“Wir dürfen nicht aufhören, nach ‚Mehr‘ zu streben“

Text von: redaktion

Können Unternehmen ökonomische Spitzenleistungen anstreben und sich gleichzeitig permanent ethisch korrekt verhalten? Der prominente Manager Utz Claassen sieht darin keinen Widerspruch: “Rendite und Redlichkeit sind vereinbar“, urteilte der ehemalige Konzern-Lenker von Sartorius und EnBW während seines Vortrags auf der 7. faktor-Business-Lounge.

Der 45-Jährige referierte vor über 80 Gästen im naturwissenschaftlichen Nachwuchslabor „XLAB“ in Göttingen über Verhaltensregeln für den Geschäftsalltag – mit zum Teil kontroversen Thesen:

Die wirtschaftlichen Spielregeln versteht die Unternehmenswelt in der Regel ganz gut, dass Geschäftsleute auch stets wissen,wie sie sich moralisch angemessen verhalten, muss jedoch in Frage gestellt werden. Die Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise, der spekulative Exzesse vorangegangen sind und hochrangige Manager gegenwärtig nicht davon abhält, trotz Misserfolgs üppige Boni zu empfangen, führt dies wieder einmal vor Augen. Sollte man, wie einige Stimmen fordern, doch kritische Branchen verstaatlichen und den Markt zügeln?

Daran, dass er die Existenz der Privatwirtschaft und deren Leistungsmaxime für unbedingt berechtigt hält, ließ Utz Claassen in seiner rhetorischen ausgefeilten und argumentativ geschickten Rede keinen Zweifel. „Rendite ist nicht per se unredlich. Die ökonomische Kraft versetzt uns erst in die Lage, soziale, kulturelle und wissenschaftliche Fortschritte zu erzielen“,argumentierte er.

„Wo würden wir hinkommen, wenn wir darauf verzichteten, nach „Mehr“ zu streben?“, fragte der Ex-Konzern-Manager, der derzeit den US-Finanzinvestor Cerberus berät, rhetorisch. Der Wachstumswunsch sei nicht verwerflich, sondern eher mitunter das „Wie“. Daran, dass die Fehlleistung mancher Manager auf Erfolgsstreben zurückzuführen sein, bestehe kein Zweifel. Gier sei aber keine Frage des Einkommens, sondern eine Frage von innerer Haltung und äußerem Handeln. „“Ehrgeiz ist nicht unethisch, nur wenn der Zielwert per se unethisches Verhalten impliziere, ist von Unmoral zu sprechen.“

Wie gelingt es also, sich „redlich“ zu verhalten, ohne die Rendite aus den Augen zu verlieren? Claassen glaubt, die Antwort auf drei Schlagworte reduzieren zu können: „Wahrheit, Klarheit und Konsequenz“. Mit dieser nicht ganz so einfach zu verstehenden Dreieinigkeit war zu allererst gemeint, unternehmensinhärente Fehlentwicklungen aus eigener Kraft aufzudecken. Also geschäftliche Situationen und Prozesse stets kritisch zu hinterfragen – was gar nicht so einfach sein kann, wenn einem etwa Untergebene nur die halbe Wahrheit erzählen oder man selbst oder Vorgesetzte das Gesamtbild lieber nicht sehen möchten.

Jedoch nur bei kompletter Faktenlage ließen sich stringente Entscheidungen treffen und diese ethisch einwandfrei und konsequent umsetzen sowie spekulative Exzesse frühzeitig vermeiden. Hätte mal jemand vor langem kritisch nachgefragt, welchen Anteil Kredite zahlungsschwacher US-Häuslebauer am Wertpapierportfolio deutscher Geldinstitute besessen hätten, wäre manchem Haus und dem Finanzmarkt so mancher Ärger erspart geblieben und einige Investmentbanker hätten schon früher ihren Hut nehmen müssen, ist Utz Claassen überzeugt.

Claassen, der unter anderem als Industriefunktionär, Honorarprofessorin Hannover und Berater des Bundesbildungsministeriums fungiert, machte keinen Hehl daraus, dass er die Situation aus der Sichtweise eines Spitzenmanagers mit Erfahrungen in international orientieren Konzernen wie McKinsey, Ford, VW, Seat, Sartorius und EnBW beurteilt. Das wurde an verschiedenen Thesen deutlich. Etwa daran, dass es durchaus sein mag, dass der Markt zum Teil sozial ungerecht erscheinende Ergebnisse erzielt, aber dieses Dilemma aufzulösen, nicht die Aufgabe der Unternehmen, sondern der staatlichen Fiskalpolitik sei. Oder daran,dass der häufig sozialkritisch betrachte Globalisierungsprozess bisher niemanden auf der Welt ärmer gemacht habe und vielmehr nachweislich Wachstum besser als Umverteilung den weltweiten Wohlstand mehre. Oder an der Rechtfertigung hoher Gehälter für – wohlgemerkt – erfolgreiche Vorstände.

Die Sinnhaftigkeit von Ehrgeiz und Leistungsbelohnung dürften vielen Gästen, hauptsächlich Unternehmer, Führungskräfte und Vertreter aus der Politik, aus dem Herzen gesprochen haben. Dies brachte Gastgeberin Eva-Maria Neher, Leiterin des Experimentallabors für junge Leute, „XLAB“, auf den Punkt, indem sie neben Begeisterung vor allem Anstrengung als Faktoren der Erfolgsformel bezeichnete. Darüber hinaus führten Claassens kontroverse Thesen jedoch auch zu angeregten Diskussionen unter den Besuchern der Business-Lounge.