Zurück zum Mittelpunkt

© Stephan Pflug
Text von: Carmen Behrens

Noch in diesem Jahr will Sigrid Nienstedt ihre Arbeit im Eichsfeld wieder aufnehmen. Nach mehr als 25 Jahren kehrt die Künstlerin in ihren Geburtsort Krebeck zurück.

Ich sitze in einem großen lichtdurchfluteten Raum, der sich als eine faszinierende Mischung aus Wohn-, Lebens- und Arbeitsraum darstellt: Es ist das Hamburger Atelier der Künstlerin Sigrid Nienstedt.

Ein angenehmer Geruch aus frischen Ölfarben und Firnis dringt in meine Nase. Tief sinke ich in ein breites Sofa ein, und mein Blick wird in jenen Teil des Raumes gelenkt, der das vielseitige Schaffen der Künstlerin offenbart. Zwei große, mehrere kleine Staffeleien, mit teils vollendeten, teils begonnenen Arbeiten, stehen im Atelier. Dicke glitzernde Farbklumpen umhüllen die Ablagebretter der Staffeleien: der untrügerische Verweis, dass hier schon viele Gemälde entstanden sind.

Aus einem Nebenzimmer kommt Sigrid Nienstedt herein. Sie trägt Jeans, ihr dunkles T-Shirt ist mit zitronengelben, leuchtend roten und grünen Farbspritzern übersät. Sie bittet um Nachsicht wegen des überfüllten Ateliers. Einige Ausstellungen ständen bevor, und der Abtransport der Gemälde würde noch ein paar Tage dauern. „Bald habe ich den nötigen Platz“, sagt die Künstlerin und stapelt Malpaletten übereinander. „Dieser Raum hat zwar alle Voraussetzungen für ein gutes Atelier, aber ich kann hier keine Formate, die größer als vier Quadratmeter sind, malen.“

Das wird sich in Krebeck ändern.

Sie erzählt vom neuen Raum mit Bühne, dem ehemaligen Dorfsaal der Gaststätte „Zur Erholung“ in Krebeck. Dieser große hohe Raum wird ab Herbst ihr Arbeitsplatz sein. Nienstedt freut sich sehr auf das neue Atelier, denn sie kennt diesen Saal seit ihrer Jugend. Dort spielte sich noch bis vor einigen Jahren ein großer Teil des Dorflebens ab. „Ich habe da viel gefeiert“, sagt sie. „Legendär waren die Karnevalsveranstaltungen, aber auch die Bälle und Geburtstagsfeiern mit den zahlreichen Gästen sind mir in guter Erinnerung.“

Gefallen findet die Künstlerin auch am Leben im intakten Dorf Krebeck, nachdem sie 30 Jahre in Großstädten wie Braunschweig, Stuttgart, Essen, Köln und Hamburg verbracht hat. Verbunden war sie immer mit Krebeck, das als Mittelpunkt Deutschlands gilt, denn ein kleines Landatelier unterhält sie dort seit Jahren. „In Krebeck finde ich Ruhe, Gelassenheit und kann Kraft schöpfen. Aber auch die abwechslungsreiche Gegend des Eichsfeldes inspiriert mich als Landschaftsmalerin zu immer neuen Ideen.“

Inspiration

Nienstedt bemerkt, dass mein Blick an einer 140 mal 140 Zentimeter großen Platte haften bleibt. Es wird eins ihrer neuen „Goldbilder“. Die Abendsonne scheint durchs Fenster, und das warme Licht, das von der Platte abstrahlt, taucht das Atelier in eine mediterrane Sonnenuntergangsstimmung. „Eine solche Fläche ist doch schon vollkommen und schön“, sagt sie. Eine Landschaft soll auf dem Gold entstehen – soviel verrät die Künstlerin.

Landschaftsdarstellungen durchziehen Sigrid Nienstedts Oeuvre seit dem Studium. Unmittelbar danach entstanden sehr reduzierte Landschaftsbilder, bei denen große monochrome Flächen vorherrschen. Sigrid Nienstedt spricht davon, dass sie sich zu diesem Zeitpunkt malerisch befreit habe. „Ich hatte den Gegenstand verlassen und arbeitete nur noch abstrakt.“ Wenige Jahre hielt sie diese Richtung bei. Dann kehrte sie wieder zur inhaltlichen Bestimmbarkeit und Gegenständlichkeit zurück.

Doch wie entstehen diese für Nienstedt so charakteristischen menschenleeren, neoromantischen „Landstriche“ mit ihren Weiten und Fernsichten? Man könnte annehmen, sie mache es den Künstlern von Barbizone oder Worpswede im 19. Jahrhundert gleich und gehe auf Reisen, um die unmittelbare Naturnähe zu suchen. Doch weit gefehlt. Die Landschaften auf ihren Gemälden sind in dieser Form in der Natur nicht zu finden, sie entspringen der Fantasie. Inspirationen holt sich die Malerin aus Reisekatalogen, Landschaftsbänden, von Postkarten oder Ähnlichem. Überall im Atelier finden sich Stapel von Bildbänden der verschiedensten Regionen unserer Erde. „Ich blättere immer wieder gern durch die Bücher und sehe mir die still daliegenden Naturausschnitte an.“

Emotionaler Moment

Vor dem Malen denkt sie über eine Bildidee nach, die von vornherein von der „normalen Wirklichkeit“ abweicht und eine abstrakte Komponente in sich birgt. „Ich möchte die Realität nicht 1:1 abbilden“, erklärt Nienstedt. „Das interessiert mich nicht. Ich möchte, dass meine Bildmotive einen eigenen Zauber, ihre eigene Magie entwickeln.“

Und diese einmalig surrealen Stimmungen, die ihre Landschaftsgemälde so unverwechselbar und einzigartig machen, werden vorwiegend durch die „krachend lauten Farben“ – so Nienstedt – getragen. Die irrealen Kolorite, die den Himmel mal grün oder gelb oder das Wasser mal rot oder pink erscheinen lassen, rufen beim Betrachter subjektive Empfindungen hervor, die eine Skala von bedrohlich über wundervoll-verträumt bis hin zu kitschig aufweist.

Beim Publikum kommt dieser emotionale Moment an. Viele Privatsammler halten der Künstlerin schon über Jahre die Treue, aber auch in namhaften Firmensammlungen wie die der Deutschen Bank, Dresdner Bank, des ADACs etc. sind ihre Gemälde vertreten.

Für Firmen der Region, wie Otto Bock in Duderstadt oder Refratechnik Cement GmbH in Göttingen, folgte Nienstedt den speziellen Wünschen des Managements und schuf entsprechende Gemälde.

„Eigentlich wollte ich gar nicht Malerin werden“, erklärt Sigrid Nienstedt. Sie wusste zwar, dass sie nach dem Abitur Kunst studieren wollte, war aber stets aufs Zeichnen fixiert. Glücklicherweise entdeckte Ben Willikens, ihr Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig, bei dem sie später Meisterschülerin wurde, schnell ihr Gespür für Farben und förderte es.

Die Sonne verschwindet langsam am Horizont, und das Atelier verfärbt sich in eine den Sommermonaten entsprechende spätabendliche Dunkelheit. Der graue Terrier, der die Künstlerin schon über ein Jahrzehnt lang begleitet, liegt noch immer dösend unter der Staffelei. Es ist sein Lieblingsplatz. Und jetzt verstehe ich, was die Malerin vorhin meinte, als sie davon sprach, dass Gold so vielseitig und so lebendig sei.

Faszination Gold

Die goldene Fläche auf der Staffelei hat nun, während sich der Tag dem Ende neigt, einen ganz anderen Farbton angenommen. Er ist immer noch goldgelb, jedoch um vieles dunkler. Nienstedt sagt, dass Gold sie schon immer fasziniert habe. Sie schwärmt von Ikonen, die sie kürzlich gesehen habe, und erzählt vom Ewigkeitsanspruch dieses Edelmetalls sowie seiner Beständigkeit und Ganzheitlichkeit, weshalb es wohl auch im sakralen Bereich der meisten Kulturen zu finden sei.

Gold und die Motive Nienstedts bilden ein perfektes Arrangement: Beide sind sinnlich. Und das nicht zuletzt, weil die Darstellungen immer in irgendeiner Form idealisiert bzw. klassisch überhöht sind. Die vollendeten „Goldbilder“, die überall im Atelier verteilt sind, machen deutlich, wie die Künstlerin arbeitet. „Ich binde den funkelnden Untergrund in mein Motiv ein, sodass er mal Fluss, mal Himmel, mal Weg, mal aufblitzende Lichter oder Ähnliches wird.“

Mittlerweile ist es auch still geworden im Atelier. Selbst die Vögel, die sie in der großen Voliere hält, sind verstummt. Lediglich die Pumpen der Aquarien, mit den karibisch farbenfrohen Fischen darin, surren leise.

Impuls

Warum Sigrid Nienstedt auch Tiere malt, ist in diesem Ambiente nur allzu verständlich. Euphorisch mit strahlenden Augen erzählt sie mir, wie langsam sich das Sujet seit Mitte der neunziger Jahre in ihrem Oeuvre entwickelt hat. „Mit der Tierdarstellung bin ich auch einem Impuls gefolgt. Ich suchte einen Gegenpol zum Landschaftsbild. Die Projektionsfläche ‚Tier’ bietet mir eine Auseinandersetzung mit dem Leben an sich und dem Sein. Denn für mich drückt das Tier das in einer reinen Form aus.“

Während die Künstlerin von ihren Erfahrungen mit einigen Mitmenschen berichtet, deren Leben sehr komplex ist, die oft nur verschiedene Rollen in unterschiedlichen Situationen spielen und zur Selbstdarstellung neigen, gerät ihre Sprache fast ins Stocken. Beinahe trübsinnig klingt ihre Stimme, wenn sie über den permanent anspruchsvollen Aktionismus des Menschen spricht, sein Streben nach Macht, Visionen, Konsum und Statussymbolen, um noch größere gesellschaftliche und monetäre Anerkennung zu erlangen. Dem Tier sind all diese vielfältigen Bestrebungen fremd. Es strebt lediglich danach, seine elementaren Bedürfnisse zu befriedigen.

Zur Person

Sigrid Nienstedt wird im Sommer 1962 in Krebeck geboren. Nach dem Abitur in Duderstadt nimmt sie 1981 das Studium der Freien Kunst an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig auf. Als Meisterschülerin von Ben Willikens beendet sie dort 1987 ihre Ausbildung.

Ab den neunziger Jahren folgen zahlreiche Ausstellungen in Galerien und Museen im In- und Ausland. Parallel dazu wird Nienstedt mit verschiedenen Preisen und Stipendien ausgezeichnet.

In der Region sind Gemälde Nienstedts in den Sammlungen der KWS, Otto Bock, Graf und Gräfin Hardenberg, Refratechnik Cement GmbH und der Stadt Göttingen zu finden. Sigrid Nienstedt lebt jetzt in Hamburg und Krebeck.

Die neuesten Arbeiten Sigrid Nienstedts sind zurzeit in der Göttinger Galerie O. Ahlers zu sehen.