Wertvolle Ersatzteile

©Thinkstock: Volodymyr Horbovyy
Text von: Stefan Liebig

„Wenn ein Verwandter oder ein enger Freund betroffen wäre, dann wäre ich sicher dabei ...“ – eine Aussage, die Ärzte häufig hören. Doch den mehr als 10.000 Menschen, die allein in Deutschland auf ein Spenderorgan warten, hilft das wenig. Täglich sterben etwa drei Patienten, da für sie kein Herz verfügbar ist. Organspende – für viele ein Tabu...

Tabuthema Organspende. Nur wenige reden darüber. Doch woran mag das liegen? Schließlich könnte jeder selbst einmal auf eine lebensrettende Spende angewiesen sein. Zum Teil ist die rückläufige Spendenmotivation in Deutschland sicherlich in den immer wieder vorkommenden Transplantationsskandalen begründet, wie etwa dem, der im Jahr 2012 am Göttinger Universitätsklinikum (UMG) bekannt wurde. Als eines von deutschlandweit etwa 50 Transplantationszentren musste man sich hier – wie in zahlreichen anderen Zentren – mit dem Vorwurf der Ungleichbehandlung von Patienten auf der Warteliste für eine Leberspende auseinandersetzen. Die Spendenzahlen gingen zurück, was wohl auf einen Vertrauensverlust zurückzuführen ist und durch die ständigen Negativnachrichten noch befeuert wurde. Die Manipulation bewog viele spendenbereite Menschen, von einer Spende Abstand zu nehmen.

Umso wichtiger ist jetzt die Trendwende. Denn im vergangenen Jahr stieg die Spenderzahl erstmals wieder an: Über 850 zusätzliche Spender stellten ihre Organe zur Verfügung. Doch das Alter der Spender nimmt zu und damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne Organe nicht mehr transplantierbar sind. So ging die Anzahl der transplantierten Organe trotz der steigenden Spenderzahl im selben Vergleichszeitraum von knapp 3.000 (davon über 300 Herzen) auf 2.900 zurück. Privatdozent Tim Seidler, Oberarzt der UMG-Kardiologie, erwartet aber auch hier in naher Zukunft wieder einen Anstieg. Er freut sich über den erkennbaren Aufwärtstrend und die öffentlichkeitswirksame Aufklärung, bei der auch prominente Gesichter wie die der Schauspieler Matthias Schweighöfer und Til Schweiger oder der Moderatorin Sonya Kraus die Gesellschaft überzeugen sollen: „Die Menschen beschäftigen sich wieder mehr mit dem Thema Organspende und kommen zu einer positiven Entscheidung. Das zeigt die Wirkung der Informationspolitik durch die Medien, aber auch durch die der gesetzlich verpflichteten Krankenkassen.“

Interessanterweise gibt es Seidlers Erfahrung zufolge kaum Einschränkungen bei der Organspende. Nur in Ausnahmefällen werde aus emotionalen Gründen das Herz oder die Hornhaut des Auges ausgeschlossen – in der Regel entschieden sich die Menschen jedoch für eine uneingeschränkte Spende. Im Zweifelsfall beraten Hausärzte. Dennoch, die Wartelisten sind lang, und daher steht vor einer Transplantation ein langes, personalintensives und standardisiertes Prozedere zur Auswahl potenzieller Spendenempfänger. „Die Menschen müssen eine realistische Hoffnung auf eine gute Lebensqualität nach der Operation haben und in der Lage sein, den Eingriff und die Folgen zu verkraften“, so Seidler. Er erklärt, dass der operative Eingriff an sich nicht die größte Schwierigkeit darstelle. Doch um eine Organabstoßung zu vermeiden, müsse vor allem direkt nach der Transplantation das Immunsystem drastisch heruntergefahren werden. Ungefährliche Pilzsporen aus Topfpflanzen oder der Biotonne, Bakterien und andere Erreger, etwa von Haustieren, können in dieser Zeit zur tödlichen Gefahr werden. Etwa zehn bis 20_ Prozent der Patienten überleben daher das erste Jahr nicht. Das heißt aber positiv formuliert: Etwa acht bis neun von zehn Patienten können sich über ihr verlängertes Leben freuen!

Eine Organentnahme findet grundsätzlich erst nach der Feststellung des Hirntods des Spenders statt, bis dahin werden alle medizinischen Anstrengungen zur Lebensrettung des Patienten unternommen. Eine Registrierung als Spender ist allerdings nicht erforderlich, und auch ein Widerspruchsregister existiert nicht. Der ausgefüllte Ausweis reicht aus. Krebserkrankungen oder ein positiver HIV-Befund sind allerdings Ausschlusskriterien. Zudem können neben der Spende nach dem Tod bereits zu Lebzeiten eine Niere oder ein Teil der Leber gespendet werden. Nach dem Transplantationsgesetz sind Lebendspenden aber nur bei nahen Verwandten und einander persönlich eng verbundenen Personen zulässig.

Die meisten Bundesbürger stehen der Organspende heute positiv gegenüber, und immerhin 35 Prozent haben ihre Entscheidung in ihrem Organspendeausweis festgehalten. Ist diese Klarheit aber nicht her gestellt, müssen die Angehörigen, die sich ohnehin schon in einer Extremsituation be finden, diese schwerwiegende Entscheidung stellvertretend treffen. „Es ist eine ungeheure Belastung, die durch ein rechtzeitiges Nachdenken und Sprechen über dieses Thema verhindert werden könnte“, so Seidler.

Eine komplizierte Thematik. Und auch der technologische Fortschritt wird die Spende in absehbarer Zeit nicht überflüssig werden lassen. Denn in punkto künftig einsetzbarer synthetischer Herzen aus Stammzellen bremst Seidler allzu optimistische Erwartungen ab: „Wir arbeiten an künstlichen Herzmuskelzellen aus Stammzellen. Bis wir ganze menschliche Herzen ersetzen können, ist es aber noch ein sehr langer Weg.“

Infos
www.dso.de
www.organspende-info.de
www.eurotransplant.org
Kostenloses Infotelefon Organspende: Tel. 0800 9040400
Vorsorgen für den Ernstfall

Organspendeausweis
Er passt in jede Brieftasche und kann im Notfall Leben retten. Auf www.bundesgesund
heitsministerium.de
oder www.organspende-
info.de
ist er – auch in anderen Sprachen – als Download verfügbar. Digital gibt es ihn auch als App, und unter der kostenlosen Hotline Tel. 0800 9040400 ist er telefonisch bestellbar. Ab dem 16. Lebensjahr ist er gültig. Bereits ab dem 14. Lebensjahr kann man der Organspende widersprechen.

Patientenverfügung
Informationen zur Patientenverfügung bietet das Bundesministerium für Justiz und Verbraucher schutz oder die Bundesärztekammer. In einer Patientenverfügung sollte auf jeden Fall auch die persönliche Entscheidung zum Thema Organspende aufgeführt sein.

Betreuungs- bzw. Vorsorgevollmacht
Wenn eine Person den Alltag aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr alleine bewältigen kann, wird vom zuständigen Vormundschaftsgericht ein Betreuer als Vormund bestellt. Durch die Betreuungsvollmacht kann man aber auch selbst eine Person festlegen, die im Fall des Falles der gesetzliche Betreuer sein soll. Natürlich sollte dies im Vorfeld abgesprochen werden.

Notfallordner für dringende Angelegenheiten
Egal, ob für‘s Private oder für ein Unternehmen: Die wichtigsten Fakten und Daten sollten festgehalten werden. Das beginnt bei einer Passwortliste und geht bis zu Vollmachten. Banken, Kanzleien oder Versicherer helfen in diesem Fall gerne weiter.