Der Unaufgeregte

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sebastian König

faktor besucht Öko-,Legende‘ Jürgen Trittin in Berlin – ein Mann, der große ,grüne‘ Spuren hinterlassen hat.  

Leichte Nervosität macht sich breit auf dem Weg zum Jakob-Kaiser-Haus, dem Bürositz vieler Bundestagsabgeordneter in Berlin. Schließlich sitzt man nicht jeden Tag einem gestandenen Bundespolitiker wie Jürgen Trittin gegenüber. Die Gedanken kreisen um eine der prägendsten Persönlichkeiten von Bündnis 90/Die Grünen, die vielen Führungspositionen und Entscheidungen, die er mitgestaltet hat. Irgendwo zwischen doppelter Staatsbürgerschaft und Kyoto-Protokoll unterbricht eine krächzende Lautsprecherstimme die Gedanken: „Ausweise bitte!“

Die Sicherheitskontrolle an der Pforte ähnelt der am Flughafen. Dahinter wartet Trittins Mitarbeiterin und weist den Weg. Der Puls schnellt hoch, und dann geht die Bürotür auf. Und mit einem Schlag wird klar: Die Aufregung war völlig umsonst.

Mit seiner sofort spürbaren, ruhigen Art nimmt Trittin seinem Gegenüber jede Scheu. Sein ca. zwölf Quadratmeter kleines Büro bietet gerade mal Platz für seinen Schreibtisch, einen Schrank und einen ,Konferenztisch‘ mit vier Plätzen. Nach etwas Smalltalk geht es zu einer Podiumsdiskussion mit Teilnehmern aus 30 verschiedenen Nationen.

Auf dem Fußweg über den Hinterhof des Reichstages gibt Trittin routiniert den Fremdenführer. Am Sitzungssaal angekommen, bemerkt er: „Wir sind überpünktlich.“ Pünktlichkeit? Wie hält er es damit? „Ich bemühe mich, und eigentlich gelingt es mir ganz gut.“ Unpünktlich sind heute die Zuhörer. Die Gruppe wartet noch an der Sicherheitsschleuse. Dank Sommerpause nehmen alle die Verspätung gelassen. Auch Trittin nickt entspannt, als um eine Verlängerung von zehn Minuten gebeten wird. „In einer Sitzungswoche würde das Team jetzt langsam unruhig werden“, sagen die Mitarbeiter. Denn dann sind die Terminplaner prall gefüllt.

Bei der auf Englisch geführten Diskussion ist Trittin als dritter Referent an der Reihe. Während die anderen sprechen, lehnt er sich des Öfteren weit im Sessel zurück und blickt an die Decke. Fast entsteht der Eindruck, er sei abwesend. Aber weit gefehlt. Kaum ist er dran, lehnt er sich blitzschnell nach vorn und beginnt seinen Vortrag. Während er mit sorgfältig gewählten Worten seine Sicht auf die deutsche Außenpolitik darlegt, sucht er ununterbrochen den Augenkontakt zu den Zuhörern. Seine zentrale Forderung ist die Stärkung der UN. Dieser verleiht er symbolisch mit erhobener Faust den nötigen Nachdruck. Nach einer kurzen Fragerunde endet die Diskussion.

Aus zehn sind 20 Minuten Verlängerung geworden. Daher verliert Trittin trotz Sommerpause keine Zeit. Durch die Tunnel unter dem Regierungsviertel geht es schnellen Schrittes voran. Nur für einige der Kunstwerke zeitgenössischer Künstler nimmt er sich Zeit. Fast schon mit glühender Begeisterung zeigt er das Kunstwerk des französischen Künstlers Christian Boltansk. Die rostigen, aufeinandergestapelten Metallboxen stehen für die frei gewählten Reichstagsund Bundestagsabgeordneten aus der Weimarer Republik bis 1998. „Da ist Herr Trittin, dort Philipp Scheidemann und da hinten Adolf Hitler – hier hat der Künstler keine Unterschiede bei der Gesinnung gemacht.“ Trittins Meinung dazu: „Auf diesen historischen Widersprüchlichkeiten basiert die Demokratie im wiedervereinten Deutschland.“

Zurück im Abgeordnetenbüro stimmt der Terminplan offenbar wieder, und es ist Zeit für Fragen. Trittin sitzt entspannt – die Beine übereinander geschlagen – am ,Konferenztisch‘ und genießt seinen Cappuccino. Mit inzwischen 62 Jahren blickt er auf Vieles gelassener. „Als Tennisspieler kann ich irgendwann die Becker‘sche Hechtrolle nicht mehr zeigen, aber durch Erfahrung weiß ich, wo der Ball hinkommt und muss gar nicht hechten. Man steht schon bereit.“ Er tue immer noch die gleichen Dinge wie am Anfang, nur dank seiner Erfahrung entspannter. Sein täglicher Antrieb ist das Interesse daran, wie sich eine Gesellschaft entwickelt und selber organisiert. Dabei möchte er nicht nur Beobachter sein, sondern mitgestalten. Dass er und seine Partei wieder regieren wollen, ist für ihn logisch: „Eine politische Partei, die nicht regieren will, gibt sich auf.“ Angesichts der AfD und der Renaissance der FDP hält er andere Mehrheiten als die einer Großen Koalition aber für schwierig. Wie es auf der Regierungsbank läuft, hat Trittin während seiner Zeit als Umweltminister gelernt: „Nur weil man eine Mehrheit im Bundestag hat und gewisse Punkte im Koalitionsvertrag stehen, hat man noch nichts gewonnen.“ Jede einzelne Frage müsse gegen zum Teil mächtige, lobbystarke Interessen durchgesetzt werden. „Man ist in der Regierung, aber nicht allein an der Macht.“

Innerhalb der Grünen lässt sich Trittin aufgrund seiner Erfahrungen und Ämter eine gewisse ,Sichtbarkeit‘ zuschreiben. „Wenn ich eine bestimmte Meinung in einem Punkt habe, kann ich mir leichter Gehör verschaffen als ein neu gewählter Kollege.“ Diese Position bringe aber auch eine große Verantwortung mit sich. „Eine kontroverse Meinung würde ich nicht unbedingt einfach rausbrüllen, sondern sie erst einmal in der Partei und Fraktion diskutieren.“ Chefgehabe komme in seiner Partei ohnehin schlecht an. Die Grünen sieht er als Partei ausgesuchter Individuen mit unterschiedlichen Meinungen, die alle erwünscht seien. „Wir praktizieren keinen Kadaver-Gehorsam und ziehen trotzdem an einem Strang.“ Damit wechselt das Gespräch von Berlin nach Göttingen.

Wirtschaftlich sieht Trittin für Südniedersachsen ein großes Problem: „Das Wohlergehen der Region hängt von der Universität Göttingen ab, weshalb der Exzellenzstatus wichtig ist.“ Sorgen macht er sich zudem wegen der Fallpauschalen. So übernehme die Universitätsmedizin eine breite Basisversorgung, der sich andere Kliniken durch Spezialisierung entledigt hätten. Deshalb müssten der Uni-Klinik andere Tarife zugestanden werden. „Mehr Leistung muss auch besser bezahlt werden.“ Eine weitere Herausforderung sei das große Gefälle im neuen Landkreis Göttingen-Osterode. Kritisch sieht er die Sogwirkung des Oberzentrums Göttingen. „Es macht keinen Sinn, hier alles zu konzentrieren.“ Dem ließe sich mit einer Stärkung der Mobilität außerhalb Göttingens entgegenwirken. „Die Menschen müssen zu annehmbaren Preisen und zeitlich flexibler auch aus Hann. Münden nach Duderstadt kommen. Deshalb brauchen wir das 5-Euro-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr im Kreis.“ Zum kontroversen Thema ,Windräder im Binnenland‘ hat er eine klare Meinung: „Die Räder funktionieren in Dransfeld genauso wie in Haren Ems.“ In Haren Ems gäbe es Ärger, wenn das Windrad nicht kommt, in Dransfeld, wenn es kommt. „Warum wir in Südniedersachsen so zögerlich sind, die Vorteile mitzunehmen, die Emsländer und Ostfriesen schon lange genießen, verstehe ich nicht.“

Und wie steht es um das Privatleben von Jürgen Trittin? Darüber macht er nicht viele Worte. Noch nie hat er eine ,Homestory‘ über sich zugelassen. „Ich habe gesehen, was mit Leuten passiert, die das anders machen.“ Das schwerwiegendste Beispiel sei der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff. Er selbst ziehe einen klaren Trennstrich zwischen Politik und Privatleben. Er ist ein „notorischer Wanderer“, läuft viel und fährt gern Fahrrad – z. B. rund um den Göttinger Kiessee – soviel verrät Trittin doch. „Zudem bemühe ich mich, ein guter Koch zu sein.“

Lachen kann er besonders gut über den Billy-Wilder-Film ,Eins, Zwei, Drei‘, die ,heute show‘ und auch über sich selbst. Zu seinem unfreiwilligen Bad in der Werra im Rahmen einer Kanutour 2013 sagt er grinsend: „Ab diesem Zeitpunkt hätten wir den Bundestagswahlkampf beenden können – da war klar, wir gehen baden.“ Weniger zum Lachen sei ihm, wenn es um politische Verleumdungen geht. So dichten ihm rechte Gruppierungen immer wieder folgenden Satz an: „Deutschland verschwindet jeden Tag immer mehr, und das finde ich einfach großartig.“ Gesagt hat er ihn nie und ging deshalb gerichtlich und mit Erfolg dagegen vor. Ein juristisches Nachspiel hatte auch ein Foto in der ,Bild‘. Trittin hatte in Göttingen an einer Demonstration teilgenommen, an der sich auch autonome Gruppen beteiligten. Durch einen geschickten Zuschnitt eines Fotos wurde aus einem Dachgepäckträger ein Bolzenschneider und aus einem Seil ein Schlagstock jeweils in der Hand eines Autonomen. Diese Montage der ,Bild‘ schaffte es sogar bis in das Haus der Geschichte in Bonn – in eine Ausstellung über Fälschungen.

Nach dem Ende des Gesprächs schwingt sich Trittin für die Fotos noch auf das Dach – im Hintergrund die Reichstagskuppel. Es ist windig, aber als gebürtiger Bremer hat er kein Problem damit. Dann flugs zurück zum Büro. Trittin hat noch ein Problem zu lösen, seine defekte Festplatte muss getauscht werden, bevor ein Telefonat zum Thema Brexit ansteht. Für uns heißt es derweil Sachen packen, verabschieden und zur Pforte. Hier gibt es die Ausweise zurück, und schon stehen wir mehr oder weniger allein im strahlenden Sonnenschein mit Blick auf den Reichstag. Was bleibt, ist die Frage: Ist es die Erfahrung oder die Sommerpause, die Jürgen Trittin so souverän und entspannt auftreten ließ?

 

„Schönreden hilft nicht“

Jürgen Trittin über Rente, Klimawandel und Rassismus

Rente mit 69: Was halten Sie davon?

„Diskussionen um eine weitere Anhebung des Rentenalters halte ich für verlogen. Es geht ausschließlich um die Absenkung des Rentenniveaus. Wir müssten aber vielmehr an einem breiteren und stabileren Beitragsaufkommen arbeiten. Dafür brauchen wir eine Bürgerversicherung, in die alle einzahlen – Selbständige, Ärzte, Rechtsanwälte und Beamte.“

Klimawandel: Ist unser Planet noch zu retten?

„Mit dem Pariser Abkommen haben wir uns einen Rahmen gesetzt, der es uns erlaubt, die Probleme in den Griff zu bekommen. Allerdings hinken die Europäer und insbesondere die Deutschen, die lange führend im Klimaschutz waren, bei der Umsetzung hinterher. Deutschland wird seine Klimaziele, Stand jetzt, nicht erreichen. Es gilt also, sich an die eigene Nase zu fassen. Wir brauchen mehr Einsparungen bei der Gebäudeenergie, das mindert unsere Gasimporte. Es müssen endlich die Dieselsubventionierungen abgeschafft und die Überkapazitäten beim Strom abgebaut werden. Wir brauchen mehr Elektromobilität und weniger Kohlekraftwerke.“

Was lässt Sie in der Politik richtig aus der Haut fahren?

„Rassismus und menschenverachtende Einstellungen. Da darf man keine falsche Toleranz zeigen. Die Menschen, die da in Dresden für Pegida demonstrieren, haben keine Ängste, die predigen Hass und Ausgrenzung. Schönreden hilft da nicht.“