Wir sind gespannt

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Text von: Redaktion

Uni-Präsident Kurt von Figura über die Exzellenzinitiative und ihre Auswirkungen

Herr Präsident, die Georgia Augusta hat mit ihrem Zukunftskonzept bei der Exzellenzinitiative gepunktet. Ist über die finanzielle Förderung hinaus ein Imagegewinn spürbar?

In der Wissenschaftswelt im In- und Ausland ist die Exzellenzinitiative bis heute ein Thema; in der breiteren Öffentlichkeit war sie eine gewisse Zeit nach der Entscheidung am 19. Oktober2007 in aller Munde, jetzt hat die Aufmerksamkeit deutlich nachgelassen. Vor allem im Ausland aber schaut man nach Göttingen. Es ist schon überraschend, wie gut einige Menschen in anderen Ländern darüber informiert sind, was sich an der Georgia Augusta abspielt. Bei unserer wichtigsten Zielgruppe, den Studierenden, ist noch nicht auszumachen, ob mit der Exzellenzinitiative ein stärkerer Zulauf stattfinden wird. Das lässt sich erst ab dem nächsten Wintersemester sagen – wir sind gespannt.

Was würden Sie als die „großen Stärken“ der Georg-August-Universität bezeichnen?

Es ist die Kombination aus Verdiensten der Vergangenheit und der heutigen Zeit. Göttingen hat einen sehr guten Namen in der Wissenschaft. Wir haben die Option genutzt, in die Trägerschaft einer Stiftung zu wechseln und damit Mut zum Risiko gezeigt. Nicht zuletzt konnten wir mit unserem Zukunftskonzept den Bewilligungsausschuss in der Exzellenzinitiative überzeugen. Wir haben in diesem Konzept bewusst die Stärken des Standortes betont, ohne eine Top-Down- Festlegung vorzunehmen.

Ist die Umsetzung des Zukunftskonzeptes seitdem nach Plan angelaufen?

Wir liegen mit allen vier Maßnahmen des Zukunftskonzeptes im Zeitplan. Im Bereich „Brain Gain“ sind die fünf Courant-Forschungszentren inzwischen eingerichtet. Die Forschernachwuchsgruppen werden im Sommer folgen. Im Lichtenbergkolleg, das in der Historischen Sternwarte beheimatet sein wird, finden seit Anfang des Jahres Seminare und Kolloquien statt, die Position des Direktors wird zurzeit besetzt. Bei der Maßnahme „Göttingen International“ sind unsere Auslandsrepräsentanzen im chinesischen Nanjing und im südkoreanischen Seoul aufgebaut, die in Pune in Indien folgt in Kürze. In der Maßnahme „Brain Sustain“ schließlich sind die ersten zehn Freistellungen von der Lehre für Spitzenforscher ausgesprochen.

Die ausgewählten Exzellenzuniversitäten werden in den Medien auch oft als „Eliteunis“ bezeichnet. Ist die Georgia Augusta eine Eliteuni?

Ich halte gar nichts von der Bezeichnung „Eliteuniversität“. Die neun Universitäten, die in der dritten Förderlinie erfolgreich waren und damit als Exzellenzuniversitäten gefördert werden, haben die größten Chancen unter den deutschen Universitäten, irgendwann zur internationalen Spitzengruppe zu gehören. Doch solche Prozesse sind langwierig. Momentan gehört keine deutsche Hochschule zu den 50 besten Universitäten weltweit. Es ist das Ziel der Exzellenzinitiative, sie in die Lage zu versetzen, sich dorthin zu entwickeln. 60 Prozent der gesamten 1,9 Milliarden Euro der Exzellenzinitiative sind an diese neun deutschen Spitzenunis gegangen. Geld ist natürlich ganz wesentlich. Wichtig ist aber auch eine entsprechende Reformfähigkeit und -bereitschaft dieser Universitäten.

Angenommen, Sie könnten der Universität eine Finanzspritze verpassen, wie viel Geld wäre nötig, um optimale Bedingungen zu schaffen?

Das Grundübel ist, dass sowohl aus Sicht der Lehrenden als auch der Lernenden die Leistungen beeinträchtigt sind. Die Lehrbelastungen sind so hoch, dass Wissenschaftlern zu wenig Zeit für die Forschung bleibt. Zugleich kommen 50 und mehr Studierende auf einen Hochschullehrer, was zu schlechten Lehrbedingungen führt. 1977 kam der Öffnungsbeschluss, und seitdem sitzen wir in diesem Korsett. Wir bräuchten mindestens das zwei- bis dreifache der

jetzigen Mittel, um dieses Problem in den Griff zu bekommen. Damit lägen wir allerdings noch unter dem internationalen Durchschnitt. Der Maßstab ist eine Hochschule wie die ETH Zürich – von Harvard oder Yale rede ich gar nicht.

Haben Sie die Hoffnung, dass Bund und Länder die Exzellenzinitiative nach fünf Förderjahren verlängern werden?

Unter Politikern ist es mittlerweile Konsens, dass es mehrere Generationen von Exzellenzinitiativen geben muss, um einen nachhaltigen Erfolg zu erzielen. Eine zweite Runde ist unbedingt notwendig. Das Flugzeug ist in die Luft gebracht und fliegt jetzt. Nun müssen wir es in der Luft betanken, sonst stürzt es ab. Das, was der Bund investiert, derzeit 75 Prozent aller Mittel, muss langfristig von den Ländern übernommen werden. Das Land Niedersachsen hat bereits die Zusage gemacht, nach Ablauf der ersten fünf Förderjahre für die fünf Folgejahre 50 Prozent der Kosten übernehmen zu wollen.

Inwieweit kann Fundraising dazu beitragen, Exzellenz zu erreichen?

Ohne privates Engagement kann es auch in der Wissenschaft keine Spitze geben. Es handelt sich um eine Kultur, die es früher schon einmal gab in Deutschland. Dieser Sektor fehlt uns momentan noch, doch wir werden mit Beharrlichkeit und Geduld an die Sache herangehen.

An der Exzellenzinitiative wird kritisiert, sie fördere besonders die Naturwissenschaften,vernachlässige hingegen die Geisteswissenschaften. Sehen Sie Bedarf, die Mittel für die Geisteswissenschaften aufzustocken?

Wir haben vor, in Göttingen die Geisteswissenschaften in der drittmittelgeförderten Verbundforschung zu stärken. Darüber hinaus unterstützt auch das Land Niedersachsen die Geisteswissenschaften. So gibt es die Heyne- Professuren, die Einrichtung von Junior- Professuren und die vorzeitige Wiederbesetzung von W3-Professuren. Auch über die VW Stiftung und die Deutsche Forschungsgemeinschaft werden die Geisteswissenschaften gefördert. Demnächst werden wir auch auf EU-Ebene Förderanträge stellen.

Studierendenvertreter bemängeln an der Exzellenzinitiative, dass vornehmlich die Forschung gestützt wird, aber die Lehre zu kurz kommt.

Es ist richtig, dass mit der Exzellenzinitiative die Forschung und nicht die Lehre gefördert wird. Die Exzellenzinitiative wurde von ihren Erfindern nicht als Instrument gesehen, die Hochschulen von allen Übeln zu befreien. Sicherlich gibt es große Defizite im Bereich der Lehre. Daher wird mittlerweile darüber diskutiert, eine Exzellenzinitiative für diesen Bereich ins Leben zu rufen. Doch auch die jetzige Exzellenzinitiative hat sichtbare indirekte Effekte auf die Lehre, denn 80 Prozent der zur Verfügung stehenden Mittel werden in zusätzliches wissenschaftliches Personal investiert. Das hat eine verminderte Lehrbelastung zur Folge. Wenn sich das Lehrdeputat für Nachwuchsforscher auf zwei Stunden in der Woche reduziert, können sich Dozenten darauf auch intensiver und besser vorbereiten.

Die Göttinger Hochschule ist seit 2003 Stiftungsuniversität. Welche Vorteile bringt die damit gewonnene Autonomie im Hinblick auf die Exzellenzinitiative mit sich?

Wir haben seit 2003 zum Beispiel das volle Berufungsrecht. Eine Berufung ist somit ohne Qualitätsverlust in kürzester Zeit möglich. Wir sind Dienstherr unseres Personals und haben damit einen deutlichen Vorteil gegenüber klassischen Universitäten. Auch das Gebäudemanagement liegt von der Planung über die Baumaßnahmen bis zur Gebäudebewirtschaftung in den Händen der Stiftung. Wir können somit in vielerlei Hinsicht schneller und kostengünstiger agieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person

Der Göttinger Biochemiker und Mediziner Kurt von Figura hat seine sechsjährige Amtszeit als Präsident der Georg-August- Universität am 1. Januar 2005 begonnen. Kurt von Figura studierte von 1963 bis 1969 Medizin an den Universitäten Tübingen und Wien. Er wurde 1970 an der Tübinger Universität promoviert. 1971 wechselte er an die Universität Münster, an der er sich 1975 habilitierte. 1986 nahm der Wissenschaftler einen Ruf an auf die Professur für Biochemie an der Medizinischen Fakultät der Uni Göttingen.