Wer shoppt wo?

© Alciro Theodoro Da Silva
Text von: Heidi Niemann

Woher kommen die Kunden, die in der Innenstadt von Göttingen einkaufen? Wo tätigen die Göttinger ihre Einkäufe? Diesen Fragen ist eine Untersuchung zur Einzelhandelsstruktur und zum Shopping-Verhalten in der Region nachgegangen – und zu teilweise überraschenden Ergebnissen gekommen.

Die Untersuchung fand im Wintersemester 2011/2012 im Rahmen eines Seminars der Abteilung Handel im Rahmen des Bachelorstudiengangs Marketing und Distributionsmanagement der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen statt, das der Wettbewerbsökonom Rainer P. Lademann veranstaltete. Die Studenten machten zunächst eine detaillierte Bestandsaufnahme des Göttinger Einzelhandels mit Shoppingsortimenten (siehe Kasten). Sie nahmen Laden für Laden in der Gesamtstadt unter die Lupe, ermittelten deren jeweilige Verkaufsflächen und ordneten diese je nach Sortiment den unterschiedlichen Kategorien zu.

Die Ergebnisse verglichen sie mit einer Einzelhandelsuntersuchung aus dem Jahr 1993. Dabei zeigte sich, dass sich die shoppingtypischen Verkaufsflächen von knapp 79.000 auf 73.000 Quadratmeter reduziert hatten, erklärt Lademann. Etwa 80 Prozent der zentrentypischen Verkaufsfläche waren in der City lokalisiert, 309 der insgesamt 393 Ladenlokale im Göttinger Stadtgebiet lagen innerhalb des Walls. Die durchschnittliche Ladengröße betrug 194 Quadratmeter.

Im zweiten Teil der Untersuchung befragten die Studenten an fünf frequentierten Orten der Innenstadt (Carré, Nabel, Marktplatz, Groner Straße und Kurze Geismarstraße) insgesamt 400 Passanten zu ihrem Einkaufsverhalten. Die Befragten gaben unter anderem Auskunft darüber, wo und was sie in Göttingen einkaufen, wie viel Geld sie in der Universitätsstadt ausgeben und wo sie sonst noch shoppen gehen.

Die Erhebung sei zwar nur bedingt repräsentativ, sagt Lademann. Gleichwohl ließen sich einige markante Trends ablesen. So ergibt sich aus der Umfrage, dass die Einwohner aus dem Landkreis Göttingen am stärksten auf Göttingen ausgerichtet sind. Sie geben dort auch deutlich mehr Geld aus als die Stadtbewohner. Auch aus dem Landkreis Northeim fließen mehr als 80 Prozent der shoppingtypischen Nachfrage nach Göttingen. Entsprechend stark ist gerade der Innenstadthandel vor allem von der Erreichbarkeit für die Umlandbevölkerung abhängig.

Die Göttinger selbst sind dagegen keine besonders treuen Kunden des Göttinger Einzelhandels. Fast 40 Prozent der befragten Göttinger gaben an, dass sie ihren letzten Shopping-Bummel außerhalb von Göttingen gemacht haben. Insbesondere Hannover und Hamburg besitzen offenbar eine große Sogkraft, die beiden norddeutschen Städte sind die beliebtesten auswärtigen Einkaufsorte. Vor 20 Jahren hatte noch Kassel an der Spitze gelegen, inzwischen hat die nordhessische Stadt offenbar an Beliebtheit eingebüßt. Sogar Braunschweig ist für die Göttinger offenbar ein attraktives Shoppingziel, nachdem dort wie in Hannover in der City ein großes Einkaufszentrum eröffnet hat.

Die Studie zeigt, dass das Göttinger Einzelhandelsangebot für Verbraucher aus dem Umland offenbar attraktiver ist als für die Einheimischen. Der Umfrage zufolge geben die Göttinger nur 55 Prozent ihres Shopping- Budgets in Göttingen aus. „Das ist gemessen an dem Anspruch, ein Oberzentrum zu sein, sehr wenig. Eigentlich müsste man angesichts der solitären Lage der Stadt mindestens 75 Prozent erwarten“, sagt Lademann. Diese Zurückhaltung der Göttinger Konsumenten lasse sich auch nicht nur auf das bekannte Phänomen zurückführen, dass anderswo das Portemonnaie oft lockerer sitzt als zuhause. Andere Einkaufsorte wie beispielsweise Lübeck oder Lüneburg hätten das Problem nicht, dort gäben die Einwohner deutlich mehr an ihrem Wohnort aus. Der Wettbewerbsökonom wertet dies als ein Alarmsignal: Offenbar sei die derzeitige Einzelhandelsstruktur in Göttingen nicht attraktiv genug, um auch die eigene Bevölkerung an sich zu binden. Am stärksten ist die Position der Göttinger City bei Kleidung und Schuhen. Doch auch in diesen Schlüsselsegmenten decken sich die Göttinger zu mehr als 50 Prozent anderswo ein. Viele Kunden gehen online einkaufen oder shoppen in anderen Städten. Bei Sportartikeln und Tonträgern sind Online-Händler die stärkste Konkurrenz für die Innenstadtläden. Viele dieser Artikel kaufen die Konsumenten aber auch in den Märkten auf der ,Grünen Wiese‘ sowie in Geschäften in den Stadtteilen ein.

Fazit der Studie: Die Göttinger City hat zwar durchaus eine hohe Aufenthaltsqualität, was vor allem an der quirligen Gastronomie- Szene liegt. „Als Shopping-Standort verfügt die Innenstadt aber vor allem für die Göttinger nur über eine geringe Sogkraft“, sagt Lademann. Erfahrungen in anderen Städten hätten gezeigt, dass der innerstädtische Einzelhandel von Großbetriebsformen wie z.B. Peek & Cloppenburg oder Sinn Leffers profitiere. In Braunschweig etwa, wo es anfangs erheblichen Widerstand gegen den Bau eines neuen Einkaufszentrums gegeben hatte, hätten sich die ‚Schloss-Arkaden‘ durchaus positiv auf die Umsätze vieler Innenstadthändler ausgewirkt, vor allem deshalb, weil viele Kaufleute die Ansiedlung des Centers als Chance für die eigenen Läden betrachteten und diese daher modernisierten.

Auch die Passanteninterviews in Göttingen zeigen in diese Richtung. Vor allem viele der befragten Frauen gaben an, dass sie öfter einen Shopping-Bummel in der Göttinger Innenstadt unternehmen würden, wenn es dort ein Einkaufszentrum oder andere größere Magnetbetriebe gäbe.