Die Hundertjährige, die sich zum Boden neigt

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefanie Waske

Eine Geschichte über alte Bäume, glückliche Schatzsucher und gut Kirschen pflücken im weißen Blütenmeer.

Erfolglos sein kann Glück hervorbringen. Jedenfalls, wenn man ein Kirschbaum ist. Man wird alt, gar ein Greis von 100 Jahren. Moos setzt sich zwischen den Ästen fest. Tote Zweige bleiben in der Krone. Vom Anbau der roten Früchte allein kann in der Region Göttingen und Holzminden jedoch seit Jahren niemand mehr leben. Es lohnte sich für viele Landwirte nicht, die Bäume abzusägen und ertragreichere zu pflanzen. So überlebten seltene, teils nur hier vorkommende Sorten. Ein wahrer Schatz, finden Biologen. Um ihn in Göttingen zu entdecken, braucht es allerdings Kirschen-Kenner.

An diesem Morgen hängen Gewitterwolken über der Streuobstwiese der Realgemeinde in Geismar. Die Grillen zirpen, ab und zu geht ein leichter Windhauch. Auf der Wiese von zweieinhalb Hektar stehen verteilt Kirsch- und Apfelbäume. Die Biologin Annette Braun-Lüllemann, die hier viel Zeit verbracht hat, schwärmt: „Das ist eine besondere Wiese.“ Denn auf der ehemaligen ,Trift‘ wurden früher Schweine, Schafe und Ziegen in den Wald getrieben.

Seit 200 Jahren wachsen an dieser Stelle Obstbäume. Die heutigen tragen auf dem Stamm weiße Nummern. Dank dieser kann Braun-Lüllemann in ihren Karten nachschlagen, welcher Baum dort steht. Sie tragen Namen wie ,Ochsenherzkirsche‘ oder ,Kronprinz von Hannover‘. Manche Sorte wächst nur an diesem Ort. „90 Prozent der alten Sorten im Landkreis Göttingen sind gefährdet“, erklärt Braun-Lüllemann. 40 Prozent seien bereits vom Aussterben bedroht wie die ,Gelbe Herzkirsche‘. Die hellen Früchtchen mit weichem Fleisch seien als Erste aus dem Handel gegangen, denn sie seien nicht transport- und lagerfähig. Zudem würden viele Verbraucher denken, sie seien unreif.

Kirschenliebhaber brauchen somit Wissen und Erfahrung für die Schatzsuche. Kaum jemand in Deutschland weiß so viel über Kirschen wie Braun-Lüllemann. Die Biologin wollte es genau wissen: Welche Bäume wachsen in meinem Garten? Leicht gedacht, schwer herauszufinden: Sie durchstöberte Antiquariate nach Literatur und fand schließlich zum Pomologen-Verband. Sie besuchte ein Kirschseminar und begann, selbst Sorten nachzuweisen. „In Kirschen muss man sich vertiefen“, erklärt sie und lächelt. Mehr und mehr zogen die roten Früchte sie in ihren Bann. Mittlerweile reist sie quer durch Deutschland und Europa. Denn immer mehr Menschen wollen wissen, welche Kirschbäume auf ihren Wiesen stehen. Sie trägt an diesem Morgen Jeans und Halbstiefel, obwohl es mehr als 20 Grad warm ist. Die Kleidung schützt sie im hohen Gras vor unliebsamen Überraschungen wie Zecken. Zudem hält sie eine lange Teleskop-Schere in der Hand: Die alten Hochstämme sind nur so zu erreichen. Zielstrebig steuert die Biologin einen Baum der Sorte ,Schleihahnskirsche‘ an. „Das ist eine sehr alte, mittelspäte Sorte.“ Sie schneidet ein Stück eines Astes mit Blättern und Früchten ab. Die Kirschen sind bordeauxrot und herzförmig. Genussvoll kostet Braun-Lüllemann von der Ernte.

Am Geschmack lässt sich eine Sorte nicht bestimmen, verrät sie, weil dieser nach Standort oder Sonnenstunden variiert. Sie spuckt den Stein aus, um ihn mit einem Tuch zu polieren, und legt ihn auf den Holztisch, der auf der Streuobstwiese steht. Am Wulst des Steines kann sie die meisten Merkmale erkennen. „Das habe ich mir selber angeeignet“, erklärt sie. Für Laien sind die Kerne nicht zu unterscheiden.

Mittlerweile verfügt Braun-Lüllemann über eine große Sammlung von Steinproben. Nun trägt sie im Kopf alles Wissen zusammen: ihre Kenntnisse aus den historischen Sortenbüchern, die charakteristische Krone des Baumes, den Reifezeitpunkt, die Farben der Kirschen und die Form des Steines. Meist weiß sie schnell, mit welcher Sorte sie es zu tun hat. Der Landschaftspflegeverband Göttingen ließ zwischen 2011 und 2015 die Kirschbäume vieler Streuobstwiesen im Landkreis kartieren. Die Niedersächsische Bingo-Umweltstiftung, das EU-Programm Leader und der Landkreis Göttingen finanzierten dies. Die Wiese in Geismar war eine der Flächen. Mehr als 1.200 Bäume hat Braun-Lüllemann hier inzwischen untersucht. Auch im Landkreis Holzminden kartierte die Expertin drei Jahre lang Kirschbäume. In Göttingen fand sie 78 alte Sorten, in der Region Holzminden mehr als 60.

Die seltenen Sorten in Geismar kennt auch Hubertus Rölleke. Wie Braun-Lüllemann begeistert ihn die Wiese der Realgemeinde. Er besucht sie fast täglich, hier stehen seine Bienenstöcke. Rölleke arbeitete in mehreren Streuobst- und Bienenprojekten des Landschaftspflegeverbandes mit, beim letzten war er Projektleiter. Nun arbeitet der 45-Jährige als Obstbaumpfleger und Imker. Wer die Streubobstwiese betritt, hört nach wenigen Metern das Summen der Bienen. Auf einem der vier Holzkästen steht mahnend: ,Wir sind das Volk.‘ Sie seien sehr wichtig für die Ernte, erklärt der Imker.

Wildbienen, Hummeln und Honigbienen ergänzten sich beim Bestäuben. „Honigbienen fliegen erst ab acht Grad.“ Die anderen sind oft schon bei kälteren Temperaturen unterwegs. Die Wiese liefert monatelang Blüten: erst Kirsche, Apfel und Weißdorn, später zahlreiche Blumen. „Die Bienen bleiben das ganze Jahr hier.“ Und wenn die Blüten nicht vollständig bestäubt seien, werde das Obst nicht so gut und lagerfähig. „Das wirkt sich auf die Inhaltsstoffe und das Aroma aus.“

Rölleke macht sich für die historischen Sorten stark. Apfelbäume seien schon länger gefragt, die Kirsche warte noch darauf, wiederentdeckt zu werden. Wer in die Baumschule gehe und zehn Apfel- und Kirschbäume bestelle, sei schnell enttäuscht. Was für den Erwerbsanbau passe, kümmere im Hausgarten oft vor sich hin: Zu anspruchsvoll seien diese Bäume in Sachen Dünger und Pflanzenschutz. Besser sei es, die Sorte nach dem Standort auszusuchen. Da gebe es eine große Auswahl im alten Sortiment. Dennoch: „Jeder Obstbaum ist eine Kulturpflanze, die in den ersten zehn bis fünfzehn Jahren einen guten Schnitt braucht. Sonst kann der Baum die Last der Früchte nicht tragen.“ Oder die Krone wachse zu dicht, sodass niemand mehr eine Leiter in den Baum stellen und ihn ernten könne.

Sein Fachwissen gibt Rölleke in Kursen weiter. „Wie artenreich die Streuobstwiesen sind, wird mir oft zu platt dargestellt“, betont er. „Artenvielfalt braucht Jahrzehnte.“ Die alten Bäume seien dabei das Wertvollste, sie müsse man erhalten und dürfe sie nicht absägen. Selbst tote Bäume seien wichtig, dienten Wildbienen als Unterschlupf.

Besonders alte Kirschbäume lassen sich auch im mehr als 70 Kilometer von Göttingen entfernten Golmbach entdecken. Am Dorfplatz steht ein altes Fachwerkhaus mit einer Linde davor. Hier wohnt Manfred Böker wie schon sein Urgroßvater, Großvater und Vater. Sie alle waren Obstbauern. „Bis 1840 lässt sich die Linie der Familie im Ort zurückverfolgen“, erzählt der 50-Jährige, und man hört den Stolz, der mitschwingt. Im Jahr 1899 pflanzte sein Urgroßvater die ersten Kirschbäume. Böker wusste schon früh: Obstbauer zu sein, das wird nicht mehr ausreichen, um die Familie zu ernähren – und arbeitet hauptberuflich als Dachdecker. Wer zur Wiese finden will, muss am Ende des Ortes zunächst in einen kleinen Weg einbiegen und lange bergan fahren. Morgens liegt der Tau noch in Tropfen auf den Grashalmen, die Frühlingsluft ist klar und ein wenig scharf. Böker trägt eine Mütze und einen dicken braunen Mantel. Die Sonne kämpft sich durch die vorbeiziehende Wolkendecke. Sobald sie gewinnt, lässt sich die Wärme spüren, die die Kirschbäume brauchen.

Die Wiese mit den beiden steilen Hängen ist nicht nur eine schöne historische Plantage. Sie soll auch Besuchern zeigen, welche alten Sorten hier wachsen. Unter den Bäumen sind sogar hundertjährige. Bis vor 25 Jahren, erinnert sich Böker, waren die Kirschen ein gutes Geschäft. „Es gab nicht genug Leitern, so hat mein Vater teils die Bäume abgesägt, um sie zu ernten.“ Die Kunden hätten mit ihren Fahrzeugen Glombachs Straßen blockiert. Andrang gibt es heute nicht mehr, obwohl seine Früchte frisch vom Baum kämen und nicht gespritzt seien, betont der Obstbauer. Kirschen aus dem Ausland seien billiger. Die schwierige Ernte – wegen der Hänge und der hohen Bäume – lohne sich kaum. Die alten Sorten seien empfindlich, die Kirschen platzten bei Regen schneller. Oft seien zu viele auf einmal reif. Dennoch gibt Böker nicht auf.

Dass seine Wiese für den Schaugarten ausgewählt wurde, motiviere ihn. Auf einer Bergseite stehen drei Reihen junger Bäume. Sie sind mit Holz und Draht eingefriedet, damit das Damwild sie nicht verspeist. Alle tragen eine Plakette mit der Sortenbezeichnung. Der Obstbauer geht von Baum zu Baum und nennt die Sorten: „Frühe Spanische, Golmbacher Späte, Braunrote Herzförmige, Haumüller Mitteldicke – schöne Namen“, findet er. Im ersten Sommer hat Böker sie regelmäßig gegossen. „Wenn man sie erhalten will, muss man sich um sie kümmern.“ In den kommenden Jahren sollen solche Jungbäume die Streuobstwiesen im Landkreis Holzminden und Göttingen verjüngen. Die Nachzucht kommt aus der Baumschule Spiess in Lippoldsberg. Ein paar der Bäumchen verschenkte der Landkreis Holzminden an Privatleute. Andere bereichern die Streuobstwiesen des Landschaftspflegeverbandes Göttingen. Sorten, die Hobbygärtnern Freude machen würden, hat Braun-Lüllemann bereits ausgewählt. Nun müssten Kirschenfreunde diese nachfragen, damit sich die Nachzucht für die Baumschule lohne.

Bis die so viel Charakter haben, wie die alten Bäume auf Bökers Wiese, dürften Jahrzehnte vergehen: Wer ihre knorrige Rinde entlangstreicht, findet kuschelige Moospolster. Ein Baum sieht aus wie eine Tänzerin, die ihren Oberkörper bis zum Boden neigt. Die Kirschbäume haben zahllosen Schneeschauern getrotzt. Ab und an schlug ein Blitz in ihren Stamm ein, ließ eine Spalte zurück. Bei einigen Bäumen bilden die Äste ein Dach. Es sind derart viele Blüten, dass es tatsächlich nach Kirschblüten duftet.