Zwanzig Prozent bis 2020

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Text von: redaktion

Der Forscher Winfried Weber über die Renaissance der Selbständigkeit und neue Organisationsformen in Unternehmen.

Die Kultur der Selbständigkeit fristet hierzulande ein Schattendasein. Viele haben in ihrem Bekanntenkreis niemanden mehr, der unternehmerisch tätig ist. Und wer sich auf den Weg macht, eine eigene Firma zu gründen, trifft fast nur auf Bedenkenträger. Viele saturierte Länder haben inzwischen unmerklich eine Wirtschaftskultur etabliert, die überwiegend auf Sicherheit und Erhaltung des Status quo zielt. Im Komplexitätszeitalter droht aber den Sicherheitsliebhabern mittelfristig mehr Gefahr als den Risikotoleranten. Wir übersehen völlig, dass unsere vermeintliche Sicherheit eine Folge früherer unternehmerischer Risikofreude ist.

Man glaubt es kaum: Deutschland hatte im Jahr 1930 eine Selbständigkeitsquote von über 40 Prozent. Heute liegt sie bei etwa zehn Prozent. Anfang des 20.Jahrhunderts war es in Mitteleuropa nichts Ungewöhnliches, eine Firma zu gründen. Selbständigkeit war eine Option, die für jeden zweiten bis dritten Erwerbstätigen in Frage kam.

Viele Beschäftigte suchen heute bei der Arbeit nach einem Clubgefühl – man möchte dazugehören. Aber Organisationen brauchen heute immer weniger Mitglieder, die das Clubgefühl pflegen. Charles Handys Feststellung, dass Organisationen heute mehr Organizers als Arbeitgeber sind, deutet auf die weitere Entwicklung hin. Unsere Vorstellung von Organisation deckt sich nicht mehr mit der Wirklichkeit der Organisation. Wir werden wieder lernen müssen, Vollzeitbeschäftigung mit Teilzeitbeschäftigung, Teilzeit-Selbständigkeit oder Vollzeit- Selbständigkeit zu kombinieren.

Joseph A. Schumpeter beschrieb den Unternehmer als Initiator einer schöpferischen Zerstörung, die für wirtschaftliche Fortschritte unabdingbar ist. Unternehmer bewirken Veränderungen, modifizieren Muster und setzen Ideen in der Wirtschaft um. Unternehmer zeichnen sich durch eisernen Willen und große Entschlusskraft aus. Wandel gelingt oft nur dann, wenn besessene Unternehmer mit großer Energie Ressourcen mobilisieren und gegen Widerstände ihre Ideen auf den Markt bringen.

Die Heidelberger Initiative 20prozent e.V. kämpft für einen Stimmungswandel. Selbständigkeit ist für Michael Kroheck, Helge Thomas und ihre Mitstreiter nichts Schlechtes. Die Satzung der Initiative beginnt wie folgt: „Der Verein 20prozent e.V. ist die unabhängige und freiwillige Interessenvertretung sowie der Zusammenschluss von zukunftsorientierten, selbständigen Menschen in Deutschland, die sich zu Unternehmertum und Selbständigkeit sowie der daraus erwachsenden wirtschaftlichen und sozialen Verantwortung bekennen.“ Die Initiative 20prozent setzt, mit anderen Worten, auf die Fähigkeit, sich auf sich selbst zu verlassen.

Wir befinden uns gegenwärtig in einer Phase der Renaissance des Unternehmerischen, in der neue und ungewöhnliche Entscheidungen und Start-ups wichtiger werden. Unternehmer sehen Lücken, die außer Konkurrenz stehen, treffen überraschende Unterscheidungen und versuchen, ihren eigenen Kosmos aufzubauen. Ein gewisser Grad an Subjektivismus, das können wir derzeit auch in den Schwellenländern beobachten, führt zu Innovationen und Wohlstand. „Unternehmer zeichnen sich durch eisernen Willen und große Entschlusskraft aus.“

Dr. Winfried Weber (Foto) ist Professor an der Hochschule Mannheim und lebt in Göttingen. In der nächsten Ausgabe stellt er sein neues Buch „Complicate your life“ vor. Kontakt: weber@winfriedweber.com