Wo Spektakel keine Großstadt braucht
Immer wieder treten große Künstler auf der Northeimer Waldbühne auf. Auch in Bad Harzburg hat sich eine Open-Air-Location für namhafte Live-Events etabliert. Zwei echte Erfolgsgeschichten – die allerdings unterschiedlicher kaum sein könnten.
» Die Waldbühne gehört zu den emotionalsten Themen und legendärsten Orten in Northeim und der gesamten Region.« Bürgermeister Simon Hartmann
Es sind beachtlich große Namen, die auch in diesem Jahr wieder auf der Waldbühne in Northeim zu Gast sind: ZZ Top, Michael Patrick Kelly, Fury in the Slaughterhouse, Foreigner, Sean Paul – das Line-Up hält mühelos den Standard, den die Veranstalter seit 2022 regelmäßig hier anbieten. Wobei: Eigentlich begann die Erweckung der Waldbühne aus ihrem Dornröschenschlaf schon deutlich früher: „Die ersten Konzerte haben wir bereits in den Jahren 2008 und 2009 dort veranstaltet. Unter anderem In Extremo und Tangerine Dream. Damals mit und Dank unserem Partner Karl Schrader vom Exil in Göttingen, der uns die Bühne nahegebracht hatte“, erinnert sich Dirk Sadlon, Geschäftsführer der Living Concerts GmbH aus Hannover, die neben der Waldbühne in Northeim auch viele weitere Locations bespielt. Leider habe es dann allerdings erneut eine längere Pause gegeben, „aufgrund diverser ungünstiger Umstände“, so Sadlon.
2020 sollte es dann eigentlich weitergehen – mit einem Konzert von Johannes Oerding. Doch das musste coronabedingt ebenfalls noch mal um zwei Jahre verschoben werden. „Seitdem sind wir nun aber regelmäßig jedes Jahr mit vielen Konzerten in Northeim“, weiß der Agenturchef zu berichten. Und Living Concerts bringt tatsächlich nicht irgendwen nach Northeim – sondern ausschließlich bekannte nationale und internationale Stars aus dem oberen Regal. Nach Oerding kamen noch Rea Garvey, Alvaro Soler, Max Giesinger, Alice Cooper, Sarah Connor, Billy Idol, Howard Carpendale, LEA, Samu Haber, Chris de Burgh und Jan Delay. Fury in the Slaughterhouse kommen in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal; Oerding war sogar schon dreimal da.
Als Wiederbelebung sieht der Living-Concerts-Chef sein Engagement aber nicht wirklich: „Die große Zeit der Waldbühne in den 1990er-Jahren habe ich persönlich gar nicht mitbekommen, kenne das nur aus Erzählungen. Eigentlich wollten wir hier nicht unbedingt an die Vergangenheit anknüpfen, sondern eher etwas Neues aufbauen. Dass das bei vielen Besucherinnen und Besuchern einer Wiederbelebung gleichkommt, ist für uns aber auch irgendwie eine schöne Metapher.“
Für Northeims Bürgermeister Simon Hartmann (SPD) ist es wesentlich mehr als das: „Die Waldbühne gehört zu den emotionalsten Themen und legendärsten Orten in Northeim und der gesamten Region. Fast alle, die ich kenne, waren schon mehrfach auf der Waldbühne. Sie sind mit ihr groß geworden, haben legendäre Partys und Konzerte dort gefeiert. Dass dieses einmalige Open-Air-Juwel mitten im Wald reaktiviert werden konnte, gehört zu den schönsten und wichtigsten Projekten meiner Amtszeit“, schwärmt der Verwaltungschef. Northeim habe dadurch bundesweit an Aufmerksamkeit und Renommée gewonnen.
Es sei außerdem spürbar, dass Hotels und Pensionen, die Gastronomie und der Einzelhandel von den rund 40.000 Konzertbesuchern pro Jahr profitieren. „An den Konzertwochenenden ist die Stadt sehr gut besucht, und wir treffen überall fröhliche Menschen. Genau darauf wollen wir aufbauen und gemeinsam mit der neu gegründeten Northeimer Gesellschaft für Wirtschaftsförderung, Marketing und Tourismus Konzepte entwickeln, die diesen Erfolg nachhaltig steuerbar macht“, sagt Hartmann.
Einen Konkurrenzkampf, etwa mit dem Oberzentrum Göttingen und den dortigen Event-Locations wie Lokhalle oder Stadthalle, kann der Northeimer Bürgermeister indes nicht erkennen: „Ich möchte, dass Northeim als Bestandteil einer starken und wachsenden Region wahrgenommen wird.“ Alle, die in Verantwortung stehen, hätten erkannt, dass zusammen mehr erreicht werden könne. „Deswegen freue ich mich über das großartige kulturelle und musikalische Programm in ganz Südniedersachsen. Und ich bin glücklich, dass die Städte und Gemeinden und die Veranstalter in ihre Spielstätten investieren. Ich bin sicher, dass da in Zukunft noch mehr gehen wird. Auch und vor allem gemeinsam.“
Auf Gemeinsamkeit setzt auch Living-Concerts-Chef Sadlon. Northeim habe „richtig Lust auf Konzerte“, und dementsprechend gebe es eine „hervorragende Zusammenarbeit mit der Stadt Northeim, dem Technischen Hilfswerk, der Polizei, dem Busunternehmen Weihrauch Uhlendorff, vielen weiteren Unternehmen und Organisationen sowie nicht zuletzt mit dem direkt nebenan gelegenen Hotel Freigeist“.
Das Engagement vor Ort stimmt also. Trotzdem braucht es natürlich auch immer wieder namhafte Künstler, um die Erfolgsgeschichte fortschreiben zu können. Die zu bekommen, ist inzwischen deutlich einfacher als noch vor einigen Jahren. Sadlon: „Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass die Waldbühne eine fantastische Location ist. Vor allem die Form des Amphitheaters mit der Sicht auf das Publikum begeistert Künstlerinnen und Künstler immer wieder. Dazu die stimmungsvolle Lage mitten im Wald. Northeim ist zwar eine kleinere Stadt, aber das Einzugsgebiet ist groß.“ Ein wesentlicher Teil des Publikums komme aus der Region: „Als Einzugsgebiet kann man einen Radius von 100 Kilometern sehen. Aber es kommen auch Fans aus größerer Entfernung und verbinden das Konzert mit einem Kurzurlaub – vor allem, wenn die Künstler nur wenige Auftritte in Deutschland spielen.“
Bürgermeister Hartmann wird all das gern hören. Für ihn ist die Waldbühne, die bereits in den 1930er-Jahren gebaut wurde, „wirklich eine Herzensangelegenheit“. Jedes Konzert, jede Party, die er auf der Waldbühne besucht habe, sei ein besonderes Highlight gewesen. „Ein ganz besonderer Moment war aber das Konzert von Johannes Oerding im Jahr 2022. Es war das erste Konzert nach dem Restart unserer Waldbühne, und es war nach der Corona-Pandemie auch eine der ersten großen Veranstaltungen überhaupt in unserer Stadt. Die Menschen und auch der Künstler selbst waren einfach begeistert, unendlich fröhlich. Man spürte, dass da eine ganz besondere Aufbruchstimmung in der Luft lag.“
Wenn Hartmann Oerding in diesem Jahr erneut live sehen möchte, muss er seine Stadt allerdings verlassen und in den Nachbarlandkreis fahren. Deshalb an dieser Stelle: Ortswechsel, 50 Kilometer Luftlinie in Richtung Nordosten. Kaum eine Autostunde entfernt von der Northeimer Waldbühne liegt die Galopprennbahn Bad Harzburg. Auch die hat sich inzwischen einen Namen als besondere Freiluft-Konzert-Location gemacht – allerdings mit einem anderen Konzept als in Northeim.
Seit 2024 veranstaltet die Miner’s Rock UG aus Goslar unter dem Label „Yellow Jockey“ an jeweils einem Wochenende im Sommer drei Konzerte an drei aufeinander folgenden Tagen. Wie bei einem Festival werden dann sogar Wohnmobil-Stellplätze vor Ort vermietet – für die Fans, die gleich mehrere Tage bleiben wollen. In diesem Jahr wird es erstmals vier Events an vier Tagen geben: Neben Johannes Oerding sind Dick Brave, Matthias Reim und zum zweiten Mal nach 2025 die „90s Super Show“ angekündigt – diesmal unter anderen mit Whigfield, Loona, East 17, Oli P., Bellini und DJ Quicksilver.
Geschäftsführer Sören Behme beschreibt, wie es dazu kam: „Wir haben als Freundeskreis schon zuvor über viele Jahre Konzerte an anderen Locations wie zum Beispiel dem Rammelsberg in Goslar veranstaltet und waren auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ein guter Freund und heutiger Partner brachte dann die Idee ins Spiel, auch einmal an die Rennbahn zu denken – und dann ging es tatsächlich recht schnell.“
Parallele zu Northeim: Es gab vor Jahren schon einmal Konzerte auf der Rennbahn, allerdings von unterschiedlichen Veranstaltern und unter wechselnden Überschriften. „Wir sind nun im dritten Jahr unterwegs und werden 2026 die Konzerte sieben bis zehn unter dem Label Yellow Jockey Open Air durchführen. Eine solche Kontinuität hat es an dieser Location bislang nicht gegeben“, betont Behme.
Eine weitere Ähnlichkeit zur Waldbühne ist, dass auch die Galopprennbahn quasi mitten im Grünen liegt, umgeben von den Harzer Bergen. Behme und die drei anderen Gesellschafter können hier auf eine Infrastruktur zurückgreifen, die andernorts erst aufwendig temporär errichtet werden müsste: Es gibt eine Tribüne, eine Stromversorgung, feste Toilettenanlagen, Räumlichkeiten für Künstler und Produktionsbüros sowie große Parkflächen direkt am Gelände. „Insofern sind wir vermutlich eines der Open-Air-Formate mit dem grünsten Fußabdruck“, meint der Geschäftsführer.
Etwa ein Drittel der Konzertbesucher kommt den Veranstaltern zufolge aus Bad Harzburg oder den direkt umliegenden Städten wie Goslar oder Langelsheim, ein weiteres Drittel kommt aus einem Umkreis von etwa 100 Kilometern – also aus Braunschweig, Hannover, Wernigerode oder auch aus Göttingen. Das letzte Drittel sind treue Fans der jeweiligen Künstler, die eine weitere Anreise in Kauf nehmen – oder Urlaubsgäste, die ohnehin im Harz sind.
Und damit sich eine Konzertreihe rechnet, braucht es in der Tat jede Menge zahlendes Publikum. Behme: „Unter 10.000 Besucherinnen und Besuchern an einem Wochenende ist es wirtschaftlich kaum darstellbar, dafür sind die Grundkosten für eine solche Veranstaltung zu hoch, nicht nur bei uns.“ Zu diesen gehören nicht nur die Künstlergagen und die Kosten für die Bühne inklusive Technik und Licht, sondern beispielsweise auch die Kosten für Personal, Miete, Catering, Versicherungen, Sicherheit, GEMA, Energie, Steuerberater oder die Internetseite nebst Webshop. „Das haben wir 2025 schmerzhaft erfahren, da der Termin in den Sommerferien schlicht nicht optimal war“, gesteht er ein.
Letztlich sei jedes neue Konzertwochenende auch immer ein Risiko: „Notwendige Zwischenfinanzierungen erhalten wir von den Banken nur, wenn wir Gesellschafter auch persönlich haften. Das tun wir – und stellen uns dabei durchaus regelmäßig die Frage, ob das richtig und klug ist. So manche schlaflose Nacht hat es hier mit Blick auf die Kalkulation und Ticketverkäufe auch schon gegeben. Aber es ist das, was wir lieben. Insofern folgt hier das Notwendige dem Willen.“
Klar ist aber auch: Die Stadt Bad Harzburg und die Umgebung partizipieren inzwischen am Erfolg des noch jungen Event-Formats. Behme: „Die Effekte sind deutlich spürbar – etwa bei Übernachtungszahlen, Gäste- und Kurbeiträgen oder in unseren eigenen Umsätzen, auf die wir Steuern zahlen. Dazu gehört auch die Wahrnehmung des Harzes und speziell von Bad Harzburg. Und auch der Einzelhandel und die Gastronomie profitieren.“ Zudem kooperieren die Veranstalter – soweit möglich – mit lokalen Partnern, beispielsweise bei Getränken, bei der Künstlerunterbringung, bei Fahrzeugen oder beim Catering: „Da greifen wir auf Unternehmen in der Nähe zurück.“
Im Gegenzug setzen Behme und seine Mitstreiter dann aber auch auf den Support vor Ort: „Die Unterstützung ist klar vorhanden, wofür wir sehr dankbar sind. Insbesondere die Stadt Bad Harzburg, der Rennverein als Hausherr und die breite Unterstützung durch Sponsoren machen die Events möglich. Auch Institutionen wie Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst stehen an unserer Seite.“
Ohne die Unterstützung der regionalen Wirtschaft würde es laut Behme nicht funktionieren: „Das Engagement darf gern noch wachsen und vor allem langfristiger werden. Denn wir buchen Künstler bereits heute für 2027 und 2028. Dafür brauchen wir auch finanzielle Planungssicherheit – sonst ziehen unsere Familien irgendwann den Stecker aus der Bühnenbeleuchtung.“
Die vier Gesellschafter gehen alle regulären Berufen nach und leben nicht von den Yellow Jockey Open Airs – ein wichtiger Unterschied zur Waldbühne in Northeim. „Alles, was mit den Konzerten zu tun hat, machen wir in unserer Freizeit – an Wochenenden oder nach Feierabend.“ In den Veranstaltungswochen selbst nehmen sie dann sogar Urlaub, um sich voll auf die Events fokussieren zu können. „Dazu haben wir als Unterstützung auch einen großen Pool an Mitarbeitern – viele davon Freunde –, die uns zum Teil seit vielen Jahren bei Konzerten unterstützen. Sei es beim Auf- und Abbau, an den Theken, bei der Künstlerbetreuung, beim Einlass, als Parkeinweiser oder bei der Reinigung der Toiletten und des Geländes.“ Mehr als 50 Mitarbeiter werden jedes Jahr angemeldet, damit alles reibungslos funktioniert. Behme weiß: „Allein könnten wir das Wochenende nicht mit vier Gesellschaftern bewältigen.“
Northeim und Bad Harzburg: In beiden Städten haben die Veranstalter mit unterschiedlichen Ansätzen bemerkenswerte Erfolgsgeschichten geschrieben – und damit bewiesen, dass es keine Großstadt braucht, um große Stars in die Heimat zu holen. ƒ
