Zwischen den Welten

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Christian Vogelbein

Markus Werner und Philipp Ballhausen stehen zwischen Master-Studium und eigenem Unternehmen. Ihre Firma cpm systems sorgt derweil für Ordnung – nicht nur im Leben der beiden Gründer.

Ihre Büros in den Räumen der PFH, der Privaten  Hochschule Göttingen, nennen Markus  Werner und Philipp Ballhausen (Foto, v.l.)  gern ihren ,Brutkasten‘. Die praktischen  Großraumzimmer mit WLAN und Kaffee-Flatrate  sind so etwas wie die Keimzelle der Göttinger  Start-up-Szene. Nachbarn wie die Yourcar-Gründer  haben es vorgemacht, jetzt wollen auch die beiden  Informatikstudenten so richtig durchstarten.  Mit Verwaltungssoftware für Schulen und Universität  machen sie sich derzeit in der Region einen  Namen. Bald wollen sie die Bits und Bytes auch für  Privatkunden tanzen lassen – und sich nach und  nach von der Nabelschnur der Gründerszene trennen.  Auf den Bildschirmen ihrer Computer reihen  sich bekannte Buchstaben und Zahlen in komplizierter  Reihenfolge aneinander. Im Hintergrund  malen sie an großen Whiteboards ihre Ideen auf,  streichen wieder etwas durch, streiten, diskutieren,  erfinden. Wenn sie über das reden, was sie tun, fällt  mindestens in jedem zweiten Nebensatz das Wort  ,Leidenschaft‘.  Noch füllen sie mit ihrem Können Bedarfslücken.  Die Konkurrenz in Göttingen ist klein, die  Projekte dafür umso größer.

Ihr erstes Projekt: eine Lernmittelverwaltungssoftware für das Gymnasium,  in dem die beiden gebürtigen Duderstädter ihr Abitur gemacht haben. Die aktuelle und größte  Software versorgt 18.000 Studenten der Uni  Göttingen und hilft dabei, den Vorlesungs- und  Prüfungsplan zu managen. Lösungen entstehen aus  eigenen Problemsituationen; den Studienalltag zu  vereinfachen gehört dazu.  Denn nicht erst seit der Umstellung auf Bachelor und  Master-Studiengänge ist das Studium komplizierter  geworden. Vorlesungen und Kurse müssen  Semester für Semester geplant und miteinander  kombiniert werden. Ein kleiner Planungsfehler  kann schnell dazu führen, dass ein Semester drangehängt  werden muss. Zwar gibt es zahlreiche  Anleitungen und Planer dafür, die Software der  Göttinger Unternehmer verbindet sich jedoch problemlos  mit dem unieigenen System und greift dabei  gezielt auf die persönlichen Datenbanken zu.

„Das macht es schon ziemlich einfach“, sagt Philipp.  Denn der Schlüssel ist die einfache Bedienung:  „Die Oberfläche zeigt, welche Module noch fehlen  und welche bestanden wurden, welche ich noch  brauche und was zu viel ist“, erklärt Philipp und  streicht mit schnellen Mausbewegungen über den Desktop.

Die Nutzeroberfläche ist einfach zu  verstehen und doch voller Informationen. UI und  UX heißt die Arbeit dahinter – die virtuelle Welt:  User Interface und User Experience. Dafür braucht  es nicht nur einen geschickten Umgang mit der  Programmiersprache, sondern auch ein Gefühl für  Optik und Intuition. „Wenn es darum geht, Entscheidungen  herbeizuführen, haben wir hier sicherlich  die größten Diskussionspunkte“, erzählt Markus  und beschreibt lebhaft das Ringen und Zerren bei  den vielen Entscheidungsprozessen vor Whiteboard  und 1.000-Zeilen-Code.  Mit ihrem Unternehmen cpm systems – was laut  Aussage der beiden Gründer sowohl für ,Code manufaktur:  Philipp Markus‘ als auch für ,Currywurst  und Pommes mit Mayo‘ steht – haben sie sich einen  Traum erfüllt.

Schon 2010 gegründet, ist die  Firma erst seit Kurzem wirklich am Markt und die  beiden Jungunternehmer intensiv und in Vollzeit  beschäftigt. Komplett durchstarten können sie allerdings  noch nicht. Beide wollen, können und  müssen in diesem Jahr noch ihr Master studium der  Wirtschaftsinformatik an der Universität Göttingen  beenden, ehe es richtig los geht. Und dann sind  da noch diese Zweifel …  Klar: Wer jung ist und eine intensive Ausbildung  genossen hat, ist auf dem Arbeitsmarkt gefragt.

„Wir wären dumm, wenn wir nicht manchmal darüber  nachdenken würden, uns einfach bei einem  großen Unternehmen zu bewerben und all das hier  aufzugeben“, sagt Markus ganz offen.

Klar sei aber  auch, dass sich die beiden Wahl-Göttinger bewusst  dafür entschieden haben, etwas Eigenes auf die  Beine zu stellen und ihr ganz eigenes Ding durchziehen  wollen. Nicht nur, weil das Geschäft in der IT-Branche sehr schnelllebig ist und die beiden  noch am Anfang ihrer Karriere stehen, gibt es noch  keinen klassischen Fünf-Jahres-Plan. Es komme  halt auch oft vor, dass gewohnte Arbeitsabläufe der  digitalen Welt an der analogen Welt scheitern. „Vor  allem Entscheidungsprozesse großer Unternehmen  oder Institutionen ziehen sich oft sehr lange hin“,  erklärt Philipp. Diese Zeit gilt es, mit Geduld und  Geld zu überbrücken.  Noch gelingt dies, vor allem durch das geringe  Risiko dank Start-up-Szene, niedrigen Mietkosten  und Hilfe aus den eigenen Reihen.

Für die Zukunft  – wenn aus dem Gründernest gefallen – planen die  zwei aber schon.

„Wir wollen unsere Leistung vor  allem auch privaten Unternehmen anbieten“, sagt  Phillipp. Auch auf reine Verwaltungssoftware wollen  sie sich nicht mehr festlegen. „Wir machen  alles.“

Die Zukunft ist offen. Für Markus und Philipp  ist Göttingen der ideale Nährboden für ihre Ideen.  Ob am Ende auch etwas Größeres daraus keimt,  entscheidet ganz allein ihr Einsatz und Mut.

Gründungsförderung

Bei der Anlaufstelle für Existenzgründer  der Uni Göttingen erhalten Interessierte  eine fundierte Erstberatung für ihre  Gründung und einen Fahrplan, der die  Themenfelder von der Rechtsformwahl bis  zu den Fördermöglichkeiten strukturiert.  Tel. 0551 3920822  www.uni-goettingen.de/de/1279.html