Zeiten des Wechsels

© Alciro Theodoro Da Silva
Text von: Noreen Hirschfeld

Im Gespräch mit dem neuen Intendanten des Deutschen Theaters. Erich Sidler – ein Mann, der Räume der Begegnung schaffen möchte und die Stadt als Gesamtheit dabei fest im Blick hat.

Herr Sidler, was hat Sie bewogen, sich ausgerechnet auf die Stelle des Intendanten in Göttingen zu bewerben? Ich habe in Bern Erfahrungen gesammelt, die ich weiterentwickeln möchte. Dafür bieten sich hier gute Voraussetzungen. Mich interessiert die Arbeit mit einem Ensemble. Ich will ein künstlerisches Team versammeln, das konstruktiv interagiert, das sich durch die Reibung an Stücken und Themen gegenseitig befruchtet und ein starkes Bewusstsein für dieses Haus entwickelt, damit dieses auch nach außen stark sein kann.

Sie kennen Göttingen bereits. Welches Bild haben Sie von der Stadt? Was Göttingen prägt, ist die Universität und der Menschenstrom, der kommt und geht. Auch die unzerstörte Altstadt ist besonders. Und Göttingen besitzt ein Theater mit einer großen Tradition. Die Stadt hat mit dem DT einen Ort der Auseinandersetzung und einen kulturellen Mittelpunkt.

Ihre Vorgänger – Zurmühle, Heinz Engels, Günther Fleckenstein – waren langjährig am DT beschäftigt. Wie sehen Sie Ihre Aussichten, oder ist Göttingen für Sie nur ein kurzes Zwischenspiel? (lacht und schüttelt den Kopf) Nein, nein – das ist viel zu herausfordernd. Da denkt man durchaus langfristig. Aber wer weiß denn, was passiert.

Der Vertrag von Zurmühle wurde nach 15 Jahren nicht verlängert. Sie beerben nun jemanden, der Sie zuvor gefördert hat. Wie stehen Sie dazu? Theater ist in stetiger Veränderung. Das Vertragswesen des Theaters – der ,NV Solo Vertrag‘ – ist grundsätzlich befristet.Dies spiegelt die künstlerische Situation wider; man muss sich immer wieder füreinander entscheiden. Sicherheit macht unaufmerksam, und das ist für die Kunst nicht optimal, denn sie muss ständig in Bewegung sein, um Lebendigkeit zu ermöglichen.

Da Sie gerade von Lebendigkeit sprechen: Es ist üblich, dass mit einem neuen Intendanten nahezu die gesamte künstlerische Belegschaft wechselt. Muss sich das Publikum auf ein neues Ensemble einstellen? Das Publikum wird neue Schauspieler kennenlernen, die wir gerade für das Ensemble zusammenstellen. Aber es geht nicht darum, alles neu zu erfinden, sondern auf Werte zu bauen, die existieren. Das Theater läuft und präsentiert sich gut. Durch das Zusammenspiel an Erfahrungen von Menschen, die wissen, wie die Stadt funktioniert und Menschen, die einen neuen Blick auf diese haben, kann eine sehr gute Auseinandersetzung entstehen.

In der Ausschreibung wurde ein „regieführender Intendant“ gesucht. Sehen Sie Ihre Priorität im Bereich der Intendanz, oder wird das DT einen Regisseur erhalten, der nebenher auch Intendant ist? Ich sehe meine Rolle als Intendant im Schaffen von Räumen, in denen sich Künstler begegnen. Als Intendant muss man den Kontakt zum Ensemble pflegen. Daher ist das Inszenieren wichtig, aber ich sehe das Ensemble und nicht meine Regiehandschrift als Mittelpunkt. Ich bin einer unter vielen Regisseuren. Meine Hauptaufgabe ist es, als Intendant die künstlerische Ausrichtung vorzugeben und die Mitarbeiter einzubeziehen. Ich möchte nach außen sichtbar machen, dass wir ein Betrieb von Experten sind. In den Werkstätten und bei der Technik arbeiten hoch motivierte, gut ausgebildete Leute, die alle ihren Beitrag für das Gelingen auf der Bühne leisten.

Wie sehen Ihre weiteren Pläne für das DT aus? In Bern haben Sie eine neue Spielstätte errungen und das Publikum erweitern können. Welche Herausforderungen sehen Sie in Göttingen? Es gibt verschiedene Aspekte, an denen wir arbeiten. Einer ist sicher die Art und Weise, wie sich das Haus präsentiert. Es ist ein großes Glück, ein so schönes Gebäude bespielen zu dürfen (lächelt begeistert), mit dem Bistro als Begegnungsstätte. Ich glaube, dass der Begriff der Begegnung für die Zukunft ganz zentral ist. Wir wollen das Alleinstellungsmerkmal des Theaters – den direkten Kontakt zwischen den Menschen – weiter formulieren. Dabei gilt es auch, zu fragen: Können wir das Haus weiter öffnen? Es ist immer noch ein Abbild des stolzen Göttinger Bürgertums. Es ist aber wichtig, dass Theater heute losgelöst ist von einer Schicht – wir wollen ein heterogenes Publikum aus unterschiedlichsten Altersgruppen, Einkommens- und Bildungsschichten und wollen damit die Stadt abbilden. Zudem möchte ich, dass sich die Zuschauer und die Schauspieler kennenlernen. Aber das kann man nicht erzwingen. Man kann nur versuchen, die Basis dafür zu schaffen.

Sie haben sich in der Vergangenheit viel mit zeitgenössischer Gegenwartsdramatik befasst und auch einige Festivals wie die Mülheimer Theatertage oder den Heidelberger Stückemarkt begleitet. Welche Genres können wir erwarten? Ja, ich interessiere mich sehr für zeitgenössische dramatische Literatur. Hier bietet sich der unmittelbarste Weg, Menschen, die sich heute mit der Welt, der Politik, dem Menschsein auseinandersetzen, eine Stimme zu geben. Klassiker sind interessant, um etwas modellartig auszudrücken, was auch heute noch für die Menschen Gültigkeit hat.

Da Sie die Nähe zu Gegenwartsdramatikern suchen: Gibt es Pläne, wieder einen Haus autoren anzustellen? Ich möchte gern zwei bis drei Autoren über die nächsten Jahre näher ans Haus binden. Ob diese mit Stücken in Erscheinung treten oder für andere Foren ansprechbar sind, wird man sehen.

Zurmühle suchte den Ruf Göttingens als ‚Stadt, die Wissen schafft‘ mit Inszenierungen wie ‚Kopenhagen‘ oder ‚Geister von Princeton‘ gerecht zu werden. Wollen Sie daran festhalten? Das Streben nach Wissen und Erkenntnis und die Auseinandersetzung mit Wissen spielt eine Rolle. Vielleicht wäre es auch einmal interessant, die gegenseitige Wahrnehmung von Stadt und Universität theatralisch zu erforschen.

Und wie stehen Sie zur Tradition des Hauses, mindestens ein musikalisches Stück pro Spielzeit auf die Bühne zu bringen? Die Händelfestspiele sind eine gute Ergänzung des Spielplans. Zusätzlich wollen wir aber ein bis zwei musikalische Produktionen präsentieren. Eine Fortsetzung zu finden zu dem, was jetzt im Hause läuft, ist eine Herausforderung. Ob es zukünftig so traditionsreiche Musicals werden … wahrscheinlich werden wir einen anderen Weg beschreiten.

Abschließend eine verwaltungstechnische Frage: In der Vergangenheit war in Göttingen die Rede von einer Zusammenlegung des DTs mit dem Jungen Theater (JT). Wie stehen Sie dazu? Es wurde evaluiert, wo eine Zusammenlegung sinnvoll wäre. Es gibt wenig Bereiche, in denen das sinnvoll und möglich ist, ohne die Voraussetzungen zu beschädigen. Die Werkstätten des DT beispielsweise sind bereits jetzt am Anschlag. Insofern sollte man das ernst nehmen und Mittel und Wege finden, beiden Theatern ein gutes Auskommen zu ermöglichen. Unser Vorschlag für eine Entspannung der Situation ist eine Kooperation für zwei Produktionen im Kinder- und Jugendtheater bereich, den ich gern stärker ausbauen möchte. Denn ich glaube, dass wir einen Weg finden müssen, mit den Schulen in engeren Kontakt zu kommen.

Das klingt nach interessanten Perspektiven. Vielen Dank für das Gespräch!