Zeitsprung

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Text von: Claudia Klaft

Nichts bleibt so, wie es mal war. faktor fragte nach, was aus den Menschen und Meinungen der Erstausgabe 2005 geworden ist.

„Mein Platz ist hier“, sagte Christian Wulff in unserem Interview vor fünf Jahren und meinte damit seinen Landesvorsitz in Niedersachsen. Er habe keine Ambitionen in der Bundespolitik. Nun hat er seinen Amts- und Wohnsitz nach Berlin verlegt – eine Entscheidung, die recht kurzfristig kam. Und doch zeigt sie, dass das Leben nicht geplant werden kann, sondern durchaus überraschende Wendungen bietet.

Überraschend mag es auch für den ein oder anderen sein, wie erfolgreich sich so manch anderes seit 2005 entwickelt hat.

Pionierarbeit

Zum Beispiel das Bioenergiedorf Jühnde. Damals noch als „eine Art Freilandversuch“ bezeichnet, hat sich das Projekt zu einem Vorzeige- und Paradebeispiel einer regionalen Energieversorgung entwickelt. „Irgendjemand musste die Pionierarbeit machen“, sagt heute Eckhard Fangmeier, Pressesprecher des Bioenergiedorfes. Und dies hat sich gelohnt, denn mittlerweile ziehen u.a. Barlissen, Krebeck und Reiffenhausen nach, in ganz Deutschland sind es ca. 250 „Nachahmer“, und auch international findet das Projekt immer mehr Interesse.

Es gäbe beispielsweise viele koreanische Fachbesucher, berichtet Fangmeier und verweist auf zunehmende Besucherströme. Ließen sich 2005 schon 16 Jühnder zu Gästeführern ausbilden, so ist 2009 mit der Erwachsenenbildung LEB das Centrum Neue Energie (CNE) gegründet worden, um strukturiert das Geschäft mit den Gästen, demnächst auch mit einem Seminarangebot, zu professionalisieren.

Und wie weit ist es mit der Autarkie? Drei Viertel der Jühnder Bevölkerung sind unabhängig von fossilen Brennstoffen. Die inzwischen weiterentwickelte Bioenergie-Anlage produziert das 2,5-fache von dem, was verbraucht wird. Ein Überschuss, mit dem zukünftig die E-Mobilität vorangetrieben werden soll. „Das Projekt lebt, es wird investiert, Leute werden beschäftigt“, sagt Fangmeier.

In die Zukunft investiert

In die Zukunft investiert auch Bodo Rengshausen-Fischbach. „Wenn man nicht fleißig ist, muss man erfinderisch sein“, sagte er 2005. Mittlerweile bezeichnet er sich als „fleißigen Erfinder“. Das Produktspektrum der Vereta GmbH – Sensor System Lösungen ist breiter gefächert und umfasst mittlerweile neben der Thermosensorik auch die Technologiebereiche Sicherheit, Strömung und Feuchte. Das neueste Produkt, das gemeinsam mit der TU Clausthal entwickelt wurde und unmittelbar vor der Markteinführung steht, ist ein mobiles Feinstaubmessgerät. „Vereta entwickelt sich positiv“, sagt Rengshausen-Fischbach. Dabei habe sich die Ausrichtung des Unternehmens gewandelt: von der reinen Entwicklung hin zur Einbindung des Produktionsprozesses.

Dabei übernehmen vor allem Unternehmen des Measurement-Valley-Vereins die Herstellung einzelner Komponenten bis zum fertigen Endprodukt. Durch diese regionalen Kooperationen ist die Mitarbeiterzahl bei Vereta selbst in den letzten fünf Jahren unverändert bei sieben geblieben. Aber die Zeichen stehen auf Veränderung, denn im Juli 2010 hat sich die Berliner Firma Silicon Sensor International mit knapp 25 Prozent an Vereta beteiligt. Diese Anbindung an einen integrierten Industriekonzern eröffne neue Möglichkeiten für Kooperationen und vor allem für den Vertrieb, so Rengshausen-Fischbach.

Auch von seinem zweiten Unternehmen, der Tapir Wachswaren GmbH, kann er nur Gutes berichten. „Es läuft prächtig“, sagt er. Qualität zahle sich immer noch aus. Das gelte aber nicht nur für Schuhpflegemittel, sondern auch für Senf. Seine damalige Aussage im Interview, „Es hat mich schon immer gereizt, als Außenstehender Dinge auf eine neue Art und Weise anzupacken“, hat er im April 2010 erneut in die Tat umgesetzt und mit zwei Freunden die Einbecker Senfmühle GmbH gegründet, die schon nach kurzer Zeit großen Erfolg hat. Und so muss Rengshausen-Fischbach, der schon 2005 nie seine Arbeitskraft verkaufen wollte, dies bis heute nicht tun. „Verschenken musste ich sie aber auch nicht“, sagt er lachend.

Partnerschaft umgesetzt

Zu verschenken hat auch Matthias Krieger nichts. Doch der Eichsfelder Bauunternehmer hat die 2005 angestrebte Partnerschaft mit den Mitarbeitern umgesetzt und sie mit 20 Prozent am Unternehmensgewinn beteiligt. So fördert er die Identifikation und Begeisterung seiner Beschäftigten – Werte, die ihm wichtig sind, neben den vor fünf Jahren genannten Tugenden Hartnäckigkeit und Beharrlichkeit. Ein Modell, das sich offensichtlich auszahlt, denn der Umsatz hat sich seit 2005 verdoppelt, die Mitarbeiterzahl ist von 50 auf 75 gestiegen, eine Niederlassung in Frankfurt kam dazu, und 2009 wurde ein neuer Geschäftsbereich ‚Gesundes Wohnen’ gegründet.

Seine Aussage von damals, „Manche Baubehörde hat sich zu einer Baubehinderungsbehörde entwickelt“, revidiert er heute und meint: „Es hat ein Umdenkprozess stattgefunden, der läuft, aber sehr langsam.“ Auch den damals als weltfern bezeichneten Kündigungsschutz relativiert er heute: „Mitarbeiter sind das höchste Gut im Unternehmen, sie müssen gefordert und gefördert werden. Wenn äußere Faktoren dies nicht zulassen, muss man in der Lage sein, das Unternehmen zu schützen.“

Momentan jedoch ist der Geschäftsverlauf positiv. Abseits des Unternehmens hat sich Krieger in letzter Zeit zwei weiteren Aufgaben gestellt: Zum einen ist er zum Präsidenten des GolfClubs Kassel-Wilhelmshöhe gewählt worden, und zum anderen arbeitet er gerade an einem Buch, in dem er über verschiedene Managementmethoden die Leitung eines Unternehmens erklärt. Praxisorientiert wird es sein und soll 2011 erscheinen.

Tendenz steigend

Praxisorientiert waren auch die Tipps, die Thorsten Wilhelm, geschäftsführender Gesellschafter von eResult, in der Erstausgabe gab. Er untersuchte die Webseiten der regionalen Verpackungsindustrie. So urteilte er z. B. über den Internetauftritt von ERPA: „Schlechtes Textdesign.“ Seine Kritik wurde beachtet, der Internetauftritt überarbeitet, und drei Jahre später erhielt ERPA den Norddeutschen Website Award.

Auf die Frage, ob sich seit damals an den „Goldenen Regeln“ der Webseitengestaltung etwas geändert hat, antwortet Wilhelm: „Haben wir uns 2005 fast ausschließlich damit beschäftigt, wie die damals neuen Funktionen nutzergerecht umgesetzt werden können und sollten, stellen wir heute vorab zusätzlich die Frage, ob und welche denkbaren Funktionen für die Zielgruppen unserer Kunden überhaupt sinnvoll und von Relevanz sind.“

Gerade im Zuge von Web 2.0, Social Media und mobiler Nutzung habe sich die Gestaltung von Webseiten deutlich geändert. Daher weitet sich der Forschungs- und Beratungsbereich aus. „User Experience und Usability-Tests für mobile Applikationen und Mitarbeiterportale haben in den letzten fünf Jahren deutlich zugenommen“, sagt Wilhelm. Zugelegt hat auch eResult: Seit 2005 hat sich der Umsatz mehr als verdoppelt, ebenso die Mitarbeiterzahl: 19 Beschäftigte sind an den drei Standorten Göttingen, Kiel und Frankfurt im Einsatz, Tendenz steigend.

Vervielfacht

‚Tendenz steigend’ ist auch der treffende Ausdruck für die Entwicklung an der Privaten Fachhochschule Göttingen (PFH). Dort wurde 2005 das erste Fernstudium der Betriebswirtschaftslehre angeboten. Seitdem haben sich die Studienmöglichkeiten vervielfacht, es entstanden bundesweit neue Fernstudienzentren, und die Studierendenzahl ist auf 1.600 gestiegen.

Neben dem 2005 einzigartigen Studiengang Adaptronik hat sich mit der PFH seit 2006 das CFK-Valley in Stade etabliert, an dem Experten für die Carbontechnologie ausgebildet werden. Der nächste Schritt wird 2011 das Studienangebot Orthobionik sein – in enger Zusammenarbeit u.a. mit der Universität Göttingen und dem regionalen Global Player Otto Bock Health-Care.

Generell spielt die Kooperation mit Unternehmen eine wichtige Rolle. Auch zum Vorteil der Berufsanfänger, die von der Wirtschaft stark nachgefragt werden – die PFH bietet den Master-Absolventen ihrer Management-Studiengänge eine vertragliche Jobgarantie.

Kooperation ausgebaut

Die Kooperation von Unternehmen führte 2005 auch zur Gründung des VerpackungsCluster Südniedersachsen (VC) e.V. „Wir stehen nach fünf Jahren aber erst am Anfang der Möglichkeiten, die ein Netzwerk bietet“, sagt der Geschäftsführer Roland Marx. Doch viele Visionen von 2005 wurden bereits erfolgreich in die Tat umgesetzt: Die Mitgliederzahl stieg auf 43 Unternehmen an; es gibt eine eigene Geschäftsstelle, die bei der Wirtschaftsförderung Region Göttingen (WRG) beheimatet ist; mit den seit 2007 gemeinsam mit BUPNET durchgeführten Qualifizierungsmaßnahmen ging der Wunsch nach einer Verbundausbildung von André König, Geschäftsführer von ERPA, in Erfüllung; und es wurden die von Michael Lamberts, Geschäftsführer der AVI GmbH in Scheden, geforderten „Bündelungseffekte“ erfolgreich in den Bereichen Gas und Strom umgesetzt sowie in Form von Rahmenverträgen für Fahrzeuge, Treibstoff, Paketdienste und Abfalloptimierung.

Nur eines hat sich nicht bewahrheitet: dass sich das Projekt nach zweieinhalb Jahren selbst trägt. Der Förderungszeitraum wurde zwischenzeitlich verlängert, da die Fördergelder selbst noch nicht ausgeschöpft waren, doch ab dem 1. Januar 2011 ist es dann soweit. Diese sich anschließende wirtschaftliche Autarkie jedoch sei einzigartig für ein in Niedersachsen gefördertes Netzwerk, so Marx.

Besonders seien auch die Kooperationen mit der Georg-August-Universität und der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK), die sowohl bei der Mitarbeiterqualifizierung als auch in den Bereichen Forschung und Entwicklung viele Synergieeffekte bieten. Und auch künftig sieht Marx „große Potenziale in der weiteren Aktivierung der Geschäftsbeziehungen untereinander“.

Qualität gesteigert

Große Potenziale sahen auch die Kenner des Göttinger Symphonie Orchesters (GSO) vor fünf Jahren, als Christoph-Mathias Mueller als Dirigent die Bühne betrat. Sie erwarteten, dass sich das Orchester deutlich weiterentwickeln würde und damit der Ruf überregional verbessert werden könne. Und sie wurden nicht enttäuscht. Mit viel Engagement und künstlerischer Gabe hat der Schweizer das Orchester zu großem Ruhm gebracht. „Niveau und Motivation sind enorm gestiegen“, sagt Mueller und betont, dass dies vor allem eine gemeinsame Leistung des Orchesters ist: „Nicht nur mit Qualität, sondern mit gegenseitigem Respekt und einem geschlossenen Bild nach außen erreichen wir einen hohen Bekanntheitsgrad und somit auch Erfolg.“

Doch auch das musikalische Programm, das immer einem roten Faden folgt, begeistert das Publikum. Für die Zukunft wünscht er sich, „dass man eine Vision entwickeln kann, die künstlerischer Art ist“.

Aber wie die Zukunft aussehen wird, vermag eben niemand mit Sicherheit zu sagen. Doch wie immer sie sich gestaltet: faktor wird weiter darüber berichten, was und wer die Region bewegt.