Wohlstand neu definieren

Text von: Marco Böhme

Der Unternehmer und Umwelt-Visionär Max Schön über den richtigen Ausgleich von Wachstum und Nachhaltigkeit.

faktor: Der Club of Rome, deren deutscher Präsident Sie heute sind, hat einst vor den Grenzen des Wachstums gewarnt.

Sind wir heute an diesen Grenzen angekommen?

Max Schön: In einigen Bereichen ja, in anderen nein.

Gefährliche Entwicklungen haben wir beispielsweise bei den Treibhausgasmengen, der Überbevölkerung, der Überfischung und der Abholzung der Wälder. Auch die maßlose Übernutzung von Böden und Grundwassermengen werden uns vor unvorhersehbare Probleme stellen.

Ich nenne nur ein Beispiel: In Afrika sind viele Millionen Menschen auf der Suche nach Überlebensmöglichkeiten unterwegs. Sie stoßen dabei an die Siedlungsräume anderer Völker.

Die Folge sind brutale Auseinandersetzungen um Wasser, Nahrung, Land. In anderen Bereichen hingegen wäre es geradezu schön, wenn wir mehr Wachstum hätten – nehmen Sie nur die Bildung und die Gesundheit.

Wenn wir es schaffen, unter Wohlstand in Zukunft etwas anderes zu verstehen als das Anhäufen von materiellen Dingen, könnten wir auch gut und glücklich leben.

Sie sind als Aufsichtsrat bei Desertec aktiv. Was ist das Ziel des Projekts?

Beim Desertec-Projekt geht es um nicht weniger als die nahezu vollständige Konversion des Energiesektors: Weg vom Verbrennen von Öl, Gas und Kohle, hin zu regenerativen Energieträgern.

Dabei spielt der Energiereichtum der Wüstengebiete eine besondere Rolle, denn die Wüsten empfangen in nur sechs Stunden so viel Energie von der Sonne, wie die Menschheit im ganzen Jahr benötigt.

Dies zusammen mit Windenergie, Erdwärme, Photovoltaik und Biomasse in Europa könnten wir dazu nutzen, in 30 Jahren 80 Prozent unserer Energie CO2-frei zu erzeugen und dadurch 90 Prozent weniger CO2 in die Atmosphäre zu entlassen.

Das müssen wir auch schaffen, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, Opfer unseres eigenen Lebens- und Wirtschaftsstils zu werden.

Was erwarten Sie persönlich von Desertec?

Desertec liefert eine realistische Perspektive, dass wir 2050 mit zehn Milliarden Menschen leben können und dabei Energie-, Klima- und Wassersicherheit haben könnten.

In vielen Regionen ist die Wasserproblematik das vorherrschende Problem. Die Abwärme und die Energie aus Wüstenkraftwerken können für die Meerwasserentsalzung genutzt werden.

Auch kann Desertec dazu beitragen, mehr Wohlstand in den Wüstengürteln der Welt zu schaffen. Ein wichtiger Beitrag zur Entschärfung von Migrationsproblemen.

Und schließlich: Ein Zusammenarbeiten der Technologie-Regionen mit den häufig ärmeren Wüstenregionen wird stabilisierend auf das Miteinander der Menschen wirken. Wo Menschen gemeinsam an Projekten arbeiten, entsteht Verständnis füreinander.

Sie selbst sind Unternehmer und waren Präsident des Unternehmerverbands ASU. Sind Familienunternehmer nachhaltiger?

Familienunternehmen denken langfristiger, da sie meist auch die Bedürfnisse der nächsten Generation im Auge haben und sich stark mit der Region, in der sie ansässig sind, verbunden fühlen.

Lokal verankert sein, langfristig zu planen und entsprechend zu handeln, gleichzeitig aber offen zu sein für neue Entwicklungen – das macht Familienunternehmen stabil und fit für die Zukunft.

Und ganz wichtig: Unternehmer haften häufig mit ihrem ganzen Vermögen. Dadurch agieren sie meist vorsichtiger und umsichtiger. Es lebt sich eben völlig anders mit einer abgegebenen Bankbürgschaft im Schreibtisch als mit einem Managementvertrag über drei oder fünf Jahren in der Tasche.

Vielen Dank für das Gespräch!

Max Schön, Jahrgang 1961, übernahm im Alter von 24 Jahren das elterliche Stahlunternehmen, das er 1995 in eine dänische Familienaktiengesellschaft fusionierte.

Vor zehn Jahren wechselte er aus dem Vorstand in den Aufsichtsrat der Max Schön AG.

Der 48-Jährige war von 2001 bis 2005 Präsident des Unternehmerverbands ASU und ist Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome und Mitglied im Aufsichtsrat der Desertec Foundation.

Max Schön spricht auf der 9.faktor-Business-Lounge am 31.März 2010 über Desertec und „Wie wir die Klimakatastrophe doch noch verhindern können“.