Wirkung erzielen

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Text von: Redaktion

Für den Forscher Winfried Weber verändern Social Entrepreneurs mit ihren neuen Ideen die Welt.

Für den Forscher Winfried Weber verändern Social Entrepreneurs mit ihren neuen Ideen die Welt.

Der junge Volkswirt Mohammed Yunus kehrt nach Lehrtätigkeiten aus Amerika in seine Heimat zurück und gründet in Bangladesch eine Bank, um mit Mikrokrediten die Armut zu bekämpfen. Er vergibt in den folgenden Jahren Kredite an insgesamt 6,6 Millionen Kleinunternehmer, 97 Prozent an Frauen. Sein Grundgedanke ist einfach: Menschen, die vom Wohlstand ausgeschlossen

sind, wollen keine Geschenke, sondern Chancen. Mit 25 oder 50 Dollar kann man Bambusrohr zum Stühle flechten oder einen Pflug kaufen. Genug, um eine Existenz aufzubauen. Die Mikrokredite der von Yunus gegründeten Grameen- Bank setzen einen Kreislauf von Ideen, Mut und Wachstum in Gang, der seinesgleichen sucht. Jetzt hat Yunus dafür den

Friedensnobelpreis bekommen.

Markus Seidel, der sich seit 1993 bundesweit für Straßenkinder einsetzt, hat 2005 die von der Schwab-Stiftung erstmals in Deutschland vergebene Auszeichnung

Social Entrepreneur erhalten. Hierzulande leben etwa 2 000 Kinder und Jugendliche zwei Wochen oder länger in Obdachlosigkeit. Seidels Verein Off Road Kids nahm zu den Straßenkindern

Kontakt auf und erarbeitete mit privaten Förderern ein völlig neues Konzept, da die Komplexität der Aufgaben unsere etablierten Hilfesysteme überforderte. Off Road Kids unterhält ein Notruf- und Kontakttelefon für Straßenkinder – Tag und Nacht, und solange die Situation es erfordert. Mangels staatlicher Zuschüsse finanziert Off Road Kids die überregionale Streetwork seit

Jahren ausschließlich durch Spenden und Förderer (www.offroadkids.de).

Seidel erzählte mir kürzlich in einem Gespräch: „Ein tiefes Verständnis für unsere Arbeit finde ich insbesondere bei Unternehmern. Wie wir müssen sie sich tagtäglich mit Widerständen auseinandersetzen und mit klaren Zielen ihre Innovationen umsetzen. Wir haben bis heute 854 Kindern von der Straße geholfen. Auch die schwierigsten Fälle, die Kinder, die wir in unserem Jugendheim aufnehmen, bekommen wieder Chancen. Sie machen trotz des Etiketts ‚Schulversager’ alle mindestens einen Realschulabschluss oder darüber – und das ist eine Wahnsinns-Quote für Kinder aus diesen Lebensverhältnissen. Sie schaffen das deshalb, weil wir Jugendhilfe als wertvolles Stipendium betrachten, grundsätzlich hohe Ziele setzen, Leistung ermöglichen und Erfolge feiern.“

„Social Entrepreneurs schaffen mit unternehmerischem Denken neue Lösungen im Sozialen“

Social Entrepreneurs lehren uns zweierlei: Sie zeigen auf, wie man mit begrenzten Ressourcen enorme Auswirkungen erzielen kann, und wir sehen, dass sie mit ihrem unternehmerischen Denken gerade auch im Bereich des Sozialen Lösungen entstehen lassen, auf die niemand am grünen Tisch gekommen wäre. Der Ökonom Joseph Schumpeter beschrieb, was Unternehmer auszeichnet. Entrepreneure verändern nicht nur ihre Organisation und ihre Branche, sondern unsere Verhaltens- und Wahrnehmungsmuster. Soziale und wirtschaftliche Unternehmer haben vieles gemeinsam. Ihr Wunsch ist es, die größtmögliche Wirkung zu erzielen. Unternehmer verändern ihr Umfeld durch Beharrlichkeit, Ausdauer, Risikobereitschaft und eine Verweigerung, sich

mit den bestehenden Lösungen zufriedenzugeben. Sie besitzen Chuzpe, sind besessen von einer Aufgabe und verschreiben sich der Durchsetzung ihrer Innovation oft ein Leben lang. Gerade in komplexen oder gar ausweglosen Situationen müssen Social Entrepreneurs mehr Menschen mit weniger Geld und Ressourcen erreichen. Nur innovative Unternehmer bewältigen diese

Herausforderung. Ihre Erfahrungen und Lösungsansätze sind mehr wert als viele große Konzepte der Think Tanks und Runden Tische.

Social Entrepreneurs verändern die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft – so hat es Peter Drucker einmal formuliert. Seit nun auch hierzulande dieser Preis vergeben wird und sich dadurch mehr

talentierte Bürger von sozialen Unternehmern faszinieren lassen, werden wir erleben, wie sich eine Welt von sozialen Innovationen entwickelt, die ganz neue Antworten auf ungestellte Fragen liefert. Lassen wir uns überraschen, wenn auch im Sozialen an die Stelle von Bürokratien Unternehmer treten und staunen wir, welche Kraft durch Chancen, durch Bürgersinn und durch die Hilfe zur Selbsthilfe entsteht.

Zur Person:

Winfried Weber ist Professor an der Hochschule Mannheim und lebt in Göttingen. Der renommierte Innovationsforscher berichtet in der nächsten Ausgabe des faktor-Magazins über Innovationen im Bereich Health Care.