Wo liegt Duderstadt?

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Text von: redaktion

Der kürzlich verstorbene Max Näder erzählt über seinen abenteuerlichen Weg nach Duderstadt. faktor präsentiert Auszüge aus der dreibändigen Familien- und Firmenchronik “Bewegte Zeiten. Eine deutsch-deutsche Unternehmensgeschichte“.

Abfahrt Hamburg-Harburg am 8.11.1945. Ziel ist Göttingen. Nach abenteuerlicher Fahrt z. T. in leeren Güterwaggons, die natürlich unbeheizt sind.

Am Abend komme ich bei Onkel Hermann an und werde wie vorher auf meiner Fahrt mit den Bücklingen liebevoll von ihm und Tante Anna aufgenommen.

Am nächsten Vormittag, 9.11., unternehme ich den Versuch, einen Termin beim Landrat zu bekommen. Leider werde ich auf den nächsten Tag vertröstet, um Herrn Landrat Dr. Solf sprechen zu können. Es ist vielleicht mein Geschäftsanzug – meine umgefärbte Uniform und Hose in den Stiefeln, darüber mein Kradmantel –, der sich mit dem Anliegen nach den Möglichkeiten eines Kompensationslagers und Räumlichkeiten für eine Fertigung nicht ganz erklären lässt. Aussehen und Anliegen hinterlassen sicher nicht gerade einen seriösen Eindruck.

Es liegt deshalb in gewissem Sinne eher eine etwas kühle, zweifelhafte Einschätzung meines Anliegens in der Atmosphäre dieses Gespräches. Da sitze ich nun und muss erfahren, dass es in Göttingen überhaupt keinen Platz gibt.

Der Austausch der Evakuierten von Ost nach West, die Flüchtlinge – Göttingen sei überbelegt voll und übrigens sei man als Universitätsstadt in erster Linie bemüht, wissenschaftlich orientierte Unternehmen zu etablieren – so wörtlich. Er gibt mir allerdings den Rat, es diesbezüglich einmal in Duderstadt zu versuchen, dort gibt es einen ehemaligen Rüstungsbetrieb. Dieser sei stillgelegt und demontiert, so dass – wenn überhaupt – es nur dort eine Möglichkeit geben könne.

Ich habe den Eindruck, dass er froh ist, mich mit dem Wunsch „Viel Erfolg“ loszuwerden. Zurück zu Onkel Hermann – wo liegt Duderstadt? Wie komme ich dorthin?

Die Zugverbindung mit der Kleinbahn ist noch nicht wieder hergestellt. Zu Fuß zu weit: gut 30 km, das Wetter ungemütlich – so bleibt nur Onkels Fahrrad, das im Moment aber noch Reifenpanne hat und es Abend wird, bevor wegen Beschaffung des nötigen Klebstoffes die Panne behoben werden kann. So radele ich am nächsten Tag, 11.11.1945, von Göttingen durch das Gartetal über Etzenborn-Nesselröden nach Duderstadt, das ich gegen Mittag erreiche.

Es ist nasskalt, und leichter Schneefall hat sich eingestellt. Es ist glatt, als ich, mein Fahrrad schiebend, durch das Westertor gehe. Komme weiter in die Marktstraße und sehe gleich auf der linken Seite das Ladenschild: Orthopädische Werkstätte Ernst Rohde.

Hat mich mein Schutzengel hierher geführt? Es gibt gleich von Anfang an eine ausgiebige Begrüßung. Frau Rohde kommt hinzu und beide meinen, dass ich jetzt erst einmal etwas zu essen bekommen müsse. Es schmeckt ausgezeichnet und ich werde reichlich satt. So gefällt mir Duderstadt von Anfang gleich doppelt gut.

Herrn Rohde kann ich auf diese angenehme Weise mein Anliegen – in erster Linie Lagerraum mit Büro für Warenaustausch Königsee-West und umgekehrt und für die weitere Zukunft eventuell Fabrikationsräume für die Fertigung von Bauteilen für Prothesen – erläutern. Als angestammter Duderstädter Bürger kennt er sich bestens aus und verspricht, mich mit Josef Dobert bekannt zu machen, der mir mit Sicherheit weiterhelfen kann.

Es wird noch am Nachmittag mit diesem Herrn Dobert ein Termin für den nächsten Tag vereinbart. Für die Nacht hat mir Herr Rohde ein Zimmer schräg gegenüber im Hotel zur Tanne bestellt. Das Zimmer ist kalt, im Bett gibt es leider nur die blanke Matratze, ebenso gibt es keine Zudecke. Gut durch die Nacht und gegen die Kälte hilft mir mein allerbestes, universell und in allen Lebenslagen hervorragend verwendbares Kleidungsstück, mein Wehrmachtstrainingsanzug, den wir bei der Entlassung behalten durften. Den ziehe ich auch in dieser Nacht an und darüber noch meinen Kradmantel, so dass ich noch in Strümpfen und Stiefeln relativ gut die Nacht über die Runden bringe.

Als zusätzliche „Bettdecke“ habe ich noch den Bettvorleger zur Verfügung. Frühstück gibt es bei Familie Rohde – reichlich und gut –, zu dem auch Herr Dobert eingeladen ist.

Herr Dobert ist zu der damaligen Zeit Leiter der Geschäftsstelle der Allianz-Versicherung in Duderstadt und weiß somit über „Objekte“ sehr gut Bescheid. Über Herrn Rohde als Kunde von Königsee erhält er genügend Informationen über Otto Bock, so dass er sich auch gleichzeitig ausrechnen kann, dass hier ein neuer Kunde für seine Versicherung zu erwarten ist…

Abdruck der Auszüge mit freundlicher Genehmigung der Firma Otto Bock.