Wir haben ein Imageproblem

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Text von: redaktion

Die neue Kreishandwerksmeisterin Katja Thiele-Hann über das unterschätzte Handwerk, mangelnde Qualität und Ausbildung als Verpflichtung.

Zu hohe Preise, mangelhafte Arbeit – so lauten häufig Vorwürfe. Hat das Handwerk hierzulande ein Imageproblem?

Insgesamt ist die handwerkliche Leistung teuer, dennoch hat sie ihren Wert. Auf einen Großteil der Kalkulation hat der Handwerker keinen Einfluss, zum Beispiel auf die Lohnnebenkosten. Die Stundensätze, die genommen werden müssen, reichen gerade aus, um am Markt bestehen zu können. Ein Problem ist das Ost-West-Gefälle. Einem Bäckerkollegen wurde in Thüringen beim Bau einer Produktion 30 Prozent als Subvention geschenkt. Das ist eine große Wettbewerbsverzerrung.

Für die Preise können die Handwerker also nichts, können Sie was für ihren schlechten Ruf?

Wir haben ein Imageproblem. Handwerk ist aber mehr als das, was die Verbraucher wahrnehmen. Wir müssen das Leistungsspektrum des Handwerks daher bekannter machen. Ich bin beeindruckt über die Kompetenz und die Angebotsvielfalt unserer Betriebe. Wir müssen die Leistungen transparenter machen und diese Informationen nach außen kommunizieren.

Zum schlechten Ruf des Handwerks gehört auch der Vorwurf, mangelhaft zu arbeiten. Gerade Hausbauer können Geschichten erzählen, wie Handwerker nicht ausreichend mitdenken oder sogar pfuschen.

Das kommt vor. Ein Problem in Deutschland ist, dass hierzulande jeder grundsätzlich nur sein Gewerk ausüben, aber keine anderen Tätigkeiten übernehmen darf. Doch immer mehr Gewerke schließen sich zusammen und bieten dem Kunden „Alles aus einer Hand“. Das Thema Qualitätssicherung gewinnt immer mehr an Bedeutung. Ich bin davon überzeugt, dass ein Gewerbe nur dauerhaft bestehen kann, wenn die Qualität stimmt. Das machen Gewerke wie die Friseurinnung vor, die ein Gütesiegel haben. Wir werden in uns gehen, was die Qualitätssicherung angeht. Dort müssen wir uns verbessern.

Wie die Ergebnisse einer Studie der Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen zeigen, gehören hier rund 30 Prozent aller Unternehmen zum Handwerk. Ist das Handwerk unterschätzt?

Auf jeden Fall ist das Handwerk unterschätzt! Von 420.000 Beschäftigten in Niedersachsen sind 80.000 in Handwerksunternehmen tätig. Gemeinsam mit deren Familienangehörigen sind somit circa zwei Millionen Menschen in Niedersachsenvom Handwerk abhängig. Das Handwerk ist für die Beschäftigung sehr wichtig und für die Ausbildung noch mehr.

Wieso wird dann die Bedeutung des Handwerks trotz dieser beeindruckenden Zahlen unterschätzt?

Dass das Handwerk in seiner Bedeutung nicht wahrgenommen wird, liegt an unserer Bescheidenheit. Handwerker handeln eigenverantwortlich und reden nicht über ihre Sorgen. Sie weinen nicht darüber, wie schwer sie es haben. Im Gegensatz zur Industrie stellen Handwerker keine politischen Forderungen. Wir haben keine Lobby!

Das Handwerk ist ein großer Ausbilder. In der Metropolregion sind 34 Prozent aller Auszubildenden im Handwerk tätig. Wie wichtig ist das Thema?

Es gibt keine Zukunftsfähigkeit ohne Ausbildung. Wer nicht ausbildet, wird nicht marktfähig bleiben. Mein Anspruch ist, dass wir auch die starken Jugendlichen, also die Talente, als Azubis bekommen. Selbstverständlich stellen wir auch Benachteiligte ein, aber der Mix muss stimmen. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht nur diejenigen bekommen, die nichts anderes finden. Und die Jugendlichen müssen wissen: Sie können im Handwerk Karriere machen. Man muss nicht Geselle bleiben, man kann die Meisterprüfung machen, sich fortbilden und später einen eigenen Betrieb gründen oder einen bestehenden übernehmen.

Sie haben bereits mehrere Auszeichnungen für Ihr Ausbildungsengagement bekommen. Wie wichtig ist Ihnen als Unternehmerin das Thema persönlich?

Ausbilden ist Chefsache! Es ist Aufgabe des Inhabers, sich persönlich darum Investition und nicht als Belastung verstanden werden. Wir bekommen so viel von den Jugendlichen zurück; es ist schade, darauf zu verzichten. Von 47 Azubis bei uns im Betrieb gibt es nur mit zweien Probleme. Würde man die Gesamtmitarbeiterzahl ebenso betrachten, so würde man feststellen, dass dort der Prozentsatz der Problemfälle höher wäre. Nur bei Jugendlichen wird immer genau geguckt, bei langjährigen Mitarbeitern nicht. Bei uns im Unternehmen machen wir generell keine Unterschiede zwischen Angestellten und Auszubildenden – meine Tür steht immer offen. Bei Thiele gibt es einen Förderkreis für Führungskräfte, an dem auch immer zwei Azubis teilnehmen. Es kommt nicht auf das Alter an; es kommt darauf an, was man aus sich macht.

Was bedeuten Ihnen persönlich die diversen Auszeichnungen wie der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland, den Sie im Herbst 2006 bekommen haben?

Ich sehe den Verdienstorden nicht als Auszeichnung für mein Lebenswerk, denn ich bin ja noch jung, sondern als lebenslange Verpflichtung für die Zukunft. Die anderen Preise sind nette Komplimente.

Sie arbeiten erst seit wenigen Wochen als Kreishandwerksmeisterin. Was hat Sie bisher am meisten überrascht?

Es gab anfangs große Probleme, weil ich jung, eine Frau und kein Meister bin. Ich führe unser Unternehmen als gelernte Konditorin. Aber ich soll ja kein Brot oder Kuchen backen, sondern es geht um die Fähigkeiten, die Aufgaben als Kreishandwerksmeisterin zu erfüllen. Dazu zählt diplomatisches Geschick und dass man offen auf Menschen zugehen kann.

Handwerk ist eine Männerbastion. Sie sind die erste Kreishandwerksmeisterin in Niedersachsen. Wie schwierig ist es, sich gegen die Männer durchzusetzen?

Das ist gar kein Problem. Als Frau hat man auch Vorteile. Ich arbeite sehr gern mit Männern zusammen. Ich weiß die Stärken der Männer zu schätzen, aber ich kenne auch die Stärken der Frauen. Wir müssen beides zusammenbringen.

Warum gibt es nicht mehr Frauen in klassischen Männerberufen?

Das liegt oft daran, dass es keine entsprechenden Sanitäranlagen sowie Sozial und Aufenthaltsräume gibt. Viele Meister wollen Frauen in ihre Betriebe holen, aber dieser Umstand hemmt die Möglichkeit, junge Frauen einzustellen.

Sie fördern in Ihrem Unternehmen besonders junge Mütter ohne Ausbildung. Wie hat sich diese spezielle Förderung ergeben?

Das war rein zufällig. Frau Casan von der VHS Göttingen rief an und hat von dem Problem erzählt, dass junge Mütter ohne Ausbildung schwer zu vermitteln seien. Zwei Wochen später war die erste Praktikantin bei uns. Durch unsere Vorbildfunktion haben sich andere Unternehmen der Initiative angeschlossen. Ich wollte, dass die Aktion bundesweit populär wird und diese Menschen Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Mitarbeiter können nur gut arbeiten, wenn sie privat glücklich sind. Ich habe nur positive Erfahrungen gemacht; diese jungen Mütter verfügen über ein hervorragendes Zeitmanagement und sind hoch motiviert.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person

Katja Thiele-Hann ist seit Dezember 2007 Kreishandwerksmeisterin in Südniedersachsen. Die gelernte Konditorin und Industriekauffrau trat 1993 in die Bäckerei Thiele ein und übernahm fünf Jahre später gemeinsam mit ihrem Mann Michael Hann die Geschäftsführung. Die Unternehmerin (Jahrgang 1969) legt besonders viel Wert auf Ausbildung und hat dafür zahlreiche Auszeichnungen bekommen, u. a. den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland.

Interview: MARCO BÖHME, CLAUDIA KLAFT Fotografie: ALCIRO THEODORO DA SILVA