©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Isabel Schellinger ist Ärztin, Wissenschaftlerin und Gründerin. Anfang des Jahres wurde sie vom Wirtschaftsmagazin Forbes in das Europaranking der wichtigsten Persönlichkeiten ,30 unter 30‘ aufgenommen. faktor sprach mit der aufstrebenden Forscherin über Erfolg, Glück und Elon Musk.

Es ist ein milder Wintertag im Januar 2018, als Isabel Schellinger im Flieger von München nach London sitzt. Zu diesem Zeitpunkt folgt sie einer Einladung des renommierten Wirtschaftsmagazins Forbes – sie ist nominiert in der Rubrik Science & Healthcare im Europaranking der wichtigsten Persönlichkeiten ,30 unter 30‘ – was an sich schon ein aufregendes Ereignis ist. Am nächsten Tag muss sie bereits zurück in Erlangen sein, um ihre Doktorarbeit zu verteidigen. Doch noch streift sie gelassen durch die Straßen der englischen Hauptstadt – gemeinsam mit Uwe Raaz, ihrem damaligen Forschungspartner und heutigen Geschäftspartner, der für eine Nominierung selbst nicht mehr infrage kommt. Er hat zu diesem Zeitpunkt bereits die 30er-Marke überschritten. Es wird noch einige Stunden dauern, bis die Namen der diesjährigen Preisträger öffentlich bekannt gegeben werden. „Dann bekam ich einen Anruf von einem Bekannten, der ebenfalls nominiert war“, erzählt Schellinger heute mit einer Leichtigkeit und einem Lachen. Er berichtete, dass er im Internet auf eine von Forbes früher veröffentlichte Pressemitteilung gestoßen sei. „Und er teilte mir mit, dass er zu den Glücklichen gehöre, die auf der Liste stehen.“ Daraufhin suchte auch sie ihren Namen im Netz. Und tatsächlich: Da war er! „Das war lustig, weil auf diese Weise auch ich bereits vor der öffentlichen Bekanntgabe eingeweiht war.“

Zeitsprung. Es ist ein heißer Hochsommertag, als wir Isabel Schellinger in ihrem kleinen, nicht klimatisierten Büro treffen. Sie ist sehr bemüht, uns mit Wasser und auch mit einem extra organisierten Ventilator zu versorgen. Überhaupt treffen wir hier auf eine herzliche und offene junge Frau. Nüchtern und funktionell hingegen ihre Einrichtung: ein Schreibtisch, ein Computer, ein weiterer schmaler Besuchertisch mit drei Stühlen. An den Wänden hängen Fotos. Darunter eine lustige Bilderreihe aus einem Fotoautomaten mit ihrem Teamkollegen und Geschäftspartner Uwe Raaz – aufgenommen zu Beginn des Jahres in London, kurz nach der Forbes-Nominierung. Daneben Aufnahmen von Isabel Schellinger mit Frank-Walter Steinmeier und Thomas Oppermann. „Ich sammle Fotos. Ich versuche, von jedem Ort, wo ich bin, ein Foto mitzunehmen, das ich mir an die Wand hänge“, sagt die inzwischen 30-Jährige, die mittlerweile selten lange an einem Ort verweilt.

Den Anfang nahm diese Erfolgsgeschichte 2013 an der Stanford University in Kalifornien, wo Schellinger über ein Stipendium einen zweijährigen Forschungsaufenthalt absolvierte. Dort im Labor lernte sie auch Raaz kennen. Mit ihm zusammen hat sie im Bereich der Grundlagenforschung Mechanismen zur Entstehung eines Bauchaortenaneurysmas aufgeklärt. Ein Aneurysma ist eine Gefäßerweiterung einer Arterie. Sehr häufig tritt es im Bauchraum auf – an der Bauchaorta. Reißt durch eine zu große Ausbuchtung die Gefäßwand, so kann es zu lebensbedrohlichen inneren Blutungen kommen. Ein bis zwei von hundert Menschen haben solch ein Aortenaneurysma – meist, ohne es zu wissen. Das Forscherteam machte beim Ultraschall von Mäusen nun eine Zufallsbeobachtung, die sie sich nicht erklären konnten: Das Gewebe der Ausbuchtung war nicht wie erwartet weich und beweglich, sondern eher hart. Die klassische Frage, die daraus in den meisten Fällen resultieren würde, wäre: Warum reißt das Aneurysma? Doch Schellinger und Raaz fragten stattdessen: Warum wächst es überhaupt? Und so war die Grundlage für eine andere Sichtweise geschaffen, auf der neue Erkenntnisse gewonnen wurden, die wegweisend für die Zukunft sein können.

Zurück in Deutschland gründete sie im vergangenen Jahr zusammen mit Raaz das Start-up ‚Angiolutions‘, mit dem die beiden von der Grundlagenforschung nun in prä klinische Studien übergehen und – so diese Studien in den kommenden Jahren erfolgreich sind – in einigen Jahren den ersten klinischen Einsatz am Patienten planen. Für den Firmensitz wählte das Start-upTeam den neuen SNIC-Accelerator in Göttingen. Neben den beiden Anteilseignern Schellinger und Raaz gehören inzwischen noch weitere Mitarbeiter dazu. „Es ist mir wichtig, in Deutschland unsere Forschungen weiter voranzutreiben, denn ich möchte damit auch gern etwas zurück geben an dieses Land, welches mir durch Stipendien und die Möglichkeit zu studieren so viele Chancen eröffnet hat“, sagt die gebürtige Nürnbergerin, Kind einer iranischen Mutter und eines deutschen Vaters.

Sie ist auch der Universität Stanford dankbar, die bei der Patentierung eine so große Unterstützung war, aber Deutschland ist und bleibt ihre Heimat. Ein Start-up hier zu gründen, war deshalb die logische Folge. Nun geht es darum, dieses Forschungsergebnis so weiterzuführen, dass ein für den Markt taugliches Produkt entwickelt werden kann. „Wir werden in einem nächsten Schritt Untersuchungen an Tieren durchführen, deren Kreislaufsystem dem unseren am ähnlichsten ist: an Schweinen“, erzählt die Forscherin. Was auf die Gründer zukommt, ist eine harte Zeit mit neuen Herausforderungen – unter anderem die immensen Kosten, die sich nur über ein Unternehmen tragen lassen, dass in näherer Zukunft auch Gewinne einfahren wird. Dafür brauchen und suchen sie permanent Unterstützer aus Forschung und Wirtschaft, die an sie glauben.

,10 years of hard work will make you look like an overnight success‘ – ein Zitat, welches Isabel Schellinger vor Kurzem von Twitter-Gründer Biz Stone gelesen hat. „Ich finde, dieser Spruch beschreibt sehr gut, was Erfolg ausmacht und wie er im Gegensatz dazu von außen wahrgenommen genommen wird“, so die junge Ärztin, und doch kann man einen Erfolg nicht allein mit harter Arbeit begründen. „Der faktor Glück wird viel zu oft unterschätzt. Es gibt Menschen, die viel und schwer arbeiten, und dann werden sie beispielsweise krank. Ich habe in meinem Leben sehr viel Glück gehabt.“ Das führt sie auch darauf zurück, dass sie in Deutschland geboren wurde – und nicht zu vergessen, dass sie als Einzelkind in einem akademischen Haushalt viel Zuwendung und Aufmerksamkeit bekam.

Sie ist dankbar für alles und scheint fast ein wenig demütig, wenn sie über die vielen anderen Erfolge in ihrem Leben lieber das Schweigen hängt: 2012 gehörte sie als eines der besten Talente zu den Absolventen der Bayerischen EliteAkademie und wurde mit einer anspruchsvollen Zusatzausbildung gefördert, die sie auf Führungsaufgaben in der Wirtschaft vorbereitete. Für ihr Medizinstudium erhielt sie ein Stipendium der Konrad- Adenauer-Stiftung, und im vergangenen Jahr wurde sie mit dem Rainer-Greger-Promotionspreis der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie e.V. (DGFN) ausgezeichnet. Es könnte jedoch sein, dass das Leben in der Forschung dieser ansonsten sehr selbstbewussten jungen Frau zu dieser zurückhaltenden Lebenseinstellung beigetragen hat. „Bei unserer Forschungsarbeit konnte ich sehr gut meine Frustrationstoleranz testen“, sagt sie. Man lernt Bescheidenheit, wenn mindestens genauso viele Untersuchungen schiefgehen wie gelingen. Und es bedarf einer hohen Motivation, dann weiterzumachen. „Doch selbst im tiefsten aller Täler habe ich nie die Sinnhaftigkeit meiner Arbeit infrage gestellt. Spätestens dann, wenn ich am Nullpunkt bin, hilft es mir, an die Menschen zu denken, denen ich mit meiner Arbeit helfen kann.“ Das ist eine Erfahrung, die schon viele vor ihr machten oder machen mussten. In der Forschung wird es immer wieder nie enden wollende Durststrecken und Geduldsproben geben.

Aus diesem Grund haben Raaz und sie für ihre Studenten in Standford auch einen ,CV of Failure‘ – einen Lebenslauf, der eine Liste all ihrer Fehler und ihres Scheiterns umfasst – aufgesetzt, um zu zeigen, dass das Scheitern genauso zum Leben gehört wie der Erfolg, den man jedoch nie erzwingen kann. Besonders die Menschen in Israel bewundert die Wissenschaftlerin für ihren innovativen Geist. Bei ihrem Aufenthalt dort im letzten Winter erlebte sie hautnah, wie dieses Land eine Lebensart kultiviert, wonach es nichts Größeres gibt, als selbst ein Unternehmen zu gründen. Und auch wenn sie scheitern, dann wächst der Erfahrungsschatz und es geht weiter. Diesen ungebrochenen Unternehmergeist vermisst sie ein wenig in Deutschland. Die Deutschen seien – auch im Gegensatz zum Silicon Valley – eher noch zurückhaltend und versuchen, Fehler zu vermeiden, anstatt sie dankbar als Chance zum Wachsen anzunehmen.

„Viele, die unseren Erfolgsweg sehen, sagen: Das musste doch so kommen“, sagt Schellinger. Der Forschungsaufenthalt in Stanford, eine neuartige Erfindung, die bisheriges Denken in der kardiovaskulären Medizin neu ausgerichtet hat, der Preis, die Start-up Gründung. Das alles klingt nach einer logischen Folge von Ereignissen. „Aber nein! Es hätte in jeder Situation eine andere Entscheidung getroffen werden können, und dann wäre alles anders gelaufen. Auch das hat wieder viel mit Glück zu tun.“ Sie lacht erneut auf und erzählt weiter. Die Interviewsituation scheint sie nicht zu stressen. Eher wirkt es wie ein angeregtes Gespräch unter Freunden. Isabel Schellinger ist unkonventionell. Jung. Sie ist, wie sie ist. Es ist immer noch unerträglich heiß, und so sitzt sie barfuß im halben Schneidersitz auf ihrem Stuhl, trinkt zwischendurch stilles Wasser.

Für sie war es kein gerader und schon gar kein einfacher Weg. Nachdem das Team in Stanford erfolgreich die Grundlagenforschung abgeschlossen hatte, sollten die Ergebnisse in einem Paper veröffentlicht werden. Am Ende dauerte es ein ganzes Jahr, bis sie tatsächlich veröffentlichen durften. Das Problem waren die kontroversen Thesen, die sie darin aufgestellten hatten. Sie gingen gegen viele Paradigmen. „Es war schwierig, die Leute von der Richtigkeit zu überzeugen. Immer wieder wollten sie neue Laborwerte vorgelegt bekommen, und jedes Mal hatte wir die Hoffnung – jetzt!?“, sagt Schellinger und erinnert sich an eine zermürbende Zeit. Doch ihre Ausdauer hat sich bezahlt gemacht: Im kommenden Jahr werden eben diese Forschungsergebnisse auch in Lehrbüchern publiziert. Das erfüllt sie mit Stolz.

Isabel Schellinger ist zuversichtlich und gespannt, wie es in den nächsten Jahren weitergehen wird. Langweilig dürfte ihr in nächster Zeit nicht werden. Ob sie denn manchmal Angst vor der Zukunft habe? „Eigentlich nicht. Wir haben mit unserem Start-up im Moment so etwas wie Welpenschutz“, sagt sie mit einem Zwinkern. „Und es gibt so unglaublich tolle Menschen, die uns bei unserem Projekt unterstützen, ohne dass sie einen direkten Nutzen oder Vorteil davon haben werden. Sie tun dies, weil sie an uns glauben.“ Auch das ist vielleicht ein wenig mit Glück verbunden. The right place, the right time. Doch es liegt auch der Verdacht nahe, dass sie mit ihrer offenen und so freundlichen Art, wie sie auf andere Menschen zugeht, diese eben zwangsläufig auch anzieht. Sie handelt oft intuitiv und hat immer mit Leuten ge arbeitet, bei denen sie ein gutes Bauchgefühl hatte. Das war in ihrem ersten Labor in Erlangen so, später in Stanford und an ihrem jetzigen Wohnort Göttingen ist es nicht anders. „Ich glaube, wir passen hier ganz gut hin.“ Aber vielleicht geht es auch noch weiter. Auf ihrem Fenster sims im Büro steht ein handsigniertes Buch von Visionär und Tesla-Chef Elon Musk mit der persönlichen Widmung: „See you on mars.“