Zukunft mit Zeitarbeit?

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Text von: Tobias Kintzel

Zeitarbeit als Mittel flexiblen Personalmanagements ist heute vom deutschen Arbeitsmarkt kaum mehr wegzudenken – wenngleich sie noch immer umstritten ist. faktor sucht nach Gründen.

Seit Anfang der neunziger Jahre hat die Zeitarbeit als Mittel des modernen und flexiblen Personalmanagements eine steile Karriere hinter sich: Lag der Jahresdurchschnitt an Leiharbeitsverhältnissen zu Beginn gerade einmal bei knapp 130.000, stiegt er bis zum Jahr 2011 auf fast 900.0000 an. Seit diesem Höchststand ist die Zahl gesunken.

Hauptgrund für den Rückgang ist nach Angaben des Bundesarbeitgeberverbands der Personaldienstleister (BAP) die schwächelnde Konjunktur in der gesamtdeutschen Wirtschaft. Zum rasanten Anstieg der Zeitarbeit auf dem bundesdeutschen Arbeitsmarkt haben ihre – aus Unternehmenssicht – deutlichen betriebswirtschaftlichen Vorteile gesorgt, die eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit bringen. Die Möglichkeiten, flexibel auf Auftragsspitzen und Termindruck reagieren zu können und Personalengpässe, von Urlaub oder Krankheitsfällen ausgelöst, zu überbrücken, sind hinlänglich bekannte Vorteile.

Zudem überzeugen die fest kalkulierbaren Kosten: Zu zahlen sind nur die effektiv geleisteten Arbeitsstunden. Die kosten- und zeitintensive Suche nach passend qualifizierten Mitarbeitern entfällt, denn spezialisierte Zeitarbeitsunternehmen können diese jederzeit ,liefern‘. Unternehmen können Zeitarbeiter bei Eignung später übernehmen, ohne gleich direkt einen Arbeitsvertrag abschließen zu müssen: Das Risiko des Scheiterns ist ausgelagert.

Aus Sicht der Gewerkschaften ist Zeitarbeit jedoch nicht unumstritten. Zwar erreichte die Tarifgemeinschaft des Deutschen Gewerkschaftsbunds im September 2013 den Mindestlohn, Zeitarbeiter bekommen seitdem gestaffelte Zuschläge von bis zu 50 Prozent. So ist das Lohndumping durch Kündigung und Wiederanstellung der Mitarbeiter in oder über eine Zeitarbeitsfirma uninteressanter geworden. Aber das Ausweichen auf Werkverträge oder einen Dienstleister sind immer noch aktuelle Methoden, um Lohnkosten zu senken.

Auch ist die Zeitarbeit kein so effektives Sprungbrett – zurück – in das Berufsleben, wie oft behauptet wird: Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln werden nur rund 14 Prozent der Zeitarbeitnehmer vom Kunden übernommen – der sogenannte positive Klebe- Effekt ist also eher klein. Welche Auswirkung der von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles geplante Gesetzentwurf zur Neuausrichtung der Leiharbeit haben wird, muss sich nach dessen Verabschiedung noch zeigen.

Im Koalitionsvertrag sind die Gleichbezahlung (Equal- Pay-Regelung nach neun Monaten) von Leiharbeitern und Stammbelegschaft und die Begrenzung des Einsatzes im Kunden- Unternehmen auf 18 Monate festgelegt. Was als weitere Regulierung zum Wohl der Arbeitnehmer gedacht ist, kann ein Problem werden. Eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln hat ergeben, dass Unternehmen in 34 Prozent der Fälle neue Facharbeiter anfordern würden und nicht den aktuellen Lohn gemäß der Equal-Pay- Regelung bezahlen. Bei Helfern wäre das in 47 Prozent der Fälle das Mittel der Wahl. Immerhin würden nach den 18 Monaten 47 Prozent der Fachkräfte, aber nur 28 Prozent der Helfer weiterbeschäftigt.

So wird die weitere Entwicklung der Zeitarbeit möglichweise in zwei Richtungen gehen: Da ihre betriebswirtschaftlichen Vorteile nach wie vor unbestritten sind und sich die Nutzung immer noch lohnt, werden Unternehmen weiter auf dieses flexible Instrument bauen. Für Zeitarbeitnehmer bleiben häufig wechselnde Arbeitsstellen und weiterhin die Unsicherheit.