zeitarbeit

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Text von: redaktion

Zeitarbeit boomt und bietet Kräfte für fast alle Branchen und Tätigkeiten. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen profitieren.

Text: BERTI KOLBOW Illustration: MICHAEL NDARURINZE

Facharbeiter für Elektrotechnik und Metallverarbeitung sind heiß begehrt, Ingenieure werden ebenso händeringend gesucht. Die Göttinger Zeitarbeitsfirmen spüren, dass der Konjunkturmotor brummt. „Die Wirtschaft in der Region boomt, in allen Bereichen herrscht großer Zuwachs“, sagt Silke Oltrogge, Niederlassungsleiterin von Randstad. Die Region ist zwar von verarbeitenden und produzierenden Unternehmen geprägt, aber auch kaufmännische Kräfte werden stark nachgefragt. „Auch Sekretärinnen, Controller und Finanzbuchhalter werden oft gesucht“, sagt Doris Fux, beim Personaldienstleister Adecco zuständig für Unternehmen der Region Göttingen.

Während Hilfstätigkeiten immer noch ein gängiger Einsatzzweck für Leiharbeiter sind, werden zunehmend gut ausgebildete Fachkräfte auf Zeit rekrutiert. In den Datenbanken der Vermittler finden Personalentscheider inzwischen Kandidaten für fast alle Tätigkeiten in fast allen Branchen; besonders in den Dienstleistungsund Gesundheitsberufen ist die Tendenz steigend. Nur das Bauhauptgewerbe ist tabu, so will es der Gesetzgeber. „Zeitarbeit hat sich als fester faktor in der Arbeitswelt etabliert“, stellt Martin Rudolph, Leiter der Göttinger Geschäftstelle der Industrie- und Handelskammer (IHK), fest. Die Zahl der Leihbeschäftigten in den Landkreisen Göttingen, Northeim und Osterode wächst. Knapp 2000 waren Ende 2006 bei der Bundesagentur für Arbeit registriert, fast doppelt so viele wie zwei Jahre zuvor. Im internationalen Vergleich spielt Zeitarbeit hierzulande noch eine kleine, aber wachsende Rolle. Nur rund ein Prozent aller bundesweit Erwerbstätigen sind Zeitarbeitskräfte.

Wenn das Geschäft läuft und die Telefondrähte wegen immer neuer Auftragseingänge glühen, funktioniert Zeitarbeit wie eine Feuerwehr: „Unternehmen sind auf diese Weise in der Lage, kurzfristig zu reagieren und Aufträge zu bewältigen, die sie sonst womöglich nicht annehmen könnten“, nennt Martin Rudolph das klassische Argument für Zeitarbeit. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen laufen Gefahr, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren, wenn sie Aufträge ablehnen. Mittels Zeitarbeitskräften können im eigenen Haus fehlende Spezialkenntnisse temporär genutzt werden. Zudem lassen sich so Engpässe abfedern, falls Stammpersonal ausfällt. Es spart Zeit und Aufwand, wenn Unternehmen das passende Personal dafür nicht selbst rekrutieren müssen.

Das Prinzip der Arbeitnehmerüberlassung, so die offizielle Bezeichnung, ist einfach. Kunden treten an den Personalvermittler mit ihren Personalwünschen heran, der daraufhin idealerweise mehrere Kandidaten vorschlägt. Wollen sich Unternehmen nicht sofort entscheiden, sind Auswahlgespräche üblich. „Konkrete Vorstellungen über die Hard- und Softskills, über welche die temporäre Arbeitskraft verfügen sollte, erhöhen die Treffergenauigkeit“, empfiehlt Doris Fux von Adecco. Je höher die Ansprüche, desto mehr Vorlaufzeit sollten Interessenten einplanen. Beispielsweise Aushilfen für die Produktion sind häufig innerhalb von 24 Stunden verfügbar, mehrere Tage bis mehrere Wochen Geduld sind für passgenaue Spezialisten angemessen. „Es geht oft nicht nur um die Qualifikation, sondern auch darum, ob der- oder diejenige ins Team passt“, sagt Silke Oltrogge von Randstad. Kunden bezahlen lediglich die Leistung der Arbeitskraft. „Wer derzeit gute, höher qualifizierte Kräfte sucht, muss sie übertariflich bezahlen“, erklärt Doris Fux.

Wenn man überhaupt noch von einer Bezahlung unter dem üblichen Branchenniveau sprechen könne, dann im geringer qualifizierten Bereich. Gesetzlicher Arbeitgeber bleibt die Zeitarbeitsfirma. Befindet sich der Leiharbeiter in Urlaub, ist er krank oder abwesend, entstehen für den Entleihbetrieb keine Kosten, und Kündigungsfristen muss dieser auch nicht beachten – das Risiko trägt der Entsender. Seine Dienste lässt er sich natürlich entlohnen. Daher könne eine Rechnung für eine Zeitarbeitskraft auf den ersten Blick teurer wirken als für eine vergleichbare feste angestellte Kraft, erklärt Doris Fux.

Es ist eine Frage der Kalkulation – Flexibilität und eingesparter Rekrutierungsaufwand haben ihren Preis. Der Preis sollte aber nur ein Kriterium bei der Wahl der Zeitarbeitsagentur sein. „Vergleichsangebote sind sicherlich auch bei Zeitarbeitsfirmen sinnvoll. Aber auch hier gilt, dass besonders preisgünstige Angebote nicht immer vorzuziehen sind“, rät Marion Brehm vom Institut für Unternehmensführung an der Universität Göttingen. Sie empfiehlt, sich Referenzen nachweisen zu lassen oder gewerbliche Auskünfte einzuholen. „Es hilft oft auch, mit Unternehmern, die man gut kennt, darüber zu sprechen, wo sie gute Erfahrungen gemacht haben“, rät IHK-Geschäftsführer Rudolph. Hat der Vermittler bereits für ähnliche Firmen aus dem gleichen Wirtschaftszweig gearbeitet, ist dies ebenso ein Pluspunkt wie Tipps für den Einsatz von Zeitarbeit und die Zusammenarbeit mit Zeitarbeitsunternehmen eine Mitgliedschaft in den Verbänden der Zeitarbeitsbranche, etwa BZA und iGZ. Sie setzen gewisse Mindeststandards voraus. Umgekehrt sind Firmen ohne Verbandszugehörigkeit selbstverständlich nicht zwingend unseriös. „Auf ein wenig Eigenrecherche werden interessierte Entleihbetriebe nicht verzichten können. Der Markt für Zeitarbeitsvermittler ist groß und fragmentiert“, weiß Martin Rudolph. Er umfasst neben Generalisten auch spezialisierte Vermittler.

Sowohl bundesweit aktive als auch regional tätige Agenturen buhlen in Göttingen und Umgebung um Kunden. Kleinere Zeitarbeitsfirmen versuchen den Größennachteil teilweise durch informelle Netzwerke zu kompensieren. Für Kunden spricht nichts dagegen, mit mehreren Agenturen zusammenzuarbeiten. Anlaufstellen sind Mitgliederverzeichnisse der Verbände – sowie ein Blick in die örtlichen Branchenverzeichnisse. Noch immer hat Zeitarbeit bisweilen ein schlechtes Image. „Das Betriebsklima kann durch den Einsatz von Leiharbeitnehmern leiden, insbesondere dann, wenn diese nur unzureichend in die soziale Struktur des Entleihbetriebes integriert werden“, sagt Wirtschaftswissenschaftlerin Marion Brehm. Wer häufiger auf Zeitarbeit zurückgreift, könne mit Schulungen und Mentoren dem Betriebsklima helfen. Die Stammbelegschaft in Entscheidungen einzubinden sei auch sinnvoll. Gemeinsam könnten Alternativen wie Überstunden, befristete Einstellungen oder geringfügige Beschäftigung geprüft werden. „Kommunikation ist alles. Die Unternehmensführung sollte der Stammbelegschaft nahe bringen, warum der Einsatz von Zeitarbeitern aus ihrer Sicht auch deren Arbeitsplätze gewährleistet“, rät Doris Fux von Adecco. Ein Anteil von zehn Prozent an der Gesamtbelegschaft ist Adecco zufolge eine gesunde Quote.

Um den Austausch von teurem Stammpersonal gegen billigere Kräfte und Arbeitsverhältnisse zweiter Klasse drehen sich die meisten Vorbehalte. Um dem Negativimage entgegenzuwirken, hat die Zeitarbeitsbranche inzwischen Tarifverträge mit den Gewerkschaften geschlossen, die Vergütung, Arbeitszeiten und Urlaubsanspruch regeln. Wo diese Verträge nicht greifen, gilt seit Anfang 2003, dass für Zeitarbeiter grundsätzlich die gleichen Arbeitsbedingungen wie für fest angestellte Kräfte des Entleihbetriebes gelten.

Mehr als nur Feuerwehr: Zeitarbeitskräfte fungieren nicht nur als kurzfristige Lückenfüller. Die Statistik spiegelt das schnelllebige „Hire and fire“-Prinzip jedenfalls nicht wieder. „Im Durchschnitt werden Zeitarbeitskräfte sechs Monate in einem Betrieb eingesetzt“, so Doris Fux.

Viele wechseln langfristig fest ins Team – Klebeeffekt wird das genannt. Rund ein Drittel aller Zeitarbeitskräfte wird über kurz oder lang übernommen. Zeitarbeit ist für Kunden eine Gelegenheit, risikolos Arbeitskräfte in der Praxis zu erproben. Zunehmend werden die Agenturen auch als Personalvermittler beauftragt, offene Stellen von vornherein auf Dauer zu besetzen. „Dann aber eher für höher qualifizierte Kräfte“, so Silke Oltrogge von Randstad. Das ist vor allem für kleine und mittelständische Firmen von Vorteil, die Bedarf an speziellem Know-how, aber nur begrenzte Kapazitäten für die Personalrekrutierung haben und nicht schon etwa an den Hochschulen Absolventen abwerben können.