Wie Ketchup

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Text von: Sven Grünewald

Blut – im wahrsten Sinne der Lebenssaft, ohne den im Körper nichts läuft. Daher sind das Blut, dessen Bildung und dessen Regulierung ein sehr dynamisches Körpersystem. Und ein faszinierendes, da es viel über einen Menschen verrät.

Naturwissenschaftlich wissen wir fast alles über das Blut und dessen Erkrankungen“, sagt Professor Lorenz Trümper, Hämatologe an der Universitätsmedizin Göttingen. Die weißen Flecken des Wissens seien eher, wie das transportierte Material vom Blut in das Gewebe gelangt.

Trümper zieht einen einfachen Vergleich heran, wie man sich Blut am besten vorstellen kann: „Blut ist ein Gemisch, wie Ketchup.“ Denn wie der tomatenbasierte Lieblings-Dip für Pommes setzt sich das Blut aus Zellen und nichtzellulären Bestandteilen wie Wasser, Antikörpern sowie vielen weiteren Stoffen zusammen. Zudem hat es auch eine ähnliche Konsistenz und Beweglichkeit. Da Blut wie das Straßennetz eines Landes die Versorgung des Körpers mit allen benötigten Nährstoffen sicherstellt, „würde ich mir vorstellen, dass alle Moleküle und Substanzen, die es im Körper gibt, auch im Blut nachweisbar sind“, so Trümper.

Daher eignet sich das Blut auch hervorragend für Untersuchungen, da es ein Spiegel der Gesundheit ist und Hinweise auf das Bestehen ganz unterschiedlicher Krankheiten geben kann. Entsprechend gehört es zur Routine, ein Blutbild machen zu lassen. Dieses kann Aufschluss über Blutarmut oder Leukämie sowie Erbkrankheiten des Blutes geben, aber auch ganz andere Belastungen des Körpers wie die Existenz bestimmter Bakterien oder Viren, die Höhe des Blutzuckerspiegels, der Aussagen über das Diabetesrisiko zulässt, oder auch die Konzentration von Hormonen aufzeigen – um nur ein paar der möglichen Untersuchungsgegenstände zu nennen.

Man unterscheidet zudem noch zwischen einem großen und einem kleinen Blutbild: Das kleine Blutbild erfasst die Zahl der Blutzellen und verschiedene andere Werte, während das große Blutbild zusätzlich bei den weißen Blutkörperchen genauer hinschaut und sie in ihren Untergruppen und Reifungsstufen betrachtet.

Die Aufgaben, die das Blut im Körper übernimmt, sind im Detail sehr vielfältig. Natürlich sind da einerseits der Transport von Sauerstoff und Nährstoffen in die Gewebe und der Abtransport von nicht mehr benötigten Stoffen wie Kohlenstoffdioxid oder auch Zellresten. Das Blut reguliert aber auch die Körpertemperatur – jeder kennt das Gefühl, wenn einem nach dem Schnaps ganz heiß wird, weil sich dadurch die Adern weiten und mehr Blut in die Haut strömt, oder dass einem kalt wird, wenn sich die Adern verengen und weniger ,Lebenssaft‘ durch die Haut strömt, um eine Auskühlung zu verhindern. Auch der Wasser-, Salz- und Säurehaushalt des Körpers wird mithilfe des Bluts reguliert – und zuletzt spielt das Blut natürlich in der Immunabwehr eine entscheidende Rolle.

Blut – ein Cocktail rund ums Eisen

Zwischen dreieinhalb und fünf Litern Blut fließen im Körper eines Menschen – immer abhängig von dessen Größe, die Menge ist aber über die ganze Lebenszeit stabil. Allerdings, so Trümper, verändern sich die Blutbestandteile, weil die Blutzellen im Knochenmark auch altern.

Etwas über die Hälfte des Blutes, rund 55 Prozent, bestehen aus dem sogenannten Blutplasma, 44 Prozent machen die Blutkörperchen aus und das letzte Pro- zent sind Hormone, Gase, Stoffwechselprodukte etc. Das Plasma wiederum besteht zu rund 90 Prozent aus Wasser, der Rest besteht aus Mineralien, Zucker, Fetten, Eiweißen und Enzymen.

Es gibt drei verschiedene Arten von Blutkörperchen: Weiße Blutzellen (Leukozyten) machen 0,6 Prozent der Blutzellen aus. Diese Leukozyten sind ein Bestandteil der Immunabwehr – gibt es im Körper eine Infektion, kann ihre Zahl massiv steigen. Die zweite Gruppe sind die Blutplättchen (Thrombozyten), die nur 0,4 Prozent der Blutzellen ausmachen. Geht der Messerschnitt durch die Avocado einmal daneben, treten sie in Aktion. Sie bilden in der Wunde einen Pfropf und verhindern weiteren Blutverlust. Die überwältigende Mehrheit der Blutzellen jedoch, rund 99 Prozent, stellen die roten Blutzellen (Erythrozyten). Sie sind es, die dem Blut seine Farbe geben: durch ein Eisenatom im Hämoglobin, den Stoff, der den Sauerstoff aus den Lungen in die Zellen transportiert.

Wäre es eigentlich denkbar, dass wie in der Science-Fiction-Populärkultur auch Blut funktionieren könnte, das eine andere Farbe hat, weil es statt eines Eisenatoms etwas anders nutzt, zum Beispiel Kupfer wie im Falle der Vulkanier in Star Trek? „Ja, theoretisch ist das denkbar“, sagt Trümper. Dass die Natur sich Eisen ausgesucht hat, hinge aber vermutlich damit zusammen, dass die Bindung und Abgabe von Sauerstoff damit sehr gut funktioniert. „Es gibt ja auch den Versuch, Kunstblut herzustellen, bei denen man diese Fähigkeit zur Sauerstoff-Bindung und -Abgabe versucht nachzubilden.“ Bis jetzt allerdings erweist sich die Herstellung von Kunstblut als viel zu kompliziert. Dabei wäre es eine große Hilfe. Ins- besondere beim Militär scheint ein großes Interesse daran zu bestehen – für den Fronteinsatz. Der Bedarf an Kunstblut resultiert daraus, dass die Spendenbereitschaft zu gering ist und gleichzeitig das Blut nicht beliebig lange gelagert werden kann. Dabei gehe es nicht darum, das komplexe Gemisch Blut nachzubilden, sondern lediglich die Sauerstoffträger im Blut. „Alle Bestandteile zu reproduzieren, ist sicher ein Ding der Unmöglichkeit, weil sie so vielfältig sind“, so der Professor.

Wie lange man bei einem starken Blutverlust überleben kann, also wo die für das Über- leben notwendige Minimalmenge an Blut liegt, ist schwer zu sagen. „Es kommt darauf an, wie schnell der Blutverlust abläuft“, erklärt Trümper. Geschieht dies langsam, kann der Körper Flüssigkeit aus dem Gewebe in die Blutstromkreisbahn leiten. Dann gibt es durch die Verdünnung zwar einen Blutzellenmangel, aber genug Flüssigkeit, um den Blutdruck auf- rechtzuerhalten. „Geht der Blutverlust jedoch zu schnell, ist das mit dem Leben nicht vereinbar.“ Denn dann hat das Herz nichts mehr, was es durch den Körper pumpen kann, und das Gehirn erhält keinen Sauerstoff. „Aber bei wie vielen Litern genau die Grenze liegt, dieses Experiment ist natürlich nicht durchführbar.“

Einen rechtzeitigen Wundverschluss vorausgesetzt, verfügt Blut über eine sehr starke Regenerationsfähigkeit. Jeden Tag werden Milliarden von Blutzellen neu gebildet. Die Blutbildung im Knochenmark ist einer der aktivsten Vorgänge im Körper, zusammen mit der Regeneration der Darmschleimhaut, die ebenfalls sehr schnell vonstattengeht. Entsprechend zügig kann ein Blutverlust ausgeglichen werden. Beim Blutspenden wird in der Regel ein halber Liter abgegeben – das reine Volumen wird schnell wieder von der Gewebsflüssigkeit bereitgestellt, die Neubildung der Blutzellen dauert bei einem gesunden Menschen in der Regel zwei bis drei Tage.

A, B, AB, Null

Abgesehen davon, dass bei einer Bluttransfusion nur die eigene Blutgruppe verabreicht werden darf, haben die Blutgrup- pen keine Auswirkungen auf die Bluteigenschaft. Denn es handelt sich dabei nur um Oberflächeneigenschaften der Blutkörperchen. Die Blutgruppen sind bestimmte Oberflächenproteine, die die körpereigene Immunabwehr scannt, um körpereigene von körperfremden Zellen zu unterscheiden. Deswegen werden andere Blutkörperchen als die mit der eigenen Blutgruppe auch angegriffen.

Sollte man dennoch seine Blutgruppe kennen? Ja, meint Lorenz Trümper, und diese am besten bei sich tragen, etwa in Form eines Notfallausweises. „Wenn Sie einen Unfall haben und in die Notaufnahme kommen, dann geht es etwas schneller.“ Außerdem ist es für die Blutspende sinnvoll, wenn Menschen wissen, dass sie eine seltene Blutgruppe haben und sie so mithelfen können, einen Spendermangel zu bekämpfen.