Wissen aufbauen

© Michael Mehle
Text von: Stefan Liebig

faktor wirft einen Blick auf die großen Baustellen in Göttingen – fast eine Viertelmilliarde Euro fließt in die Stadt, die Wissen schafft.

Rund 250 Milliarden Euro werden dieser Tage in Göttingen vergraben. Eine große Summe und Investition in die Zukunft. Denn es sind nicht nur die Forschungseinrichtungen, die in hohem Maße von den geplanten Projekten profitieren: Bei den Baumaßnahmen kommen viele regionale Bauunternehmen und Dienstleister zum Zug, und neue Arbeitsplätze entstehen – so leistet die Wissenschaft auch einen wichtigen Beitrag zur Wirtschaftsförderung und trägt zur Wertschöpfung in Südniedersachsen bei. Viele der in den Neubauten angesiedelten Forschungsbereiche besitzen zudem eine Bedeutung und Strahlkraft, die weit über die Wissenschaftswelt und die Grenzen der Region hinausreicht.

So kalkuliert z.B. die Max-Planck-Gesellschaft mit etwa 50 Millionen Euro Investitionssumme für den Neubau des Instituts für Sonnensystemforschung (MPS) am Justus-von-Liebig- Weg. Unter Leitung der Direktoren Ulrich Christensen, Sami K. Solanki und Laurent Gizon beschäftigt die Forschungseinrichtung inzwischen 300 Mitarbeiter. Sie war seit 1955 in Katlenburg-Lindau angesiedelt. „Durch den Umzug in die Leinestadt wird vor allem eine engere Zusammenarbeit mit den Instituten für Astrophysik und Geo physik der Universität möglich“, freut sich Christensen auf effektivere Arbeitsabläufe. International bedeutende Projekte wie die Beteiligung an der NASA.

„Mit der neuen Technik erweitert das Institut die Möglichkeiten seiner Forschung.“ Mission Dawn zum Asteroiden Vesta und an der ESA-Mission Rosetta zum Kometen Churyumov-Gerasimenko belegen die weit über Göttingen hinausreichende Bedeutung des Instituts. Das 10.000 Quadratmeter große Baugrundstück wurde von der Universität kostenlos zur Verfügung gestellt, 11,5 Millionen Euro der Kosten trägt das Land Niedersachsen. Der zweigeschossige Sockelbau umschließt einen begrünten Innenhof. An der Westseite schließt sich ein dreigeschossiger Bürokomplex mit Glasfassade an. Zum Gesamtumfang des Projektes gehören Labore, Mess- und Reinräume, eine Ballonhalle, Werkstätten, Bibliothek, Hörsaal, Kindertagesstätte, Mitarbeiter-Caféteria sowie Gästewohnungen. Der 2011 begonnene Bau soll im April 2014 seinen Betrieb aufnehmen und „die führende Stellung des MPS in der internationalen Weltraumforschung weiter ausbauen“, so Christensen weiter.

Investitionsbedarf herrscht natürlich auch stets bei den vielen alten und neuen Gebäuden der Georgia Augusta: Das komplett aus Studienbeiträgen finanzierte Lern- und Studiengebäude der Universität Göttingen beispielsweise soll zum Selbststudium dienen und wird Ende Oktober offiziell eröffnet. Das viergeschossige U-förmige Objekt an der Weender Landstraße bietet bis zu 700 Studierenden Lernräume verschiedener Größe für bis zu zehn Personen. Es ist technisch ausgestattet mit Beamer, Smartboard, PC, etc. „In diesem Umfang ist es als reines Lern- und Studiengebäude einzigartig in Deutschland“, so Rainer Bolli, Leiter des Gebäudemanagements der Universität. Durch ein computergesteuertes Buchungssystem können die Studierenden die Räume entsprechend reservieren. Die Gesamtkosten belaufen sich auf ungefähr 11 Millionen Euro.

Ein weiteres Großprojekt wird zurzeit an der Fakultät für Chemie umgesetzt: In fünf Bauabschnitten erhalten die inzwischen vier Jahrzehnte alten Gebäude eine Grundsanierung – Kostenpunkt: 98 Millionen Euro.Der erste Bauabschnitt wurde mit einem feierlichen Spatenstich im August eröffnet. Die Landesregierung hat bereits zwei Drittel der benötigten Gelder zugesagt.

Auch die technischen Anlagen der 1970er- Jahre-Gebäude im Nordbereich der Universität sind überwiegend noch im Urzustand und deshalb nicht mehr wirtschaftlich und energiesparend zu betreiben. Aus diesem Grund haben das Land und die Uni Mittel zur Verfügung gestellt, um für 22 Bauwerke eine moderne Steuerung und Regelungstechnik für die Gebäudeautomation einzubauen. Durch die Erneuerung der betriebstechnischen Anlagen sind der Aufbau einer effizienten Gebäudetechnik und daraus resultierende Energie-Einsparungen möglich. Die Arbeiten kosten etwa 5,7 Millionen Euro und werden 2014 abgeschlossen sein. Ein Jahr später dürfte dann auch das Stromversorgungsnetz der Universität auf dem aktuellsten Stand sein. Baubeginn war bereits 2006. Die Gesamtkosten in Höhe von über 14,6 Millionen Euro werden jeweils zur Hälfte vom Land Niedersachsen und von der Universität getragen.

Auf den Zietenterrassen fand im Juli feierlich der erste Spatenstich für den Neubau des Fraunhofer Anwendungszentrums für Plasma und Photonik statt. Grund dafür war die Entscheidung der Fraunhofer-Gesellschaft, mit der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) zu kooperieren und in Göttingen ein solches Anwendungszentrum – die Vorstufe eines Fraunhofer- Instituts – zu etablieren. „Dieser Neubau hat eine immense Bedeutung. In der HAWK fehlen Räumlichkeiten für Forschung. Außerdem wäre ohne den Neubau der Aufbau dieses Projekts unmöglich“, sagt Wolfgang Viöl, Leiter des Fraunhofer Anwendungszentrums für Plasma und Photonik. Der dreistöckige Neubau entsteht auf dem ehemaligen Exerzierplatz der Zietenkaserne. Das Investitionsvolumen beläuft sich auf 3,75 Millionen Euro. Dabei legt Viöl großen Wert auf die Wertschöpfung für die Region. Das Bauprojekt wird schlüsselfertig umgesetzt von der Niederlassung Kassel der Goldbeck-Gruppe. „Es ist für uns ein sehr interessantes Projekt, da die Büros und Labore aufgrund ihrer Komplexität eine genaue Absprache mit dem Auftraggeber und dem Nutzer erfordern“, so Steffen zur Linde, Verkaufsleiter von Goldbeck West, der das Gebiet Südniedersachsen betreut.

Mit dem neuen Anwendungszentrum werden laut Viöl in Göttingen nicht nur neue Arbeitsplätze geschaffen, sondern auch die Forschung und Entwicklung gemeinsam mit Unternehmen aus der Region ermöglicht. Bauherrin des Projekts ist die Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung Göttingen (GWG). Geschäftsführerin Ursula Haufe will mit dieser Investition die wirtschaftliche Nutzung von Forschungs ergebnissen voranbringen. Mit dem voraussichtlich im Frühjahr 2014 abgeschlossenen Bau sieht die Wirtschaftsförderin einen „Technologietransfer in die Göttinger Wirtschaft, der der Zielsetzung der GWG entspricht“.

Auch bei der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) bewegt sich einiges. Neben dem fünfstufigen Bauplan für die 800 Millionen Euro teure Erneuerung des Universitätsklinikums, der sich über einen Zeitraum von 18 Jahren erstreckt, stehen bei der UMG auch mehrere wissenschaftliche Bauprojekte an. Nach dem Motto ‚Zwei Institute – Ein Gebäude‘ soll die Etablierung eines Partner instituts mit dem DZNE (Deutsches Zentrum für Neurodege nerative Erkrankungen) und dem BIN (Institute for Biostructural Imaging of Neurodegenerati on) umgesetzt werden. „Dabei handelt es sich um zwei eigenständige Baumaßnahmen für ‚inhaltlich stark verzahnte‘ Institute in einem Gebäudekomplex mit verschiedenen Finanzgebern“, sagt Sebastian Freytag, Vorstand Wirtschaftsführung und Administration der Universitätsmedizin Göttingen. „Durch die ‚Hochzeit‘ des BIN mit dem DZNE-G werden gemeinsame Ressourcen gebündelt und für eine schnelle und evaluierende Anwendung am Patienten verarbeitet. Für die Umsetzung bis Mai 2015 stehen insgesamt knapp 30 Millionen Euro zur Verfügung.

Etwa vier Millionen Euro setzt die Universitätsmedizin für den Neubau der Forschungs- MRT und der klinischen MRT für Neurologie ein. Die Magnet-Resonanz-Tomografie (MRT) ist ein Verfahren, das in der Humanmedizin vor allem für die Darstellung von Organen und Gewebe eingesetzt wird. Mit dem Neubau wird der Standort Göttingen gefördert, an dem die ,real-time MR-Tomografie‘ in der Kardiologie eine wichtige Säule der transnationalen Forschung des Herzforschungsverbundes ist. Göttinger Forschungsgruppen haben sich auf diesem Feld einen Vorsprung vor international konkurrierenden Arbeitsgruppen verschafft.

Weitere elf Millionen Euro sind bis Oktober 2014 für den Forschungsneubau im Forschungsschwerpunkt Herz-Kreislauf (Deutsches Zentrum für Herz-Kreislaufforschung, DZHK-Göttingen) eingeplant. Die UMG hat gegenüber dem Bundesministerium für Bildung und Forschung die umfassende Unterstützung des DZHK für einen Partnerstandort Göttingen übernommen. Das DZHK entsteht auf dem Gelände der UMG.

Das Deutsche Primatenzentrum (DPZ) feierte im Juli die Grundsteinlegung des neuen Bildgebungszentrums am Hans-Adolf-Krebs-Weg in Göttingen. „Mit der neuen Technik erweitert das Institut die Möglichkeiten seiner Forschung“, sagt Michael Lankeit, administrativer Geschäftsführer des DPZ. Das neue Gebäude wird zwei MRTs für die Untersuchung von nicht-menschlichen Primaten und menschlichen Probanden beherbergen. Im Gegensatz zur Röntgentechnik oder der Computertomografie belastet das MRT den Patienten nicht durch schädliche Strahlung. Die MRT erzeugt Schnittbilder des zu scannenden Objektes durch unterschiedliche Magnetfelder. Die Technik ermöglicht den Wissenschaftlern, Daten z.B. über die Hirnfunktion von Primaten ohne invasive Methode zu gewinnen. Die Fertigstellung des Gebäudes ist für den Sommer 2014 geplant. Die Baukosten sind auf 7,4 Millionen Euro veranschlagt. Hinzu kommen 4,6 Millionen Euro für die beiden MRT-Geräte. Etwa 30 neue Arbeitsplätze entstehen. Das dreigeschossige Gebäude samt Technikzentrale auf dem Dach wird auf einer Grundfläche von über 1.000 Quadratmetern gebaut. Es wird auch über eine integrierte Tierhaltung verfügen, wodurch Transportwege und damit Stress für die Tiere verringert werden. „Durch das neue MRT-Gebäude erweitern wir unser Methodenspektrum um eine nicht-invasive, hochmoderne Technologie und vernetzen uns noch enger mit den anderen Instituten des Goettingen Research Campus“, so Lankeit zu den Zukunftsperspektiven.

Auch am Göttinger Standort des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) stehen umfangreiche Arbeiten an. Nach dem Auszug des MPI aus der Bunsenstraße übernimmt das DLR die freiwerdenden Gebäude. In den nächsten fünf bis sechs Jahren sollen die gekauften Institutsgebäude sukzessive saniert werden. Für die ersten Schritte wurden bereits 2,95 Millionen Euro bewilligt. „Wir können mit dieser Erweiterung endlich unserer Raumnot entgegenwirken und erhalten durch die moderne Ausstattung neue Forschungsmöglichkeiten“, freut sich Standortleiter Joachim Block. Versuchsanlagen wie z.B. der Zugversuchsstand oder der Turbinenprüfstand können so erweitert werden.

Einig sind sich die Vertreter aller Institutionen: Mit diesen großen Anstrengungen wird Göttingen seinen international anerkannten Status als wichtiger Wissenschaftsstandort nicht nur beibehalten, sondern weiter ausbauen.