©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Marion Vina machte bereits auf vielfältige Weise auf sich aufmerksam – ohne dass die Künstlerin so ins Blickfeld der Öffentlichkeit rutschen wollte. Die ,Stallzeichnerin‘ des Satirepreises Göttinger Elch ist eine Persönlichkeit mit vielerlei Facetten, die von sich selbst behauptet, trotz zahlreicher Rückschläge ein wahres Glückskind zu sein.

Mit 14 Jahren hat Marion Vina bereits eine Größe von 1,75 Meter erreicht – ein hochgeschossener, schlaksiger Teenager mit längsgestreiften, zu kurzen Hosen, die sie von ihrer zwei Jahre älteren Schwester auftrug. „Ich war schon ein wenig ulkig“, erzählt Vina heute herzlich lachend, während sie als Kind eher schwer mit sich selbst zurechtkam. Ihr fehlte das Selbstbewusstsein, stattdessen durchlebte sie ihre Pubertät mit unzähligen Zweifeln. Gezeichnet hat die heute 58- jährige, in Sprockhövel – einem Ort im Ruhrgebiet – geborene Künstlerin bereits damals schon. Allerdings waren diese Bilder weniger Ausdruck ihrer inneren Persönlichkeit, als dass sie einfach Lust hatte zu zeichnen.

Und das macht sie ziemlich gut. Mit elf Jahren nimmt sie an einem Zeichenwettbewerb teil, belegt den ersten Platz und gewinnt ein Fahrrad. Aber zuvor muss Vina vor der Jury ihr Talent beweisen, denn man will ungesehen nicht glauben, dass sie die eingereichten Bilder selbst gezeichnet hat. Durch ihren ersten Erfolg ermutigt, versucht sie zwei Jahre später erneut ihr Glück – dieses Mal bei einem Wettbewerb, den der Süßigkeitenhersteller Storck ausschreibt. Hier werden ihre Bilder abgelehnt. Die Begründung: ‚Das ist ein Wettbewerb für Kinder, da haben nicht die Eltern die Zeichnungen zu malen.‘

Ein Sprung in das Jahr 2017. Vierzig Jahre später hängen Bilder der inzwischen anerkannten Satirezeichnerin in einer Sammelausstellung in der Zentralmensa der Göttinger Universität, unter dem Titel ‚Geschmackssache‘. Doch auch dieses Mal muss sie einen Rückschlag hinnehmen. Vina gehörte zur Künstlergemeinschaft ‚Das KomiTee‘, die mit dieser Ausstellung im Herbst Aufsehen erregen sollte: Das Plakat zur Ausstellung von der Künstlerin Ulrike Martens zeigte einen Albert Einstein mit Schweineohren und wurde von der Jüdischen Gemeinde als antisemitisch verurteilt, die Bilder von Marion Vina wurden von der Gleichstellungsbeauftragten der Universität als sexistisch eingestuft. „Damals war gerade die #metoo-Debatte groß in den Medien. Meine Zeichnungen und Wortspiele, die durchaus eine Auseinandersetzung mit dem Thema darstellen, wurden völlig falsch interpretiert“, sagt Vina. Bis heute haben die Verantwortlichen nur bedingt den Dialog mit ihr gesucht, was sie sehr bedauert.

Anders der Jurist Alexander Thiele, der zusammen mit Göttinger Studierenden eine offene Diskussion mit der Künstlerin führte. Das war eine gute Gelegenheit, dieses Thema anzugehen. Zumal sie vor einer Öffentlichkeit den Vorwurf entkräften konnte, da sie selbst mit 13 Jahren Opfer eines Missbrauchs geworden war und Zeichnungen wie diese in der Ausstellung ein Teil des Verarbeitungsprozesses darstellen. „Erotische Zeichnungen waren für mich auch ein Weg zur Selbstfindung – auch um meinen eigenen Körper wiederzufinden“, sagt die Künstlerin. Im November 2017 wurde die Ausstellung vorzeitig beendet, und alle acht Künstler nahmen ihre Bilder von den Wänden. Die Wogen der Debatte drangen damals sogar bis in die FAZ und Die WELT vor. In der WELT vom 08.11.2017 wurde auf den Deutschen Kulturrat, dem Spitzenverband der Bundeskulturverbände, verwiesen. Der Kulturrat-Geschäftsführer Olaf Zimmermann äußerte sich hier besorgt darüber, „dass die Kunstfreiheit infrage gestellt werde. Hochschulen seien öffentliche Räume, in denen die grundgesetzlich verbriefte Kunstfreiheit gelte“. Er fordere deshalb diejenigen auf, die das Abhängen der Bilder durchgesetzt haben, ihre Haltung zu überdenken. „Debattieren, ja. Zensieren, nein!», so Zimmermann.

Vina ist Künstlerin. Aber sie ist auch Grafikerin, Illustratorin, Wandzeichnerin, Satirezeichnerin und Schauspielerin. Bis zur Geburt ihres Sohnes vor 23 Jahren arbeitete sie als Art-Direktorin in einer großen Agentur in Halle/Westfalen und betreute Kampagnen der Storck-Marken wie Knoppers, Super Dickmann’s, Schokoladen Riesen, Campino und andere. Als alleinerziehende Mutter änderte sich ihr Leben komplett – eine halbtags angestellte Art-Direktorin mit einem Kleinkind zu Hause? „Ich bin eher aus der Not heraus in die Selbstständigkeit gegangen. Es war nicht einfach, aber ich denke heute, dass dieser Weg notwendig war, damit ich werden konnte, was ich heute bin.“

Große Dankbarkeit schwingt mit, während sie das sagt. Vina ist eine lebensfrohe Frau, heute selbstbewusst und zufrieden. Sie wohnt, nachdem sie 2016 von Norderstedt nach Göttingen zog, in einer kleinen Wohnung am Stadtrand, die Atelier, Büro und Lebensraum gleichermaßen ist. Wohl auch, weil sich für sie als kreativer Mensch das eine nicht von dem anderen trennen lässt. Durch die große Fensterfront lässt sie ihren Blick immer wieder über die Felder direkt vor ihrer Haustür schweifen. „Ich brauche diesen Blick in die Natur“, erklärt sie und schenkt grünen Tee nach. Ihre Wände sind voll mit Skizzen und Sekundenzeichnungen, wie sie sie nennt. „Solche Zeichnungen entstehen zum Beispiel, wenn ich fernsehe und Dinge auf mich einströmen, die mich bewegen. Das muss dann einfach raus“, sagt die Wahl-Göttingerin und zeigt auf eine Zeichnung mit einem Totenkopf Diese entstand, als sie von dem Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt 2016 erfuhr. Oder eine Zeichnung: Sie ist eine Satire auf Donald Trump als Trompete. „Es gibt viele Beispiele, da bin ich sehr politisch. Ich habe eine starke Meinung zu Trump und Erdoğan“, sagt sie, „und die tue ich auch kund, ob die Menschen es hören wollen oder nicht.“

In die Satire ist die studierte Grafikdesignerin eher reingerutscht. Erst kam 2012 die Anfrage von dem Göttinger Ausstellungsmacher, Kurator und Gründer des ,Göttinger Elch‘ W.P. Fahrenberg zu dem Lichtenberg- Zeichenzyklus, der stetig wächst und inzwischen auf über 200 Zeichnungen mit Aphorismen angewachsen ist. In Vinascher Manier lädt sie die Betrachter ein, Lichtenberg neu und ein wenig anders zu lesen. Ein schier unerschöpflicher Fundus wartet wohl in den nächsten Jahren noch auf Umsetzung. Zu Lichtenberg gesellte sich der Göttinger Elch. „Ich habe 2012 als ,Stallzeichnerin‘ für den Göttinger Elch mit einer ‚Darstellung‘ der von Michael Sowa und seinen gezeichneten Bilder Perlhuhn und Hund mit Manschette aus dem Film Die fabelhafte Welt der Amélie angefangen. Sowa bildete insofern eine Ausnahme, da ich danach ausschließlich Porträts der Satirepreisträger zeichnete“, erzählt sie, wobei in ihrer Stimme Stolz mitschwingt. Etwas Besonderes bei ihr. Denn eigentlich hält sie sich mit der Einschätzung über ihre Werke sehr zurück. „Ich möchte nichts über die Wertigkeit meiner Bilder sagen, ob sie gut sind oder schlecht. Ich zeichne in erster Linie für mich. Aber es freut mich, wenn Betrachter da sind und es ihnen gefällt.“

Ihre Zeichnungen in Kombination mit Wortspielen zwingen die Betrachter regelrecht zu einem zweiten Blick der Erkenntnis, wie bei ‚warte Schleife‘. Wortspiele sind eine riesige Herausforderung für Vina und haben für die Künstlerin fast Suchtcharakter. „Plötzlich finde ich überall Worte, im Alltag, wenn ich unterwegs bin – und dann geht bildlich gesprochen eine Tür in mir auf und ein Bild zeigt sich, das zeichne ich dann“, erklärt sie ihren Schaffensprozess. Meist sei es erst das Wort und dann das Bild. Wenn sie hingegen ein Bild vor Augen hat und einen Begriff dafür sucht, funktioniere es in den seltensten Fällen. Sie zeichnet immer von Hand und scannt dann ihre ‚SekundenSkizzen‘-Zeichnung ein, um sie zu vervollkommnen. Ihre Linien führung, der Schwung, an dem ihre Fans ihre Bilder immer wiedererkennen und sie deshalb mögen, bleiben dabei erhalten. Vinas Werke zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie mit wenigen Strichen und Linien in den Köpfen eine ganze Welt erschaffen. „Ich versuche immer, den perfekten Ausschnitt zu finden. Ich gehe lieber nah ran und zoome, als dass ich Klein-Klein mache“, erklärt sie. Und genau dieses Heranzoomen schafft eine Nähe zum Objekt, der man sich nicht entziehen kann.

Viele ihrer Bilder veröffentlicht die Sekundenzeichnerin auf Facebook. Auf Leinwand gedruckt gibt es sie jedoch immer nur als Unikat – Kunstdrucke werden in limitierter Auflage verkauft. Die Ursprungsskizze, die von Hand gezeichnete, vernichtet Vina, um ihren Anspruch auf Originalität aufrechtzuerhalten. Egal, ob sie als Künstlerin oder als Grafikerin unterwegs ist, ob sie an Kunden, an Freunde oder an sich selbst denkt – unverrückbare Ehrlichkeit ist für sie eine Lebensmaxime. „Egal, ob man Satire macht, Künstler ist oder Musiker: Man hat immer einen Auftrag – im Positiven. Dazu gehört für mich auch soziales Engagement“, sagt Vina. Viele Jahre arbeitete sie im Kinderhospiz Sternenbrücke in Hamburg und übernahm auch immer wieder ehrenamtliche Projekte. Sie malte dort Wandillustrationen und bemalte zusammen mit den Eltern Kindersärge. Eine Arbeit, die sie demütig gemacht hat. Bis heute zeichnet sie für das Hospiz die Weihnachtskarten, für die sie extra eine Figur – den ‚kleinen Engel‘ – erfunden hat.

Viele Anekdoten aus ihrem Leben fallen ihr während des Interviews ein: dass sie als Kind immer wieder zu einem Baumstumpf im Garten lief und jedes Mal etwas anderes in ihm sah, dass sie immer schon ein aufmerksamer und eher langsamer Mensch war – was für sie aus heutiger Sicht wichtig war, damit sie lernen konnte, sich zu begreifen und sich selbst anzunehmen. Aber auch, wie viel Kraft es sie gekostet hat, als Alleinerziehende das Leben zu stemmen, und dass es Zeiten gab, in denen sie als Akademikerin an der Kasse bei Edeka saß. Auch das. „Dennoch oder gerade deshalb sehe ich mich als ein Glückskind. Ich glaube, dass nichts zufällig geschieht, denn man bekommt dadurch die Chance, in die Ver änderung zu gehen“, sagt sie resümierend zum Ende – und fügt nach kurzem Nachdenken noch hinzu: „Alle Ängste, die man hat, hindern einen doch nur daran, dass es losgeht.“ Denn auch sie weiß, dass sie noch nicht alle Ängste in sich überwunden hat. Doch das hindert Vina nicht daran, die Dinge einfach auf sich zukommen zu lassen und weiterzumachen. Denn Leidenschaft findet sowieso den Weg nach draußen.