Zeitgemäßes Porzellan

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefanie Waske

Die Porzellanmanufaktur Fürstenberg und die Stadt Braunschweig liegen knapp 140 Kilometer auseinander. Dennoch sind sie seit Jahrhunderten verbunden: Herzog Carl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel gründete einst die Manufaktur.

Noch heute gehört die Liegenschaft der Stiftung ,Braunschweigischer Kulturbesitz‘, einer Tochter der Norddeutschen Landesbank. 2013 sind die Bindungen noch enger geworden: Die Stiftung ,Nord/LB Öffentliche‘ – heute ‚Die Braunschweigische Stiftung‘ – gründete eine neue gemeinnützige Gesellschaft für Fürstenberg: die Kulturgut Fürstenberg gGmbH. Sie soll das Schlossensemble der Porzellanmanufaktur mit gemeinnützigen Mitteln modernisieren. Wer dieses in Fürstenberg besucht, den empfängt nicht ein Industriekomplex, sondern ein herzogliches Jagdschloss im Weserrenaissance-Stil. In der Remise gibt es ein Café, und im Schloss zog 1957 das Museum ein. Den Besucher erwarten Räume mit Eichenparkett, gedeckte Tische mit Porzellan und Vitrinen mit besonderen Stücken.

Ein Museum, wie es vielleicht früher einmal war. Besonders das Porzellanmuseum – das einzige seiner Art in Norddeutschland und eines der größten Museen Südniedersachsens – soll jetzt von der Modernisierung profitieren und in Zukunft Besucher in die Region locken. Die neue Gesellschaft, die dieses Ziel umsetzen soll, sitzt in einer Villa im Stil der italienischen Renaissance des ehemaligen Braunschweiger Zuckergroßhändlers Louis Gerloff. Axel Richter, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der ,Braunschweigischen Stiftung‘, und Projektmanager Friedemann Schnur arbeiten hier. Sie sind die Geschäftsführer der Kulturgut Fürstenberg gGmbH und sprechen über die Bedeutung des Vorhabens.

Vor einigen Jahren hatte der ,Freundeskreis Fürstenberger Porzellan‘ einen Plan erarbeiten lassen, wie das gesamte Schlossensemble zeitgemäßer werden könnte. Nur fehlte das Geld. Wie sieht Ihre Lösung aus?

Richter: Es ist ein völlig neues Trägermodell. Grundlage war der Masterplan des ,Freundeskreises‘, der zum Beispiel forderte, auf die aktuellen Wünsche des Besuchers – mehr neue Medien – stärker einzugehen. Der Plan sah ein Investitionsvolumen von zehn Millionen Euro vor. Da stellte sich für die Porzellanmanufaktur die Frage: Wie fassen wir das Thema an? Das Schloss, das Kavalierhaus, den Werksverkauf, den Hof, die Remise, das Pförtnerhaus nacheinander? Dann laufen wir Gefahr, dass wir nach der Hälfte stecken bleiben.

Und wie sah die Antwort aus?

Richter: Hier kam die ,Braunschweigische Stiftung‘ ins Spiel. Wir haben uns Gedanken gemacht mit Spezialisten, Steuerberatern, Wirtschaftsprüfern, wie es gelingen kann, den gemeinnützigen Teil des Ensembles über gemeinnützige Mittel zu fördern. Wir haben festgestellt: „Ja, es geht.“ Aber nur bei einer klaren Trennung von dem, was gemeinnützig ist – also kulturelle, denkmalpflegerische Bedeutung hat – von dem Kommerziellen, dem Verkauf, der Produktion und der Gastronomie. Daraufhin haben wir das Modell der ,Kulturgut Fürstenberg‘ als gemeinnützige Gmbh entwickelt.

Warum war das so wichtig?

Richter: Dieses war die zwingende Grundlage, Förderpartner anzusprechen, das heißt Stiftungen und die Förderbank des Landes Niedersachsen, weil die das privatwirtschaftliche Unternehmen Fürstenberg nicht hätten fördern dürfen. Dann hat der Nord/ LB-Vorstand eine Richtungsentscheidung getroffen: „Wenn wir nicht den ersten Schritt gehen, uns engagieren – als Eigentümerin der Braunschweig GmbH, der Porzellanmanufaktur –, dann wird es auch kaum möglich sein, einen anderen davon zu überzeugen. Wir können uns eine Summe X vorstellen, wenn diese in gleicher Höhe mit gemeinnützigen Mitteln gegenfinanziert wird.“ Das war dann mein Auftrag für 2014. Ich bin herumgereist zu den möglichen Förderern zu den Themen Kultur, Tourismus und Denkmalpflege. Das ist recht gut gelungen, aber wir sind noch nicht fertig. Schnur: Wir haben eine Förderquote von über 95 Prozent, der angefragten und der bewilligten Summen.

Wie würden Sie Ihre Rolle gegenüber dem Unternehmen beschreiben?

Richter: Man kennt ja dieses Ying-und- Yang-Prinzip. Das sind zwei ineinandergreifende grafische Formen, die einen Kreis ausfüllen. So ähnlich muss man sich das hier auch vorstellen. Die Porzellanmanufaktur GmbH macht einen Teil des Kreises aus und die Kulturgut Fürstenberg gGmbh den anderen. Aber beide sind dem Thema Fürstenberg und Porzellan als Kulturgut verpflichtet.

Ist die Kulturgut Fürstenberg gGmbH ein Unternehmen? Ein Finanzier? Ein Betreiber?

Richter: Alles der Reihe nach. Das Erste, was jetzt anstand – nachdem das Modell fixiert war –, war Mittel einzuwerben und mit dem Umbau zu beginnen. Wenn wir das so weit abgeschlossen haben, Zielrichtung Ende 2017, dann werden wir uns voll und ganz auf den Betrieb konzentrieren.

Werden Sie Arbeitgeber der Mitarbeiter des Museums?

Richter: So ist es, und so muss es sein. Das hat förderrechtliche und steuerrechtliche Gründe.

Wofür werden Sie denn die meisten Mittel benötigen?

Schnur: Der größte Batzen ist das Schloss. Das Schlossmuseum ist, was die Förderung von Kunst und Kultur anbelangt, natürlich maßgebend.

Sie beginnen aber mit dem Hof, dort ging es bereits im Oktober vergangenen Jahres los.Was wird dort anders?

Schnur: Der Hof ist ja schon sehr schön. Man muss nicht alles neu arrangieren. Es gilt, wichtige Details umzuarbeiten. Ganz wichtig ist das Pflaster. Da muss man auf die Bedürfnisse der Besucher eingehen, zum Beispiel es behindertengerecht gestalten. Bisher ist das alles sehr rustikal. Wer noch nie in Fürstenberg war, kennt die Situation nicht: Linker Hand des Schlosses erstreckt sich eine Sandsteinmauer. Wer eher klein ist, muss sich strecken oder auf einen Steinquader steigen, um ins Wesertal und auf den Fluss zu schauen.

Schnur: Die Mauer ist bisher eine Hürde gewesen. Sie ist nicht denkmalgeschützt und kann daher komplett weggenommen werden. Stattdessen kommt eine 2,2 Meter breite Aussichtsplattform dorthin, die den Blick ins Tal ermöglicht und direkt auf die Gastronomie- Terrassen führt.

Richter: Es wird dem Besucher leichter gemacht, hinzukommen und den Blick zu genießen.

Schnur: Das Drumherum muss stimmen. Der Besucher, der nicht nur wegen der Porzellanmanufaktur dahinfährt, sondern wegen der geografischen Lage, soll ebenso willkommen geheißen werden. Ganz wesentlich zur jetzigen Situation ist auch das Leitsystem, das installiert wird und den Besucher ein bisschen an die Hand nimmt.

Wie muss ich mir das vorstellen?

Schnur: Zum einen gibt es Stellen, die beleuchtet sind und alle Gebäude ausweisen. Die ganz essenzielle Dinge zeigen: Wo finde ich eine Toilette? Wo finde ich etwas zu essen? Wo ist das Schloss? Das kommt im jetzigen Arrangement zu kurz. Das Leitsystem kann man auch inhaltlich aufwerten, indem man ganz kurz und knapp darstellt, was man sieht und nicht einfach den Besucher alleinlässt. Und eine multimediale Präsentation ist unerlässlich, zum Beispiel über das Smartphone, das mittels QR-Codes Audio-Beträge abruft.

Der Hauptpunkt Ihrer Arbeit wird ja sein, dass Schlossmuseum moderner zu gestalten. Wie wird dieses in Zukunft aussehen?

Richter: Wie das im Detail aussehen wird, wissen wir noch nicht. Die Schloss- Baumaßnahme wird nicht vor Jahresmitte 2015 starten. Wir sind jetzt gerade, nach den groben Planungen des Masterplans, ein bisschen detaillierter geworden und fangen an mit der Museumskonzeption: Was wird wie und in welchem Raum gezeigt? Zu Anfang war unsere Hauptaufgabe: Bekommen wir auch Geld für diese Fördermaßnahme und wofür? Nun kommen die Fachplaner, die entscheiden: Zeigen wir den Teller so rum oder so rum? In der Vitrine oder ohne Glas? Uns ist wichtig, die Besonderheit, die Einzigartigkeit des Fürstenberger Porzellans im Museum zu vermitteln, um nicht ein beliebiges Geschichtsmuseum oder Porzellanmuseum zu kreieren, sondern das Museum der Porzellanmanufaktur Fürstenberg. Wenn ich das Besondere nicht angeben kann, habe ich zwar hinterher ein schickes Museum, nur stellt sich für den Besucher die Frage: Warum soll ich dahinfahren? Zunächst muss der rote Faden geklärt werden. Also kann man bisher nur sagen, das Museum wird umgebaut und in welche Richtung kann man noch nicht sagen?

Richter: Sie können sagen, dass es umgebaut wird und dass es museumsdidaktisch auf den neuesten Stand gebracht wird. Die Vermittlung des Kulturgutes Porzellan muss zeitgemäß sein, das ist das Eine. Das Zweite ist, dass wir die besondere Wertigkeit von Fürstenberger Porzellan deutlich machen wollen. Das ist etwas anderes, als Sie heute sehen.

Was macht denn eine zeitgemäße Präsentation aus?

Richter: Da gilt, weniger ist mehr. Ich kann nur sagen, wie ich es persönlich sehe: Das Objekt bekommt heute eine andere Bedeutung zuerkannt, in seiner Qualität und Besonderheit. Die Bedeutung des Porzellans will ich ja auch verstanden haben, wenn ich in das Museum gehe. Nicht an Hand von ellenlangen Texten, sondern zum Beispiel mit Hilfe von Audio-Guides. Und ich glaube, dass das Thema Ästhetik und Emotion eine stärkere Rolle spielt.

Es gibt ja auch die Spekulation, es solle ein Erlebnismuseum werden.

Richter: Erlebnismuseum kann man sagen. Es geht aber in erste Linie um die Qualität des Kulturgutes, darauf muss man schon pochen. Es wird kein verstaubtes, konservatives Museum, weil es tagesaktuell ist. Wir sperren nicht die Geschichte in Vitrinen, sondern wir zeigen die historische Entwicklung dessen, was heute aktuell ist. Das ist ja der Vorteil von Fürstenberg, die haben ja alle Stilepochen, Esskulturentwicklungen mitgenommen und tun das bis heute.

Schnur: Natürlich wird die Besucherwerkstatt erweitert. Hier sollen Mitmach- Aktionen möglich sein, da findet Leben statt, lässt sich Keramik haptisch erleben. Wir müssen auf viele Bedürfnisse eingehen: Manche kommen wegen Details, weil sie sich für den Pinselstrich interessieren, andere interessiert mehr die Technik. Richter: Das Museum wird mit Sicherheit keine Eventbude.

Das heutige Museum ist aber von März an geschlossen?

Richter: Ja. Es wird aber eine kleine Ausstellung mit den besten Stücken geben.

Wie geht es weiter?

Richter: Wenn alles gut läuft, sind wir Ende 2016 mit dem Schlossumbau fertig. Ich gehe davon aus, dass wir im Frühjahr oder Sommer 2017 wiedereröffnen. Dann betreiben wir das Museum.

Vielen Dank für das Gespräch.

Hier geht es zum Artikel ‚Vom Weserbergland nach Shanghai‘. faktor hat bereits 2012 über die Manufaktur Fürstenberg berichtet.