Wie das Leben so spielt

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefanie Waske

Nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters Anfang 2014 übernahm Tochter Sandra Gregor mutig die Geschäfte des Chemie-Produzenten in Eschershausen. Im Interview spricht sie darüber, warum sie nicht kampflos aufgeben wollte.

Manchmal nimmt das Leben dramatische Wendungen: Gerade erst hat Sandra Gregor ihr Produktdesign-Studium abgeschlossen, ist ins Familien-Unternehmen eingestiegen, da stirbt überraschend ihr Vater und Firmenchef. Die damals 29-Jährige beschließt, allen Mut zusammenzunehmen und die Nachfolge der Geschäftsführung anzutreten. All dies geschieht in einer Zeit, als der Chemie-Produzent eben von Holzminden nach Eschershausen umgezogen ist. Seit Anfang des Jahres führt die junge Frau nun die Geschäfte des Unternehmens und dessen 18 Mitarbeiter. Zwei ganz unterschiedliche Produkte gehören zum Kerngeschäft: Schuhputzcreme für die Bundeswehr und Trinkwasserkonserven für Rettungsinseln. „Kein Leben daneben“ gebe es aktuell für sie, verrät Sandra Gregor im Interview. Zum Entspannen in der Natur bleibe ihr keine Zeit. Trotzdem strahlt die junge Chefin im eleganten schwarzen Kleid Ruhe und Zuversicht aus. Sie berichtet mit ruhiger Stimme vom Neuanfang und wie sie das Chaos im Schuhputz-Kasten lösen will.

Frau Gregor, ihr Unternehmen war schon immer ein Familienunternehmen. Wie sind Sie dort hineingewachsen?

Mein Vater hat mich gleich mit herangeführt, als er die Firma 2004 gegründet hat. Ein Jahr zuvor hatte ich Abitur gemacht und begann mit dem Studium. Dann haben wir – meine Schwester und ich – mal hier eine Aufgabe bekommen und da einen Auftrag, gerade in der Anfangszeit. Wir haben die Produktion von Klein auf kennengelernt. Wir mussten in alle möglichen Produktionsabläufe reinschnuppern, ob es die Trinkwasserkonservenabfüllung war oder die Herstellung der Lederpflegemittel. Nach und nach kamen Aufgaben aus der Verwaltung dazu. Man verwächst mit einem Unternehmen und den Produkten.

Ihr Unternehmen ist aus der Florida Chemie in Holzminden entstanden. Wie kam es, dass Ihr Vater sich selbständig gemacht hat?

Es war so, dass der Herr, der die Florida Chemie geleitet hat, verstorben ist. Sein Sohn hatte das Unternehmen übernommen und brauchte jemanden, der die Fachkompetenz in der Chemie besaß. Da hat sich mein Vater dort als Betriebsleiter beworben. Als die Florida Chemie Insolvenz anmeldete, stand mein Vater vor der Entscheidung: Übernehme ich die Firma? Er hat das Potenzial der Produkte gesehen und wollte sie unbedingt weiterführen. Wir haben eine Familiendiskussion gehabt, ob er sich – er war ja auch schon über 50 – selbständig macht. Das hat er dann getan.

Haben Sie sich auf dem Gymnasium für Chemie interessiert?

Es hat mir immer Spaß gemacht, und ich bin auch nicht ganz unbegabt darin. Ich habe sogar zwei Semester Chemie studiert. Dann habe ich gesehen, dass mir das Kreative fehlt. So habe ich mich für Design entschieden. Chemie ist für mich nichts gewesen, was ich in der Tiefe studieren wollte.

War Ihr Vater enttäuscht?

Er war natürlich ein bisschen traurig, dass ich das Studium abgebrochen habe. Aber er hat immer gesagt: „So ein Studium, das machst Du ein paar Jahre, daran musst Du Spaß haben. Wenn Du Dich nur durchkämpfen musst, bringt das alles nichts. Geh Deinen eigenen Weg. Dann gucken wir weiter.“ Sie haben später Produkt-Design in Kassel studiert. Ich wollte nach der Schule eigentlich bildende Kunst studieren. Ich habe die erste Aufnahmeprüfung mitgemacht und gemerkt: Nein, danke, das ist doch nicht das Richtige. Ich habe mich dann für Produkt-Design beworben. Das war die beste Entscheidung, die ich getroffen habe. Das Studium hat mir sehr viel Spaß gemacht.

Sie haben sich in Ihrer Abschlussarbeit mit der Schuhcreme Ihres Unternehmens auseinander gesetzt. Wieso?

Es hat mich gereizt, irgendetwas mit einem handfesten Produkt zu machen. Ich habe mir gedacht: Wenn ich mich über ein halbes Jahr mit meinem Diplom beschäftige, kann es auch für das eigene Unternehmen sein. Dann habe ich unsere Schuhcreme – von der ich auch sehr überzeugt bin – als Thema gewählt und geschaut, was man dort für eine neue Verpackungslösung kreieren kann. Mir war es ganz wichtig, dass man intuitiv erkennt, wie Schuhe-Putzen funktioniert. Durch meine Recherchen sah ich, dass viele gar nicht wissen, wie sie Ihre Schuhe zu putzen haben. Das Konzept besteht daher aus fünf Dosen: Schmutzschutz und Bürste, Polierbürste, Schuhputzlappen, die Lederpflege und die Seife. Das sind einzelne Module.

Ist Ihre Idee hinterher auch umgesetzt worden?

Sie ist noch in der Umsetzung. Ich möchte das auf jeden Fall weiter vorantreiben.

War Ihnen nach dem Diplom gleich klar, dass Sie ins Familienunternehmen einsteigen wollen?

Eigentlich hätte ich gerne noch zwei, drei Jahre extern Erfahrungen sammeln wollen. Der Umzug des Firmensitzes von Holzminden nach Eschershausen stand jedoch vor der Tür, und mein Vater war der Meinung: So eine Umsiedlung machst Du nur einmal im Leben, und die Erfahrungen, die Du dabei sammelst, die bekommst Du nirgends wieder. Dann habe ich hin und her überlegt: Gehst Du jetzt schon ins Unternehmen rein? Und mich dafür entschieden.

Was war so herausfordernd am Wechsel von Holzminden nach Eschershausen?

Unheimlich vieles. Es fing letztes Jahr an: der Grundstückskauf, die Verhandlungen, die Finanzierung, dann ging es weiter mit dem Bauunternehmen, mit den Projektbesprechungen. Was muss man alles beachten? Was wird wie aufgeteilt, wie konzeptioniert? Da habe ich sehr, sehr viel gelernt. Ich habe den Umzug begleitet, war bei den Projektgesprächen mit den Bauunternehmern mit dabei, habe mich um die Finanzierung gekümmert.

Vieles, was mit Ihrem Studium eigentlich nichts zu tun hatte.

Gar nichts. Ich bin jemand, der sehr viel lernt, wenn er es selber in die Hand nimmt und ausprobiert.

Wie hat der Umzug das Unternehmen verändert? Gibt es eine neue Kultur?

Der Sylbecker Berg in Holzminden war früher ein landwirtschaftlicher Sitz. Er bestand aus Scheunen, verschiedenen Boxen, wo Kühe oder Pferde gehalten worden sind. Das waren mehr oder weniger größere Garagen. Darin standen unsere Abfüllmaschinen und unsere Kessel. Diese Produktionsräume waren sehr eng. Der Stapler musste drei Meter Höhenunterschiede bewältigen mit den Paletten. Das hier in Eschershausen ist einfach ein Neuanfang und eine Weiterführung. Alles ist jetzt sehr viel strukturierter, effizienter, die Produktionsräume sind ganz klar gegliedert. Wir haben ein neues Lagergebäude, in Holzminden hatten wir drei externe Läger. Von daher hat es sich schon positiv geändert. Aber man merkt es nicht, weil mein Vater weggefallen ist. Das steckt man nicht einfach so weg.

War Ihr Vater krank, oder kam sein Tod überraschend?

Das kam ganz plötzlich. Im November sind wir mit der Verwaltung umgezogen, und mein Vater war jeden Tag so unglaublich glücklich, hier in Eschershausen zu sein. So super stolz. Ich weiß noch, dass wir uns noch über alles Mögliche unterhalten haben, und nachts kam dann der Anruf, dass mein Vater gestorben ist.

Und war es Ihnen gleich klar, dass Sie das Unternehmen, die Führung übernehmen wollen?

Es war schon ein Prozess, aber kein langandauernder. Ich musste innerhalb von wenigen Tagen entscheiden, wo es langgeht. Ich habe dann auf mein Bauchgefühl gehört. Klar, war ich ein bisschen unsicher wegen meines Alters. Ich hätte gerne ein bisschen mehr Erfahrung gesammelt. Ansonsten wäre es aber das Aus für die Firma gewesen. Ich wollte nicht kampflos aufgeben. Wenn, wollte ich es wenigstens probieren.

Was hat Ihnen in den ersten Wochen Kraft gegeben? Woher kam Ihr Mut zu dieser Entscheidung?

Ich habe einfach nur funktioniert. Es gibt so viele Faktoren, die da mit hineinfließen. Eine Firma besteht ja nicht nur aus den Produkten, sondern auch aus den Mitarbeitern, die das Ganze mit gestalten. Und aus dem Umkreis, aus Kunden und Lieferanten. Ich hänge an dieser Firma, habe sie in diesen zehn Jahren auch mit aufgebaut. Es gab nicht so viele Möglichkeiten: Entweder ich mache es, oder ich mache es nicht. Ich habe mich dann entschieden: Ich mache es.

Ihre Schwester ist nicht mehr im Unternehmen?

Nein. Bevor die Umsiedlung anstand, fragte uns mein Vater, ob eine von uns beiden später weitermachen möchte. Da hat sich meine Schwester dagegen entschieden, ich dafür. Auch nach dem Tod meines Vaters hat meine Schwester trotzdem zu der Entscheidung gestanden. Aber sie ist für mich da, immer im Hintergrund. Ich kann sie jeder Zeit anrufen. Sie hilft mir, wo sie nur kann.

Aus welcher Fachrichtung kommt sie?

Sie wäre eigentlich passender gewesen. Sie hat Wirtschaft studiert und dann noch einen Master in Kommunikationsmanagement und Dialogmarketing abgelegt. Wie das Leben so spielt. Vieles mache ich nicht ganz so wie jemand, der Wirtschaft studiert hat. Weil ich es von ganz anderen Blickpunkten betrachte.

Kommen Sie noch zum Entwerfen?

Eher weniger. Ich hoffe aber, wenn sich hier alles wieder mehr eingespielt hat, dass es mir gelingt, unsere Produkte einheitlicher zu gestalten: Etiketten und Außendarstellung – alles aus einem Guss.

Was ist Ihr Ziel, wie wollen Sie das Unternehmen entwickeln?

Wir wollen unsere Lederpflege ausweiten, dorthin, wo die Schuhe stark beansprucht werden wie im Arbeitsschutz und auch im Outdoor-Bereich. Wir haben hier die Möglichkeit eine Kunststoff-Abfüllung aufzubauen, die am Sylbecker Berg in Holzminden eingemottet war, weil wir keinen Platz hatten. Die richten wir gerade ein, und da hoffe ich, dass wir so neue Märkte erschließen können.