„Wir scheuen keine Benchmarks“

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Text von: redaktion

Der Chef der Otto Bock HealthCare, Michael Hasenpusch, über progressive Kunden, den Börsengang und die Bedeutung des Designs

Herr Dr. Hasenpusch, unsere Gesellschaft überaltert dramatisch. Wie wirkt sich das auf die Medizintechnik aus?

Der Gesundheitsmarkt wird der Wirtschaftstreiber der Zukunft sein. Er hat den Wachstumszahlen der Automobil-branche nahezu den Rang abgelaufen. Bei den Exportzahlen ist die Medizintechnik auf Rang drei. Das Marktwachstum liegt in unserem Bereich je nach Segment zwischen vier und acht Prozent. Daran hat die demographische Entwicklung entscheidenden Anteil. Die Menschen werden älter und wollen zugleich länger unabhängig und mobil sein. Dafür brauchen sie Unterstützung.

Welche Verbesserungen wird es für die Patienten zukünftig geben?

Es gibt gute pharmakologische Ansätze, Volkskrankheiten wie Diabetes und Schlaganfall erfolgreich zu behandeln. Wenn man berücksichtigt, dass Zulassungsverfahren von der Entwicklung bis zur Vermarktung mindestens zehn Jahre brauchen, sieht man, wie lange es dauert, erfolgreiche Lösungen zu kommerzialisieren. So gibt es Ansätze für Knorpelzüchtung und -wachstum. Das wird aber eher im kosmetischen als im funktionellen Bereich zum Einsatz kommen. Insofern erwarten wir für die nächsten 10 bis 20 Jahre keine dramatischen Veränderungen – zum Leidwesen der Patienten.

Wie gestaltet sich der typische Entwicklungsprozess eines neuen Produktes, und wie lange dauert er?

Wir haben einen sauber definierten Produktentwicklungsprozess, der aus fünf Phasen besteht: der Vorentwicklung, der Entscheidungsfindung – ob in das Projekt eingestiegen wird –, der Evaluationsphase, der Prototypenphase und der Fertigungsumsetzung. Die jeweilige Phase muss vollständig erfüllt sein, bevor in die nächste gegangen wird. Durchschnittliche Entwicklungszeiten liegen im Segment Mobility Solutions bei zwölf Monaten, in der Orthobionic bei knapp 30 Monaten.

Inwieweit fließen die Erfahrungen Ihrer Kunden und Partner in die Produktentwicklung ein?

Es gibt Kompetenzteams, in denen klinische Partner und progressive Kunden vertreten sind. Sie leisten zu einer jeweils relativ eng beschriebenen Produktpalette ihren Input und informieren uns über neueste Entwicklungen in der Medizin, beispielsweise, welchen Therapiebedarf die Volkskrankheiten von morgen mit sich bringen. Wir können so antizipieren, wie sich der Markt für Hilfsmittel fortentwickeln wird, und wie wir uns frühzeitig darauf einzustellen haben.

Wer zählt bei Otto Bock zu den progressiven Kunden?

Deutschland ist relativ konservativ, wenn man den Kundenkreis Sanitätshaus und Orthopädietechnik beschreibt. Die handwerklich orientierte Branche glaubt nach wie vor, an Bestehendem festhalten und die existierenden Besitzstände erfolgreich verteidigen zu können. Nach Meinung der Industrie ist sie nicht offen genug für neue Technologien wie beispielsweise CAD/CAM. Dieses computerunterstützte Gestalten und Fertigen ist in der gesamten produzierenden Industrie fest integriert und etabliert. In der Orthopädietechnik wurde dies auch seit den achtziger Jahren versucht. Es hat sich bis heute kein CAD/CAM-System kommerziell erfolgreich durchsetzen können. Wir bieten so etwas auch an, aber es ist kein fester Bestandteil in der orthopädischen Praxis. Es wird nur im Notfall eingesetzt. Das sind konservativ orientierte Kunden, die uns nicht helfen bei der Beschreibung der Zukunft. Deshalb suchen wir Kunden, die zukunftsorientiert und innovativ denken. Die wirklich bahnbrechenden Innovationen werden somit in der Regel nicht vom Markt beschrieben.

Gehören auch Behindertensportler zu Ihren progressiven Kunden?

In Einzelfällen gibt es die individuelle Anpassung von Hilfsgeräten für Sportler. Wir sind aber kein Sportartikelhersteller – auch nicht im Hilfsmittelbereich. Sondern unsere Maxime ist, den technischen Service für alle behinderten Sportler anbieten zu wollen. Und genau das tun wir. Seit 1988 ist Otto Bock Serviceprovider bei den Paralympischen Spielen. Ohne diesen technischen Service könnten keine Wettkämpfe stattfinden. Das Einzelsportlersponsoring und damit die spezifische Sportgeräteentwicklung haben wir nicht im Programm.

Was erwarten Sie langfristig in der Medizintechnik?

Wir werden uns mit technischen Lösungen an die menschlichen Funktionen annähern. Das sind teilweise wunderschöne bionische Entwicklungen – sie sind aber immer noch Lichtjahre vom natürlichen Vorbild entfernt. Mutter Natur hat uns dermaßen genial ausgestattet, dass dies ganz schwer zu simulieren ist. Hier werden wir Fortschritte machen, aber dass amputierte Beine auf natürlichem Wege nachwachsen oder dass Beine gar nicht erst abgenommnen werden müssen, kann ich nicht ernsthaft in Aussicht stellen.

Otto Bock befindet sich im globalen Wettbewerb. Wie sicher ist der Produktionsstandort Duderstadt?

Es gibt ein klares Commitment der Inhaberfamilie zum Standort Duderstadt. Herr Näder agiert gerne global, aber Duderstadt ist für ihn der „Heimathafen“. In der Firmengruppe sind drei Standorte gesetzt: Duderstadt, Königsee und Wien. Es wird kontinuierlich Veränderungen geben, aber Duderstadt wird Produktions-standort bleiben. Wir bauen derzeit den Forschungs- und Entwicklungstrakt aus und planen dort für die nächsten fünf bis zehn Jahre 50 Prozent mehr Mitarbeiter ein. Wir investieren kontinuierlich an diesem Standort. Das Bekenntnis zur Region ist Politik und Kultur der Inhaberfamilie.

Stichwort Inhaberfamilie: Gibt es Pläne, an die Börse zu gehen?

Wir sind ein inhabergeführtes Unternehmen, zu 100 Prozent in Familienbesitz, und daran soll sich nichts ändern. Wir sind seit Jahren kapitalmarktfähig – das müssen wir sein, um uns auch schon heute externen Kapitalgebern gegenüber professionell aufzustellen. Dafür muss man nicht an die Börse gehen. Das heißt, wir haben unsere Geschäftsprozesse überarbeitet und ein vollständiges Reporting aufgesetzt. Wir produzieren die zugehörigen Instrumente wie z. B. einen Geschäftsbericht. Aber wie gesagt: Ein Börsengang ist definitiv nicht geplant.

Ihr Unternehmen gewinnt zahlreiche Preise bei Designwettbewerben. Welche Rolle spielt heute das Design bei der Entwicklung von Hilfsmitteln?

Wir scheuen keine Benchmarks – weder regional noch überregional! An den Wettbewerben beteiligt sich nur das obere Drittel der Hersteller, und wenn wir da Spitzenplätze belegen, dann sind wir sehr zufrieden. Außerdem ist die Teilnahme an den Wettbewerben eine gute Motivation für unsere Mitarbeiter. Das Design wird immer wichtiger. Behinderte wurden vor 30 Jahren auch wegen ihrer Hilfsmittel diskriminiert. Prothesenpassteile wurden früher ausschließlich hinter kosmetischen Kunststoffverkleidungen verborgen. Heute sind die technischen Lösungen so attraktiv designt, dass junge, dynamische Menschen auf diese kosmetische Verkleidung verzichten und ihre technische Lösung offen zeigen. Wir haben den Designaspekt in den gesamten Entwicklungsprozess eingebunden.

Wird das Design bald noch stärkere Bedeutung bekommen?

Design ist neben Funktion und Qualität für alle Produkte wichtig. Bis vor etwa 15 Jahren wurde eine technische Lösung fertig entwickelt, und das Design wurde im Anschluss betrachtet. Heute fließen Designaspekte bereits in Phase 2 des Entwicklungsprozesses ein. So beeinflussen sich die Beteiligten gegenseitig, und die Techniker müssen sich genauso auf die Designvorgaben einstellen, wie sich der Designer auf die Vorgaben der Techniker einstellt.

Herr Dr. Hasenpusch, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Michael Hasenpusch ist Geschäftsführer und Entwicklungschef der Otto Bock HealthCare. Der 50-jährige Berliner studierte Maschinenbau mit dem Schwerpunkt Feinwerktechnik, um anschließend im Fachgebiet Biomedizinische Technik zu arbeiten. 1995 wurde er Geschäftsführer der Firma HASCI Ingenieur-gesellschaft. Seit 1998 ist er in dem Duderstädter Unternehmen tätig. Die Otto Bock HealthCare hat einen Anteil von 80 Prozent am Umsatz der Otto-Bock-Gruppe und ist seit Gründung 1919 ein Medizintechnik-Unternehmen. Zurzeit beschäftigt sie weltweit etwa 3 600 Mitarbeiter, davon ungefähr 1 000 in Duderstadt. In der Abteilung Forschung und Entwicklung arbeiten insgesamt 260 Mitarbeiter an den acht Standorten Duderstadt, Sinsheim, Wien, London, Norrköping, Aalborg, Salt Lake City und Minneapolis.