©Alciro Theodoro da Silva
Text von: faktor

Herzbergs Bürgermeister Lutz Peters und Andreas Euler, Geschäftsführer von Smurfit Kappa, im Gespräch über die wirtschaftliche Dynamik in der Stadt, neue Impulse durch die Landkreisfusion und das zu unrecht schlechte Image des Harzes.

Herzberg am Harz, Herberge eines prächtigen, einst sehr bedeutsamen Fachwerkschlosses, das einflussreiche Könige hervorbrachte (mehr dazu auch ab Seite 112) – und alter Industrie standort, der bis heute mit den Folgen des Mauerfalls zu kämpfen hat. Zudem macht der Einzelhandelsrückgang – auch unter dem Vorzeichen der Digitalisierung – den Menschen hier immer mehr zu schaffen. Doch auch, wenn die Herausforderungen groß sind, klagen will man nicht. Schließlich hat Herzberg eine ziemlich gute Lage und einiges mehr zu bieten – da sind sich Bürgermeister Lutz Peters und Manager Andreas Euler einig.

Herr Bürgermeister, der Harz und seine Umgebung gelten als überalterndes Sorgenkind der Republik. Gilt dieser Trend auch für Herzberg?

Peters: Dieses Bild ist etwas schief. Ja, wir wohnen im ältesten Landkreis Deutschlands. Und ja, wir fördern diese Entwicklung auch noch, indem wir vermehrt Altenheime bauen. Aber auf der anderen Seite wächst dadurch auch ein eigener Wirtschaftszweig heran. Auch Prognosezahlen sind nur bedingt realistisch: 2013 gab es eine schlechte Bevölkerungsprognose. Aber dann kam unter anderem die Flüchtlingswelle, die die Bevölkerungssituation stabilisiert hat.

Euler: Zudem ist die Herzberger Wirtschaft stark von Pendlern geprägt, unsere Mitarbeiter kommen teilweise aus Nordhausen oder Goslar. Anhand unserer Firmenjubilare bei Smurfir Kappa kann man sehen, dass das Einzugsgebiet schon immer relativ groß war – und nach der Grenzöffnung hat es sich auch auf die neuen Bundesländer erstreckt.

Auf einer langen Zeitachse betrachtet: Wie hat sich denn seit dem Wegfall der Grenze die Situation für Herzberg entwickelt?

Peters: Die Einzelhandelsumsätze haben zunächst enorm profitiert, davon sind wir heute weit entfernt. Mittelfristig hat sich das Fördergefälle negativ auf die Zahl der industriellen Arbeitsplätze ausgewirkt – denn wir haben die neuen Hochfördergebiete direkt vor der Haustür. Vorher hatten wir aber überproportional von der Zonenrandförderung profitiert. Insofern soll man nicht nur jammern.

Euler: Aufseiten der großen mitarbeiterstarken Firmen gab es viel Restrukturierung und damit auch Personalabbau. Dafür gibt es jetzt allerdings auch mehr mittelständische Unternehmen, sodass wir in der Unternehmenslandschaft eine leichte Verschiebung von wenigen Großen hin zu einer größeren Vielfalt und Breite beobachten konnten. Aber der wesentliche Punkt ist, dass wir – wie jede andere Region auch – auf Fachkräfte angewiesen sind, und da haben die neuen Verkehrsanbindungen geholfen.

Die Entfernung zu den Autobahnen A7 und A38 ist allerdings nicht unbeträchtlich. Ist das ein Problem?

Euler: Nein, wir – und Industrie im Allgemeinen – sind nicht so sehr drauf angewiesen, mitten in Ballungszentren zu stehen. Wir sind hier zentral in Deutschland, an der Schnittstelle Ost, West, Nord und Süd. Und dadurch, dass wir deutschlandweit sowie nach Benelux, Frankreich, Polen oder Tschechien liefern, spielen die letzten paar Kilometer zur Autobahn auch nicht die große Rolle.

Peters: Die neue Schnellstraße über die B243 in Richtung Nordhausen hat die Fahrzeit um zwölf Minuten verkürzt – Bad Sachsa ist uns auf einmal viel näher gerückt. Das allein hilft schon den Pendlern und Fuhrbetrieben. Die Straßenverbindungen stellen also für uns keinen strategischen Nachteil dar.

Sehen Sie denn überhaupt keinen Verbesserungsbedarf?

Peters: Doch, natürlich. Ich wünschte mir beispielsweise eine höhere Flexibilität der Bahn beim Güterverkehr, da der Quasi­ Monopolist, der die Bahnanschlüsse bedient, eher unflexibel ist. Dabei haben wir einen Bahnanschluss beim Holzlogistiker Reimann, der diesen auch anderen Nutzern zur Verfügung stellen könnte.

Gibt es weitere gegenwärtigen Baustellen vor Ort?

Peters: Wichtig sind faire Rahmenbedingungen in der Region. Das regionale Raumordnungsprogramm wird gerade vom Landkreis in Abstimmung mit den Kommunen aufgestellt. Da haben wir für unsere Gestaltungsmöglichkeiten bei Bau­- und Gewerbegebieten zu kämpfen. Wir benötigen diese Handlungsspielräume für eine Weiterentwicklung dringend. Auch etwas mehr Flexibilität wäre wünschenswert – es war ein zweieinhalb Jahre dauernder Akt, bis die Genehmigung für die Standortverlagerung eines Supermarktes vorlag. Und zuletzt wünschte ich mir wieder mehr wirtschaftliche Gestaltungsmöglichkeiten der fördernden Stellen, wie sie früher die regionalisierten Teilbudgets aus EU­Mitteln geboten haben, um auch arbeitsplatzsichernde und ­fördernde Projekte vor Ort unterstützen zu können.

Was sagen Sie als Unternehmer dazu, Herr Eulers?

Euler: Das kann ich alles unterschreiben. Insbesondere den letzten Punkt. Man muss sich bewusst machen, dass auch Großunternehmen externe Leistungen beziehen – Logistik, Handwerk, die Liste ist relativ lang. Da ist es enorm wichtig, mit Leuten aus der Umgebung zusammenarbeiten zu können. Wenn dieses wirtschaftliche Umfeld wegbricht, wird auch unsere Situation deutlich schwieriger. Es ist eine gewisse Symbiose, die man im Blick behalten muss, wenn man Unternehmen am Standort halten will.

Peters: Wir sind uns als Stadt aber auch darüber im Klaren, dass wir als Kommune vor Ort der kleinste Player sind und unsere Unterstützungsmöglichkeiten begrenzt sind. Die Unterstützung der kommunalen Wirtschaft und der Kommunen muss wieder mehr Bedeutung bekommen. Das Südniedersachsenprogramm etwa schreibt große Erfolgsberichte, aber es sind doch sehr große, zentralisierte Projekte. Wir reden alle davon, dass wir die ländlichen Räume stärken wollen. Aber wo fließen die Mittel am Ende des Tages hin?

Herzberg mit seiner Lage mitten im Harz bleibt unter dem Strich also doch ein Sorgenkind?

Euler: Ich glaube, unser eigentliches Problem ist, dass der Harz nach wie vor ein schlechtes Image hat. Ich selbst war vor meinem Herzug skeptisch. Aber ich muss ehrlich sagen, ich finde es hier grandios. Als Zugereister nimmt man diese regionalen Vorzüge vielleicht deutlicher wahr als die Einheimischen.

Peters: Es ist und bleibt eine der lebenswertesten Regionen mit einem unheimlich hohen Freizeitwert. Das Naturschutzgebiet fängt hier gleich hinter der Stadtgrenze an. Und es gibt unglaublich viele Attraktionen in Reichweite, wie beispielsweise den Einbecker PS.Speicher. Wir haben Stärken, auch wenn wir keine Oper haben. Doch wie oft gehen wir da wirklich hin? Und wie schätzenswert ist es im Vergleich dazu, täglich nur 20 Minuten zur Arbeit zu fahren statt eine Stunde wie in Großstädten?

Macht sich das denn auch in der Fachkräftegewinnung bemerkbar?

Euler: Leider nur bedingt – das schlechte Image ist nach wie vor da. Aber mir fällt auf, dass es relativ einfach ist, junge Leute wieder zurückzuholen, die vor zehn oder 15  Jahren die Gegend verlassen haben. Wenn es um höchstqualifizierte Mitarbeiter geht, ist der Standort auch nicht schlecht. In Schlagdistanz sind die Göttinger Uni, die TU Clausthal und Braunschweig sowie die Uni Hannover. Die Kooperationsbereitschaft der Hochschulen bei Projekten mit der Industrie ist enorm, davon profitieren wir auch bei der Mitarbeitersuche. Ein Problem bleibt aber die Facharbeiter­ und Meisterebene.

Ist es denn ein Marketingvorteil, dass Herzberg jetzt im Landkreis Göttingen liegt?

Peters: Die Landkreisfusion hat geholfen, alte Grenzen einzureißen, zum Beispiel zum Eichsfeld. Man ist offener für die Zusammenarbeit, etwa beim öffentlichen Personennahverkehr. Der Name Göttingen zeigt vielleicht auch, dass wir nicht weit ab vom Schuss sind, sondern in der Nähe einer altehrwürdigen Uni­Stadt. Ich habe inzwischen ein Göttinger Nummernschild – auch wenn ich mir dazu einige Sprüche anhören musste. Aber es geht eben weiter, und wir finden uns in einer vernünftigen Einheit wieder.

Vielen Dank für das Gespräch!