Wie ein Regenbogen

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: redaktion

Ralf Reuter ist Pastor. Ralf Reuter ist Unternehmensberater. Das passt nicht zusammen? In einem Gespräch erklärt er, wie eng Glaube und Wirtschaft doch miteinander verbunden sind.

Bereits an der Eingangstür des Gemeindehauses wird klar: Hier steht ein Mann der Kirche. Mit einer offenen Begrüßung und einem herzlichen Händedruck bittet er in die warme Stube – in den Seminarraum, in dem von Zeit zu Zeit auch wichtige Tagungen und Besprechungen von Wirtschaftsvertretern stattfinden. Sobald wir Platz genommen haben, wird deutlich: Hier sitzt ein Mann aus der Wirtschaft. Die Unterlagen – Bücher, Prospekte und Flyer – liegen neben dem Smartphone bereits auf dem Tisch. Der Mann ist gut vorbereitet.

faktor: Herr Reuter, woher kommt der neue Trend ‚Glaube‘?

Reuter: Das hängt zusammen mit einer ‚Spiritualitätsbewegung‘. Wir haben eine Renaissance der Religion. Dass Sie heute mit dem faktor mit so einem Glaubensthema kommen, in einem Wirtschaftsmagazin, das wäre vor zehn Jahren undenkbar gewesen.

Doch dann kam mit dem Krisenjahr 2001 wieder eine Rückorientierung hin zu der Frage: Gibt es über dieses ganz normale Arbeitsleben hinaus doch noch eine größere Kraft? Und diese Suche ist dann 2004, 2005 mit dem Wort Spiritualität benannt worden.

Damit fasst man im Grunde die Frage nach religiösen Phänomenen und nach Glaube einfach ein bisschen umfangreicher.

Spiritualität und Glaube spielt sich durchaus auch ohne oder eher neben der Kirche ab. Ein Beispiel dieses Wandels bin auch ich mit meiner Geschichte. Spiritualität hat daher unmittelbar auch mit dem Arbeitsleben zu tun.

Dabei ist das übrigens kein Phänomen älterer Generationen, sondern eher der jüngeren Führungskräfte. Sie sind zunehmend religiös oder spirituell interessiert.

Woher kommt das?

Man bekommt heute keinen Job mehr für 30 Jahre, der einfach läuft. Man weiß nicht, wo man in fünf Jahren, in zehn Jahren steht.

Und da im Leben auch eine Kraft zu haben, die unabhängig von Erfolg, von äußeren Dingen ist, eine, die einen dann auch trägt, wenn man mal in eine Krise gerät – das ist eigentlich die Sehnsucht.

Und genau für diese ganze Bewegung – speziell für Unternehmer, Manager und Führungskräfte – wollte die Landeskirche ein Angebot machen. Daraus ist bereits im Jahr 2002 ein Projekt der Landessynode entstanden, dem Parlament der Hannoverschen Landeskirche.

Inzwischen ist es ein eigenes Arbeitsfeld mit zwei Pastoren geworden, Peer-Detlev Schladebusch und mir. Das Projekt haben wir ,Spiritual Consulting‘ genannt und bis heute weiter ausgebaut.

Sie sind also ein ,Unternehmens-Pastor‘ geworden?

Das kann man so sagen. Ich bin als Unternehmensberater tätig, als geistlicher Moderator. Firmen fragen an und wünschen sich jemanden, der ihnen nicht noch etwas Neues verkauft, sondern der einfach bewusst Prozesse in Unternehmen und Vorständen moderiert.

Und das müssen die auch richtig bezahlen. Nicht an mich, sondern an die Kirche. Das wird also refinanziert, mit Tagessätzen von bis zu 2.000 Euro.

Das heißt, Sie sind hier in der Region seitdem ausschließlich als Unternehmensberater tätig?

Ich bin 2004 nach Göttingen gezogen und habe zur Bedingung gemacht, dass ich auch noch ein ordentlicher Pastor bleibe und eine Gemeinde habe. Ich wollte mein Know-how als Pastor nicht verlieren. Und deshalb arbeite ich auch gern an der Basis.

Ich bin hier in der Göttinger Weststadt tätig – das ist ein wirkliches Gegengewicht zu den, um es überspitzt zu sagen, Millionären, mit denen ich pilgern gehe.

Das klingt sehr nach einem lukrativen Wirtschaftszweig?

Das Seelsorgen ist dabei weiterhin frei. Das ist sehr wichtig. Glaube und Geld geht nicht zusammen. Aber für eine normale Beratungsleistung – ich habe im Übrigen in diesem Bereich auch eine Ausbildung gemacht – das refinanzieren die Firmen dann schon.

Wie oft kommen Anfragen?

Das ist gar nicht wenig. Also es gibt einmal Menschen, die fragen rein seelsorgerisch an – bundesweit über Internet –, da kommen sicherlich fünf bis zehn Führungskräfte im Monat. Das ist schön, denn so viele gibt es dann ja wieder auch nicht.

Dabei ist der Anteil der Frauen durchaus noch etwas höher.

Woran liegt das?

Mag sein, dass Frauen sich mehrheitlich etwas mehr um sich kümmern. Männer haben vielleicht noch immer das alte Rollenbild, dass sie Dinge mehr mit sich selbst oder mit Sportsfreunden ausmachen.

Warum fragen die Menschen überhaupt bei Ihnen um Hilfe?

Gerade für junge Führungskräfte, die Familie haben, ist es ganz wichtig, den Spagat hinzubekommen zwischen Arbeit und Familie. Work-Life-Balance – wie man das heute so nennt.

Sie fühlen sich irgendwie zerrieben und fragen sich dabei oft: Wer bin ich eigentlich noch? Und für dieses Selbst muss man auch ein Stück weit sorgen. Da haben wir den Punkt, wo der Glaube ins Spiel kommt oder Fragen der Spiritualität, Fragen des Lebenssinns.

Mit welchen Fragen kommen diese Personen konkret auf Sie zu?

Jemand hat sich zum Beispiel überlegt, aus dem Unternehmen auszusteigen, weil er in einer Firma arbeitet, die andere insolvente Firmen ‚ausschlachtet‘.

Er sagt: „Ich kann das einfach mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren. Ich verdiene damit Geld, und ich will das nicht mehr.“ Aber er will das Aussteigen nicht einfach so machen, denn dann verliert er über die Hälfte seines Einkommens, das Einkommen einer ganzen Familie.

Und da wünscht er sich eine Beratung. Ich rate ihm dann natürlich nicht, er soll das lassen. Auch wenn ich das vielleicht denke. Er soll das selbstbestimmt machen. Ich helfe ihm sozusagen, dass er zu einer für sich begründeten Entscheidung kommt.

Ist das noch reine Seelsorge oder bereits Beratung?

In der Regel geht dies dann über in einen Coaching-Prozess, bei dem man sich dann auch persönlich trifft und ein bis zwei Stunden miteinander verbringt – an einem externen Ort, nicht im Unternehmen. Da soll es ja auch nicht jeder sehen. Im Kloster oder einem Hotel, oder man geht einfach ein Stück miteinander.

Der Ablauf ist also in der Regel: zwei, drei E-Mail-Kontakte, dann Telefongespräche, dann erst der Termin. Zunächst handelt es sich also um Seelsorgen. Wenn wir uns dann treffen, kostet die Stunde ca. 200 Euro. Das wird dann vom Landeskirchenamt als Refinanzierung in Rechnung gestellt.

Und die Nachfrage ist da?

Es gibt sogar sehr viele Führungskräfte, die mit uns für zwei Tage auf eine ,Retraite‘ ins Kloster gehen – ,Retraite‘ steht für eine Auszeit, eine Einkehr. Inzwischen machen wir schon drei solcher ,Retraiten‘ pro Jahr, das hat zugenommen. Zwei im Kloster Loccum, eine im Kloster Volkenroda. Da nehmen dann so ca. 25 Personen teil.

Oder wir gehen gemeinsam auf Pilgertour. Wir pilgern zum Beispiel einen Teilabschnitt von Loccum nach Volkenroda – dann nehmen wir alle Klöster mit: Bursfelde, Amelungsborn, usw. Wir gehen auch Touren auf dem Lutherweg von Wittenberg nach Dessau und in Österreich.

Und der Jakobsweg? Der liegt doch nicht erst seit Hape Kerkeling wieder voll im Trend.

Zum Jakobsweg fliegen wir, wenn überhaupt, nur mit Einzelpersonen. Es hat unheimlich viel Charme, mit Führungskräften in Deutschland ganz bescheiden zu gehen. Das sind ja Leute, denen im Grunde die ganze Welt zu Füßen liegt.

Sie fliegen die ganze Woche über, von einem Termin zum nächsten. Wenn man das ein halbes Jahr gemacht hat, dann ist das auch nicht mehr interessant. Es ist im Grunde auch eine Rückbesinnung zu einfachen Dingen. Back to Basic.

Das heißt nicht, dass wir es asketisch machen, also absichtlich. Sondern wir gehen dann auch schon mal zwischendurch gut essen.

Ist der Jakobsweg in Ihren Augen inzwischen zu einem Wirtschaftszweig geworden? Reiner Kommerz?

Ja, das fängt ganz klein an. Nicht nur in Santiago de Compostela. Auch hier in Südniedersachsen. Die Gasthöfe werden mehr bespielt, die Kirchengemeinden kriegen mehr Präsenz, sie kriegen plötzlich sogar mehr Leute von außen, die nicht in der Kirche sind.

Ich finde das zunächst auch gar nicht verkehrt. Wenn es ein zu starker Kommerz wird, dann wird es natürlich schwierig.

Was ist denn das Schöne am Pilgern?

Mein Bild des Pilgerns ist das eines Regenbogens. Den sieht man ja auch mal ab und an, wenn man unterwegs ist. Da gibt es so einen wunderschönen blauen Streifen, der dafür steht, dass man in der Urform der menschlichen Bewegung unterwegs ist, dass man seinen Körper spürt, dass man zu Fuß geht, ohne technische Hilfsmittel.

Das ist eine irres Gefühl: Der Blutdruck reguliert sich, Sauerstoff ist vorhanden, man hat Bewegung. Das ist ein wunderbares körperliches Gefühl.

Dann gibt es einen gelben Streifen im Regenbogen: Das sind die Begegnungen mit anderen Menschen. Man pilgert eigentlich nie allein, und selbst wenn man allein pilgert, begegnet man anderen Menschen. Begegnungen, die auch manchmal ungewöhnlich sind. Sie sind ganz wichtig.

Ich gehe manchmal mit Vorständen pilgern, die sitzen sich sonst nur an Konferenztischen gegenüber. Denn einfach mal gemeinsam einen einfachen Feldweg zu gehen und auf einem Baumstamm zu sitzen und zu merken: Der andere ist auch angestrengt, weil er einen Berg hochgegangen ist. Und man reicht sich die Wasserflasche – diese Gemeinschaft, diese Erfahrungen sind wichtig.

Und zum Pilgern gehört eben auch noch ein roter Streifen – der spirituelle Streifen. Dass man noch einmal neu über sein Leben nachdenkt, das geht beim Pilgern eben sehr gut. Warum ist man eigentlich auf dieser Erde? Was sind die zwei, drei ganz wichtigen Dinge des Lebens, die man eigentlich machen möchte? Muss man sich wieder neu aufstellen?

Man sieht den Himmel offen. Man hat die Kirchen offen, in die man sich einfach mal kurz hineinsetzt, bevor man weiter geht.

Kurzerhand beschließen wir, auch ein paar Schritte zu gehen. Ziehen unsere Mäntel an und machen uns auf den Weg – auf den Pilgerpfad, der direkt an seiner Kirche auf der Pfalz Grona vorbeiführt. Die Luft ist kalt, aber es kommt, wie der Unternehmensberater es vorausgesagt hat…Wir reden…

…Also sprechen Sie beim Pilgern überhaupt nicht von Gott?

Von Gott direkt sprechen wir meistens nur, wenn wir gemeinsam eine Bibelarbeit machen. Gott und Glaube kommt eigentlich durch die Lebensthemen hinein. Das ist auch das Natürliche.

Dann kommen eben diese menschlichen Fragen, die dazu gehören: Wenn es ihn wirklich gibt, und er ein guter Gott ist, warum lässt er Leid zu? Oder auch: Warum geht es mir so gut und anderen nicht? Hängt das ausschließlich nur mit meiner Leistung zusammen – sicherlich zum Teil schon –, oder hat das auch was mit Segen zu tun? Ist Erfolg immer auch Segen? …Und dann entsteht auch manchmal ein Gefühl der Dankbarkeit.

Manche verorten es, dass sie ihr Glück von Gott geschenkt bekommen haben und möchten das dann auch anderen Menschen wiedergeben. Der Glaube bewirkt manches Mal, dass sie ehrenamtlich etwas tun, sich für andere einsetzen.

Und das gehört auch dazu – ein bisschen was vom Einkommen abgeben, spenden. Je mehr man verdient, eigentlich umso mehr. (lacht) Das fordere ich von denen übrigens ein.

Die müssen ja übrigens auch irgendwann aussteigen und runtersteigen. Damit können einige dann auch wieder gar nicht gut mit umgehen.

Wie meinen Sie das?

Na, dann kommt der Ruhestand. Wenn man aus so einem Unternehmen aussteigen muss. Aus diesem Grund habe ich auch, zusammen mit einem Manager aus der Wirtschaft, ein Seminar für den Übergang in den Ruhestand entwickelt und bereits zweimal angeboten.

Wir haben viele Personalleiter direkt angeschrieben und sind ein bisschen in die Werbung gegangen.

Wie war die Resonanz?

Unheimlich zäh. Ich dachte, es wäre mehr. Aber ich bin sicher, dass da ein großer Bedarf ist: Führungskräfte, die noch im Unternehmen sind, im Übergang oder gerade ausgeschieden. Wenn die Gruppe bunt ist, ist das umso besser.

Viele haben den Wunsch, diesen Übergang gut hin zu bekommen. Die trauen sich nur nicht, die Burschen. Manchmal werden sie auch von ihren Frauen angemeldet – das ist nicht das Schlechteste. Hauptsache, sie kommen. Sie sind unter Gleichgesinnten. Das tut denen richtig gut.

Der Übergang in den Ruhestand? Welche Rolle spielt der Glaube dabei?

Der Glaube ist ganz wichtig, um Übergänge im Leben zu managen. Übergänge sind Krisensituationen, und da geht es einem eigentlich nicht gut. Und da braucht man eine Kraft, die nicht aus dem eigenen Erfolg kommt.

Wenn man aus dem Unternehmen mit 58 oder mit 65 ausscheidet, kann man noch einen schönen Abschied feiern, aber dann gibt es keinen Dienstwagen mehr, dann gibt es keine Sekretärin mehr, dann haben sie gar nicht gelernt, mit einem PC richtig umzugehen und stehen da wie Analphabeten.

Es soll schon Führungskräfte gegeben haben – das weiß ich aus sicherer Quelle – die mussten dann plötzlich zum ersten Mal ihren Wagen waschen und wussten nicht wie. Das ist jetzt ein bisschen zum Schmunzeln. Aber man lernt da wieder ein Stück Demut, auf diese äußeren Statussymbole zu verzichten, und man merkt vielleicht auch: Das ist nicht alles. Es geht auch ohne.

Man muss ja bei diesem Thema doch irgendwie an Loriots ‚Papa ante Portas‘ denken…

(Lacht) Diesen Film zeigen wir übrigens immer abends im Kloster. Das muss sein. Das ist Kult. Besser bringt man das auch nicht auf den Punkt.

Was raten Sie in dieser Situation?

Es ist ganz wichtig, dass man wieder einsteigt, wieder eine Aufgabe bekommt. Mit 60 steht man heute mitten im Leben. Da kann Kirche übrigens viel bieten. Wir brauchen z.B. einen Banker, der sich ehrenamtlich in der Diakonie engagiert.

Die Führungskräfte suchen auch danach – nach Aufgaben, teilweise gegen Bezahlung und teilweise auch ehrenamtlich, – um eben was zurück zu geben.

Das sollte die Kirche, aber auch andere Organisationen, noch viel mehr nutzen: auf fitte Manager, die im Ruhestand sind, zugehen. Denn ewig nur Golf spielen – das ist auch langweilig. (lacht) Nichts gegen Golf – das ist auch schön.

Also entsteht in dieser Zeit des Übergangs nicht unbedingt der Wunsch, Gott wieder näher zu kommen, sondern in erster Linie das Problem zu lösen?

Genau. Aber beim Ausscheiden aus dem Beruf stellen sich oft Fragen, die mit der Bewertung des eigenen Lebens zu tun haben. Auch Fragen nach der Endlichkeit des Lebens. Da ist der religiöse Bezug eben schon wieder mit drin.

Was ist, wenn es im Job nicht so gelaufen ist, wie man es sich in seinem Leben erhofft hat? Das Auf und Ab des Berufslebens gehört zum Leben dazu. Das ist nicht immer nur eigene Schuld oder eigenes Versagen.

Man muss damit umgehen, dass man in seinem Leben oft auch nur Fragmente, also Teile, erfüllt bekommt. Wenn man es aus der Gottesperspektive heraus betrachtet, gelingt es, einen großen Bogen zu sehen, wie einen Regenbogen, der sich über ein Leben wölbt – der Glaube, mit dem man die einzelnen Punkte und Fragmente seines Lebens doch verbunden sieht.

Und genau daraus kann der Mensch eine souveräne Haltung gewinnen: ein Mensch, der sich nicht verrückt machen lässt, durch alle möglichen äußeren Dinge. Der einfach konsequent weiter arbeitet, Hoffnung hat, menschlich ist – das ist wichtig. Auch im Umgang mit Mitarbeitern. Und der eben auch eine Perspektive hat, der fröhlich ist und gern arbeitet. Ein Mensch, der diese Zeit einfach annimmt und sie gut ausfüllt.

Spirituell würde man sagen: Er fühlt sich getragen. Dann ist auf der Erde, in seinem Leben, auch ein Stück der Himmel offen. Das sind natürlich alles Bilder. Aber Spiritualität lebt auch von Bildern. Und Bilder tragen uns und führen uns auch weiter.

Wobei helfen diese Bilder ganz konkret weiter?

Dabei, dass man auch mit seinem eigenen Scheitern umgehen kann. Dass man dann nicht um sich schlägt, sondern in sich geht und versucht, es einfach das nächste Mal besser zu machen.

Bis hin, dass wir ja auch die Möglichkeit haben, dass man sich Schuld vergeben lassen kann. Ein Neuanfang – auch bei Führungskräften.

Wir sind inzwischen umgekehrt, und Pastor Reuter zeigt mir noch seine Kirche. Es ist eine schlicht gehaltene kleine Kirche mit einem kleinen Altar und einfachen Holzstühlen, in der auch des Öfteren die Kinder des ebenfalls zur Gemeinde gehörenden Kindergartens spielen. Die Kinderwagen und Spielsachen zeugen vom munteren Treiben. Die ungezwungene Atmosphäre ist deutlich zu spüren, und so führen wir unser Gespräch an dieser Stelle fort.

Christliche Werte in der Führung – welche Rolle spielen sie?

Ich glaube, dass man ein gewisses Durchsetzungsvermögen braucht, um einen nachhaltigen Erfolg zu erzielen.

Man kann das mit dem Wort Autorität benennen. Man nimmt Verantwortung wahr, aber macht das aus einer gewissen Autorität heraus, aus der Autorität einer guten Ausbildung, eines guten Charakters und aufgrund vernünftiger Werte.

Ich sage bewusst vernünftiger Werte, denn das sind nicht unbedingt immer nur religiöse Werte, auch wenn vielleicht die Urform der Werte aus den zehn Geboten kommt. Das sind Werte wie Ehrlichkeit, Achtung, dass man Menschen nicht ausbeutet und sie zum Spielball ausschließlich seiner eigenen Interessen macht, sondern dass man mit Mitarbeitern zusammen ein Unternehmen aufbaut und führt, dass man sie beteiligt, dass man ihre Potenziale weckt.

Woran hapert es denn bei Führungskräften am häufigsten?

Natürlich oft am Geld. Solange etwas gut läuft, wird es immer besser. Wenn es schwierig wird, gehört dazu nicht nur eine individuelle Ethik, sondern auch z.B. die der Sozialen Marktwirtschaft.

Wir haben das ja jetzt in der Bankenkrise erlebt. Wenn irgendwelche Leitplanken fehlen, dann drohen auch Abstürze, und davon haben wir etliche mit angesehen.

Mit Leitplanken meinen Sie…?

Leitplanken, dass zum einen staatlich klar ist, was ist erlaubt und was nicht. Zum anderen aber auch im persönlichen Bereich. Dass man darauf achtet, dass man Führungskräfte im Unternehmen hat, die grundsätzlich ethisch eingestellt sind. Und die gewisse Mindeststandards ihres Verhaltens haben.

Wer achtet denn darauf, dass diese Standards gehalten werden?

Das ist eigentlich die Leitung oder die Mitte des Unternehmens. Gerade im südniedersächsischen Raum gibt es viele Familienunternehmen. Für die ist es natürlich noch ein bisschen leichter.

Mit einer klar geführten Familienleitung achtet man schon sehr genau drauf, dass man sich Menschen ins Unternehmen holt, die dahin passen und die auch die langfristige Kultur eines Unternehmens vertreten und nicht nur darauf gucken, dass sie kurzfristig Erfolge erzielen. Es ist natürlich sehr wichtig, dass niemand aus der Familie ausschert und meint, er müsste sich auf einmal einen dicken Porsche bestellen.

Da gehört dann auch eine gewisse Bescheidenheit dazu, eine Normalität des Lebens, dass man mit allen im Unternehmen auf Augenhöhe kommunizieren kann – das ist immer ein guter Test. Dazu sollte man grundsätzlich dazu in der Lage sein. Wenn das nicht da ist, dann ist da was schief. Dann fehlt es auch am Charakter.

Wie sieht dann die Konsequenz aus?

Man muss sich von Führungskräften trennen, die Regeln brechen und die auch das ethische Fundament nachhaltig verlassen.

Weil…?

Weil sie einfach einen Ungeist ins Unternehmen bringen. Und damit auch den finanziellen Erfolg gefährden. Dieser hängt häufig mit solidem ethischen Handeln zusammen. Und das mehr als man denkt. Zumindest ist das meine Erfahrung.

Ich bin jetzt in der Szene schon zehn Jahre drin und hatte vorher auch schon ein bisschen Kontakt während der strategischen Beratung einiger Unternehmen, und ich weiß, es zahlt sich einfach aus, das rechte Maß zu behalten.

Auch das rechte Maß von der eigenen Lebensführung. Ich meine, man gesteht Führungskräften zu, dass sie ein bisschen mehr haben, aber wenn es dann so das 10-, das 20-, das 50-fache wird, dann passt das nicht mehr. Dann ist irgendwas nicht in Ordnung.

Zum Abschluss einmal plakativ gefragt: Was haben Glaube und Wirtschaft gemein?

(Lacht) Zu beidem gehört auch ein gewisser Zweifel. Zum Glauben gehört auch immer ein Moment des Zweifelns, weil der Glaube sonst indoktrinär wird. Er wird zu heiß.

Ich komme da immer gern mit diesem Beispiel, dass der Mond eigentlich die Erde am Leben erhält, durch die Jahreszeiten und das Gleichgewicht. Aber wir leben natürlich auf der Erde. Und wenn man die Erde für den Glauben hält, dann muss da immer auch so ein Mond des Zweifelns drumherum rumfliegen. Damit man lebendig bleibt.

Das ist ein ganz wichtiges Moment: dass man den Glauben nie für absolut hält. Man glaubt schon fest. Also ich glaube fest. Aber trotzdem müssen auch immer wieder neue Fragestellungen da sein.

Und so ist Wirtschaft auch etwas, dass sehr lebendig bleiben muss. Auch in der Wirtschaft kommt es immer wieder darauf an, dass man sein Handeln auch mal in Frage stellt und wieder neu überdenkt.

Herr Reuter, vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Elena Schrader