Zwischen Hoffen und Bangen

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: redaktion

Wie dramatisch der War for Talents in Südniedersachsen ist, darüber sprach faktor mit Bernt R.A. Sierke von der Privaten Hochschule Göttingen (PFH) und Martin Renker von Sycor.

Herr Professor Sierke, Herr Renker, wie empfinden Sie die militärische Umschreibung „War for Talents“ – ist der Wettbewerb um Fach- und Führungskräfte wirklich schon ein Krieg?

Renker: Tatsächlich ist der War for Talents ein Thema, von dem auch die Sycor betroffen ist. Wobei wir in bestimmten Unternehmensbereichen eher Probleme haben, erfahrene Fach- und Führungskräfte zu bekommen.

Sierke: Die Situation in Südniedersachsen ist besonders dramatisch. Den demografischen faktor gibt es zwar überall, doch entwickelt sich hier die Alterspyramide in ein extremes Ungleichgewicht. Es gibt eine überdurchschnittliche Zunahme der über 60-Jährigen, wenig Infrastruktur und eine große Abwanderung ausgebildeter junger Menschen, die nicht in der Region gehalten werden können. Für den Landkreis sehen die Prognosen noch schlechter aus.

Welche Ansatzpunkte gibt es, dieser Bevölkerungsentwicklung zu begegnen?

Sierke: Das kommt ganz darauf an, welche Gruppe von potenziellem Nachwuchs man betrachtet. Insgesamt kann man ihn in drei Segmente aufteilen: 1. Junge Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, 2. Menschen, die hier ihre Ausbildung machen oder studieren und womöglich bleiben sowie 3. Menschen, die wir mit hohem Aufwand versuchen, in die Region zu bekommen. Sie bereiten die größten Schwierigkeiten, denn sie sind die teuersten, und die Fluktuation ist in dieser Gruppe am größten.

Renker: Gerade bei dieser dritten Gruppe schwanken wir zwischen Hoffen und Bangen. Denn auch wir stellen immer wieder fest, dass Arbeitnehmer nicht extra wegen Sycor nach Südniedersachsen ziehen möchten. Wir haben deswegen bereits angefangen, attraktive Standorte direkt anzugehen. Niederlassungen in Hamburg, Wiesbaden und Stuttgart bestehen bereits, weitere sind in Planung.

Sierke: Mitarbeiter von außerhalb zu rekrutieren, ist vor allem deshalb schwierig, weil diese hier noch nicht in ein soziales Umfeld eingebunden sind. Wenn sich bei ihnen der erste positive Eindruck vom Einstellungsgespräch und der Region nicht bestätigt, sind sie ganz schnell wieder weg.

Aber was genau ist der Grund für die Zurückhaltung, den Lebensmittelpunkt nach Südniedersachsen zu verlegen?

Sierke:Südniedersachsen kann nicht mit den Metropolen Deutschlands mithalten. Wir haben zwar hervorragende Unternehmen, können aber damit den War for Talents nicht gewinnen.

Renker: Ja, da stimme ich Ihnen zu. Insbesondere für unsere Branche ist der Arbeitsmarkt in der Region zu klein. Menschen, die durch einen Jobwechsel ihre Aufstiegschancen verbessern wollen, haben kaum Möglichkeiten, ortsnah einen alternativen Arbeitgeber zu finden. Das ist ein eindeutiger Standortnachteil.

Sierke: Dennoch muss ich für die Region eine Lanze brechen. Zwar ist es am Anfang schwierig, die Menschen hierher zu bekommen. Wenn sie sich aber eingerichtet haben und die Priorität Familie und Kinder heißt, dann ist die Attraktivität von Südniedersachsen größer als die der Metropolen.

Wann sollte ein Unternehmen denn anfangen, sich um Nachwuchs zu kümmern?

Sierke: Eigentlich ist der Idealpunkt die Vernetzung mit der Schule, um Studierwillige kennenzulernen. Ein guter Tipp: spätestens kurz vor der Immatrikulation. Wer als Unternehmer glaubt, sich beim Abschlussball die Bachelors herausfischen zu können, der kommt zu spät. Vor allem weil bei der PFH auch überregionale Unternehmen um gute Bewerber konkurrieren.

Renker: Eigentlich kann man sich nicht früh genug bemühen. Aber für kleine Unternehmen ist es zugegebenermaßen schwierig, Studierende zu erreichen.

Sierke: Ja, das geht nur mit Programmen, die von der Hochschule koordiniert werden. Mit unserem Projekt PRAXISStudieren bieten wir bei der PFH praxisintegrierte Management-Studiengänge für BWL, die Unternehmen eine bedarfsorientierte Ausbildung junger Talente ermöglichen. Eine andere Möglichkeit bietet z.B. die HAWK mit einem Praxisverbund im handwerklichen Bereich.

Was tun Sie konkret, um die bereits hier ansässigen jungen Menschen zu erreichen?

Renker: Wir versuchen, bereits während der Ausbildung eine Unternehmensmarke zu setzen: beispielsweise durch Kooperationen mit dem Hainberg- und dem Max-Planck-Gymnasium in Göttingen. Und selbstverständlich sind wir auch im universitären Bereich aktiv, u.a. durch Teilnahme an der PraxisBörse und dem Angebot von Traineeprogrammen.

Sierke: Die erste Gruppe, also Menschen, die hier aufwachsen, haben für ein Unternehmen das größte Potenzial. Sie sind bereits in einem sozialen Umfeld verankert und kennen die Vorzüge der Region. Die Unternehmen können ihrerseits schon früh für sich werben und ihre Unternehmensidentität vermitteln. Die Menschen, die erst zum Studieren nach Göttingen kommen, sind bereits teurer, und sie verlangen ein attraktives Angebot.

Renker: Was aber auch in Ordnung ist. Wir finden, es lohnt sich, in junges Fachpersonal zu investieren. Denn mit zunehmender Berufserfahrung werden sie unsere Führungskräfte von morgen.

Doch es wird immer weniger Nachwuchs geben. Wie gehen Sie damit um?

Sierke: Von den verhältnismäßig wenigen Menschen müssen wir uns zunehmend darum kümmern, dass zum einen junge Damen in technische Studiengänge kommen und dass zum anderen Menschen mit Migrationshintergrund auch vernünftige Startbedingungen bekommen durch gute Sprachkenntnisse und echte Integration. Und, so schrecklich der Begriff „bildungsfern“ auch klingt, wir müssen diese Schichten wieder für das Lernen begeistern. Dabei würde es helfen, Lernen mit Wissbegierde statt mit Pauken gleichzusetzen.

Renker: Momentan leistet es sich die Politik leider, die Bildung von Kindern und Jugendlichen zur Sache der Eltern zu erklären, wodurch viel Potenzial ungenutzt bleibt.

Sierke: Sozial- und Leistungsstipendien sind daher ein ganz wichtiger Baustein, um begabte Menschen zu fördern und ihnen Bildung zu ermöglichen. Aber auch die Region ist gefordert, Schüler für das Lernen zu begeistern.

Welche Rolle spielt die Bildungspolitik?

Renker: Bildungspolitik spielt für eine Gesellschaft immer eine große Rolle. Die Betriebe brauchen qualifizierte Arbeitnehmer, die eigenständig arbeiten können. Mit der Einführung des Bologna-Prozesses ist allerdings manchmal der Eindruck entstanden, als sei das Studium lediglich zu einer Verlängerung der Schulzeit geworden. Selbstorganisation und Eigenverantwortung bei der Gestaltung des eigenen Studiums scheinen durch enge Vorgaben nicht mehr so stark gefordert zu sein wie früher. Man wird sehen, wie sich das auswirkt.

Sierke: Wir dürfen Bachelor-Ausbildungen nicht so gestalten, dass Studierende aus Freiheitsverlust sich nicht mehr alleine organisieren können. In der PFH halten wir z.B. mit Praxisprojekten und Fallstudien entgegen, um eigenständige Ideen zu fördern.

Was tun Sie konkret, um Beschäftigte zu fördern?

Renker: Wir haben ein Traineeprogramm für Berufseinsteiger, ein Nachwuchskräfteprogramm, um Mitarbeiter zu „Leuchttürmen“ zu machen, und ein allgemeines internes Schulungsprogramm für alle Mitarbeiter. Auch Seniorberater als Mentoren sind bei uns ein Thema.

Sierke: Zum einen qualifizieren wir mit berufsbegleitenden Angeboten eigene Mitarbeiter zur Führungsebene. Zum anderen bieten wir mit unseren Fernstudiengängen eine gute Möglichkeit, die Fachkompetenz von Arbeitnehmern zu fördern. Dabei orientieren wir uns soweit möglich an dem Bedarf auch regionaler Unternehmen.

Herr Sierke, wie sieht denn Ihr Kontakt zu hiesigen Firmen aus?

Sierke: Wir haben in unserer kurzen Historie anfangs mit internationalen Unternehmen gearbeitet. Aber wir haben gemerkt, dass die KMU gefragt haben: „Seid ihr denn auch für uns da?“ Wir wollen für alle da sein und haben bereits eine Fülle von Projekten mit mittelständischen Unternehmen und Praxisprojekte mit Unternehmen in der Region. Zum Beispiel das Zentrum für Entrepreneurship, das Praxisprojekte mit Professoren umsetzt. Grundsätzlich sind wir offen für jeden Kontakt seitens der Wirtschaft, unabhängig von der Betriebsgröße.

Herr Renker, was ist neben der Fort- und Weiterbildung noch wichtig, um Mitarbeiter an sich zu binden?

Renker: Ein enorm wichtiger faktor dabei ist die Unternehmenskultur, die wir so gestalten müssen, dass ein Mitarbeiter gerne eine wichtige Zeit seines Lebens am Arbeitsplatz verbringt. Dazu zählt unter anderem eine flexible Arbeitszeit wie etwa Teilzeit während der Familienphase, eine Kinderkrippe, vor allem aber auch Partizipation und Wertschätzung. Sycor bietet neuerdings sogar Arbeitszeitkonten für Berater an – eine Besonderheit in dieser Branche.

Eine Schlussfrage: Abseits von Bildungsund Unternehmenspolitik, was sehen Sie noch für Möglichkeiten, die Attraktivität des Standorts Südniedersachsen zu steigern?

Renker: Ich finde z.B. die Initiative GeniusGöttingen wichtig für die Region. Als jemand, der in Kassel wohnt, halte ich es jedoch auch für sinnvoll, dass Südniedersachsen und Nordhessen über die Werra hinaus denken und sich gemeinsam als Herz Deutschlands definieren. Der ICE braucht schließlich nur 18 Minuten zwischen Kassel und Göttingen.

Sierke: Ja, und leider engagieren sich hessische Arbeitgeber nicht an niedersächsischen Hochschulen. Dabei wäre eine Kooperation zwischen Nordhessen und Südniedersachsen eine echte Bereicherung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führten Marco Böhme und Claudia Klaft

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Zu den Personen

Martin Renker, Jahrgang 1967, wuchs in Wolfsburg auf und lebt in Kassel. Sein Berufsleben begann er bei VW mit einer Berufsausbildung zum Elektroniker. Nach einem anschließenden Jurastudium in Bochum arbeitete er dort selbständig als Rechtsanwalt und Berater für Personalmanagementthemen in mitbestimmten Unternehmen. Seit mehreren Jahren ist Renker als Dozent des Studiengangs Personalmanagement an der Management School der Universität Kassel, der UNIKIMS, tätig. Im Oktober 2007 übernahm er verantwortlich den Bereich Personal der Sycor GmbH.

Bernt R. A. Sierke wurde 1959 in Göttingen geboren. Nach seinem BWL-Studium an der Georgia Augusta mit anschließender Promotion arbeitete er als Unternehmensberater und Lehrbeauftragter. Sierke ist Gründungs- und Mitgesellschafter der GFL gGmbH, Trägergesellschaft der PFH Private Hochschule Göttingen, und dort seit 1998 Professor für BWL. 1999 wurde er zum Präsidenten der PFH gewählt. Zudem ist er u.a. Vorstandssprecher einer national tätigen IT-Aktiengesellschaft, Geschäftsführer eines Consulting-Unternehmens und Herausgeber verschiedener Managementbücher..