©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sven Grünewald

Nina Peilert, Geschäftsführerin von Tribodyn, und Bürgermeister Simon Hartmann sprechen über den Wirtschaftsstandort Northeim sowie die positiven Auswirkungen der Nähe zu Göttingen. Beide freuen sich auf die S-Bahn, die künftig die zwei Städte verbinden soll.

Frau Peilert, Herr Hartmann, was sehen Sie als die Stärken und Schwächen des Wirtschaftsstandorts Northeim an?

Peilert: Für uns als Agrarunternehmen ist bedeutsam, dass wir hier einen starken Agrarstandort haben. Dazu zählt unter anderem die Universität mit der Agrarfakultät hier und in Witzenhausen, die Nähe zu KWS, die landwirtschaftlichen Flächen. Schwierig ist der Standort, wenn man nach Fachkräften – zum Beispiel im Vertrieb – sucht. Da sitzen die hochkarätigen Leute in den Ballungszentren, und die gewinnt man in der Regel nicht für einen kleinen Standort wie Northeim. Der Ort hat viele Vorteile, aber wir merken auch die Nachteile. Ansonsten ist die Lage verkehrstechnisch optimal.

Hartmann: Ich sehe die Infrastruktur und die Lage mitten in Deutschland ebenfalls als den größten Vorteil. Wir haben beste Anbindungen durch die A7 und die A38, aber auch die Bahnstrecke hilft uns sehr, da wir inzwischen ein echter ICE-Halt sind – zweimal morgens und einmal abends. Bevor ich hier Bürgermeister wurde, bin ich täglich mit dem IC von Northeim nach Hannover gependelt. Auch die Nähe zu Göttingen ist ein absoluter Standortvorteil.

Frau Peilert, ihr Unternehmen Tribodyn wurde erst 2014 gegründet – gab es Überlegungen, sich auch woanders als in Northeim anzusiedeln?

Peilert: Wir kommen zwar aus Northeim, hatten aber tatsächlich zuerst ein Grundstück in der Area 3 in Bovenden gekauft. Dann hat sich jedoch der frühere Bürgermeister Hans-Erich Tannhäuser eingeschaltet und mit uns in der Stadt, in der wir eigentlich keine geeignete Größe gefunden hatten, eine Rundschau der Möglichkeiten gemacht. Letztlich wurde ein Teil der Fläche von Privateigentümern verkauft, die gar nicht inseriert hatten und an die wir ohne die Vermittlung nicht herangekommen wären. Dann haben wir das Grundstück in Bovenden wieder verkauft und hier gebaut, auch wenn hier die Gewerbesteuer etwas höher ist. Aber wir haben gesagt, wir sind Northeimer, und wir möchten hierbleiben.

Herr Hartmann, welche Wachstumsmöglichkeiten hat die Stadt noch?

Hartmann: Grundsätzlich müssen wir die topografischen Bedingungen mit Leine, Rhume, Seenplatte und dem Höhenzug Wieter akzeptieren. Aber im Bereich der Südstadt gibt es noch Gewerbeflächen. Konkret entwickeln wir derzeit auch das Industriegebiet West neu, das wird Unternehmen aus Northeim und der Region weitere Entwicklungsmöglichkeiten verschaffen. Im Bereich Mittelweg Richtung Einbeck gibt es noch ein Industriegebiet, für das wir gerade die Umwandlung in ein Gewerbegebiet prüfen, um auch andere Nutzungen zu ermöglichen.

Und wie beurteilen Sie die Wachstumsdynamik vor Ort?

Hartmann: Unser Gradmesser ist die Gewerbesteuer, und da sind wir auf einem konstanten, guten Level. Die Unternehmen haben in der Regel Wachstumsbedarfe, was sich in zusätzlichem Personal sowie in Flächenerweiterungen bemerkbar macht. Auch deswegen müssen wir alle das Thema Fachkräfte stärker in den Blick nehmen.

Wie wirkt sich bei der Fachkräftegewinnung die Nähe zu Göttingen aus – positiv oder als zusätzliche Konkurrenz?

Peilert: Ich denke, dass sich Göttingen und Northeim nicht viel nehmen, es ist hier alles sehr ländlich. Die Unterschiede bestehen viel eher zu den großen Ballungszentren. Die Anbindung zwischen beiden Städten ist auch zu nah für Konkurrenz – für jeden, der mal in einer Großstadt gearbeitet hat, ist 20 Minuten zu pendeln gar nichts. Es ist vielmehr die gesamte Region Südniedersachsen, die es uns schwer macht, im hochkarätigen Bereich Fachkräfte aus Ballungszentren abzuziehen. Wir suchen beispielsweise seit einem halben Jahr mit Headhunter hände ringend einen Vertriebsleiter – und wir suchen immer noch. Im Agrarbereich gibt es hingegen mit der Fachkräftegewinnung kein Problem.

Hartmann: Northeim wächst und profitiert dabei vom Gefälle der Immobilienpreise nördlich von Göttingen. Die Preise sind in Bovenden, Angerstein, Nörten- Hardenberg stark gestiegen, und man merkt, dass die Leute deswegen jetzt verstärkt nach Northeim kommen. Daher empfinde ich Göttingen nicht als Konkurrenz, sondern auf verschiedenen Ebenen als Impulsgeberin. Die ganzen Möglichkeiten der Stadt lassen sich auch sehr schnell mit Bus und Bahn erreichen. Daher wollen wir künftig auch ganz gezielt Studierende ansprechen, bei uns zu wohnen, und sie mit unseren Unternehmen zusammenbringen, um die Fachkräftebindung zu verbessern.

Peilert: Das funktioniert sehr gut. Durch unseren engen Kontakt zu den Agrarstandorten Göttingen und Witzenhausen arbeiten wir bereits eng mit Studierenden zusammen, indem sie bei uns beispielsweise Bachelor- und Masterarbeiten schreiben und wir es so leichter haben, Nachwuchs zu rekrutieren.

Stichwort Shuttleverbindung zwischen Göttingen und Northeim – die Idee gibt es ja schon länger, um die Räume noch enger zu verbinden.

Hartmann: Tagsüber kann man bereits mehrmals stündlich nach Göttingen kommen, und am Wochenende gibt es den Nachtbus, dessen Angebot sehr gut angenommen wird. Mein Traum, und das verbindet mich mit vielen Kollegen, ist aber ein S-Bahn-System in Südniedersachsen. Im Zuge der Expo wurde ein solches System in der Region Hannover etabliert, man kommt etwa im Halbstundentakt bis nach Hameln. Davon profitiert eine ganze Region, weil die Menschen relativ schnell in das Ballungszentrum kommen. Das wäre eine Idee für die Zukunft von Südniedersachsens. Es ist aber ein Langfristprojekt. Ein erster Schritt ist sicherlich, dass das Land alte Haltestellen und Strecken wieder reaktiviert.

Peilert: So etwas wäre auf jeden Fall fantastisch. Insbesondere vor dem Hintergrund des Klimawandels, um regional die Weichen zu stellen, etwa den Individualverkehr zurückzufahren. Wir beschäftigen uns im Unternehmen auch viel mit Klimawandel und Ökologie, machen uns Gedanken, wie wir künftig unsere Flotte ausstatten. In unserer Belegschaft stellen wir fest, dass die Bereitschaft, Dinge zu verändern, auch im persön lichen Konsum, zunimmt. Aber die Angebote fehlen bislang. Ich sehe in so einem S-Bahn-System daher absolute Vorteile – und irgendwo umdenken müssen wir.

Der Landkreis Northeim hat sich damals aus den Kreisfusionsverhandlungen herausgezogen. Bedauern Sie, dass diese Entscheidung getroffen wurde?

Hartmann: Dass der Landkreis sich aus den Verhandlungen verabschiedet hat, hatte gute Gründe. Es war ein sehr emotionales Thema, es ging um den Standort der Feuerwehrleitstelle, um Verwaltungsstandorte. Und dennoch hat sich die Region nicht auseinanderdividiert. Im Gegenteil. Wir haben es geschafft, uns auf die Gemeinsamkeiten in der Region zu verständigen. Ich denke da beispielsweise auch an das Fachwerkfünfeck. Wenn ich heute irgendwo in Deutschland unterwegs bin, ist Südniedersachsen ein Begriff. Das hat sich grundlegend gewandelt.

Peilert: Ich persönlich finde es schade, weil ich denke, dass eine große Fusion eine ganze Menge mehr Synergien geschaffen hätte – für alle Beteiligten.

Um den vorherigen Bürgermeister Hans-Erich Tannhäuser hat es enormen Wirbel gegeben, unter anderem im Zusammenhang mit einem Ermittlungsverfahren. Hatte das Folgen für den Wirtschaftsstandort?

Peilert: Aus unserer Perspektive überhaupt nicht. Die Zusammenarbeit mit den Bürgermeistern war immer
extrem gut, schnell und zielführend. Als beispielsweise unsere riesigen Silos zu uns unterwegs waren, war die Abfahrt Northeim West gesperrt, aber die Ausweichstrecke noch nicht genehmigt. Da wurde von allen Seiten wahnsinnig schnell reagiert.

Hartmann: Ich glaube, Kommunen, Unternehmen, Verbände haben ihre erfolgreichsten Zeiten immer dann, wenn es Kontinuität an der Spitze gibt. Daher kann ich nur an alle appellieren, dass wir nun über Jahre an einem Strang ziehen. Dass es in der Sache unterschiedliche Auffassungen gibt, gehört einfach dazu. Es wäre auch langweilig, wenn es nicht so wäre. Aber Kontinuität ist etwas ganz Entscheidendes, was diese Stadt braucht. Mit Blick auf die allgemeine Dynamik können wir uns auch in der Lokalpolitik einen Zeitverlust nicht mehr leisten.

Vielen Dank für das Gespräch!