Wo Holzfiguren leben

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Noreen Hirschfeld, redaktion

Das Theater der Nacht in Northeim feiert 15. Geburtstag. Zum Artikel über das 'Puppenhaus'...

15 Jahre Theater der Nacht, das muss gefeiert werden. Beim Theaterfest am 4. September 2016 lassen die Northeimer ihre Puppen ordentlich tanzen. Theatermarkt, Musik, Tanz und jeder Menge Theater – frei für alle, die mitfeiern wollen!

Zum zehnjährigen Jubiläum hat faktor die Krativschmiede seinerzeit besucht und über das Theater, die Figuren und die Geschichte berichtet.

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Am Ende einer kleinen Straße, unterhalb des Northeimer Stadtwalls, steht ein sonderbares Haus – verwinkelt, versetzte Fenster, dazwischen Nasen.

Die Dachspitze ist mit einem Drachenkopf verziert, die Ziegel bilden den Rücken des Tieres und sind mit Dornfortsätzen besetzt. Abends, wenn die Dunkelheit die Stadt einhüllt, scheint ein warmes Licht aus den Fenstern und lässt das Haus in einem märchenhaften Zauber erleuchten. Die am Eingang stehenden hölzernen Tierfiguren laden die Besucher zum Eintreten ein.

Der Anfang

Vor zehn Jahren wurde der Umbau der ehemaligen Feuerwache und somit die Eröffnung des Figurentheaters „Theater der Nacht“ mit einem riesigen Volksfest mit Maskenumzug begangen.

Mit 200 Vorstellungen und 20.000 Besuchern im Jahr schreiben die Gründer und Manager, Ruth und Heiko Brockhausen, seither eine wahre Erfolgsgeschichte. Die Auslastung lag von Beginn an bei über 100 Prozent, bei jeder Aufführung müssen zusätzliche Stühle an den Rand gestellt werden.

Das Geheimnis sieht die Puppenspielerin und Intendantin des Theaters in dem „Gesamtkonzept“: Das Figurentheater ergänzt durch das Gebäude als solches. „Durch das Haus werden der Spieltrieb und die Lust auf Fantasie geweckt, und es ist leichter in diese andere Welt einzutauchen“, erklärt sie.

Das sei auch der Grund, weshalb das Puppenspiel, das sonst von Älteren oftmals als „„Kinderkram“ abgetan werde, zu vier Fünfteln von Erwachsenen besucht werde.

Im Jahr 1994 erfuhr das Künstlerehepaar zufällig, dass die alte Feuerwache abgerissen werden soll, und beschloss, sie zu kaufen. Die beiden wollten für das 1988 gegründete Tourneetheater, mit dem sie unter der Regie von Peter Hauck als Puppenspieler durch ganz Deutschland reisten, ein Gebäude für Büro, Werkstatt und Proberaum sowie einen Wohnraum für sich.

Bald erkannten sie die optimale Lage und Form des „Feuerwehrkastens“, wie ihn Heiko Brockhausen nennt, und baten die Stadt um Genehmigung für ein stationäres Theater.

Nach langem Parteienstreit um die Frage einer finanziellen Unterstützung konnte der Umbau vier Jahre später vollzogen werden. Die Kosten übernahm zu über 50 Prozent das Ehepaar selbst – durch Leihgaben und Kredite –, ein weiterer großer Teil waren öffentliche Zuschüsse unter anderem der Stadt Northeim, des Arbeitsamtes und des Landes Niedersachsen.

Der Streit der Stadt sorgte für gute Publicity, sodass das Eröffnungsfest zu einem „Volksfest erster Güte wurde“, wie die Intendantin heute begeistert erzählt. „Am Anfang waren wir von der Nachfrage sehr überrascht. Der erste Spielplan, mit 40 Veranstaltungen im ersten Halbjahr, war innerhalb von einem Monat ausverkauft“, meint sie stolz.

Northeim hatte die lustigen hölzernen Puppen vom ersten Tag an ins Herz geschlossen.

Rundumerlebnis

Für die Besucher ist das Theater der Nacht ein Rundumerlebnis. Nach Betreten des „Märchenhauses“ setzt sich der äußere Anschein im Inneren fort.

Gewölbeartig zieht sich die Decke durch den Café-Bereich, an den Wänden hängen Masken und Figuren, antike Möbel und fantasievoll gestaltete Stühle laden zum Verweilen ein.

Vor Beginn der Vorführung bläst Heiko Brockhausen in ein riesiges Alphorn, um den Einlass in den kleinen Theatersaal zu verkünden. Die Zuschauer nehmen in den blauen Reihen oder auf einem der kreativen Stühle,beispielsweise in Form eines Fisches, Platz. Das Licht geht aus, der Sternenhimmel erleuchtet, die Vorstellung kann beginnen.

Wenn die Figuren im Lichtkegel der kleinen Tischbühne ihren Auftritt haben, verschwindet das schwarz gekleidete Puppenspielerpaar im dunklen Hintergrund. Es wechselt nebenbei die Dekoration, spielt die Drehorgel und ist als Erzähler in die Geschichte involviert.

Als im Stück „Der Hexenjäger“ – das auf Grundlage eines Hörspiels von Elifius Paffrath entstand – der Magister Melchior von Pauck auf seiner Hexenjagd ins Wirtshaus im Wald von Tannerode einkehrt, lacht das Publikum herzlich auf. Die Wirtin sieht auch zu ulkig aus, mit ihrer breiten Nase, den verquollenen Augen und dem überaus großzügigen Dekolleté. Auch die alte Geisskäth, das Kräuterweib aus dem Wald mit der langen Hexennase, erweist sich als Publikumsliebling.

Die Figuren

Die ausdrucksstarken Gesichter der Puppen werden mit Leidenschaft und viel Liebe zum Detail gestaltet. Den Großteil schnitzt Heiko Brockhausen, der auch gelernter Holzbildhauer und Instrumentenbauer ist, selbst aus Lindenholz. „Jedes Theaterstück hat ein anderes Inszenierungskonzept, jede Geschichte verlangt nach einer eigenen Bilderwelt, und auch die Figuren sind stilistisch ganz unterschiedlich“, erklärt er. „Mal sind sie ganz fein geschliffen und haben einen träumerischen Charakter, mal sind sie derb gehackt, wie bei ,Der Hexenjäger‘“.

Auch die Größen der Holzgesellen sind verschieden. Im Requisitenraum mit den deckenhohen Regalen, gefüllt mit Masken, Stoffen und Miniaturmöbeln, erwecken die teils lebensgroßen hängenden Figuren den Eindruck eines Gruselkabinetts.

Die Stücke

Die Entstehung der Stücke ist sehr unterschiedlich. Teilweise sind es vorhandene Geschichten, die entsprechend umgeschrieben werden, teilweise entstammen sie vollständig den beiden kreativen Köpfen. „Es ist immer eine Odyssee, man weiß nie, wo man ankommt“, erklärt der Puppenspieler.

Eine besondere Herausforderung beim Figurentheater sei, dass die Puppen keine Mimik besäßen, man arbeite in Bildern. „Die Stücke müssen schon so geschrieben und dargestellt werden, dass jeder weiß, wie es der Puppe in einer bestimmten Situation geht“, erläutert er. Wenn es gelinge, diese Emotionen herüberzubringen, dann sei es gutes Figurentheater.

Im „Hexenjäger“ erweckt das Ehepaar die hölzernen Figuren zum Leben. Nicht nur das lustige Aussehen, auch die Stimmen der ächzenden Geisskäth, der jodelnden Wirtin oder des besoffenen Pfalzgrafen überzeugen und sorgen für gute Stimmung. Als der Magister und sein Gehilfe durch den Wald reiten, wird es schaurig. Es blitzt und donnert, während Hexen, „Wir wollen sie necken, ein bisschen erschrecken!“ kreischend, umherfliegen. Der Magister und sein Gehilfe sitzen bibbernd auf der Kutsche – ihre Angst ist spürbar.

„Mit Figuren und dem Bühnenbild kann man vieles machen, was in einem normalen Theater nur mit einer riesigen Bühne gehen würde“, erklärt der Puppenbauer. Außerdem „kann ich damit Sachen sagen, die ich normalerweise nicht sagen kann, weil ich abstrahieren und überzeichnen muss“, fügt seine Frau hinzu.

Sie fasziniere besonders der „Grenzbereich zwischen Realität und Fantasie“, wie beispielsweise bei Märchen. Die Erfahrung dieses Grenzbereiches ist es wahrscheinlich auch, die das Publikum so zahlreich in das märchenhafte Haus lockt.

Finanzielle Not

Trotz der großen Nachfrage und hohen Auslastung hat das Theater finanziell zu kämpfen.

Nachdem es eine Startförderung vom Land Niedersachsen und der Kreissparkasse der Stadt Northeim erhielt, ist es seit 2005 auf sich selbst angewiesen.

Die Publikumseinnahmen decken zwischen 60 und 70 Prozent der Ausgaben. Für den größten Teil des übrigen Finanzlochs kommt der 1999 gegründete Förderkreis auf, der mittlerweile 500 Mitglieder zählt und einer der größten Vereine in Northeim ist, sowie Zuschüsse zu Projekten.

Die Gastronomie muss sich selbst tragen, wobei ein etwaiger Überschuss in den Spielbetrieb fließt. Die Strukturförderung des Landschaftsverbandes beträgt nur drei Prozent.

Obwohl der Bedarf an Vorstellungen nicht gedeckt ist, geht das Ehepaar von einer notwendigen Reduzierung des Spielplans im kommenden Jahr aus. Mit der momentanen finanziellen Lage sei das Theater in dieser Form nicht mehr lange realisierbar, jedenfalls nicht, wenn die beiden auch ein Privatleben führen wollen.

„Wenn irgendetwas schief geht, bleibt das an uns hängen, weil wir mehr Zeit investieren. Im Moment ist es wirklich ein Knochenjob“, erklären sie. Deshalb blicken die beiden wenig optimistisch in die Zukunft.

Es müsste mehr Geld vorhanden sein, um beispielsweise einen Bühnentechniker zu finanzieren. Auch die Gehälter der acht Angestellten und zehn Aushilfen sind nicht überragend.

Eine institutionelle öffentliche Förderung könnte die Arbeit des Theaters sichern und qualitativ steigern, erklären die Brockhausens. Vieles funktioniere momentan nur durch zusätzliches und ehrenamtliches Engagement.

Aber auf die Frage, wie es wohl in 50 Jahren aussehen werde, antworten Ruth und Heiko Brockhausen trotzdem: Das Haus gibt es sicher noch!