Wenn aus der Kollegin die Chefin wird

© VHS Göttingen
Text von: Stefanie Waske

Die Volkshochschule Göttingen macht Frauen für Führungsaufgaben fit.

Frauen, die in Unternehmen Leitungsaufgaben bekommen, kennen Probleme wie diese: Die ehemaligen Mitarbeiter sehen in ihrer frischgebackenen Vorgesetzten noch immer die Kollegin und nicht die Chefin. Kritik zu äußern fällt mancher Führungskraft schwer.

Damit diesen Frauen der Rollenwechsel besser gelingt und ihnen die Herausforderungen der Karriere leichter fallen, hat die Volkshochschule Göttingen das Programm ‚Frauen in Führung 2.0‘ entworfen.

Es wird im Rahmen der Bundesinitiative ‚Gleichstellung von Frauen in der Wirtschaft‘ vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales und dem Europäischen Sozialfonds finanziert.

Das Programm fördert sowohl einzelne weibliche Nachwuchskräfte als auch Unternehmen, die ihre Mitarbeiterinnen in Führung bringen wollen. Es besteht aus Mentoring, Seminaren und der gegenseitigen Beratung in Kleingruppen.

Bereits seit 2009 bietet die Volkshochschule Mentoring für Frauen an. Aus ganz unterschiedlichen Branchen kommen die 18 weiblichen Führungskräfte, die sich für das individuelle Programm entschieden haben.

Sie arbeiten in Unternehmen wie der Messtechnik-Firma Mahr, dem Evangelischen Krankenhaus oder dem Bildverarbeitungsunternehmen Scivis. Ihre Mentorinnen und Mentoren, die den Nachwuchsführungskräften mit Rat zur Seite stehen, stammen u.a. aus dem Unternehmen Robert Bosch, der Polizeiinspektion Göttingen oder der Volksheimstätte.

Im Herbst vergangenen Jahres startete der zweite Durchlauf.

„Die Jüngste ist 24, die Älteste 53″, berichtet Bärbel Okatz, die gemeinsam mit Isabella Wolter und Britta Skaliks das Projekt koordiniert. Einige der Teilnehmerinnen führen seit vielen Jahren Mitarbeiter. Diese Frauen in Führung, so Okatz, wollten prüfen, ob sie richtig handelten.

Gabi Nikoleit ist eine der Teilnehmerinnen. Die 39-Jährige war bereits vor ihrer jetzigen Position als kaufmännische Leiterin in der Rüdershausener Zimmerei Erhard Diedrich in einer Führungsrolle.

Ihre Motivation liege darin, sich tiefgehender mit der Kunst der Mitarbeiterführung auseinanderzusetzen. „Ich will mich verbessern und verfeinern“, betont sie. Ähnlich geht es Claudia Oberwinkler, leitende Medizinisch-Technische Radiologie-Assistentin im Evangelischen Krankenhaus Göttingen-Weende. Die 38-Jährige leitet seit drei Jahren ein Team von 20 Mitarbeitern.

Bisher habe sie auf Fortbildungen ihres Fachverbands gesetzt und sich vieles selbst beigebracht. Sie findet das Angebot der Volkshochschule „sehr praxisnah“. „Ich kann direkt nach ein oder zwei Tagen die Anregungen umsetzen.“

Der Erfahrungsaustausch begeistere sie, ob in der Gruppe oder mit ihrer Mentorin, die in einer Behindertenwerkstatt arbeite.

Ebenfalls kein Neuling in Sachen Personalverantwortung ist die 28-jährige Erzieherin Vera Vujevic. Sie arbeitet seit vier Jahren im Leitungsteam des ASC Kindergarten in Göttingen. Gerade die Gespräche mit ihrem Mentor seien hilfreich, erzählt Vujevic.

So könne sie lernen, sich quasi mit seinen Augen zu betrachten und ihren Führungsstil genauer einzuschätzen. Diese Erfahrung hält auch Nadeem Sawani, Vertriebsleiter Export beim Unternehmen Mahr und einer der Mentoren, für entscheidend.

Ihm sei wichtig, zu vermitteln, dass sich jede Entscheidung nicht nur auf die eigene Sicht stützen dürfe, sondern die des Unternehmens oder des Mitarbeiters berücksichtigen müsse. Neben den monatlichen Mentoren-Treffen gibt es für die Teilnehmerinnen einen weiteren regelmäßigen Termin: Sie finden sich in Kleingruppen, den Peergroups, zusammen, wo sie sich in kollegialer Beratung üben.

Okatz erklärt: Jede Frau erzähle, an welchem Stand sie beruflich sei und schildere ihre Probleme. Gemeinsam arbeite die Gruppe nach einem Leitfaden die Themen ab. Außerdem gibt es zwei Tage Seminar pro Monat.

Von einem dieser Seminare schwärmen Nikoleit, Oberwinkler und Vujevic gleichermaßen: Führen mit Pferden. Ziel ist, das Tier mit der Körpersprache zu leiten. Okatz erklärt den Sinn: „Wir wollen über das Nachdenken hinausgehen, helfen Kreativität zu entdecken, Mut zu entwickeln.“

Zum Ende des Programms können die Teilnehmerinnen eine Abschlussarbeit einreichen. Nikoleit hat sich bereits entschieden: Sie will ein Gesundheitsmanagement für die Zimmerei entwerfen. Wer besteht, erhält ein Zertifikat der Industrie- und Handelskammer mit dem Titel ‚Führungskraft‘.

Neu im Programm ist, dass neben Einzelpersonen auch Firmen teilnehmen können, erklärt Bärbel Okatz. Die hausinternen Schulungen machten es leichter für die Frauen, ihre Erkenntnisse im Alltag umzusetzen.

Ein Unternehmen, das sich für diesen Weg entschieden hat, ist das Göttinger Altenheim Luisenhof. Hausleiter Michael Eisenberg will seine Mitarbeiterinnen der mittleren Führungsebene fördern.

Er erzählt: „Es ist für viele Frauen eine ganz große Herausforderung, nicht mehr im Team, sondern Chefin des Teams zu sein.“ Einige hätten ihm gesagt, ihnen sei ihre Rolle zuvor nicht deutlich gewesen.

Die Bundes- und EU-Förderung des Programms ‚Frauen in Führung 2.0‘ läuft Ende des Jahres aus. Das Angebot soll in kompakterer Form 2014 weiterbestehen, wobei die Teilnehmer dann die Kosten komplett selbst tragen müssen.

Es gebe, so Okatz, noch keine Evaluation über die langfristigen Effekte, erste Erfolge seien allerdings bereits sichtbar: „Von den 16 Teilnehmerinnen des ersten Durchgangs sind immerhin acht aufgestiegen, zwei haben den Job gewechselt und eine hat ein begleitendes Studium aufgenommen.“