Zurück zu den Wurzeln

© Alciro Theodoro Da Silva / Obermann Logistik GmbH
Text von: Sebastian König

Heiko Andreas Helmke kehrte 2013 nach mehr als zehn Jahren wieder nach Südniedersachsen zurück und zieht zum zweiten Mal Bilanz.

Als mir Ende der Neunziger der Geschäftsführerposten bei der Spedition Obermann in Osterode angeboten wurde, schien mir die Zeit noch nicht reif dafür“, sagt Heiko Andreas Helmke heute, der mittlerweile – seit dem 1. Januar 2013 – den Bereich ,Operations‘ bei Obermann Spedition und Obermann Logistik leitet.

Damals mit Anfang 30 hatte er noch anderes im Sinn. Helmke wollte die Welt sehen. Deshalb sagte er zunächst ab. „Rückblickend war es die richtige Entscheidung, denn so habe ich viele Regionen, Länder und Berufsfelder kennengelernt.“ Die Höhepunkte auf seinem Weg: Führungsposition in der E-Logistik, Leitung von Logistikniederlassungen in Portugal, England und Frankreich sowie die Zeit als selbständiger Logistikberater.

Mehr als zehn Jahre war er unterwegs. Obermann und die Region um Osterode verlor er aber nie aus den Augen. Mitte 2012 wurde der lose Kontakt zum geschäftsführenden Gesellschafter, Lars Obermann, wieder „heiß“. „Er suchte einen zweiten Geschäftsführer und hatte das richtige Umfeld zu bieten, um mich langfristig zu binden.“ Unter anderem überzeugten Helmke die Weiterentwicklung des logistischen Angebots und viele Details, die er aus seiner ersten Zeit bei Obermann wiederentdeckte. „Schon damals hatten wir das Unternehmen auf den Kopf gestellt, als wir den Übergang von Senior zu Junior Obermann gestalteten“, sagt Helmke. Qualitätsmanagement, Corporate Identity und Informationstechnologie hatte er damals mitgeprägt. Verändert habe sich dagegen die regionale Ausrichtung. Ende der Neunziger richtete sich der Blick eher gen Osten. „Es ging darum, die Chancen der Einheit zu nutzen und die Mitarbeiter aus diesem Bereich zu integrieren“, so der Geschäftsführer weiter. Heute geht die Orientierung zusätzlich in die anliegenden Landkreise, wo Obermann Niederlassungen besitzt sowie in das europäische Ausland.

Seinen Wohnsitz hat Helmke in der Universitätsstadt Göttingen, hier lebt er mit seiner Frau und seiner achtjährigen Tochter. Privat ebenfalls wieder nach Osterode zuzurückzukehren, kam für ihn hingegen nicht in Frage: „Dazu bin ich zu sehr Stadtmensch, das habe ich schon festgestellt, als ich in Osterode gewohnt habe.“ Hinzu kommt, dass seine Frau als gebürtige Iranerin mit Wurzeln in der Millionenstadt Teheran größere Dimensionen gewohnt ist. „Deshalb brauchen wir ein Multikulti-Umfeld, wie es Göttingen bietet“, ergänzt der gebürtige Bremer. Außerdem fehlt ihm in Osterode etwas die Dynamik. Damit meint er vor allem den schrumpfenden Wirtschaftsstandort. Aus seiner Sicht könnten Osterode und Südniedersachsen insgesamt deutlich mehr aus ihren Möglichkeiten machen – vor allem in Sachen Logistik: „Als nördliches Herz Deutschlands hat die Region ein Riesenpotenzial.“

Wie solche Potenziale besser genutzt werden können, hat Helmke im Münsterland erlebt. Hier hat er zehn Jahre gelebt und gearbeitet. „Dort treten alle Städte und Kommunen geschlossen auf und versuchen, gemeinsam Unternehmen und Fachkräfte für die Region zu gewinnen“, erzählt er, räumt dabei allerdings ein, dass das Münsterland historisch gewachsen ist. Trotzdem ließe sich einiges abschauen. Da wäre zunächst der Stolz, mit dem die Münsterländer auf die Stärken ihrer Region blicken: „Das Selbstbewusstsein ist so groß, dass es manchmal schon fast arrogant wirkt.“ Aber ob arrogant oder nicht, Selbstbewusstsein und Stolz bewirken eine starke Identifikation mit der Region.

Die Menschen sind mit Leidenschaft Münsterländer und stellen ihre Region deshalb automatisch positiv dar. Das fehle den Südniedersachsen: „Die Menschen hier sind zwar keine Nörgler und wissen genau, was sie an ihrer Region haben, aber verkaufen könnten sie diese Einsicht besser.“ Dazu basiere allerdings die Identifikation noch zu sehr auf dem direkten Umfeld wie dem Dorf, der Stadt oder dem Kreis. Deshalb steht Helmke dem Ansatz einer Fusion der drei Kreise Göttingen, Northeim und Osterode positiv gegenüber. „Das käme allerdings von oben und wäre mehr eine Optimierung der Verwaltungsstrukturen“, wie er zu bedenken gibt. Die Identifikation mit der Region müsse dagegen von unten wachsen. Dazu sieht er alle Akteure in der Pflicht – von Presse über Politik bis zu Regionalinitiativen. Sie müssten für eine positive Selbstdarstellung nach innen sorgen: „Im Münsterland haben die Menschen durch viele positive Meldungen unterbewusst immer das Gefühl: Hier passiert viel, und wir sind gut!“

Erste Ansätze wie zum Beispiel in Form der Südniedersachsenstiftung seien gut. „Allerdings kommen alle Bestrebungen noch nicht aus einem Guss“, so Helmke. Es fehle eine Gesamtstrategie, ein gemeinsames Ziel, auf das die einzelnen Akteure hinarbeiten können. Wenn die Bevölkerung dabei richtig mitgenommen wird, würde sie aus seiner Sicht auch mitziehen. „Die Menschen hier sind so offen, wie ich es sonst nur aus südlicheren Regionen kenne.“

Diese Eigenschaft und dass man damit einen großen Vorteil gegenüber anderen Regionen hat, sei den Südniedersachsen aber gar nicht bewusst. Dabei wäre dies ein Punkt, auf den die Region stolz sein kann. Gleiches gelte für die Landschaft, die er als überraschend abwechslungsreich beschreibt: „Niedersachsen wird häufig mit flachem Land in Verbindung gebracht, dabei bietet der südliche Teil eine wunderschöne Mittelgebirgslandschaft mit schmucken Städtchen und einem hohen Freizeitwert.“ Er selbst sieht Göttingen und das Umland als „Wohlfühlregion“ mit einer Infrastruktur, die alle Grundbedürfnisse abdeckt.

Lediglich an manchen Stellen bestehe Verbesserungspotenzial. So könnte in Göttingen mit der ärztlichen Versorgung ein Bereich optimiert werden, der eigentlich als einer ‚der‘ Pluspunkte der Region gilt. „Meine subjektive Erfahrung ist, dass es hier sehr lange Wartezeiten für Termine und eine weniger breite Spezialisierung innerhalb von Fachrichtungen gibt als beispielsweise in Münster“, so Helmke. Zudem seien das Angebot bei den Familienbildungsstätten sowie das Ausstattungsniveau der Schulen ausbaufähig. „Das sind aber Kleinigkeiten“, sagt Helmke überzeugt. „Wichtig ist, dass das Gesamtbild von Südniedersachsen stimmt. Und das ist der Fall. Jetzt fehlt nur noch die passende Vermarktung.“