Wo die wilden Rinder leben

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefanie Waske

Seit zwölf Jahren lichten ,Auerochsen‘ historische Eichenwälder im Solling, halten Bergwiesen und Täler frei. - Immer mehr Gourmets schätzen ihr Fleisch.

Feinschmecker suchen stets nach außergewöhnlichen Genüssen: unerhört gutschmeckendem Fleisch, ausgefallenen Früchten oder seltenen Trüffeln. Eingeweihte zieht es mittlerweile in den Solling. Dort leben in den Wäldern und auf den Bergwiesen Rinder, die dem ausgestorbenen Auerochsen ähneln. Ihr Fleisch ist eine Rarität. Alles begann vor zwölf Jahren als Forschungs- und Naturschutzprojekt im Reiherbachtal beim Schloss Nienover. Alte und hohe Eichenwälder, von Gewässern durchzogene Wiesen und kleine Teiche prägen die Landschaft. Einige der Bäume sind mehr als 150 Jahre alt. Ihre Eicheln dienten einst der Mast von Pferden, Rindern, Schafen und Schweinen. Die Tiere fraßen jedoch zu viele Sämlinge, und daher wurde Mitte des 19. Jahrhunderts den Bauern die Waldweide verboten. Anderthalb Jahrhunderte später knüpfte der Naturpark Solling-Vogler an die alte Tradition des Hutewalds – ein als Weide genutzter Wald – an. Jedoch nicht, um Tiere zu mästen, sondern um die Eichenwälder von nachwachsenden Buchen zu lichten. Auf diese Weise sollen bedrohte Pflanzen- und Tierarten sich besser entwickeln können, zum Beispiel der Mittelspecht oder die Mausohr-Fledermaus. Projektpartner wurden die Niedersächsischen Landesforste, das Umweltministerium in Hannover und Forscher der Fachhochschule Lippe und Höxter. Damals zogen 20 Exmoor-Ponys und ebenso viele besondere Rinder in das Reiherbachtal. ,Auerochsen‘ nennt sie Kurt Hapke, Gesch.ftsführer des Naturparks Solling-Vogler, der Träger des Projektes ist. Ein wenig Inszenierung und Augenzwinkern gehört dazu: Die wahren Auerochsen sind nämlich seit Jahrhunderten ausgerottet. Das letzte Ur-Rind soll 1627 gestorben sein.

Für Naturschutz und Tourismus: Forstwirt Kurt Hapke führt seit 2004 die Geschäfte des Naturparks Solling-Vogler.

Die Faszination für die Ochsen verschwand nicht. So züchteten in den 1920er Jahren zwei Zoodirektoren, die Brüder Heinz und Lutz Heck, nach eigenen Vorstellungen ein Abbild des Auerochsen und kreuzten verschiedene Hausrind-Rassen. Daher sind die Nachfahren ihrer Zucht auch keine Wildrinder. Sehr zahm verhalten sie sich dank der eingekreuzten Kampfstiere aus Spanien trotzdem nicht. Die Heckrinder fielen um einiges kleiner aus als ihr Vorbild, waren weniger athletisch und die Hörner alles andere als imposant. Das Ende des Zweiten Weltkriegs überlebten nur wenige Exemplare. Erst Naturschützer entdeckten die Rasse für Beweidungsprojekte wieder und entwickelten aus ihr das hochbeinigere Taurusrind. Ungefähr 3.000 Exemplare sollen aktuell in Deutschland leben. Im Solling sind es mit Jungtieren ca. 60, schätzt Hapke.

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