Die Direkte

© Entscheider Medien GmbH
Text von: redaktion

Die Fotografin und Pulitzerpreisträgerin Anja Niedringhaus hat in Göttingen ihr Handwerk erlernt und kommt als Gast zur 4. faktor-Business-Lounge.

Bagdad im November 2003. Anja Niedringhaus überredet ein paar Kollegen, zu einer offiziellen Thanksgiving-Feier mit US-Soldaten mitzukommen. Ihr kommt die Gelegenheit, Truthahn zu essen gerade recht, sie hat nämlich die Nase voll von Kebab. Die routinierte Kriegsfotografin wundert sich über die vielen Sicherheitsposten in dem Gebäude. Als sie und die Journalisten gegessen haben und gehen wollen, dürfen sie nicht mehr raus, die Türen sind verschlossen. Als Anja Niedringhaus dann noch einen riesigen Truthahn auf einem Tablett sieht, ahnt sie intuitiv, dass gleich etwas Unvorhergesehenes passiert. Dann taucht überraschend George W. Bush auf der Feier auf, streng geheim unter großen Sicherheitsvorkehrungen eingeflogen. Als er sich schließlich das Tablett mit dem Truthahn schnappt, drückt Anja Niedringhaus ungläubig auf den Auslöser. Anschließend telefoniert sie mit einem Kollegen und erzählt ihm, was gerade passiert ist. Der fragt sie: „Was hast Du denn getrunken?“ Das Foto (siehe nächste Seite) wird gedruckt und geht um die Welt.

Außer ihr hat das Bild keiner gemacht. Das Bild mit Bush und dem Truthahn ist eines der bekanntesten Fotos der Kriegsfotografin, die seit fünf Jahren für die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) arbeitet. Die gebürtige Westfälin, die in Göttingen das professionelle Fotografieren erlernt hat, lebt heute in Genf und im nordhessischen Kaufungen. Viele ihrer Bilder vom Balkan und aus dem Irak haben sich in unser Gedächtnis gebohrt und wurden mit zahlreichen Preisen – u.a. dem Fuji European Press Award – bedacht.

Der Höhepunkt: Als erste deutsche Frau erhält sie 2005 zusammen mit neun AP-Kollegen den Pulitzerpreis für ihre Fotoberichterstattung aus dem Irak. Angefangen hat alles mit einem Freund ihrer Eltern, der Chefredakteur vom Westfalenblatt in Höxter war und gerne fotografierte. Er nimmt die Heranwachsende gelegentlich mit zu Terminen und leiht ihr seine Kamera. Das Virus erfasst sie. „Bei mir ist, seit dem ich zwölf bin, nichts anderes im Kopf: Ich wollte fotografieren“, sagt sie heute.

Diese Verbissenheit zeigt sie bei ihrem ersten Auftrag Jahre später für die Neue Westfälische Zeitung. Um diese Chance nicht zu verspielen, fährt Anja Niedringhaus, gerade einmal 17 Jahre alt, ohne Führerschein mit dem Redak tionsauto ins 30 Kilometer entfernte Bad Driburg. Vor lauter Aufregung, von der Polizei ertappt zu werden, vergisst sie, das Blitzlichtgerät mitzunehmen. Es klappt auch so – das Foto gelingt, und erwischt wird sie auch nicht. Dann kommt sie 1986 nach Göttingen, um Germanistik, Philosophie und Journalismus zu studieren. Nebenbei schreibt sie für das Göttinger Tageblatt (GT), fotografieren darf sie nicht. Immer wieder legt sie „unaufgefordert“ Fotos vor, die aber nie gedruckt werden. Ihre große Stunde kommt, als sie sich bei einer Schulbesetzung an der Absperrung vorbeimogelt und sich mit zahlreichen Fotos in die Redaktion zurückkämpft. Diese zeigt sie Hermann Hillebrecht, damals Chef vom Dienst, der die bereits fertige Seite umwirft und all ihre Bilder ins Blatt bringt. Noch an dem Abend erhält sie einen Mitarbeiter- Ausweis für die Bildredaktion. „Vorher war es ambitionierte Knipserei, nun wurde es richtig professionell“, erinnert sie sich. In dieser Anfangszeit lernt sie viel von Ingo Bulla, damals Fotochef beim GT. Nach sechs Jahren als freie Mitarbeiterin beim GT zieht es sie weiter. Die Bildagentur epa holt sie als Fotografin – als erste Frau wird sie fest angestellt.

Nach zwei Jahren Sport- und Gesellschaftsfotografie wird sie in den gerade begonnenen Krieg in Jugoslawien geschickt. Es fasziniert sie, sie macht weiter, obwohl ihr Job gefährlich ist. Sie wird mehrfach beschossen – ein Schuss streift ihre Jeans. Bei einer Demonstration gegen Slobodan Milosewicz in Belgrad fährt ein Polizeifahrzeug in die Menge – Niedringhaus wird verletzt, als das Auto über ihr Bein fährt.

In anderen Situationen sterben Menschen vor ihren Augen, darunter Kinder, einige sogar in ihren Armen. Trotzdem erstarrt sie nicht vor Angst. „Ich bin mir der Gefahr bewusst, sie ist aber nicht ständig präsent“, erklärt sie. Es gab Situationen, in denen sie Angst hatte: in Sarajewo, im Kosovo und im irakischen Falludscha, wo 60 Prozent der US-Einheit, die sie begleitete, umgekommen sind. „Trotzdem rechne ich nicht jeden Moment damit, zu sterben.“

„Ich verarbeite das Erlebte direkt – als Dialog zwischen mir und der Kamera.“ Sie erzählt von einer Szene, wo eine Granate ein voll besetztes Auto getroffen hat. „Da klebte dann eine ganze Familie an den Resten der Autoscheiben“, erinnert sie sich. Widerwillig geht sie näher ran, aber sie denkt: „Du musst das fotografieren.“ Die letzten Meter ist sie nur noch mit der Kamera vor den Augen gegangen, um die Strecke zu schaffen. „Die Kamera ist immer auch ein Schutz.“ Ohne diese wäre sie nervös. Obwohl Anja Niedringhaus viel Leid gesehen hat, stumpft sie nicht ab – im Gegenteil: „Je mehr Leid ich sehe, desto mehr geht es mir unter die Haut.“ Bei Horrorszenen im Fernsehen schaltet sie weg.

Viele Dinge, die sie früher gemacht habe, würde die heute 42-Jährige nicht mehr machen, erzählt sie. Sie weiß, dass sie einen großen Schutzengel hat. Aufgrund ihrer Erfahrungen wägt sie besonnener ab, ob es sich für eine Geschichte lohnt, den Kopf zu riskieren. „Ich mache meine Fotos nur, um der restlichen Welt zu zeigen, was passiert.“ Anja Niedringhaus kennt dabei die Grenzen ihrer Möglichkeiten. „Ich weiß, dass ich keine Kriege beenden oder verhindern kann.“ Bestenfalls könnten ihre Fotos dafür sorgen, dass Hilfsgüter mobilisiert oder Politiker sensibilisiert werden. Sie macht Fotos nicht um jeden Preis, sondern um Menschen zu helfen – nicht nur mit der Kamera. In Sarajewo habe sie mehrfach mit Kollegen Verletzte ins Krankenhaus gefahren und kehrte dann ohne Foto zurück. Ohne Fotos kommt sie auch zurück, wenn sie unerwünscht ist – in intimen Momenten wie auf einer Beerdigung. „Ich bin kein Paparazzi!“ Sie ist eher eine Künstlerin, die wenig Wert legt auf Inszenierung. Anja Niedringhaus fotografiert direkt und achtet sehr auf Details. Sie „hasst“ Blitzgeräte und lehnt es ab, mit Licht zu manipulieren.

Die im Interview sehr direkte Fotografin arbeitet hart in einer „reinen Männergesellschaft“. Längst Teil dieser Gesellschaft – ertappt sich der kinderlose Single, dabei, über Kolleginnen mit Kamera zu denken: „Was macht die denn hier?“ Der Job ist nicht nur hart, sondern auch zeitintensiv. Anja Niedringhaus ist sechs bis sieben Monate im Jahr beruflich unterwegs. Nach unserem Telefonat geht es am nächsten Abend nach Frankfurt weiter, Tage später für vier Wochen nach Israel. Der Rastlosen bleibt wenig Zeit zum Durchatmen. Nachdem sie den Pulitzerpreis bekommen hatte, nahm die Rastlose ein Stipendium in Harvard an und genoss die Zeit, um sich zu erholen und über die Zukunft nachzudenken. Trotzdem hat sie keine Zweifel an ihrer Mission – dem Fotografieren: „Ich hätte nichts Anderes machen wollen.“

Ab und zu fotografiert Anja Niedringhaus mal nicht Krieg und Krisen, sondern Sport: Dann ist sie beim Tennis in Wimbledon, bei der Leichtathletik oder beim Fußball. Ist das für sie ein Ausgleich? „Es gibt nicht nur Krieg auf der Welt!“, antwortet sie ganz selbstverständlich. „Es gibt auch Sport und viele andere schöne Sachen.“ Vor allem an der Leichtathletik gefällt ihr, dass es keine Diskussionen gibt. „Der erste, der über die Ziellinie kommt, gewinnt.“ Sie schätzt besonders die Anspannung, vor allem beim Start: „Ich bin nervös wie derjenige, der Gold gewinnen möchte.“

Anja Niedringhaus, 1965 in Höxter geboren, wurde im Alter von zwölf Jahren mit dem Fotografie- Virus infiziert. Professionell erlernt hat sie es beim Göttinger Tageblatt. 1999 erhält sie den Fuji European Press Award und 2005 den Pulitzerpreis für ihre Berichterstattung aus dem Irak. Anja Niedringhaus wird als Gast der 4. faktor-Business-Lounge am 4. Februar 2008 aus ihrem Leben als Kriegsfotografin erzählen. Eine Dauerausstellung mit ihren Fotos findet sich im Frankfurter Museum für Moderne Kunst sowie in Göttingen in der Kanzlei der Rechtsanwälte Dr. Bodenburg, Zilian und Werk.Text: MARCO BÖHME Foto: ANJA NIEDRINGHAUS/AP