©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sven Grünewald

Im August 2019 hat Wolfgang Brück die Nachfolge von Heyo K. Kroemer als Sprecher des Vorstandes der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) angetreten. Im Interview spricht er über die großen Fußstapfen seines Vorgängers, seine persönlichen Ziele für die zukünftige Personalpolitik und die wissenschaftliche Profilierung der UMG.

Herr Brück, mal Hand aufs Herz: Wie groß sind die Fußstapfen, die Heyo K. Kroemer als Ihr Vorgänger hinterlassen hat?

Er hat die UMG extrem geprägt. Bevor Herr Kroemer nach Göttingen kam, waren wir ein wenig von der Landkarte der deutschen Universitätsmedizin verschwunden, und es ist sein Verdienst, die UMG wieder sichtbar gemacht zu haben, und zwar prominent – durch seine Art der Kommunikation, etwa als Präsident des deutschen Medizinischen Fakultätentages, aber auch durch die Besetzung bestimmter wissenschaftlicher Felder. Das gerade entstehende Heart-and-Brain-Gebäude geht auf seine Initiative zurück, weil er den Bereich der Organ-Organ-Interaktionen für zukunftsfähig erachtet hat. Diesen Weg will ich weitergehen. Im Moment hat Göttingen drei Forschungsschwerpunkte: Neurowissenschaft, Herz-Kreislauf-Medizin und Onkologie. Von den anderen 35 deutschen Unikliniken haben 30 ebensolche Schwerpunkte. Mein Ziel ist, dass wir Gemeinsamkeiten in den drei Schwerpunkten suchen und daraus neue Alleinstellungsmerkmale für uns entwickeln.

Die Universitätsmedizin hat immer viel Wert auf ihre Eigenständigkeit gelegt. Nun haben wir gerade zufällig die Situation, dass sowohl UMG-Vorstand als auch Uni-Präsidium neu besetzt werden – wie wollen Sie das Verhältnis zur Unileitung ausgestalten?

Wir hatten in den letzten Jahren eine sehr gute Kooperation mit der Universität, die wir unbedingt fortsetzen müssen. Wir erstellen derzeit eine Strategie 2025. Wenn die Universität wieder in beruhigtem Fahrwasser ist und einen neuen Präsidenten oder eine neue Präsidentin gewählt hat, müssen wir uns gemeinsam so hervorragend aufstellen, dass wir 2026 eine Chance in einer möglichen neuen Exzellenzinitiative des Bundes haben. Wir müssen dafür aber auch sehr eng mit den Max-Planck-Instituten und dem Deutschen Primatenzentrum hier am Göttingen Campus zusammenarbeiten. Gleichzeitig sind wir auf die Eigenständigkeit der UMG auch stolz und kommunizieren sie so nach außen. Dass wir finanziell autonom sind und selbst berufen können, macht die UMG für Externe attraktiv.

Können Sie schon etwas zu den Eckpunkten der Strategie 2025 sagen?

Die strategischen Überlegungen werden nicht nur die Entwicklung neuer wissenschaftlicher Schwerpunkte betreffen, sondern auch die Krankenversorgung, die Internationalisierung, das Personal und den Nachwuchs, also insgesamt sehr umfassend sein. Im Bereich Wissenstransfer und Ausgründungen haben wir noch Nachholbedarf, da wollen wir uns deutlich weiterentwickeln.

Personal ist ein gutes Stichwort. Die Universitätsmedizin hat im Laufe der Zeit verschiedene Tätigkeitsbereiche in Tochtergesellschaften ausgelagert. Dadurch gibt es etwa in der UMG Gastronomie das Problem einer Parallelgesellschaft aus alten und neuen Tarifverträgen und, so der Vorwurf, ungleicher Bezahlung für die gleiche Tätigkeit.Es gibt andere Kliniken, die solche Teilbereiche nicht ausgegliedert haben. Wie soll es mit den Tochtergesellschaften weitergehen?

Auf der einen Seite unterliegt die UMG einem starken wirtschaftlichen Druck. Letztes Jahr haben wir Minuszahlen geschrieben – dieses Jahr wird es wahrscheinlich besser aussehen, aber wir werden trotzdem nicht auf eine ’schwarze Null‘ kommen. Wir müssen uns daher wirtschaftlich konsolidieren, um auch gegenüber der Landesregierung in Hannover das Vertrauen  beizubehalten. Auf der anderen Seite hat es gerade bei der UMG Gastronomie durch den neuen Haustarif eine deutliche Angleichung gegeben, etwas Ähnliches erwarten wir dieses Jahr für die  Klinikservice GmbH. Langfristig müssen wir uns grundsätzlich überlegen, wie wir damit umgehen. Es gibt allgemein die Tendenz, solche Tochtergesellschaften wieder einzugliedern. Das passiert derzeit etwa an der Charité. Ich habe in der Findungskommission betont, dass es für gleiche Arbeit auch gleiches Geld geben muss. In den kommenden Jahren werden wir dazu Pläne präsentieren.

Wie steht die UMG im Vergleich zu anderen Unikliniken da?

Es gibt zwei Vorteile, die die UMG hat. Einer ist unser Personal. Wir haben zum Beispiel inzwischen sehr viele Leitungspositionen in Kliniken und Instituten neu besetzt, und wenn die letzten Neuberufungen abgeschlossen sind, haben wir in den nächsten fünf Jahren keine Wechsel. Zudem gibt es innerhalb der Medizinischen Fakultät eine gute Kooperation ohne irgendwelche Grabenkämpfe. Der zweite Vorteil ist, dass wir ein komplett neues Klinikum bauen können. Das ist enorm wichtig für uns und unsere Zukunftsfähigkeit. Damit sind wir nach wie vor sehr attraktiv, wie wir in den Berufungen sehen, und das, obwohl wir in Göttingen keine Exzellenzuniversität geworden sind. National sehe ich uns unter den Top 10 der Universitätsmedizinen, bei den Drittmitteleinwerbungen sind wir noch weiter vorne, und mit dem gewonnenen Exzellenzcluster werden wir national und auch international als führender Standort in den Neuro- und Herz-Kreislauf-Wissenschaften sowie der hochauflösenden Mikroskopie wahrgenommen. Dies wird durch den neuen Schwerpunkt der Interaktion zwischen Herz und Hirn unterstützt.

In Ihren Tätigkeitsbereich im Vorstand fällt auch die Zuständigkeit für die Lehre. Lassen Sie uns da über drei Aspekte sprechen. Zunächst das Thema Digitalisierung. Im Masterplan Medizinstudium 2020 taucht der Begriff gar nicht auf, und die Universitätsmedizin Mainz ist bislang die einzige, die ein Wahlbereichscurriculum für digitale Medizin hat. Wie wollen Sie das Thema besetzen?

Digitalisierung vollzieht sich in verschiedenen Bereichen: In der Krankenversorgung rollen wir seit diesem Jahr ein neues Krankenhausinformationssystem mit einer komplett digitalisierten Patientenakte aus, das bis Ende 2020 in allen unseren Kliniken Einzug hält. Dann haben wir intern ein papierloses Krankenhaus. Die Digitalisierung des Studiums steckt leider noch in den Kinderschuhen. An der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich gibt es jetzt einen ganz neuen Studiengang ‚Digitale Medizin‘, der parallel zum normalen Medizinstudium läuft. Da sind wir im Vergleich noch sehr konventionell. Wir haben jetzt eine Medizininformatikerin gewinnen können, deren Schwerpunkt die Digitalisierung und auch der Umgang mit riesigen Datenmengen ist, die in der Patientenversorgung anfallen. Wir sind also am Thema dran.

Und wie sieht es mit genderspezifischer Medizin aus? Hier ist die Charité mit einem eigenen Institut ein Vorreiter, in der breiten Masse der Universitätsmedizinen spielt das Thema aber oft kaum eine Rolle.

Ich sehe auch da noch einen großen Bedarf in der Sensibilisierung der Studierenden. Frauen bekommen beispielsweise fünfmal häufiger Multiple Sklerose als Männer, und man weiß nicht, wieso. So etwas kommt im Studium zu kurz, weil wir ein sehr straffes Curriculum haben, das sich auf Kerndisziplinen beschränkt. Das ist ausbaufähig, und zwar sowohl im Studium als auch in der praktischen Medizinerausbildung.

Der dritte Aspekt betrifft den Gesundheitscampus, der gemeinsam mit der Hochschule HAWK aufgebaut wurde. Damals war das eine bundesweit einzigartige Kooperation einer Uniklinik mit einer Fachhochschule. Wie soll der Campus weiterentwickelt werden?

Nach einer gewissen Anlaufzeit stellen wir fest, dass die Studiengänge heute ausgebucht sind. An der Nachfrage erkennt man den erheblichen Bedarf, und ich glaube, dass die Gesundheitswirtschaft in Niedersachsen das Potenzial hat, neben den Themen Mobilität, Landwirtschaft und Tourismus zu einer der Schwerpunktbranchen zu werden. Mit dem Gesundheitscampus Göttingen haben wir zumindest für Südniedersachsen eine Vorreiterrolle in diese Richtung. Es wird zukünftig immer wichtiger werden, seinen eigenen Nachwuchs auszubilden. Niedersachsen und besonders diese Region brauchen diese Höherqualifizierten im Gesundheitsbereich, weil sie in die Peripherie hinausgehen und viele Versorgungsleistungen übernehmen müssen, die früher von Familien geleistet wurden. Dafür hat der Gesundheitscampus Göttingen eine ganz zentrale Bedeutung. Perspektivisch wird als Nächstes der Hebammenstudiengang dazukommen, doch bislang sind das meist nur Bachelorstudiengänge. Hier müssen wir weiter akademisieren und auch Masterstudiengänge sowie Promotionen anbieten und die Arbeitsumgebung attraktiver für Professuren machen. Das heißt, dass Professoren an der HAWK zudem eine Zugehörigkeit zur UMG haben – und umgekehrt, also dass beide Einrichtungen gemeinsam Berufungen durchführen können. Hier können wir noch viel mehr gemeinsam tun. Dasselbe gilt für die Kooperation mit lokalen Unternehmen.

Herr Brück, vielen Dank für das Gespräch!