Anja Niedringhaus © Picture Alliance/Associated Press
Text von: Wolfgang Braun

Fünf Jahre nach ihrem Tod wird die Fotografin Anja Niedringhaus vielfach geehrt: mit Ausstellungen, einem Fotopreis und einem Doku-Drama im ZDF. faktor besuchte den idyllischen Hof in Kaufungen, wo die Pulitzer-Preisträgerin mit ihrer Schwester und der Familie lebte – und einen Ausgleich zum Schrecken des Krieges fand. Eine Bilderreise auf den Spuren eines aufregenden Lebens

Ihre Fotos sind weltweit bekannt, ihr Name dagegen eher weniger. Denn die Fotojournalistin Anja Niedringhaus wurde lange nur unter dem Kürzel AP der Nachrichtenagentur Associated Press veröffentlicht, in den frühen Jahren wurde ihr Name häufig gar nicht gedruckt. Eines ihrer bekanntesten Fotos ist das des lachenden George W. Bush, als er bei einem Überraschungsbesuch bei den US-Truppen im November 2003 in Bagdad den Soldaten zu Thanks­giving einen knusprigen Truthahn serviert.

Anja Niedringhaus, die in Höxter geboren wurde und aufwuchs, arbeitete an den Brennpunkten dieser Welt. So in vielen militärischen Auseinandersetzungen, dem Balkankrieg, im Irak, in Libyen, Israel und Palästina und vor allem in Afghanistan. Aber auch bei sport­lichen Großereignissen wie den Olympischen Spielen, Leichtathletik-Weltmeisterschaften und jährlich beim Tennisturnier in Wimbledon. Auf der Titelseite der New York Times erschien am 4. April 2014 ein AP-Foto von ihr aus dem afghanischen Präsidentschaftswahlkampf. Aber nur einen Tag später war an der gleichen Stelle ihr eigenes Porträt zu sehen – mit der Meldung, Anja Niedringhaus sei getötet worden. Weltweit löste diese Nachricht Bestürzung aus. Auch fünf Jahre danach ist sie unvergessen.

So war die Pulitzerpreisträgerin in der Ausstellung ,Fotografinnen an der Front‘ vertreten, die von März bis Juni dieses Jahres im Kunstpalast Düsseldorf zu sehen war. Dort ausschließlich mit Schwarzweißdrucken. Zur gleichen Zeit ehrte das Käthe-Kollwitz-Museum Köln sie mit einer groß angelegten Einzelausstellung, in der ihre Bilder in Farbe gezeigt wurden. „Anja Niedringhaus war durch und durch Fotojournalistin“, sagt die renommierte Autorin und Fotografin Sonya Winterberg, die als Kuratorin der Ausstellung in Köln wirkte. In Farbe wurde Anja Niedringhaus‘ Berichterstattung weltweit verbreitet, und mit Farbfotos hat sie den Pulitzerpreis gewonnen. „Wir haben deshalb in Köln großen Wert darauf gelegt, Anjas Bilder der Öffentlichkeit in Farbe zu präsentieren“, erzählt Winterberg. Darstellungen von Kriegsgeschehen in Schwarzweiß bergen nach Ansicht von Kritikern die Gefahr, tödliches Geschehen zu ästhetisieren.

Sonya Winterberg arbeitet derzeit mit ihrem Ehemann Yury im Auftrag der Berliner Ziegler Film an einem Doku-Drama für das ZDF, das den Lebensweg von Anja Niedringhaus nachspürt. Die beiden haben bereits viel beachtete Filme über Käthe Kollwitz, den Ersten Weltkrieg und zuletzt über Medizinversuche in Auschwitz produziert. Ein wichtiger Schauplatz im Film, dessen Sendetermin noch nicht feststeht, wird die nordhessische Gemeinde Kaufungen sein. Hier hatte Anja Niedringhaus mit ihrer Schwester Gide das ehemalige Forstamt gekauft und umgebaut. Dies war ihr Zuhause, wie sie immer wieder in Interviews betonte, wenn sie gefragt wurde, wo sie denn von den traumatischen Erlebnissen im Krieg zur Ruhe käme. Der parkähnliche Garten voller Blumen, frei laufende Hofhunde und Katzen, Hühner, die in den Rabatten scharren, ein Pferdestall im Innenhof – ein krasser Kontrast zum Kriegsgebiet. In dieser Atmosphäre findet der vielfach ausgezeichnete Kameramann Jürgen Rehberg gemeinsam mit Sonya und Yuri Winterberg Bilder, um die Stimmungen nachzuempfinden, die das Leben der Fotografin ausgemacht haben.

An der Treppe zu ihrer Wohnung in der ersten Etage hängt ein großes Bild, das sie mit einem offenen, freundlichen, dem Betrachter zugewandten Gesicht zeigt. „Das ist das Foto von Anja, das in der Öffentlichkeit am häufigsten gezeigt wird“, erzählt ihre Schwester Gide, die noch heute auf dem Hof lebt. In den Räumen sieht es genau so aus wie damals, als Anja das Haus verlassen hat, um zu ihrem letzten und tödlichen Einsatz in Afghanistan zu fliegen. In ihrem alten Arbeitszimmer lehnt die Splitterschutzweste aus graubraunem grobem Segeltuch an einer Kommode. Man erkennt die vielen Abnutzungsspuren aus Einsätzen. In der vorderen Tasche steckt noch immer ein Tourniquet-Abbindesystem. Sie hätte es sofort zur Hand gehabt, wenn sie im Einsatz an einer Schlagader getroffen worden wäre. Mehrfach war Anja als Fotografin bei militärischen Einsätzen schwer verletzt worden, so in Sarajevo und in Afghanistan.

In den Regalen stehen akribisch sortiert Hefter mit Negativen, liegen Kameras und andere Foto-Utensilien. Ihre Digitalfotos hat Anja Niedringhaus auf CDs gebrannt und diese ordentlich beschriftet in speziellen Boxen verwahrt, liebevoll Figuren und Mitbringsel von den vielen Reisen in ferne Länder auf den Fensterbrettern arrangiert. Auch ein Archiv aller Zeitungsartikel mit Bildern aus ihren Einsätzen als Fotojournalistin ist hier zu finden, das Anja einst für eine spätere Verwendung angelegt hatte.

 

„Wenn ich das normale Leben in Kaufungen nicht kennen
würde, würde ich den Krieg als normal empfinden.“
Anja Niedringhaus

 

Auf einem Board über der Tür zum Wohnzimmer stehen unter anderem ein Nussknacker, Kopien von antiken Büsten und eine Statue von Maria mit dem Kind  – und zuletzt in dieser Reihe ein Schrumpfkopf. Das Auffällige an dieser vollkommen disparaten Figurengruppe ist die formvollendete, geschwungene Linie, die sie bildet. Dieser intuitive Sinn für Komposition prägte auch viele ihrer Fotos. Im Bücherregal findet sich auch ein Fotobuch von Ingo Bulla mit dem Titel ,Kontakte‘. Früher arbeitete dieser beim Göttinger Tageblatt und nahm dort die junge Kollegin von 1987 bis 1990 unter seine Fittiche. „Ingo Bulla habe ich am meisten zu verdanken“, sagte Niedringhaus 2001 in einem Interview. Das Göttinger Tageblatt war ihr Sprungbrett zu einer Anstellung bei der Europäischen Presseagentur (EPA). 2002 ging sie dann zu AP und war ganz oben auf der Karriereleiter angelangt.

„In den Wochen, in denen sie hier war, war sie ganz selbstverständlich ein Teil meiner Familie, die sie auch als die ihre angesehen hat. Ihre eigene Küche hat sie nie genutzt, sie hat immer mit uns zusammen gegessen“, erzählt Gide Niedringhaus. Sie hatten viele gemeinsame Freunde. War die eine eingeladen, kam die andere immer wie selbstverständlich mit. „Meine Kinder hat Anja wie ihre eigenen behandelt.“ Sie habe dann in ihrem Büro stundenlang am Archiv gearbeitet und neue Einsätze vorbereitet. „Sie war immer online“, erinnert sich ihre Schwester Gide heute. Was Anja an den Fronten erlebt hatte, davon habe sie nie viel erzählt. „Mit Sicherheit waren da tiefe Narben, sowohl körperlich als auch seelisch.“

In Kaufungen konnte und wollte Anja auftanken. Ihr Zuhause, wie sie es in Interviews und gegenüber Freunden stets bezeichnete, das Leben mit ihrer Schwester und mit ihren Neffen und Nichten, die „Normalität“, wie sie es selbst nannte, war für sie ein existentieller Ausgleich zu den in den Kriegen erlebten Schrecken und Gräueln. „Wenn ich dieses Zuhause nicht hätte, dann wäre es ganz unmöglich, mein Leben so zu gestalten, wie ich es tue“, sagt Anja vor einigen Jahren gegenüber Journalisten auf die Frage, wie sie das alles „verdauen“ könne, was sie bei den Kriegseinsätzen erlebe. „Wenn ich dieses normale Leben in Kaufungen nicht kennen würde, würde ich den Krieg als normal empfinden.“ Daneben war es die Sportfotografie, bei der sie die Seele wieder ein wenig von dem Erlebten befreien konnte.

Anja wuchs als mittlere von drei Schwestern in Höxter auf. Mit ihrer jüngsten Schwester, der eineinhalb Jahre jüngeren Gide, hat sie über Jahrzehnte in einem gemeinsamen Haushalt zusammengelebt. „Als wir Kinder waren, hat unsere Mutter uns stets wie Zwillinge gekleidet“, sagt Gide. „Wie eng unser Leben verbunden war, habe ich bitter erfahren, als Anja erschossen wurde. Da habe ich gemerkt, wie allein man plötzlich im Leben sein kann.“ Für Gide sei es „eine innere Verpflichtung und Herzensangelegenheit“, alles so zu bewahren, was ihre Schwester in jahrelanger Arbeit an diesem Ort hinterlassen hat. Deshalb setzt sie sich mit vielen engen Freunden von Anja dafür ein, mit der Stiftung, deren Gründung ihre Mutter und die ältere Schwester Elke schon 2016 zugestimmt haben, das Lebenswerk von Anja Niedringhaus international weiterleben zu lassen. So wie es Sonya und Yury Winterberg bei ihrer Arbeit an einer Biografie über das Leben von Anja und an dem Doku-Drama bereits konnten.

Bei ihren Recherchen, so Sonya Winterberg, hätte sie die Familie von Anja Niedringhaus rückhaltlos unterstützt. Als besonders wertvoll hat sich heraus­gestellt, dass sie das von der Fotografin selbst angelegte Archiv in ihrer Kaufunger Wohnung uneingeschränkt einsehen konnten. „Was wir hier in dieser einzigartigen authentischen Zusammenstellung vorfinden, ist für die Aufarbeitung ihres Lebenswerkes ungeheuer wertvoll und erlaubt uns daher auch einen einzigartigen Einblick in die Persönlichkeit der Fotografin“, erläutert die Regisseurin. „Diese Einsichten helfen uns sehr bei unserem Bemühen, ihrem Leben und Wirken so nah wie möglich zu kommen.“ Der Film soll insbesondere die Ent­wicklung von Anja Niedringhaus als Fotografin zeigen: ­„Anfangs war sie bestrebt, eine gute, wenn nicht die beste Fotografin zu werden. Sie war ehrgeizig“, ­erzählt Winterberg. „Als der Balkankrieg ausbrach, hoffte sie, ­vielleicht in einer Art jugendlichen ­Hybris das eine Foto machen zu können, das den Krieg beenden würde. ­Später änderte sie ihre Maxime und sagte: ‚Wenn ich es nicht fotografiere, wird es nicht bekannt.‘ Darin steckt viel Erkenntnis und ein hoher professioneller Anspruch.“

 

»Wenn ich es nicht fotografiere, wird es nicht bekannt.«
Anja Niedringhaus

 

Wer im Film die Rolle der Fotografin spielen wird, ist derzeit noch geheim. Die Zuschauer dürfen also gespannt sein: Immerhin werden nach der derzeitigen Planung etwa sechzig Prozent der Szenen im Film szenisch-fiktiv gedreht und rund vierzig Prozent dokumentarisch sein. Letzten Endes werde darüber aber erst im Schneideraum entschieden, so Winterberg. Die Regisseurin ist von der Einzigartigkeit Anja Niedringhaus’ überzeugt: „Ich denke, es ist unstrittig, dass sie eine Ausnahmefotografin war.“ Bei EPA war sie die erste Frau, die als Fotograf angestellt wurde, und zudem die jüngste Kollegin. In den annähernd 20 Jahren als Agenturfotografin gelangten ihre Aufnahmen auf die Titel­seiten der Tages- und Wochenpresse in aller Welt. Dabei gab es Zeiten, zu denen ihre Fotos auf drei Viertel aller Tageszeitungen abgedruckt wurden. Schließlich habe sie den Blick in der Kriegsfotografie dauerhaft auf Zivilisten und Opfer gelenkt: „Ihr Blick wandte sich stets dorthin, wo das Leid war, ohne dabei je exhibitionistisch oder reißerisch zu sein.“

Anja Niedringhaus, die sich stets dagegen wehrte, als ,Kriegsfotografin‘ bezeichnet zu werden, sagte selbst in einem Interview: „Ich kann die Schrecken mit einem weichen Foto viel besser zeigen.“ Häufig nimmt sie Zivilisten in Kriegssituationen, vor allem auch Kinder und Frauen, in ihrem Blick. Manchmal auch scheinbar Nebensächliches. So auch auf dem Foto, das sie im November 2004 im Irak gemacht hatte. Niedringhaus gehörte zu den wenigen Journalisten, die ,embedded‘ die Ereignisse ganz nah mitverfolgten. Im Zentrum dieses Bildes steht kein realer Soldat, sondern die Actionfigur ,GI Joe‘. Ein junger Marine hatte sich dieses in den USA beliebte Spielzeug als Glücksbringer auf seinen Tornister geschnallt. Dieses Foto gehört zu einer Serie von Bildern aus dem erbittert umkämpften Falludscha, für die Niedringhaus und ihre AP-Kollegen 2005 mit dem Pulitzerpreis, dem ,Oscar‘ für Journalisten, ausgezeichnet wurden.

Das Bild fängt nur einen Moment ein, erzählt aber weit mehr. Er handelt davon, wie jung und naiv die Soldaten waren, die hier häufig ,verheizt‘ worden seien. Anja Niedringhaus war fasziniert davon, dass „man mit einem Bild eine ganze Geschichte erzählen kann“, wie sie in einem ihrer letzten Interviews erläuterte. Und darin offenbart sich auch ihr großartiges Talent: Sie hatte den Instinkt für den „entscheidenden Moment“, wie es einst der legendäre französische Fotograf Henri ­Cartier-Bresson (1908 - 2004) formulierte. Von ihm stammt auch das Urteil: „Ein gutes Foto ist ein Foto, auf das man länger als eine Sekunde schaut.“ Dieses Kriterium trifft auf viele Bilder von Anja Niedringhaus zu. Der Betrachter kann sich an vielen ihrer Bilder nicht satt­sehen. „Es geht mir bei meiner Arbeit darum, die
Geschichten der Menschen zu erzählen, die in Konfliktzonen ihren Alltag meistern müssen. Ihre Stimmen werden oft vergessen oder ignoriert.“

Eine Einstellung, die nachhaltig wirkt – auch fünf Jahre nach ihrem Tod. Denn seit 2015 wird von der International Women’s Media Foundation (IWMF) der Anja-Niedringhaus-Preis für Mut im Fotojournalismus ausgelobt. Er wird durch eine unmittelbar nach dem Attentat erfolgte Stiftung von einer Million Dollar durch Howard Graham Buffet, den Sohn des Groß­investors, Milliardärs und Mäzens Warren Buffet, ermöglicht. Buffet nannte Niedringhaus bewundernd ein „Vorbild des Fotojournalismus“. Im Jahr 2019 ging der Preis an die philippinische Fotografin Eloisa Lopez – sie dokumentierte das von Präsident Rodrigo Duterte angeordnete Morden im Kampf gegen die Drogenkriminalität. Auch sie folgt einer Maxime von Anja Niedringhaus: „Wenn ich es nicht fotografiere, wird es nicht bekannt.“ Einmal mehr zeigt sich, wie groß und nachhaltig das Erbe dieser mutigen und starken Frau wirkt. ƒ