“Wenn Du etwas ändern willst, musst Du Dich engagieren“

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: redaktion

Seit Februar 2013 ist Frauke Heiligenstadt niedersächsische Kultusministerin.

Ein Samstagmorgen im Leben einer niedersächsischen Kultusministerin: Gegen 10 Uhr betritt Frauke Heiligenstadt die Aula der Kooperativen Gesamtschule in Moringen. Für die 47-Jährige ist der Tag der offenen Tür ein politisches und geografisches Heimspiel.

Sie wurde am 24. März 1966 in Northeim geboren. Als Politikerin wirbt sie seit Jahren für die Schulform, und ihr Heimatort Gillersheim liegt nur wenige Kilometer entfernt.

Heiligenstadt kommt nicht in einem großen Tross, sondern eher leise. Die zierliche sozialdemokratische Ministerin im royal-blauen Blazer und mit kurzen blonden Haaren steht unversehens in der Menge, umringt von Kommunalpolitikern, Elternvertretern und Lehrern.

Sie hört ihren Wünschen und Sorgen ohne Ungeduld zu. Sagt auch in ihrem anschließenden Referat zu den Gesamtschulen in Niedersachsen unmissverständlich, was sie kann und was nicht.

Zurück im Ministerium in Hannover erzählt Heiligenstadt, wie sie gelernt hat, Position zu beziehen: „Ich weiß jeden Morgen, aufgrund meiner persönlichen Lebensgeschichte, für wen ich das mache.“

Sie kommt 1966 als Tochter eines Dachdeckermeisters und einer Fabrikarbeiterin zur Welt. Geld ist knapp in der Familie. Als ihr das Schüler-Bafög gestrichen wird, fährt sie mit dem Fahrrad die 14 Kilometer zum Gymnasium Corvinianum in Northeim hin und zurück und gibt Nachhilfe-Unterricht.

Es motiviert sie auch, sich mit Politik zu beschäftigen. Schon mit 16 Jahren tritt sie in die SPD ein, unterstützt von ihrer älteren Schwester. Heiligenstadt stellt fest: „Ich wusste, wenn Du etwas ändern willst, musst Du Dich engagieren. Das hat mir meine Familie mitgegeben.“

Anders als andere Jungsozialisten setzt sie nicht auf die Weltrevolution, sondern zieht als 20-Jährige in den Ortsrat in Gillersheim ein, fünf Jahre später in den Gemeinderat Katlenburg-Lindau. Da hat sie sich bereits schweren Herzens gegen ein teures Medizinstudium entschieden und ihre Ausbildung zur Diplom-Verwaltungswirtin bei der Stadt Northeim sowie der Fachhochschule in Hannover abgeschlossen.

Privat bleibt sie dem Tausend-Seelen-Ort Gillersheim ebenso verbunden: Heiligenstadt zieht mit ihrem Mann – einem Küchenmeister – ins Zweifamilienhaus der Schwiegereltern. Mit Ende 20 wird sie SPD-Ortsvereinsvorsitzende. Bodenständiger geht es kaum.

Wer Heiligenstadt auf Veranstaltungen wie z.B. in der Gesamtschule in Moringen erlebt, dem fällt auf, wie stark sie in der Region verwurzelt ist. Einige Menschen hier sehen in ihr immer auch die Kommunalpolitikerin.

Und tatsächlich sitzt Heiligenstadt trotz Ministeramt im Kreistag von Northeim. Wer aber genauer hinblickt, entdeckt, dass die Politikerin neben aller Wurzelhaftung auch noch eine gehörige Portion Ehrgeiz und Zähigkeit besitzen muss.

Wo andere Mütter beruflich zurückstecken, wird sie im Geburtsjahr ihrer Tochter Wirtschaftsförderin der Stadt Northeim.

„Das war damals schon sehr revolutionär“, betont sie. „Ich war die jüngste Amtsleiterin überhaupt, dann auch noch eine Frau.“ Es nerve sie nicht, wenn sie gefragt wird, wie sie das geschafft habe, einige Monate nach der Geburt halbtags wieder zur Arbeit zu gehen. Ohne die Schwiegermutter im selben Haus und ihre Mutter im Ort sei ihre Karriere so nicht möglich gewesen.

Zudem habe ihr Mann nach seinem Arbeitstag in der Großküche einen Hauptteil der Erziehung übernommen. Um das zu illustrieren, malt Heiligenstadt eine Szene der damaligen Zeit: Als ihr Mann eines Abends weggehen will, fragt die Tochter: „Papa, wo gehst Du denn hin?“ Seine Antwort: „Ich muss zu einer Sitzung.“

Daraufhin protestiert die Kleine: „Aber zu Sitzungen gehen doch immer nur Frauen.“

Der Spagat zwischen Familie und Beruf

Der Spagat zwischen Familie und Beruf bleibt ihr erhalten. Nach neun Jahren als Wirtschaftsförderin stellt Heiligenstadt ihre beruflichen Weichen neu und kandidiert 2003 für den Landtag.

Nicht ohne Stolz erzählt sie rückblickend, wie sie erst zwei Gegenkandidaten besiegt und als eine von nur neun SPD-Kandidaten den Wahlkreis direkt gewonnen habe.

Ansonsten herrscht zu dieser Zeit bei den Sozialdemokraten in Niedersachsen eher Trauerstimmung – sie haben nach 13 Jahren die Regierungsmacht verloren.

Heiligenstadt beginnt wie die meisten Parlamentsneulinge im Petitionsausschuss, der sich um die Eingaben der Bürger kümmert. Sie erinnert sich an ihre erste Zeit als Abgeordnete: „Ich war Hinterbänklerin, saß in der allerletzten Bank, aber dort hat man wesentlich mehr Beinfreiheit im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.“

Nach der Landtagswahl 2008 nimmt Heiligenstadt das nächste Karriere-Ziel in Angriff: Sie will in den Fraktionsvorstand. Dazu besetzt sie das Thema Bildung – eine folgenreiche Entscheidung. Hier sorgt sie als Kritikerin der damaligen Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann nach kurzer Zeit für Schlagzeilen.

Daher weiß Heiligenstadt heute als Ministerin, dass die Opposition sie nicht schonen wird, ebenso nicht die Betroffenen ihrer Entscheidungen, ob Eltern, Schüler, Lehrer oder die kommunalen Träger. Sie bemerkt: „Ich weiß, man kann es nicht jedem recht machen.“

Bei diesem Thema verschwindet die kämpferische Seite der Politikerin fast, und Vokabeln wie „Verantwortung“ und „große Aufgabe“ fallen. Mit einem Mal wirkt ihr Büro mit den Möbeln ihres Vorgängers noch größer und kälter.

Sie steuere, bemerkt Heiligenstadt, quasi einen „niedersächsischen Großkonzern“: Allein im Ministerium leite sie 280 Beschäftigte. Sich Wissen anzueignen, muss ihre Antwort sein, um auf Herausforderungen zu reagieren. Freizeit, gibt sie zu, komme selten und wenn am Wochenende vor – im Kreis der Familie. Das nüchterne Büro solle bald neue Bilder bekommen.

Nur ein Gegenstand der Einrichtung sei bereits neu, und er sagt viel über die Hausherrin aus: eine Uhr – keine große und kein prunkvolles Stück. Ein Freund habe sie handgefertigt, erklärt sie. Die Zeit hat Heiligenstadt auf jeden Fall im Blick.