Wie der Popcorn-Professor jetzt auch Hunde begeistert
Bereits im März 2017 berichtete das faktor-Magazin über den umtriebigen Göttinger Universitätsprofessor Alireza Kharazipour. Seine Idee, Popcorn als nachwachsende Werkstoffalternative anzubieten, wurde zur Erfolgsgeschichte. Und: In den vergangenen neun Jahren hat sich bei den Einsatzmöglichkeiten für seine Erfindung noch so einiges getan.
Popcornplatten sind eine nachhaltige Alternative zu Gipskartonplatten. Im Trockenbau kommen bisher vorwiegend Gipskartonplatten zum Einsatz. Der Nachteil: Eine Wiederverwertung ist ausgeschlossen. Ausgediente Platten müssen als Bauschutt aufwendig entsorgt werden. Zudem sind Gipspaneele für Feuchtigkeit anfällig und der Einbau ist mit viel Schmutz verbunden. Die Popcornplatten hingegen sind biobasiert, umweltschonend, das Material ist wiederverwertbar und kompostierbar. Auch in puncto Wärmedämmung und Brandschutz überzeugt der Naturstoff. Zudem ist er ultrafest, wasserabweisend sowie beständig gegen Hitze, Schädlinge und Termiten – und damit länger haltbar. (Quelle: Bioökonomie.de)
Nachdem der Artikel mit der Überschrift ‚Der Popcorn-Professor‘ im faktor-Magazin erschien, nennen mich alle in der Branche nun so“, stellt Alireza Kharazipour lachend fest. Der pensionierte Professor ist auch heute noch fast täglich unterwegs, um seine Popcornprodukte vorzustellen.
„Jedes zehnte Patent von mir wird umgesetzt“, antwortet Kharazipour auf die Frage, wie zufrieden er mit dem Erfolg seiner Erfindungen ist, „mehr kann man nicht erwarten.“ Popcorn ist ein nachwachsendes Material, das keine Schadstoffe enthält, Schall absorbiert und nicht schnell brennt. Außerdem lässt es sich wiederverwerten, was es sehr nachhaltig macht. Mit Leichtbauplatten für den Innenausbau fing die Entwicklung an: Popcorndämmstoffplatten sind leicht, wärmedämmend und absorbieren Schall. Durch die Sandwichplattenbauweise kann das Trägermaterial Popcorn mit verschiedenen Oberflächen beschichtet werden und passt sich nahezu jedem Ambiente an. Popcorn lässt sich aber nicht nur zu Platten verarbeiten: Da das Material dank Radiowellentechnologie in nahezu jede beliebige Form gebracht werden kann, fand der Biotechnologe noch viele weitere Verwendungsmöglichkeiten.
Leichtbaumöbel aus Popcorn eignen sich inzwischen nicht nur zur Ausstattung von Wohnmobilen, sie passen auch in Büros und Wohnungen. Der Professor verweist gerne auf einen weiteren Einsatzbereich: Eine nachhaltig und umweltfreundlich arbeitende Firma aus Deutschland will demnach schadstofffreies Kinderspielzeug, Bastelzubehör und sogar Dartsscheiben aus Popcorn herstellen. Wenn auf wenig Gewicht Wert gelegt wird, sei Popcorn als Werkstoff besonders geeignet. Sport- und Fitnesszubehör bestehe daraus, und auch Kindersitzerhöhungen für Autos würden inzwischen nachhaltig aus Popcorn gefertigt. Als maßgeschneidertes Inlay könne es empfindliche Waren vor Transportschäden schützen.
Für die kommerzielle Nutzung des patentierten Radiowellentechnologie-Verfahrens und der daraus hergestellten Verpackungsprodukte hat die Universität Göttingen bereits 2021 einen Lizenzvertrag mit einem deutschen mittelständischen Unternehmen geschlossen. „Mit diesem neuen, an die Kunststoffindustrie angelehnten Verfahren lassen sich die verschiedensten Formteile herstellen“, erklärt Kharazipour. „Durch unsere Verpackungen lässt sich gewährleisten, dass Produkte sicher transportiert werden. Und dies mit einem Verpackungsmaterial, das anschließend sogar biologisch abbaubar ist.“ Darüber hinaus besitzen die neuen Popcornprodukte wasserabweisende Eigenschaften, was ihre Einsatzmöglichkeiten noch vergrößert.
Die neueste Entwicklung des Professors wird zurzeit in den USA vorbereitet. Dort hat sich ein Hersteller gefunden, der aus Popcorn diätetische Hundefutterergänzungen herstellen kann. Die Idee dazu kam Kharazipour auch wieder „rein zufällig“: Zuhause im Garten, während eines Pläuschchens mit seinem Nachbarn, fiel ihm ein Bröckchen von einer Popcornplatte aus der Hand. Der Nachbarshund stürzte sich darauf und verschlang es gierig. Fressversuche mit anderen Hunden bestätigten, dass gepresstes Popcorn gut bei den Vierbeinern ankommt. „Das muss ich nutzen“, dachte der Tüftler und erfand kurzerhand ein Hunde-Leckerli, das wie ein Knochen geformt ist, nach Fleisch riecht und schmeckt – aber nicht dick macht.
Da er vor seiner Laufbahn an der Göttinger Georg-August-Universität als Patententwickler arbeitete, ist er bestens mit dem Weg, den ein Patent von der Idee bis zur Reife gehen muss, vertraut. Mehr als 100 Patente für verschiedene Produkte hat er mittlerweile entwickelt. Wie eingangs erwähnt, gelangen aber nur zehn Prozent aller Patente zur Marktreife – und dann muss noch ein Hersteller gefunden werden, der das Patent serienreif umsetzt. Weitere Ideen und daraus resultierende Patente aus Popcorn werden aber sicherlich folgen. Denn Alireza Kharazipour und sein aus Doktoranden und Forschern bestehendes Team sind nach wie vor von diesem universellen Grundstoff fasziniert. ƒ
