©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Das Eichsfeld hat eine neue Attraktion: das Whisky-Erlebniszentrum auf Burg Scharfenstein. Damit schafft die Destille Number Nine Spirituosenmanufaktur einen würdigen Rahmen für das sogenannte Wasser des Lebens. Inhaber Bernd Ehbrecht hat sich seinen Lebenstraum erfüllt – und ist noch lange nicht am Ziel angekommen.

Mystische Gewölbekeller, ein Aussichtsturm, der einen weitläufigen Blick übers Land gewährt, und mittelalterliche Burgtürme, deren Überreste an Kerker aus dunkler Vergangenheit erinnern. 1209 erstmals urkundlich erwähnt, hat die Burg Scharfenstein im thüringischen Eichsfeld eine bewegte Geschichte hinter sich: Die Mauern brannten nieder, wurden wieder auf gebaut, um dann dem Verfall und der Verwitterung überlassen zu werden.

Seit 2006 erfährt die Burg eine Renaissance, wobei um die zehn Millionen Euro in die Sanierung flossen, um den Glanz vergangener Zeiten erneut aufleben zu lassen. In den letzten Jahren kamen viele Besucher – wegen der Aussicht oder, um hier oben in der Zweigstelle des Standesamtes zu heiraten. Eine vollwertige Nutzung gab es jedoch bislang nicht. Im November 2018 änderte sich dies. Die Burgtore öffneten sich für eine völlig neue Bestimmung: für ein Whisky­ Erlebniszentrum.

Gut gelaunt kommt Bernd Ehbrecht über den Burghof geschlendert. Treffpunkt ist der kleine, modern gestaltete Laden, in dem es verführerisch duftet und wo es alles aus der ‚Number Nine Spirituosen Manufaktur‘ zu kaufen gibt: Whisky, Rum, Gin, Liköre, Whiskykaffee, Süßes und andere Mitbringsel. Die Gemäuer sind urig, wie es sich für eine echte mittelalterliche Burg gehört, und der richtige Rahmen, um Whiskykenner und Neugierige aus ganz Deutschland und Europa anzulocken. Bei der Eröffnung Ende Oktober ist dies schon einmal gelungen. „Wir feierten mit rund 1.400 Gästen. Das war ein guter Einstieg, besonders wenn man bedenkt, dass wir kaum Werbung geschaltet hatten“, sagt Ehbrecht, seit 2013 Inhaber der Number Nine Spirituosen und nun auch der neuen ‚Whiskywelt Burg Scharfenstein‘. Dabei kann der 62­Jährige auf seine Erfahrungen als Chef der Brauerei Neunspringe zurückgreifen, die er kurz nach der Wiedervereinigung übernahm.

Seinen ersten Single Malt trank der gelernte Banker vor gut 25 Jahren – wie sollte es auch anders sein, in Schottland. „Das zumindest war mein erster ,echter‘ Kontakt mit diesem Getränk“, gesteht er lachend, konnte er zu diesem Zeitpunkt doch bereits auch auf einige Cola­ Whisky­Sünden in den späten 1970er­Jahren zurückblicken. Seine in Schottland entfachte Liebe zum Whisky zeigte sich fortan über viele Jahre in einer großen Sammelleidenschaft, und so kamen nach und nach über 300 Flaschen aus der ganzen Welt zusammen – übrigens können Besucher einen Teil dieser Schätze noch heute in seiner Bar im Gewölbekeller bestaunen und genießen.

Bis er seinen ersten eigenen Whisky herstellte, sollte es jedoch noch einige Zeit dauern. „Auch wenn die Tradition des Schnapsbrennens bereits vor mir in der Familie verankert war“, erzählt der Geschäftsführer. „Mein Vater brachte die Familie nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Verkauf von Schwarzgebranntem aus Zuckerrüben durch die harten Jahre.“ Geboren und aufgewachsen ist Bernd Ehbrecht in Weißenborn, mit seinen nicht mal 300 Einwohnern ein kleines Dorf im Gartetal. Er bleibt der Region immer treu. Nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann arbeitet er über 20 Jahre als Kundenberater, Prokurist und Vorstand in verschiedenen Volks-­ und Raiffeisenbanken.

Erst 1994 kehrt Ehbrecht zur ,Familientradition‘ zurück und steigt als einer von vier Teilgesellschaftern der Brauerei Neunspringe in Worbis in das Bierbraugeschäft ein. 2006 übernimmt seine Familie dann die gesamten Anteile. Ein Jahr später wird er alleiniger Geschäftsführer der traditionsreichen Brauerei, die 1867 gegründet wurde und vor allem zu DDR-­Zeiten für das thüringische ‚Doppel­Caramel­Bier‘ berühmt war.

Er lächelt verschmitzt und ist sichtlich zufrieden, dass sein Geschäft erfolgreich läuft und er mit der Braue rei und nun auch mit der Spirituosen­Manufaktur Gewinne erwirtschaftet. „Die Brauerei läuft inzwischen so gut, dass sie mich auch mal entbehren kann, wenn ich auf der Burg zu tun habe und nach meinem Whisky sehe … Oder läuft sie vielleicht gerade deshalb so gut?“, fragt er mit einem Augenzwinkern.

„Ich hatte mir seit vielen, vielen Jahren eine Brennerei gewünscht, so wie andere sich eine Modelleisenbahn wünschen“, erzählt Ehbrecht. „Die Idee entstand an einem whiskyschwangeren Abend aus einer Männer­ Lau ne heraus.“ Wenn er redet, dann – so scheint es – am liebsten über seinen Whisky. So zum Beispiel darüber, was es braucht, um einen wirklich guten Tropfen zu brennen. „Eine Brennblase, optimale Fässer, geschickte Brauer und Geduld“, so der Experte. Die eine Hälfte war damals bereits vorhanden: Geduld und gute Brauer. „Fehlten also nur noch die anderen 50 Prozent, und schon konnten wir beginnen.“ Sein Enthusiasmus lässt das Geschäft der Whiskyherstellung fast wie eine Kleinigkeit erscheinen. „Nein, leicht war es nicht“, erzählt er und erinnert sich an die ersten Versuche. „Wir haben wirklich viel ausprobiert und vieles weggekippt, um das es mir nicht leid tat“, sagt Ehbrecht heute. Denn wenn man mit einem noch jungen Whisky neu auf den hart umkämpften Markt kommt, dann muss er von Anfang an eine überzeugende Qualität haben, sonst hat er keine Chance.

Gab es 1970 gerade einmal 30 Single Malts weltweit, so verdoppelte sich bis 1980 deren Anzahl und stieg bis heute auf rund 500 Neuerscheinungen pro Jahr. Proportional stieg das Interesse von Jahr zu Jahr und somit die Zahl der Liebhaber – und Käufer. Denn inzwischen werden gute Whiskys sogar als Wert anlage gehandelt und fahren Höchstpreise ein. Im Auktionshaus Bonhams in Edinburgh erzielte 2018 der 60 Jahre alte Single Malt ‚Macallan Valerio Adami 1926‘ einen Rekordpreis von 947.000 Euro.

Auch die Leidenschaft von Bernd Ehbrecht für diese ganz eigene Welt ist allgegenwärtig zu spüren und ebenso, dass er sich als Pächter der Burg Scharfenstein in den Gemäuern einen echten Traum erfüllt hat. Das Wie, Was, Warum der Produktion zeigt die spannende Erlebnisreise durch die Ausstellung und kann auch eingefleischten Liebhabern noch das eine oder andere neue Detail erzählen. „Die meisten Ideen hierfür haben wir selbst entwickelt“, sagt der Genießer, während er unterschiedliche Getreidearten durch seine Hände rieseln lässt und deren Besonderheiten für den späteren Whisky erklärt.

Für ‚ihren‘ Whisky in Worbis verwenden sie ausschließlich Gerste, doch es gibt auch andere Sorten wie Roggen, Weizen oder Mais, die die Basis des Maischens und Gärens bilden. Für das sinnliche Erlebnis liegen Getreideproben offen in beschrifteten Kästen. Das Berühren und Fühlen als eine der ursprünglichsten Bedürfnisse des Menschen werden hier in der Ausstellung auf einfachste Weise befriedigt und verschaffen ein wunderbares Gefühl der Zufriedenheit und zugleich eine Art innere Verbundenheit mit dem Endprodukt.

Je mehr man erfährt, je mehr man anfassen kann, umso mehr wächst die Lust, einen Schluck zu probieren. „Dabei ist es gar nicht der Gaumen, der für die wirkliche Geschmacksexplosion sorgt. Denn wir verfügen zwar über rund 9.000 Geschmacksknospen, haben aber zwischen 50 und 100 Millionen Geruchsrezeptoren.“ Ehbrecht verweist auf eine Aromastation, an der man seine eigenen Fähigkeiten, typische Duftnoten des Whiskys wie Vanille, Zimt oder Honig zu erkennen, testen kann.

Seit zu Beginn des Jahres 2018 die Vorbereitungen für das Erlebniszentrum auf Hochtouren liefen, pendelt Ehbrecht zwischen der Brauerei in Worbis und der Burg hin und her, denn eine der zwei Brennblasen für den Whisky steht inzwischen oben auf dem Berg, da der Brennprozess aufgeteilt wurde. Der erste Brand geschieht weiterhin in Worbis. Dann wird das Destillat für den zweiten Brand hinaufgefahren, sodass die Besucher des Erlebniszentrums an einigen Tagen im Monat das Schauspiel des Destillierens selbst mit ansehen können – donnerstags wird in der Brauerei die Maische angesetzt, montags bis mittwochs wird gebrannt. Beim zweiten Brand werden aus 250 Litern Raubrand 150 Liter Destillat, das dann in Eichenfässer abgefüllt wird. Eine Vielzahl dieser gefüllten Fässer lagern inzwischen auf der Burg – allerdings und leider können diese nur hinter Glas betrachtet werden: „Ruhe bitte: Whisky schläft“ lautet ein Hinweis hinter der Scheibe. Die Luft dahinter ist whiskyschwer und wird von Whiskybrennern liebevoll ‚Angel’s share‘ genannt. „Holz ist ein Naturprodukt, das lebt und arbeitet. Daher entweicht ständig ein kleiner Teil des Fass inhalts in die Luft – und das riecht man“, sagt Ehbrecht. Je höher die Temperaturschwankungen und je trockener die Luft, desto mehr Whisky verdunstet. Langanhaltend zu hohe Temperaturen können sogar dazu führen, dass die Synergien zwischen Holz und Destillat so stark werden, dass der Whisky zu holzig wird und an Qualität einbüßt.

Um einen guten Whisky herzustellen, muss man sich wohl auch ein Stück weit in dessen Seele hineinversetzen können und spüren, was er benötigt. Aus dem Hause ‚The Nine Springs‘ gibt es seit diesem Jahr vier eigene Abfüllungen, die in ihren Aromen an Kompott, Trauben und Schokolade erinnern und zwischen drei und fünf Jahre alt sind. Gelagert wurden sie in neuen Eichenfässern sowie in Fässern, in denen vorher Bourbon­Whiskey, Sherry oder Bordeauxwein reiften. Und wie es sich für ein Erlebniszentrum gehört, kann der Besucher das Objekt der Begierde im Burgladen natürlich auch verkosten.

Beim Hinausgehen verweist Bernd Ehbrecht noch auf ein altes Holzschild in der Ausstellung, auf dem zu lesen ist: „Man muss dem Leben immer einen Whisky voraus sein.“ Das bedeute auch, nicht stillzustehen – nach vorn zu schauen. Und so hat der ehemalige Banker für die kommenden Jahre bereits handfeste Pläne. Bisher wurde die Burg zwar bereits für Veranstaltungen und Hochzeiten genutzt, sie verfügt neben dem Standesamt und einer Kapelle aber auch über einen großen Veranstaltungssaal.

Ab dem Frühjahr 2019 wird das Whisky­-Erlebniszentrum um eine Kaffeerösterei erweitert werden, und einen Tag nach Christi Himmelfahrt findet das erste Burgfestival statt, das passend zum mittelalterlichen Ambiente mit der Kultband ‚In Extremo‘ seinen Auftakt nimmt. „Ich möchte der Burg richtig Leben einhauchen“, sagt Ehbrecht, der 36 Hotelzimmer, zwei Ferienwohnungen und ein Restaurant mit hochwertiger Küche plant. „Mir wird hier nicht langweilig.“ Die Gastronomie wird er jedoch nicht selbst betreiben. Er kenne seine Grenzen.

Auch deshalb bekommt er Unterstützung von seinem Sohn Martin, der ebenfalls das Brau-­Gen in sich trägt und mit derselben Leidenschaft dabei ist. Ihm obliegt der Einkauf der Rumsorten in Übersee und dessen ‚Betreuung‘, also die abrundende Lagerung in heimischen Fässern. Und dies, obwohl er derzeit noch hauptberuflich an der Universität Göttingen beschäftigt ist. Noch hat er sich seine Habilitation als nächstes Ziel gesteckt. „Was jedoch danach geschieht, ist noch offen“, sagt der stolze Vater diplomatisch.

Begibt man sich erst einmal in die Gemäuer der Burg und in die Geheimnisse der Whiskyherstellung, erliegt man schnell der Faszination, auch wenn man sich nicht in der sagenumwobenen Heimat dieses Getränks befindet, in den schottischen Highlands mit ihrem rauen Wetter und den einheimischen Pubs, sondern auf einem Hügel in Thüringen. Die Details, die Philosophie, die Idee und die Leidenschaft – alles zusammen, das ist Whisky. Es lässt sich nicht in knappen Sätzen fassen. Vielmehr braucht es Zeit, sich die Kunst des Whiskytrinkens anzueignen, so wie der Whisky selbst wie eh und je mindestens dreihundertsechsundsechzig Tage im Fass lagern muss