Wie Göttingen zur sichtbaren Life-Science-Region werden will

München, Heidelberg, Berlin – wer in Deutschland an Life Sciences denkt, hat schnell diese Städte im Kopf. Und was ist mit Göttingen?

Für viele liegt Göttingen noch immer eher auf der Landkarte der Wissenschaft als auf jener der großen Innovationsstandorte. Dabei entsteht hier längst etwas, das weit über einzelne Forschungserfolge hinausgeht: ein dichtes Geflecht aus Spitzenforschung, Unternehmen, Gründungsgeist und Lebensqualität.
Die Frage ist deshalb weniger, ob Göttingen genug zu bieten hat. Die spannendere Frage lautet: Wie wird aus dieser Stärke ein Standort, den man auch von außen erkennt?

Wenn Regionen um Aufmerksamkeit kämpfen
Genau hier beginnt die Arbeit der SüdniedersachsenStiftung. Denn im Wettbewerb um Fachkräfte, Investitionen und neue Ideen konkurrieren längst nicht mehr nur Unternehmen miteinander. „Auch Regionen müssen zeigen, wofür sie stehen“, sagt Claudia Weitemeyer, die gerade als geschäftsführende Vorstandsvorsitzende der Stiftung wiederberufen wurde. Gute Forschung allein reiche dafür nicht aus: „Sie muss sichtbar werden, verständlich, anschlussfähig.“
Göttingen bringt dafür viel mit: renommierte Institute, innovative Unternehmen, eine lebendige Hochschullandschaft und eine wachsende Szene von Gründerinnen und Gründern. Was bislang fehlt, ist weniger Substanz als das gemeinsame Bild. Unter Federführung von Claudia Weitemeyer will die SüdniedersachsenStiftung deshalb herausarbeiten, was die Region besonders macht – und diese Geschichte klarer erzählen.


Wissen, das bleibt
Der Leitgedanke der neuen Marketingstrategie lautet „Life Science Region Göttingen – wissen zu leben“. Dahinter steckt mehr als ein Slogan: „Es ist der Versuch, zwei Stärken miteinander zu verbinden, die in Göttingen besonders nah beieinanderliegen: wissenschaftliche und wirtschaftliche Exzellenz und ein Umfeld, in dem Menschen gern leben und arbeiten“, sagt Weitemeyer.
Für Fachkräfte kann das ein starkes Argument sein. Für Gründerinnen und Gründer ebenso. Wer ein Start-up gründet, sucht nicht nur Laborflächen, Kapital und Kontakte, sondern auch einen Ort, an dem Teams wachsen können. Südniedersachsen punktet hier mit kurzen Wegen, Natur vor der Haustür, guter Bildungs- und Gesundheitsinfrastruktur, einer zentralen Lage in Deutschland und vergleichsweise bezahlbarem Wohnraum.
Aus diesem Profil soll nun eine gemeinsame Erzählung werden. Ein Standortportal, Kampagnen, überregionale Anzeigen, Partner aus der Wirtschaft und Kommunen sollen dazu beitragen, Göttingen und Südniedersachsen als Life-Science-Region stärker im Bewusstsein zu verankern. Nicht als Werbeversprechen von außen, sondern als Bild, das aus der Region selbst heraus getragen wird.

Aus Nähe wird Netzwerk
Doch ein Standort entsteht nicht durch Kommunikation allein. Er wird dort stark, wo Menschen, Ideen und Kapital zueinanderfinden. Genau darauf zielen Initiativen wie das Life Science Valley und GOe FUTURE. Das Life Science Valley soll Forschungseinrichtungen, Unternehmen, Start-ups, Investoren und Politik in Südniedersachsen enger zusammenbringen und gezielt die Start-ups mit dem größten Potenzial unterstützen. Statt einzelner Leuchttürme soll ein Ökosystem entstehen, das überregional wahrgenommen wird. GOe FUTURE geht noch einen Schritt weiter und vernetzt die Standorte Hannover, Braunschweig und Göttingen. Davon profitiert ausdrücklich auch der Standort Göttingen. Die Initiative versteht sich als Start-up Factory für die roten und grünen Life Sciences sowie für Medizintechnik und will wissenschaftliche Erkenntnisse schneller in Produkte, Technologien und Unternehmen überführen – im Bereich der roten Life Sciences etwa in Biotechnologie und Medikamentenentwicklung, im Bereich Medizintechnik zum Beispiel in Diagnostikgeräte und für die grünen Life Sciences unter anderem für die Forschungsfelder Agrar und Ernährung. Der Blick reicht dabei über Göttingen hinaus bis nach Braunschweig und Hannover.
Eine Schlüsselfigur dieser Entwicklung ist Prof. Dr. Elisabeth Zeisberg. Als Wissenschaftlerin, Gründerin, Unternehmerin und Dekanin für Transfer an der Universitätsmedizin Göttingen kennt sie gleich mehrere Seiten des Innovationsprozesses. Sie weiß, wie aus Forschung Ideen entstehen – und welche Hürden warten, bis daraus ein Unternehmen wird. Diese Erfahrung bringt sie als Geschäftsführerin in die Life Science Valley GmbH und in die GOe FUTURE Management GmbH ein.
Denn an guten Ideen mangelt es in der Region nicht. Schwieriger ist oft der Weg danach: aus einer Entdeckung ein Produkt machen, aus einem Forschungsteam ein Gründungsteam, aus einem ersten Prototypen ein wachsendes Unternehmen. Viele wissenschaftliche Ideen scheitern nicht an ihrer Qualität, sondern daran, dass zwischen Forschungsergebnis und marktfähigem Produkt eine Finanzierungslücke entsteht. Andere schaffen zwar die Gründung, stoßen beim späteren Wachstum jedoch an Grenzen.
GOe FUTURE will diese Lücken schließen. Zeisberg: „Gründerteams sollen entlang des Innovationsprozesses begleitet und mit Menschen zusammengebracht werden, die ihnen beim nächsten Schritt helfen können: Forschende, Unternehmerinnen und Unternehmer, Investoren, erfahrene Mentorinnen und Mentoren.“ So soll aus akademischem Potenzial häufiger wirtschaftliche Realität werden – möglichst mit Wurzeln in der Region.
Die Idee dahinter ist größer als die Förderung einzelner Start-ups. Göttingen, Hannover und Braunschweig verfügen zusammen über eine wissenschaftliche und Göttingen insbesondere über eine industrielle Dichte, die international anschlussfähig ist. „Wenn es gelingt, diese Kräfte besser zu verbinden, kann daraus ein Life-Science-Ökosystem entstehen, das nicht nur in der Region wirkt, sondern weit darüber hinaus strahlt“, betont Zeisberg.
Genau hierin könnte der entscheidende Unterschied zu früher liegen. Über das Potenzial der Region wurde bereits vor Jahren gesprochen. Neu ist jedoch, dass inzwischen mehrere Bausteine ineinandergreifen: Die Life Science Valley GmbH vernetzt die Akteure, unterstützt gezielt ambitionierte Gründungsteams und Start-ups, die Life Science Factory bietet die Infrastruktur für junge Unternehmen, GOe FUTURE begleitet Innovationen auf dem Weg in die wirtschaftliche Anwendung, und die Standort-Kampagne „wissen zu leben“ fördert die Sichtbarkeit all dieser Stärken. Gemeinsam entsteht so ein Zusammenspiel aus Vernetzung, Infrastruktur, Gründungsförderung und Standortmarketing. Aus einzelnen Stärken wird also Schritt für Schritt ein gemeinsamer Auftritt.
Ob Südniedersachsen künftig tatsächlich in einem Atemzug mit München, Heidelberg oder Berlin genannt wird, entscheidet sich nicht allein an Laboren, Patenten oder Förderprogrammen. Göttingen muss nicht erst zu einem Life-Science-Standort werden. Die gesamte Region ist längst einer, mit starken Playern auch außerhalb des Oberzentrums. Die eigentliche Herausforderung besteht nun darin, diese Stärke sichtbar zu machen und erfolgreicher in Unternehmensgründungen, Innovationen und wirtschaftliche Entwicklung zu übersetzen. Entscheidend wird also sein, ob die Region ihre vielen Stärken zu einer gemeinsamen Geschichte verbindet. ƒ

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