©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

Ramona Weiß-Weber bringt als neue Geschäftsführerin frischen Wind in die alten Gemäuer bei Vandenhoeck & Ruprecht. Wie schon die erste Frau im Verlag vor 270 Jahren, die Witwe des Gründers Anna Vandenhoeck, schreibt sie die Erfolgsgeschichte des Unternehmens fort.

Wenn Ramona Weiß-Weber ihren noch relativ neuen Arbeitsplatz in der Theaterstraße 13 betritt, strahlen ihr an der Fassade täglich große goldene Lettern entgegen: Vandenhoeck & Ruprecht. Die Arbeit in der ­historischen Verlagsvilla ist für sie ein besonderes Erlebnis. Kein Wunder, denn seit ihrer Kindheit ist sie der Bücherwelt verfallen: Aufgewachsen im 34.000 Einwohner zählenden Radebeul nahe Dresden, waren Bücher für die heran­wachsende DDR-Bürgerin der Inbegriff von Freiheit. „Sehr oft ging ich in den Buchladen an der Ecke und holte mir mein kleines Stück der großen Welt dort ab“, erzählt die heute 56-Jährige und erinnert sich an ihre damals – dank der „Überraschungstüten“ ihres Buchhändlers – stetig wachsende Bibliothek. Bücher waren für sie damit seit frühester Jugend wesentlich. So ist es nur folgerichtig, dass Weiß-Weber Jahre später in der Buchwelt Karriere macht.

Als Tochter eines Brauereiinhabers – in der DDR gleichbedeutend mit der Brandmarkung als Kapitalist – war es der belesenen Schülerin versagt, das gewünschte geisteswissenschaftliche Studium ­aufzunehmen. Stattdessen diplomierte sie an der Leipziger Universität als Drucktechnikerin, in der DDR-Terminologie ,Polygraphin‘ genannt. Eine Qualifikation, die ihr 2016 einmal mehr dienlich war, als sie die Geschäftsführung der Göttinger Druckerei Hubert & Co. übernahm.

Seit einem Vierteljahr leitet Ramona Weiß-Weber nun die Geschäfte von Vandenhoeck & Ruprecht. Sie ist für die Bereiche Lektorat, Marketing und Herstellung verantwortlich, Co-Geschäftsführer Steffen Bohne trägt die kaufmännische Verantwortung. Sie bekleidet diesen Posten zusätzlich zur Geschäftsführung der ebenfalls zur Un­ternehmensgruppe gehörenden Druckerei Hubert & Co., die den wesentlichen Teil der Bücher des Verlags druckt. Die beiden Unternehmen sind in ihren Abläufen eng miteinander verzahnt.

„Mit Hubert & Co. verbindet uns ein über Jahrzehnte gewachsenes, tiefes Miteinander“, erzählt Weiß-Weber. Dass beide Firmen in Göttingen ansässig sind und sich so gut kennen, ist für die Geschäftsführerin ein Vorteil. In Doppelfunktion für Verlag und Druckerei tätig zu sein, lässt sie erkennen, welche Produktion wo am besten aufgehoben ist. „Bei Hubert & Co. haben wir die Zeichen der Zeit erkannt und in Digitaldrucktechnik investiert – denn die Auflagen werden immer kleiner bei gleichbleibendem Qualitätsanspruch an die Ausstattung von Büchern.“ Dafür wurde der zuletzt weniger nachgefragte Offsetdruck aufgegeben, der nun mit einem Kooperationspartner umgesetzt wird.

Weiß-Weber übernimmt das Ruder in stürmischen Zeiten. Denn natürlich kommt man auch in einem Verlagshaus nicht um das allgegenwärtige Thema der Corona-Krise herum. Der wissenschaftliche Verlag, der seit seiner Gründung vor 285 Jahren eng mit der ­benachbarten und im selben Jahr entstandenen ­Georg-August-Universität verbunden ist, spürt die Auswirkungen. Während allerdings Unternehmen anderer Branchen um ihre Existenz fürchten, blickt man bei Vandenhoeck & Ruprecht auf eine positive Entwicklung. Durch die coronabedingten Veränderungen, wie die umfassende Umstellung auf onlinebasierte Lehrwerke und digitale Verfügbarkeit von Bibliotheken, erhielten die digitalen Produkte und die eLibrary des Verlags verstärkte Aufmerksamkeit.

Weiß-Weber sieht ihre Aufgabe dabei vor allem darin, Synergien zu erkennen und zu nutzen. Seit ihrem Einstieg in das Unternehmen erlebt sie im Detail, wie die Arbeitsbereiche der gut 80 Mitarbeiter der Verlagsgruppe ineinandergreifen. „Diese Einblicke nutze ich, um einen standort- und bereichsübergreifenden, systematischen Austausch zu fördern“, sagt die überzeugte Netzwerkerin.

Eine auf Empathie setzende Strategie, die Ramona Weiß-Weber genauso nach außen vertritt. So freut sie sich, wenn es gelegentlich zu informellem, kollegialem Gedankenaustausch mit anderen Göttinger Verlegerinnen und Verlegern kommt. Auf der Basis dieser wertvollen internen und externen Erkenntnisgewinne will die neue Geschäftsführerin das bewährte Verlagsprogramm umsichtig weiterentwickeln, um weiterhin mit an der Spitze des sich rasant verändernden Markts zu stehen.

Während in der Wirtschaft alle vom Digitalisierungsbedarf sprechen, praktizieren die Verlage bereits seit Jahren einen tief greifenden Digitalisierungsprozess. „Auch wir als wissenschaftlicher Verlag befinden uns in einem andauernden Wandel. Ständig ändert sich das ,Miteinander der Medien‘. Das kann jeder leicht an seiner eigenen Mediennutzung nachvollziehen“, sagt die Branchenexpertin und hat dabei ein ganz persönliches Beispiel im Sinn: Denn wenn sie sich selbst einmal die Zeit zum Lesen nimmt, dann liest sie meist „auf Vorrat“ für ihre Enkelin vor. Dann lebt sie das von ihr propagierte ,Miteinander der Medien‘, indem sie ein analoges Buch zur Hand nimmt und den vorgelesenen Text für die Toniebox (ein für Kinder konzipiertes Tonabspielgerät) ihrer in Dublin lebenden Enkelin aufzeichnet. Die Vierjährige kann dann beim Zubettgehen den Geschichten lauschen, die ihre Oma in Deutschland für sie vorgelesen hat, und dabei einschlummern. Auf diese Weise geht der Tag einem angenehmen Ende entgegen, für Klein und Groß, digital und analog, vor Ort und in der Ferne.

Das Zusammenspiel der verschiedenen Medien bestimmt den Arbeitsalltag von Weiß-Weber ganz besonders. Bei diesem Modernisierungsprozess spielen vor allem die Autoren eine wichtige Rolle: Auch sie müssen auf die Weiterentwicklung der digitalen Angebote und die sich stetig ändernden Anforderungen der Mediennutzer reagieren, um eine zeitgemäße, technologisch und wirtschaftlich sinnvolle Umsetzung ihrer Werke zu ermöglichen. Durch die Fokussierung auf anspruchsvolle Wissenschafts- und Fachliteratur und die digitale Verfügbarkeit aller Titel kann der Verlag stets relevante neueste Erkenntnisse publizieren, unabhängig von den sich ändernden medialen Präferenzen der Leser. Das gilt für alle geisteswissenschaftlichen Disziplinen gleichermaßen, ob Psychologie und Psychotherapie, Theologie, Geschichte, Pädagogik und Fortbildung oder Genderforschung.

Was den Umgang mit tief greifenden Veränderungen betrifft, ob medial, kulturell oder gesellschaftlich, ist das Verlagshaus Vandenhoeck & Ruprecht ohnehin sprichwörtlich mit allen Wassern gewaschen. Seit der Gründung im Jahr 1735, als Bach, Händel und Vivaldi unvergessliche Meisterwerke der Musik schufen, hat der Göttinger Traditionsverlag viele Neuerungen, besondere Momente, schwere Zeiten und neue Aufbrüche erlebt.

Dabei legt Vandenhoeck & Ruprecht seit inzwischen sieben Generationen auf seine Rolle als unabhängiges Familienunternehmen stets großen Wert – und das ist in einer Branche, die zunehmend auf die Konzentra­tion in Medienkonzernen setzt und Masse statt Klasse verlangt, nicht einfach. Ein wichtiger Anker für diese Identifikation ist das stadtbildprägende Verlagshaus in der Theaterstraße.

„Häufig entsteht in diesem geschichtsträchtigen Haus eine jahrzehntelange Partnerschaft zwischen Verlag und Autor“, berichtet Ramona Weiß-Weber. Denn als sie in ihrer sächsischen Heimat mit einem früheren Nachbarn über ihre neue berufliche Herausforderung sprach, erzählte dieser, dass seine eigene Dissertation bei Vandenhoeck & Ruprecht verlegt wurde. „Er geriet über die intensive persönliche Betreuung durch die Verlagsmit­arbeiter geradezu ins Schwärmen“, schildert Weiß-Weber diesen für sie ebenso überraschenden wie erfreulichen Gesprächsverlauf. „Denn genau so müssen wir doch arbeiten: Autoren und Kunden müssen unsere Leidenschaft fürs Verlegen spüren!“ So freut sie sich über den immer noch bestehenden Kontakt zwischen ihrem Verlag und ihrem ehemaligen Nachbarn und insbesondere darüber, dass dies kein Einzelfall im Hause Vandenhoeck & Ruprecht ist.

In eben solchen Geschichten erlebt Ramona Weiß-Weber, wie ihre Philosophie zur Realität wird. Während sie bei Vandenhoeck & Ruprecht am Beginn einer neuen und herausfordernden Aufgabe steht, betont sie die Werte, die mit der Geschichte des Verlags verbunden sind. „Der historische Wahlspruch ,bona fide!‘ als Ausdruck des Vertrauens ins Gute ist für mich im selben Maße eine Verpflichtung, wie die, das Traditionshaus stets am Puls der Zeit orientiert weiterzuentwickeln“, so die Geschäftsführerin, die allein im Jahr 2020 rund 550 neue Titel ins Programm aufnahm. 12.000 Titel sind übrigens insgesamt lieferbar, die meisten auch in einer E-Variante.

Bei der Vielfalt der Aufgaben ist frei verfügbare Zeit für Weiß-Weber eine Seltenheit. „Ich betrachte mich auch nach über vier Jahren nach wie vor als Neugöttingerin“, erzählt sie. „Daher ist es für mich und meinen Lebensgefährten immer eine große Freude, Land und Leute mit dem Rad zu erkunden.“ Besonders in der Zeit des ersten Corona-Lockdowns habe sie beispielsweise das wunderbare Weserbergland kennengelernt. „Die unvergleichliche Umgebung und Schönheit der Natur gibt mir die Kraft, die ich für den Alltag brauche.“ Und in der kalten Jahreszeit genießt Weiß-Weber es, dann und wann in einem Buch zu schmökern – zum Beispiel von ihrer Lieblingsautorin Zeruya Shalev – und sich dabei ein gutes Glas Wein zu gönnen.

Auch wenn es bedeutet, auf Hobbys weitgehend zu verzichten, so schließt sich für manche Menschen mit der Leidenschaft für den Beruf ein logischer, erfüllender Kreislauf des Lebens. Mit der Übernahme der Geschäftsführung des Verlags schließen sich für Ramona Weiß-­Weber gleich mehrere Kreise: Mit ihrer aus der technischen Ausbildung stammenden analytischen und prozessorientierten Herangehensweise hält sie den Verlag mit ihrer vernetzenden und menschlichen Art auf einem erfolgs­orientierten Zukunftskurs, der „auch künftig den wissenschaftlichen Diskurs prägen soll“.

Wer Ramona Weiß-Weber kennenlernt, der merkt an ihrer zugewandten, authentischen und lebendigen Art sehr schnell, dass hier zusammenkommt, was zusammen­gehört: die Leidenschaft eines Menschen für die seit fast drei Jahrhunderten bestehende Begeisterung, wertvolles Wissen zu verbreiten.