©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Vom Forellenteich zu wertvollem Mineralwasser, das schmeckt. faktor besuchte die Grafenquelle im Harz und ging der Sache auf den Grund.

Damals stand hier eine Mühle. „Die Alten aus dem Örtchen können sich vielleicht noch daran erinnern, dass diese einst das Getreide der umliegenden Felder zu Mehl verarbeitete“, erzählt Melanie Peinemann, während sie forschen Schrittes in Richtung des kleinen Mühlenteichs in Förste bei Osterode läuft. Damals, das war vor dem Krieg und bevor die Mühle nach Kriegsende abbrannte. „Meine Großmutter und mein Großvater hatten aber nach dem Brand immer noch die Wasserrechte, die sie auch ohne Mühle nutzen wollten“, erklärt die heutige Geschäftsführerin des Getränkeabfüllers Grafenquelle. Der Großvater Harry Peinemann beschloss also im Jahr 1957, im angrenzenden Teich Forellen zu züchten. Es dauerte allerdings nicht lange und die Fische schwammen einer nach dem anderen mit dem Bauch nach oben. Geschockt bestellte Harry ein Gutachten über die Wasserqualität – mit unverhofftem Ergebnis: Das Wasser des Teiches entpuppte sich als Mineral­ und Heilwasser.

Auf diesem Quellteich, der unweit des Firmengebäudes versteckt zwischen Bäumen liegt, schwimmen heute Enten. Der aufmerksame Beobachter kann sogar bei genauem Hinsehen erkennen, wie vereinzelt kleine Blasen aufsteigen – Quellkohlensäure, die sich ihren Weg aus den unteren Gesteinsschichten an die Oberfläche bahnt. „Wenn man ordentlich auf den Boden stampft, kommen sogar noch mehr“, sagt Peinemann und springt unversehens in die Höhe. „Gegenüber von diesem Teich soll früher die Einfahrt zum Anwesen eines Barons gewesen sein“, erzählt die 47­Jährige, die in Förste geboren und aufgewachsen ist und viele Geschichten des Ortes kennt. Ihr Großvater gab seinem Mineralwasser, so erinnert sich Peinemann, daraufhin den Namen Grafenquelle, weil sich eine Baronenquelle nicht so gut vermarkten lasse. Eine schöne wahre Story über die Anfänge eines Unternehmens, die sich immer wieder gut erzählen lässt. Und ebenso, dass Harry Peinemann anfangs erst einmal ein paar Baracken bauen ließ, in denen Hausfrauen einige Jahre das Brunnenwasser in Flaschen füllten.

Zwischen den Anfangsjahren und der Gründung des heutigen Familienunternehmens in zweiter Generation liegen mehr als zwei Jahrzehnte, in denen die Quelle unter anderem an einen Berliner Abfüller verpachtet wurde. Es folgte ein Rechtsstreit, bei dem Familie Peinemann gegen den ehemaligen Pächter um den Markennamen Grafenquelle kämpfen musste und schließlich gewann. Zum Ende des Prozesses hinterließ der Pächter lediglich leere Hallen. Alle Abfüllmaschinen und Anlagen hatte er mitgenommen. „1989 übernahm mein Vater schließlich das, was noch übrig war, kaufte neue Maschinen und brachte das Geschäft ins Rollen“, erzählt die Geschäftsführerin. Mit der Grenzöffnung im selben Jahr eröffnet sich für den Firmengründer zusätzlich ein ganz neuer Absatzmarkt, der in den ersten Jahren mit für den Erfolg verantwortlich war. Bevor ihr Vater die alten Hallen wieder in Betrieb nahm, hatte er einen Getränkehandel geführt und umliegende Restaurants und Hotels mit Getränken versorgt. Diese Kontakte nutzte er, um nun beim Wechsel in die Getränkeproduktion Fuß zu fassen. Bald hatte er Kunden von Eisleben bis nach Sankt Peter­Ording und Pforzheim.

Inzwischen ist die Grafenquelle zu einem kleinen, soliden mittelständischen Unternehmen mit 16 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von einer Million heran gewachsen, das sich in der Region etabliert hat. Rund acht Millionen Flaschen verkauft Grafenquelle pro Jahr und hat sich einen Kundenstamm aufgebaut, der vom Getränkefachgroßhändler über Einzelhändler, Rewe, Edeka bis hin zu Kantinen­Firmenkunden reicht. Auch Altenheime und Krankenhäuser der Region werden mit Wasser aus der Grafenquelle versorgt. Vor fünf Jahren übernahm Melanie Peinemann nach dem Tod des Vaters die Geschäftsführung. „Ich war zwar nicht bis ins Letzte darauf vorbereitet, die gesamte Leitung zu übernehmen, aber in den vergangenen zwanzig Jahren habe ich vom Außendienst bis zum Innendienst alles mitgemacht“, sagt sie.

Der Getränkemarkt sei ein umkämpfter Markt, der sich teilweise einen harten Preiskampf liefere. „Man denke nur an die Sonderangebote der Supermärkte“, sagt die Geschäftsführerin, die, dank ihrer Ausbildung zur Finanzkauffrau, ganz genau die Zahlen im Blick hat. „Da muss man sich manchmal überlegen, ob es sich für diese Preise lohnt, die Getränke überhaupt noch abzufüllen.“

Darum unterstützt Peinemann sehr gern Bestrebungen wie die des regionalen Erzeugerverbandes Niedersachsen ‚Kostbares Südniedersachsen‘, der die eigene Heimat mit regionalen und saisonalen Produkten zu stärken versucht. „Es ist in meinen Augen gut, das Bewusstsein für die Produkte und auch für Produktionsprozesse zu schärfen“, sagt sie. Und tatsächlich lässt sich im Konsumverhalten ein Wandel beobachten. In einigen Bevölkerungsschichten wächst die Nachfrage nach regionalen Erzeugnissen zusehends, und eigens gekennzeichnete Verkaufsregale in den Supermärkten machen inzwischen gezielt auf Regionales aufmerksam. „Bei unserer Produktpalette ist dies leider nicht so einfach wie bei Gemüse. Denn Getränkekisten stehen nun mal gestapelt in Reihen zum Verkauf – aber es wird auch in dieser Richtung Neues entwickelt und ausprobiert“, erklärt Peinemann und wirkt zuversichtlich, als sie zufrieden ihren Blick über ihren Quellteich steifen lässt.

Aber warum sollte man überhaupt Wasser im Supermarkt kaufen, wenn es doch in jedem Haushalt permanent verfügbar ist? „Trinkwasser aus dem Hahn ist aufbereitetes und gereinigtes Wasser und enthält keine wertvollen Mineralstoffe. Und außerdem schmeckt unser Mineralwasser ja auch anders. Besser“, sagt Peinemann überzeugt.

Dass Wasser je nach Region anders schmeckt, ist erklärbar: Mineralwasser ist ein Naturprodukt und ein Spiegelbild der geologischen Gegebenheiten. Geschützt vor Umwelteinflüssen lagern Mineralwasservorkommen unter der Erde und werden vom langsam durchsickernden Regen gespeist. Dabei durchströmt das Wasser die unterschiedlichen Boden­ und Gesteinsschichten. So wird es auf natürliche Weise gereinigt und gefiltert und nimmt außerdem wertvolle Mineralstoffe auf. Schiefervorkommen machen Wasser weicher, und vulkanische Gebiete geben eine leicht herbe Note. Die Vielfalt in Deutschland macht es einem im Übrigen nicht leicht, sich zu entscheiden: Um die 500 Mineralwasser und 34 Heilwasser gibt es allein in Deutschland.

Und die Nachfrage steigt. Wenn man Getränkeabfüller wie Melanie Peinemann fragt, welche Produkte im Trend liegen, kommt schnell die Antwort: Wasser. Während im Jahr 1970 der Pro­Kopf­Verbrauch von Mineral­ und Heilwasser bei 12,5 Litern pro Jahr lag, erreichte er zehn Jahre später bereits rund 40 Liter. Laut des Verbandes Deutscher Mineralbrunnen lag er im vergangenen Jahr 2018 bei über 150 Litern Mineral­ und Heil wasser pro Kopf. Und auch die Vorlieben für die Auf bereitung des Mineralwassers ändern sich mit der Zeit. So wie bei Grafenquelle gibt es das Wasser von den meisten Abfüllern in drei Varianten: als stilles Wasser, in Medium und in Classic mit relativ viel Kohlsäure versetzt. Aktuell geht der Trend gerade bei den unter 35­-Jährigen mehr und mehr zum stillen Wasser. Die Grafenquelle biete ihr Wasser außerdem in einer blauen schlanken Gourmet­Flasche an – überwiegend für die Gastronomie. „Dabei bekommen wir Rückmeldungen von Kunden, dass das Wasser aus den blauen Flaschen besser schmeckt als das aus den grünen oder weißen Flaschen, die es im normalen Handel zu kaufen gibt“, erzählt Peinemann. Sie lacht, und ergänzt: „Das Auge trinkt schließlich mit.“

So auch beim Medium­Wasser: Die Verbraucher finden es häufig in grünen Flaschen abgefüllt vor. Doch grüne Flaschen waren, bevor der Medium­Boom kam, dem Heilwasser vorbehalten. So entwickelte sich im kollektiven Gedächtnis der Glaube, dass Wasser aus grünen Flaschen gesünder ist – eine Assoziation, die nun auf die grünen Medium­Wasserflaschen übertragen wird. „Wir haben neben unserem Wasser für die Grafenquelle auch noch eine Heilwasserquelle, die wir aber nicht abfüllen“, erzählt Peinemann. Bis in die 1990er­Jahre wurde das Heilwasser für Kurbehandlungen in Bad Grund genutzt. Da jedoch derzeit kein Heilwasser mehr nach Bad Grund geliefert wird, ruht die Heilwasserförderung bis auf Weiteres.

Sie sei da so reingewachsen in den Betrieb, erzählt sie, während sie – einem schmalen Pfad folgend – hinüber zur Produktion geht. Es ist ein kurzer Weg vom kleinen Park mit dem Quellteich hinüber zum Verwaltungsgebäude der Grafenquelle und der Produktionshalle, die am Ende einer sich dahinschlängelnden Straße am Ortsausgang liegen.

„Samstags, als mein Vater noch den Getränkehandel hatte, war ich immer im Geschäft, half Getränkekisten sortieren oder fuhr mit auf Auslieferung – hier eine Kiste Zitronenlimo für Frau Meyer, dort eine Kiste Apfelschorle für Herrn Müller, und so weiter. Das gehörte für mich dazu“, sagt Peinemann und erinnert sich an ihre Kindheit. Dennoch trieb es sie mit 17 Jahren erst einmal hinaus in ein anderes Leben. Sie machte eine Ausbildung beim Arbeitsamt – kam dann aber doch wieder zurück. Mit 23 Jahren arbeitet sie bereits im Außendienst bei der Grafenquelle. Ein junges unerfahrenes Mädchen, das gestandenen Geschäftsführern, überwiegend Männern, ihre Produktpalette anbot. Da kamen dann schon mal Sprüche wie: ‚Na, komm mal her, Mädchen und verrate mir mal, warum wir gerade dein Wasser in unser Sortiment nehmen sollten?‘ Eine mitunter harte Schule, die ihr zeigte, wie man sich durchsetzt.

Vielleicht geht sie heute gerade deshalb so selbstbewusst durch ihre Produktion, wirft hier und da einen prüfenden, auch mal kritischen Blick hin. Die Mutter einer inzwischen erwachsenen Tochter ist zufrieden mit dem, was sie erreicht hat.

Es gibt viel zu tun. An drei Tagen in der Woche werden neben Wasser auch Zitronen­ und Orangenlimonade, Apfelschorle, Sportdrinks, Cola und Cola­Mix getränke, Lemon, ACE­ und Wellnessdrinks sowie kalorien arme Orangenlimo, die nach der neuesten Verordnung nicht mehr ‚Diät‘ heißen darf, abgefüllt – alles auf der Grundlage des Mineralwassers und nur zusätzlich mit unterschiedlichem Geschmack versetzt. Rund 15.000 Flaschen durchlaufen pro Stunde den Produktionsweg von der Leergut­Spülmaschine über die Qualitätskontrolle der noch leeren Flaschen bis zu Füllung, Verschluss und Etikettierung. Im Durchschnitt werden 30.000 Liter am Tag abgefüllt.

Das Wasser, das hier für sämtliche Getränke abgefüllt wird, kommt aus dem sechs Meter tiefen Brunnen gleich neben dem Gebäude. Ein Betonklotz, unscheinbar und in nichts an einen klassischen Brunnen erinnernd. Von dort gelangt das Wasser in ein Auffangbecken und dann direkt in die Flaschen. Ein kurzer Weg aus der Tiefe der Erde und direkt am Quellort abgefüllt – anders darf es auch nicht sein.

Doch Wasser ist eben nicht gleich Wasser: So darf sich ein Wasser nur ‚natürliches Mineralwasser‘ nennen, wenn es ein Anerkennungsverfahren durchlaufen hat, das über 200 geologische, hydrologische, physikalisch­chemische, mikrobiologische und hygienische Untersuchungen umfasst. Außerdem muss es mindestens 1.000 Milligramm gelöster Mineralstoffe enthalten. Dies ist in der Mineral­ und Tafelwasser­Verordnung geregelt. Im Gegensatz dazu wird beispielsweise Tafelwasser industriell hergestellt und kann ein Gemisch aus Wasserarten und Zutaten wie Mineralstoffen sein. Es lohnt also beim nächsten Einkauf doch einmal genauer auf das Etikett zu schauen, ob es sich beim ausgewählten, ältesten Durstlöscher der Welt tatsächlich auch um ein natürliches Mineralwasser aus der Region handelt.

Der Rundgang über das Gelände endet in der Verwaltung. Im Büro von Melanie Peinemann sieht es nach Arbeit aus. Der Schreibtisch, ein alter massiver Holztisch, und die dunkle Schrankwand in Eiche rustikal stammen noch vom Vater. Was jedoch keinesfalls bedeutet, dass sich hier sonst nichts geändert hätte. Im Gegenteil: Die Tochter bringt frischen Wind ins Unternehmen und trifft Entscheidungen, um die Grafenquelle zukunftsfähig zu halten. Und dazu gehört für sie auch, der Marke Grafenquelle durch ihre Person ein Gesicht zu geben: Eine sympathische, bodenständige Frau, die herzlich und offen lacht, wenn man sie fragt, warum man das Wasser aus Förste trinken sollte: weil es schmeckt.