, das Schloss und eine Pferdeskulptur. Zweieinhalb Monate habe sie daran gemalt, berichtet Laske mit freudigem Stolz.

André Neiß ist Geschäftsführer der Prozellanmanufaktur Fürstenberg

Im Verwaltungsgebäude, einige Schritte vom Schloss entfernt, arbeitet man währenddessen am Por- zellan für die gedeckte Tafel der Gegenwart. Hier hat Geschäftsführer André Neiß sein Büro. Die Jubiläumsausstellung habe ihn beeindruckt, erzählt er. „Vor allem zu sehen, wie viele Menschen es gibt, die Porzellan nach wie vor fasziniert.“ Eine pompöse Feier zu 275 Jahren habe es bewusst nicht gegeben. „Es ist nicht die rechte Zeit, sich selbst auf die Schulter zu klopfen“.

Dem Klang seiner Stimme hört man die einstige Hamburger Heimat an. Der Diplom-Betriebswirt hat in einigen Branchen Erfahrungen gewonnen, war Wirtschaftsprüfer, Controller und Vorstandsvorsitzender. Der 63-Jährige wirkt nüchtern-hanseatisch mit dunkelblauem Anzug und transparentem Brillengestell. Er kennt die dramatischen Änderungen der Branche: 1990 hatte sie 16.000 Angestellte, 2015 waren knapp 3.900 übrig. Die Zukunft ist angesichts ausländischer Konkurrenz unsicher. Erst recht bei den immens gestiegenen Energiepreisen. Erste Porzellan-Hersteller wollen ihre Produktion im kommenden Jahr einstellen.

In diesen Chor des Niedergangs möchte Neiß nicht einstimmen. „Natürlich macht uns die Entwicklung Sorgen. Wir haben unsere Kosten für Energie in diesem Jahr verdoppelt.“ Bei Brenntemperaturen von bis zu

1.400 Grad Celsius brauche der Ofen einiges an Gas. Dennoch erwartet der Geschäftsführer ein „recht zufriedenstellendes“ Ergebnis. Während der Corona-Pandemie hätten offensichtlich viele die Freude des Gastgebens entdeckt und sich neues Porzellan gekauft – erst über Händler im Internet, später im Facheinzelhandel. Die Nachfrage sei gut.

Verhaltener Optimismus schwingt bei seinen Schilderungen mit. Anfang 2021 übernahm er als Interimsgeschäftsführer die Unternehmensleitung in ernster Lage. Der Verlust lag bei fünf Millionen Euro, die Manufaktur war auf weniger als 80 Angestellte geschrumpft. Der Abbau sei an seine Grenze gekommen, so Neiß. „Die Richtung muss eine andere werden, wir brauchen mehr gesunden Umsatz.“ Dafür sei eine neue Art Direktion entstanden, Marketing und Vertrieb gestärkt worden.

Kontroverse um modernes Design

Diese sollen dafür werben, dass Fürstenberg für modernes Porzellan stehe. „Wir würden vieles nicht können, wenn wir diese historischen Wurzeln nicht hätten. Aber wir dürfen nicht zu museal werden.“ Neiß greift nach einer matt-weißen, zylindrischen Teekanne, die neben seinem Schreibtisch steht. Diese nutze er täglich. Sie gehört zum neuesten Service der Manufaktur, das im Jubiläumsjahr auf den Markt gekommen ist: ,Datum‘. Entworfen hat das stapelbare Geschirr aus Kreisen, Zylindern und geraden Kanten das weltweit bekannte Londoner Architekturbüro Foster + Partners.

„Das Geschirr polarisiert“, berichtet Neiß. Einige fänden das Service zu nüchtern, fühlten sich an Krankenhaus- oder Jugendherbergsgeschirr erinnert. Andere begeistere gerade diese Schlichtheit in Form und Farbe. Die Entwürfe des Büros in Porzellan zu verwandeln, sei herausfordernd gewesen, erinnert sich der Geschäftsführer. Das Material sei nicht für einhundertstel Millimeter geschaffen, anders als Metall. „Porzellan ist eine Diva, hat seine Eigenarten, liebt solche Formen wie Zylinder gar nicht.“ Besonders die Kanne für Kaffee, eine Pressstempelkanne – auch French Press genannt – erfordere Präzision, sonst laufe die heiße Flüssigkeit an den Seiten heraus.

In ihr lebt auch die Vergangenheit weiter. Nach einigen Jahren Pause setzt sie die Linie zahlloser Fürstenberger Porzellankannen fort – darunter die birnenförmige Vorgängerin von 1755, die in der Sonderausstellung zum Jubiläum gezeigt wurde. Die Tafelkultur mag heute ganz anders sein, aber wie heißt es im Museum doch gleich: „Jede Kanne hat ihre Zeit.“ ƒ

Zur PorzellanmanufakturBis 2019 war die Porzellanmanufaktur Fürstenberg eine Tochter der landeseigenen NORD/LB. Damals geriet die Bank finanziell in Schwierigkeiten und wurde neu aufgestellt; das Land Niedersachsen übernahm die Regie für die Manufaktur. Über die Fürstenberg Holding GmbH mit Sitz in Hannover hält es 98 Prozent der Anteile, der Landkreis Holzminden die restlichen zwei Prozent.

www.fuerstenberg-porzellan.com

 

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